Hebräer 7,25 — Er kann selig machen immerdar, weil er immerdar lebt und bittet
Der Hebräerbrief begründet das Heil nicht mit einem abgeschlossenen Straftausch, sondern mit einem gegenwärtigen Amt: Christus kann retten, „weil er immerdar lebt und bittet für sie“. Der Grund des Rettenkönnens liegt also im Leben des Erhöhten, nicht allein in seinem Sterben. Genau hier setzt die sozinianische Auslegung an: Fausto Sozzini liest den Vers als Beweis dafür, dass die Entsühnung im Himmel weitergeht — Christus „bewirkt so beständig die Entsühnung unserer Sünden“ —, und der Rakower Katechismus erklärt die Fürbitte als Ausübung einer von Gott verliehenen Vollmacht, nicht als Umstimmung eines zornigen Gottes. Der Vers redet nicht von einem bezahlten Preis, sondern von einem lebenden Priester.
„Dieser aber hat darum, dass er ewiglich bleibt, ein unvergängliches Priestertum. Daher kann er auch selig machen immerdar, die durch ihn zu Gott kommen, und lebt immerdar und bittet für sie.“
Hebräer 7,24-25
Kontext: der Priester nach der Ordnung Melchisedeks
Hebräer 7 ist die Mitte einer langen Beweisführung. Der Verfasser hat zuvor gezeigt, dass Christus nicht aus dem Stamm Levi kommt und darum nach dem Gesetz überhaupt kein Priester sein könnte (7,13-14). Er braucht daher eine andere Ordnung — und findet sie in der rätselhaften Gestalt Melchisedeks, dem Abraham den Zehnten gab, lange vor Aaron. Der Beweisgang läuft nicht auf eine Wesensaussage über Christus zu, sondern auf eine Amtsaussage: welcher Art sein Priestertum ist und woher es ihm zukommt.
Das entscheidende Gegenüber sind in Vers 23 die vielen levitischen Priester. Sie mussten in großer Zahl eingesetzt werden, „darum dass sie der Tod nicht bleiben ließ“. Der Mangel des alten Priestertums ist also nicht seine Unaufrichtigkeit und nicht seine Ungenauigkeit, sondern seine Sterblichkeit. Wer stirbt, kann nicht weiter dienen; wer nicht weiter dienen kann, muss ersetzt werden; und ein Amt, das ständig ersetzt werden muss, kann niemanden dauerhaft tragen.
Vers 24 setzt das Gegenbild: „Dieser aber hat darum, dass er ewiglich bleibt, ein unvergängliches Priestertum.“ Der Grund ist wieder kein metaphysischer, sondern ein biographischer im weitesten Sinn — Christus bleibt. Der Verfasser hat kurz zuvor gesagt, wie das zustande kam: „nicht nach dem Gesetz des fleischlichen Gebots, sondern nach der Kraft des unendlichen Lebens“ (7,16), und er hat das Priestertum an einen Eid Gottes gebunden (7,20-21). Es ist ein Amt, das übertragen und eidlich bestätigt wurde.
Vers 25 zieht daraus den Schluss, und die Wortfolge ist bemerkenswert. Erst kommt die Fähigkeit — „daher kann er auch selig machen immerdar“ —, dann der Kreis der Betroffenen — „die durch ihn zu Gott kommen“ —, und zuletzt die Begründung: „und lebt immerdar und bittet für sie“. Das Rettenkönnen wird also nicht mit dem Kreuz begründet, das im Kapitel gar nicht erwähnt wird, sondern mit dem Leben des Priesters und mit seinem Eintreten.
Erst zwei Verse später, in 7,27, kommt der Verfasser auf die Selbsthingabe zurück, und auch dort in einer Weise, die zu unserem Vers gehört: Christus hat „es einmal getan, da er sich selbst opferte“. Das Einmalige ist die Darbringung; das Immerwährende ist der Dienst, der darauf folgt. Wer den Brief bis zum Ende liest, sieht, wie beides zusammengehört: Der Priester tritt „ins Heilige“ ein (9,12) und erscheint dort „vor Gott für uns“ (9,24) — nicht ein einziges Mal in der Vergangenheit, sondern als der, der dort bleibt.
Sozinianische Kernthese
Sozinianisch gelesen, ist Hebräer 7,25 der schärfste neutestamentliche Einspruch gegen die Vorstellung, das Heil sei am Kreuz juristisch abgeschlossen worden. Denn wäre die Schuld dort vollständig getilgt und die Strafe restlos bezahlt, so bliebe für ein „immerdar“ nichts zu tun. Der Verfasser aber begründet die Heilsfähigkeit Christi ausdrücklich mit einem gegenwärtigen Umstand: dass er lebt und eintritt. Ein bezahlter Preis braucht keinen lebenden Bürgen; ein Amt braucht einen Amtsträger.
Die erste These lautet daher: Das Heil ist ein Vorgang, nicht ein hinterlegter Betrag. Fausto Sozzini hat diesen Punkt in seinem Hauptwerk mit großer Ruhe entwickelt. Er trennt die „Art und Weise der Entsühnung“ — Tod, Auferweckung, Erhöhung — von der „Entsühnung selbst“, die im Himmel geschieht und andauert. Nicht weil dem Kreuz etwas fehlte, sondern weil das Kreuz nach seiner Lesart der Weg in das Heiligtum ist und nicht schon der Dienst darin.
Die zweite These betrifft die Herkunft der Vollmacht. Christus kann retten — griechisch dýnatai, er ist dazu imstande. Das ist die Sprache übertragener Befugnis, nicht die Sprache angestammter Allmacht. Der Hebräerbrief sagt dazu selbst, wie es kam: durch einen Eid Gottes (7,21), durch Berufung wie bei Aaron (5,4-5), durch Vollendung im Leiden (5,9). Der Rakower Katechismus fasst dieselbe Bewegung in einem Satz zusammen, wenn er sagt, Christus sei „von Gott ins Leben zurückgerufen und unsterblich gemacht“ und erst so in das himmlische Heiligtum eingetreten.
Die dritte These betrifft die Fürbitte. Dass Christus „bittet“, ist für die sozinianische Auslegung keine Verlegenheit, sondern der Schlüssel. Wer bittet, verfügt nicht selbst; wer für andere eintritt, tritt bei einem anderen ein. Der Vers unterscheidet also zwei: den, der bittet, und den, bei dem gebeten wird. Der Rakower Katechismus setzt allerdings eine wichtige Präzisierung hinzu — die Fürbitte ist kein Umstimmen eines abgeneigten Gottes, sondern eine Redeweise für das wirksame Handeln des Erhöhten, das seinen Ursprung in der Gnade des Vaters hat.
Die vierte These betrifft die Bedingung. Gerettet werden „die durch ihn zu Gott kommen“ — ein Partizip der Gegenwart, das ein fortdauerndes Hinzutreten bezeichnet. Der Vers nennt damit ausdrücklich einen Weg und die, die ihn gehen. Nicht ein automatischer Rechtsvorgang wird beschrieben, sondern ein Zugang, der offensteht und begangen werden will. Genau das ist die sozinianische Verbindung von Sühne und Gehorsam: Wer zu Gott hinzutritt, wird von dem getragen, der dort für ihn eintritt.
Er kann retten, weil er lebt — nicht, weil eine Rechnung beglichen ist. Das Heil hängt an einem gegenwärtigen Amt, und der Amtsträger hat es empfangen.
Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld
Fünf Ausdrücke tragen die Auslegung: das Verb des Rettenkönnens, die Bestimmung „immerdar“, das Wort für das unvergängliche Priestertum, das Partizip des Hinzutretens und schließlich der Ausdruck für das Eintreten. Jeder von ihnen lässt sich am Hebräerbrief selbst und an der übrigen Schrift überprüfen.
δύναται σῴζειν — „er kann selig machen“
Das Verb dýnatai bezeichnet ein Vermögen, eine Befähigung. Der Hebräerbrief gebraucht es mit Vorliebe, um Grenzen zu markieren: Das Gesetz „kann“ nicht vollkommen machen (7,19; 10,1), die alten Opfer „können“ die Sünden nicht wegnehmen (10,11), der Priester „kann“ Mitleid haben (5,2). Es ist die Sprache der Zuständigkeit und ihrer Grenzen — und in unserem Vers wird sie positiv gewendet.
Damit ist das Rettenkönnen ausdrücklich als etwas beschrieben, das eine Begründung hat und begründet werden kann. Der Vers gibt sie auch: hóthen — „daher“, „von wo her“. Der Grund steht vorher: dass er ewiglich bleibt. Wer die Rettung stattdessen aus einem am Kreuz erbrachten Strafausgleich ableitet, muss die Konjunktion überlesen, die der Verfasser gesetzt hat.
εἰς τὸ παντελές — „immerdar“ / „völlig“
Der Ausdruck ist zweideutig, und beide Deutungen führen an dasselbe Ziel. Zeitlich verstanden heißt er „für alle Zeit“, „ohne Unterbrechung“; qualitativ verstanden „vollständig“, „bis zum Letzten hin“. Luther entschied sich mit „immerdar“ für die erste Lesart, und die Parallele im zweiten Halbvers — „und lebt immerdar“ — stützt sie: Dasselbe Wortfeld der Dauer erscheint zweimal.
Aber auch in der qualitativen Deutung bleibt der Sinn derselbe, denn die Vollständigkeit hängt am fortdauernden Leben des Priesters. Lukas 13,11 gebraucht die Wendung von der gekrümmten Frau, die sich „gar nicht“ aufrichten konnte — dort ist sie eine Verstärkung. In Hebräer 7,25 verstärkt sie das Rettenkönnen und bindet es an eine Bedingung, die nicht abläuft.
ἀπαράβατος ἱερωσύνη — „ein unvergängliches Priestertum“
Das Adjektiv aparábatos ist selten und im Neuen Testament ein Einzelfall. Wörtlich heißt es „unübertretbar“ und wurde in der Rechtssprache von Bestimmungen gebraucht, die nicht umgangen werden können; von Ämtern gesagt bedeutet es: nicht übertragbar, nicht ablösbar. Der Gegensatz ist die levitische Reihe, in der jeder Amtsträger einen Nachfolger brauchte.
Auch hier liegt der Akzent nicht auf einer Ewigkeit des Wesens, sondern auf der Unablösbarkeit eines Amtes. Das Priestertum ist unvergänglich, weil sein Inhaber nicht mehr stirbt — nicht weil es niemals angefangen hätte. Der Verfasser hat den Anfang sogar datiert: Gott sprach zu ihm „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (5,5), und der Rakower Katechismus bezieht diese Anrede auf die Auferweckung.
τοὺς προσερχομένους — „die durch ihn zu Gott kommen“
Das Partizip Präsens bezeichnet keinen einmaligen Übertritt, sondern ein andauerndes Hinzutreten. Prosérchomai ist im Hebräerbrief ein Kultwort: „Darum lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl“ (4,16); „so lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen“ (10,22). Es beschreibt die Bewegung des Gottesdienstes, nicht den Rechtsstand eines Begnadigten.
Wichtig ist das „durch ihn“. Der Zugang läuft über den Priester, und der Priester ist der Mittler, nicht der Adressat. Zu Gott wird hinzugetreten; durch Christus wird hinzugetreten. Der Vers hält beide Rollen sauber auseinander — dieselbe Unterscheidung, die Paulus in 1. Timotheus 2:5 als „ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen“ ausspricht.
ἐντυγχάνειν — „bitten für sie“
Das Verb heißt „sich an jemanden wenden“, „vorstellig werden“, „bei jemandem für einen anderen eintreten“. Paulus gebraucht es in Römer 8,34 vom erhöhten Christus, der „zur Rechten Gottes ist und uns vertritt“, und wenige Verse zuvor vom Geist, der „für uns eintritt“ (8,26-27). Die Sprache ist durchweg die des Vermittelns zwischen zwei Seiten.
Daraus zieht der Rakower Katechismus eine zurückhaltende Folgerung: Nicht dass Christus im Himmel wörtlich Gebete spreche, sondern dass sein Handeln eine Ähnlichkeit mit Gebeten habe, weil es Gott zur Vergebung bewegt und darin äußerst wirksam ist. Diese Präzisierung ist wichtig, denn sie hält zusammen, was sonst auseinanderfällt: Christus ist König und hat Vollmacht — und dennoch redet die Schrift von Bitten, damit unvergessen bleibt, woher die Vollmacht kommt.
Vergleich der Auslegungen
Sozzini über die beständige Entsühnung im Himmel
Fausto Sozzini behandelt unseren Vers nicht als Nebenbemerkung, sondern als Beweisstelle. In dem Abschnitt seines Hauptwerks, der die Entsühnung im Himmel erörtert, führt er Hebräer 7,24-25 wörtlich an und leitet daraus die Dauer des priesterlichen Dienstes ab. Der Satz, mit dem er den Gedanken zusammenfasst, ist die dichteste Formulierung der sozinianischen Sühnelehre überhaupt:
„Daher ist es nicht zweifelhaft: Wenn wir Glauben haben und uns darum bemühen, wird uns unsere Entsühnung stets durch Christus zuteil; und vor dem Zorn Gottes, den die Ungläubigen und Widerspenstigen erfahren werden, brauchen wir uns niemals zu fürchten. Denn vor ihm verteidigt uns Christus beständig durch seine Macht und Autorität und bewirkt so beständig die Entsühnung unserer Sünden.“
Fausto Sozzini, Über Jesus Christus den Retter, „Entsühnung im Himmel“
Man beachte die Begriffe, mit denen er die Fürbitte erklärt: „Macht und Autorität“. Sozzini löst die Fürbitte also nicht in ein zartes Bitten auf, sondern versteht sie als Ausübung einer Herrschaft. Und er sagt im selben Atemzug, worauf sie sich richtet: nicht auf eine Änderung im Sinn Gottes, sondern auf unsere Verteidigung gegen alles, was den Ungläubigen bevorsteht. Wer so liest, braucht keinen Straftausch, um die Sicherheit des Glaubenden zu begründen — er hat einen lebenden Beistand.
Dass darin für Sozzini keine Abwertung des Kreuzes liegt, zeigt der Gedankengang, mit dem er Römer 8,34 auslegt. Dort unterscheidet er zwischen der „Art und Weise“ der Entsühnung — Tod, Auferweckung, Sitzen zur Rechten — und der Entsühnung selbst, die in der Fürbitte bezeichnet ist. Und er benennt genau, warum keines dieser Glieder für sich genügt:
„Aber auch durch die Auferstehung allein hätte Christus nicht genügt, wenn er nicht, in den Himmel versetzt, dies noch hinzugefügt und ewige Herrlichkeit und Macht erlangt hätte; woraus folgt, dass er beständig bei Gott für uns eintritt, das heißt, dass er uns durch die ihm übertragene Vollmacht stets von allen Übeln befreit.“
Fausto Sozzini, Über Jesus Christus den Retter, „Entsühnung im Himmel“
„Die ihm übertragene Vollmacht“ — das ist der Punkt, an dem die Sühnefrage und die Trinitätsfrage sich berühren. Wenn Christus rettet, weil er lebt, und wenn er lebt, weil Gott ihn auferweckt und erhöht hat, dann ist die Rettung durch und durch Gabe des Vaters. Der Hebräerbrief sagt genau dies mit dem Eid in 7,21 und mit der Berufung in 5,4-5, und Sozzini zieht die Linie nur aus.
Am eindrucksvollsten wird sein Gedanke dort, wo er das Bild des Versöhnungstags weiterdenkt. Der levitische Hohepriester trat einmal im Jahr in das Allerheiligste, verrichtete dort seinen Dienst und ging wieder heraus; das Volk sah ihn zurückkommen und wusste: Es ist getan. Christus, sagt Sozzini, ist eingetreten und geht nicht mehr heraus:
„Jener und dieser sind einander darin nicht unähnlich, außer dass jener nur eine kurze Zeit im Heiligtum blieb, dieser aber für immer im Himmel sitzt.“
Fausto Sozzini, Über Jesus Christus den Retter, „Selbstopfer Christi“
Damit ist die Bildlogik des Hebräerbriefs gegen die Vorstellung eines abgeschlossenen Rechtsvorgangs gewendet. Wenn der Priester im Heiligtum bleibt, dann geschieht dort noch etwas; und wenn dort noch etwas geschieht, dann ist das Heil nicht ein hinterlegter Betrag, sondern ein Dienst, der andauert. „Er lebt immerdar und bittet für sie“ ist die kürzeste Fassung derselben Einsicht.
Der Rakower Katechismus über Priesteramt und Fürbitte
Der Rakower Katechismus behandelt die Sache lehrbuchmäßig und ordnet sie dort ein, wo sie nach sozinianischem Verständnis hingehört: nicht unter die Aussagen über das Wesen Christi, sondern unter seine Ämter. Auf die Frage, worin das priesterliche Amt bestehe, antwortet er in einem einzigen langen Satz, der Kreuz, Auferweckung, Himmelfahrt und Fürbitte zu einer Bewegung zusammenbindet:
„So ist er, durch sein eigenes Blut, von Gott ins Leben zurückgerufen und unsterblich gemacht, in jenes himmlische Heiligtum eingetreten und hat sich Gott dargebracht, beständig vor seinem Angesicht erscheinend und für uns eintretend; und durch diese seine einzige Opfergabe hat er ewige Erlösung und Befreiung von den Sünden für alle, die an ihn glauben, erlangt.“
Rakower Katechismus, „Wesen und Inhalt des priesterlichen Amtes“
Drei Züge dieses Satzes decken sich Wort für Wort mit Hebräer 7,25. Erstens das Passiv: Christus wird „von Gott ins Leben zurückgerufen und unsterblich gemacht“ — das ist die Voraussetzung dafür, dass er „immerdar lebt“. Zweitens das Partizip der Dauer: „beständig vor seinem Angesicht erscheinend und für uns eintretend“ — das ist die Fürbitte unseres Verses. Drittens die Bedingung: „für alle, die an ihn glauben“ — das sind „die durch ihn zu Gott kommen“.
Deutlicher als Sozzini selbst spricht der Katechismus dann aus, was daraus für das Verhältnis von Kreuz und Himmel folgt. Der Satz ist die vielleicht schärfste sozinianische Formulierung zur Sühnefrage überhaupt, und er ist bewusst vorsichtig gebaut — er leugnet die Bedeutung des Todes nicht, sondern bestimmt seinen Ort:
„Und auf diese Weise waren die Leiden und der Tod Christi selbst nicht das eigentliche Sühnopfer, jenes volle und vollkommene, von dem die Rede ist, sondern gewissermaßen ein Weg und eine Vorbereitung, um jenes zu vollbringen, oder ein gewisser Anfang davon.“
Rakower Katechismus, „Das himmlische Priestertum Christi“
Der Katechismus stützt sich dabei nicht auf eine Vernunftüberlegung, sondern auf den Hebräerbrief selbst. Er zitiert 8,4: „Wenn er auf Erden wäre, wäre er nicht einmal als Priester anzusehen“, und folgert: Wenn der Ort des Priestertums der Himmel ist, dann ist auch der Ort der Entsühnung der Himmel. Das ist genau die Voraussetzung, unter der Vers 25 seinen Sinn behält — der Priester, der rettet, ist der, der dort lebt und dort eintritt.
Und schließlich klärt der Katechismus die Frage, die viele Leser bei diesem Vers zuerst stellen: Bittet Christus im Himmel wirklich? Die Antwort ist von bemerkenswerter Nüchternheit und schützt gerade das, was der Vers schützen will:
„Wenn die Schrift bezeugt, dass Christus für uns Fürbitte einlegt, so geschieht dies nicht deshalb, als ob er eigentlich Gebete für uns an Gott richte; denn dies vertrüge sich nicht mit seiner vollkommenen Macht, die Gott ihm verliehen hat und um derentwillen er selbst unser König ist.“
Rakower Katechismus, „Die Fürbitte Christi“
Die Begründung, die der Katechismus anschließt, ist bemerkenswert: Die Schrift gebrauche diese Redeweise umso lieber, damit unvergessen bleibe, dass Christus alle Macht nicht aus sich selbst habe, sondern als Gabe Gottes des Vaters. Die Bittsprache ist also nicht eine Herablassung an unser Verstehen, sondern eine bewusste theologische Vorsichtsmaßnahme — sie hält das Vorrecht des Vaters unversehrt. Wer Hebräer 7,25 so liest, hört im „bittet für sie“ nicht eine Schwäche des Erhöhten, sondern eine Auskunft über die Quelle seiner Macht.
Logische Argumente
Die folgenden Erwägungen sind nach Gewicht geordnet: Sie beginnen beim unmittelbaren Wortlaut und enden bei den Folgen für die Lehre im Ganzen.
- Der Grund des Rettenkönnens ist ausdrücklich genannt — und er ist das Leben. „Daher kann er auch selig machen immerdar… und lebt immerdar und bittet für sie.“ Wer eine Begründung sucht, muss sie nicht erraten; der Vers gibt sie zweimal, vorher (7,24: „darum, dass er ewiglich bleibt“) und nachher. Ein am Kreuz vollzogener Strafausgleich kommt in der Begründung nicht vor.
- Das Kreuz wird im ganzen Kapitel nur einmal und in anderer Absicht erwähnt. In 7,27 heißt es, Christus habe „es einmal getan, da er sich selbst opferte“ — als Kontrast zur täglichen Wiederholung der levitischen Opfer, nicht als Erklärung des Rettenkönnens. Der Verfasser hätte an unserer Stelle nichts gehindert, das Kreuz anzuführen. Er führt das Leben an.
- „Immerdar“ setzt Dauer voraus, nicht Abschluss. Was einmal vollständig bezahlt ist, braucht keine Fortsetzung; was fortdauernd gerettet wird, braucht einen fortdauernd Handelnden. Die zweifache Dauerbestimmung des Verses — retten „immerdar“, leben „immerdar“ — ist mit der Vorstellung eines abgeschlossenen Rechtsvorgangs schwer zu verbinden.
- Wer bittet, ist nicht der, bei dem gebeten wird. Entynchánein bezeichnet das Eintreten bei einem Dritten. Der Vers nennt also zwei: den Priester und Gott. Dass diese Unterscheidung sachlich und nicht bloß bildlich gemeint ist, zeigt der Hebräerbrief selbst, wenn er sagt, Christus sei „von Gott“ berufen (5,4-5) und Gott habe ihm mit einem Eid zugeschworen (7,21).
- Das Priestertum wird als übertragenes beschrieben. Es ruht „nicht nach dem Gesetz des fleischlichen Gebots“, sondern auf einem Eidschwur Gottes; und derselbe Verfasser sagt, Christus habe „sich nicht selbst die Ehre genommen“, Hoherpriester zu werden (5,5). Ein unvergängliches Amt kann empfangen sein; ein empfangenes Amt setzt einen Geber voraus.
- Der Priester ist ausdrücklich aus den Menschen genommen. „Denn ein jeglicher Hoherpriester, der aus den Menschen genommen wird, der wird gesetzt für die Menschen gegen Gott“ (5,1). Der Hebräerbrief begründet die Tauglichkeit Christi zum Priester nicht mit seiner Göttlichkeit, sondern mit seiner Gleichheit mit den Brüdern (2,17) — ein Punkt, den der Eintrag zu Hebräer 2:17 ausführt.
- Das Bild vom Heiligtum verlangt einen andauernden Dienst. Der Verfasser sagt, Christus sei „in den Himmel selbst“ eingegangen, „um zu erscheinen vor Gott für uns“ (9,24). Erscheinen ist keine abgeschlossene Handlung, sondern ein Stand. Die Bildlogik des Versöhnungstags fordert, dass im Heiligtum etwas geschieht, solange der Priester darin ist.
- Die Rettung ist an ein fortdauerndes Hinzutreten gebunden. „Die durch ihn zu Gott kommen“ steht im Partizip Präsens und bezeichnet die, die den Zugang begehen. Der Vers beschreibt also nicht die Zuteilung eines Rechtsstatus, sondern die Sicherung eines Weges — und dieselbe Sprache verwendet der Brief, wenn er zum Hinzutreten auffordert (4,16; 10,22).
- Die Fürbitte des Erhöhten ist auch bei Paulus ein gegenwärtiges Handeln. „Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns“ (Römer 8,34). Die Reihe endet nicht beim Sterben, sondern beim Vertreten — und das „ja vielmehr“ verschiebt das Gewicht ausdrücklich nach vorn.
- Die Zwei-Naturen-Auskunft entwertet die Aussage, die sie retten soll. Wenn der Sohn als wahrer Gott des Bittens nicht bedarf, dann ist die Fürbitte eine bloße Geste; wenn sie eine bloße Geste ist, kann sie das Rettenkönnen nicht begründen. Der Vers begründet mit ihr. Wer die Fürbitte entleert, muss dem Verfasser eine Begründung zuschreiben, die nichts begründet.
- Der Trost des Verses hängt an der sozinianischen Lesart. Ein hinterlegter Betrag tröstet nur den, der seines Kontostands sicher ist. Ein lebender Beistand tröstet den, der täglich hinzutritt. Sozzini hat genau das ausgesprochen: dass uns die Entsühnung „stets durch Christus zuteil“ wird, weil er uns „beständig durch seine Macht und Autorität“ verteidigt.
Biblische Querverweise
Diese Stellen vertiefen die Auslegung im Lichte der gesamtbiblischen Bezeugung:
Römer 8,34
„Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ Die Reihe ist dieselbe wie im Hebräerbrief und endet an derselben Stelle: beim Vertreten. Das „ja vielmehr“ verschiebt das Gewicht ausdrücklich vom Sterben zum Auferwecktsein — Sozzini hat daraus geschlossen, wie viel mächtiger die Kraft der Auferstehung zu unserer Lossprechung sei als die des Todes.
Hebräer 9,24
„Christus ist nicht eingegangen in das Heilige, so mit Händen gemacht ist… sondern in den Himmel selbst, nun zu erscheinen vor Gott für uns.“ Der Vers benennt den Ort und den Zweck des Dienstes, den Hebräer 7,25 als Grund des Rettenkönnens anführt. Erscheinen ist ein Stand, keine abgeschlossene Handlung. Vgl. den Eintrag zu Hebräer 9:11-14.
Hebräer 2,17
„Daher musste er in allen Dingen den Brüdern gleich werden, auf dass er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott.“ Die Tauglichkeit zum Priesteramt wird mit der Gleichheit begründet, nicht mit der Göttlichkeit. Der Priester, der in 7,25 lebt und bittet, ist der aus den Menschen genommene. Vgl. den Eintrag zu Hebräer 2:17.
1. Timotheus 2,5
„Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“ Wer für andere eintritt, steht zwischen zwei Seiten; der Vers benennt beide und bestimmt den Mittler ausdrücklich als Menschen. Das ist die dogmatische Fassung dessen, was Hebräer 7,25 erzählend sagt. Vgl. den Eintrag zu 1. Timotheus 2:5.
1. Johannes 2,1-2
„Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist.“ Johannes redet vom Fürsprecher im Präsens und im Blick auf gegenwärtige Sünde — also nicht von einer abgeschlossenen Tilgung, sondern von einem andauernden Beistand. Sozzini führt genau diese Stelle als Parallele zu Hebräer 7 an. Vgl. den Eintrag zu 1. Johannes 2:2.
Römer 4,25
„Welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt.“ Die Zweiteilung entspricht Sozzinis Unterscheidung von „Art und Weise“ und „Entsühnung selbst“: Der Tod gehört zur Hingabe, die Rechtfertigung zur Auferweckung. Vgl. den Eintrag zu Römer 4:25.
Apostelgeschichte 2,36
„Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht.“ Die Vollmacht des Erhöhten ist eine gegebene. Wer „immerdar lebt“, lebt, weil Gott ihn auferweckt hat — der Grund des Rettenkönnens liegt damit letztlich beim Vater. Vgl. den Eintrag zu Apostelgeschichte 2:36.
Hebräer 10,10
„In diesem Willen sind wir geheiligt, einmal geschehen durch das Opfer des Leibes Jesu Christi.“ Die Stelle wird oft gegen unseren Vers gestellt. Sie redet vom einmaligen Vollzug der Darbringung, nicht vom Ende des priesterlichen Dienstes — der Hebräerbrief hält beides in derselben Argumentation zusammen. Vgl. den Eintrag zu Hebräer 10:10.
Einwände und sozinianische Antworten
1. „Die Fürbitte ist nur die Zuwendung eines am Kreuz erworbenen Verdienstes“
Christus hat am Kreuz alles vollbracht; die himmlische Fürbitte fügt dem Erlösungswerk nichts hinzu, sondern wendet es den Einzelnen zu. Wenn Hebräer 7,25 das Rettenkönnen mit dem Leben begründet, so ist damit nur gesagt, dass der ewige Priester das ewig gültige Opfer ewig gültig geltend macht. Von einer noch geschehenden Entsühnung ist keine Rede.
Der Einwand ist in sich schlüssig, aber er ist nicht der Wortlaut. Der Verfasser sagt nicht: „Er kann retten, weil er ein vollkommenes Opfer dargebracht hat, und er lebt, um es zuzuwenden“; er sagt: „Er kann retten, weil er lebt.“ Die Begründung liegt auf dem Leben, und das ist keine Nebenbemerkung, sondern durch die Konjunktion hóthen ausdrücklich als Schlussfolgerung markiert.
Man beachte auch, gegen welchen Mangel des levitischen Priestertums der Verfasser argumentiert. Er sagt in Vers 23 nicht, dass die alten Priester unzureichende Opfer gebracht hätten — dieses Argument bringt er an anderer Stelle —, sondern dass der Tod sie nicht bleiben ließ. Der Vergleichspunkt ist also die Amtsdauer. Wenn nun das unvergängliche Amt nur den Vorzug hätte, ein längst abgeschlossenes Werk zu verwalten, dann wäre die Sterblichkeit der alten Priester kein wirklicher Mangel gewesen; ein Nachfolger hätte die Verwaltung ebenso gut fortgesetzt.
Sozzini setzt genau hier an, und er tut es ohne Polemik. Er räumt ausdrücklich ein, dass an vielen Stellen von einer schon geschehenen Reinigung geredet wird, und erklärt, in welchem Sinn: Vollkommen sei „von dem Zeitpunkt an“ die Art und Weise der Entsühnung, als Christus auferstanden in den Himmel einging und sich dort darbrachte. Was daraus bleibe, sei „die Entsühnung selbst und vielmehr die wahre Befreiung von den Sünden“, und diese bestehe beständig. Damit hält er beide Redeweisen der Schrift zusammen, statt eine gegen die andere auszuspielen.
Und schließlich ist zu fragen, was der Einwand mit dem Bild macht, auf dem der ganze Brief ruht. Der Hohepriester des Versöhnungstags war nicht deshalb im Allerheiligsten, um eine draußen bereits erledigte Sache anzuzeigen, sondern um dort zu tun, was zur Sühnung gehörte. Wenn Christus in das größere Heiligtum eingetreten ist und dort bleibt, dann bleibt er nicht als Zeuge eines Vorgangs, sondern als dessen Träger. „Er lebt immerdar und bittet für sie“ ist die Beschreibung eines Dienstes, nicht eines Andenkens.
2. „Hebräer 10,10.14 sagt ausdrücklich ‚ein für alle Mal‘“
Derselbe Brief sagt, wir seien „einmal geschehen“ geheiligt durch das Opfer des Leibes Jesu Christi (10,10), und Christus habe „mit einem Opfer“ auf ewig vollendet, die geheiligt werden (10,14). Wer eine fortdauernde Entsühnung im Himmel behauptet, stellt sich gegen die deutlichste Aussage des Hebräerbriefs und öffnet die Tür zu einer Wiederholung des Opfers.
Der Einwand trifft eine Behauptung, die die sozinianische Auslegung nicht erhebt. Niemand sagt, das Opfer werde wiederholt. Das Einmalige ist die Darbringung, und gerade sie ist nach sozinianischem Verständnis unwiederholbar, weil sie in der Auferweckung und Erhöhung eines Unsterblichen besteht — was einmal geschehen ist und nicht wieder geschehen kann. Bestritten wird nicht die Einmaligkeit der Darbringung, sondern die Behauptung, mit ihr sei der priesterliche Dienst beendet.
Dass der Verfasser selbst so denkt, zeigt die Anordnung seiner Argumente. Er sagt in 10,12, Christus habe „ein Opfer für die Sünden geopfert, das ewiglich gilt“, und fährt fort: „und sitzt nun zur Rechten Gottes“. Das Sitzen ist kein Ruhestand, sondern nach Psalm 110 die Amtsstellung; derselbe Psalm, den der Brief in Kapitel 7 für das Priestertum nach Melchisedeks Ordnung heranzieht. Einmalige Darbringung und andauernde Amtsführung stehen bei ihm im selben Satz.
Der Rakower Katechismus argumentiert an dieser Stelle mit dem Vorbild, das der Brief selbst gewählt hat. Beim jährlichen Opfer des Versöhnungstags musste zur Vollendung des Opfers „unbedingt das Blut des geschlachteten Tieres in das Allerheiligste gebracht werden“ (Hebräer 9,7). Die Schlachtung draußen und die Darbringung drinnen sind ein einziger, einmaliger Vorgang — aber der Vorgang endet nicht mit der Schlachtung. Genau deshalb kann der Katechismus sagen, Leiden und Tod seien „ein Weg und eine Vorbereitung“ gewesen, ohne ihnen ihre Bedeutung zu nehmen.
Es bleibt die Frage, wie „auf ewig vollendet“ (10,14) mit „immerdar retten“ (7,25) zusammengeht. Sie geht zusammen, sobald man beachtet, wovon beide Verse reden. 10,14 redet von der Wirkung auf die Geheiligten: Es braucht kein neues Opfer. 7,25 redet von der Reichweite der Rettung: Sie bricht nicht ab, weil der Retter nicht stirbt. Die eine Aussage schließt die Wiederholung aus, die andere den Abbruch. Der Widerspruch entsteht erst, wenn man 10,14 zu der Aussage macht, im Himmel geschehe nichts mehr — und das steht dort nicht.
3. „Wenn Christus wirklich bittet, ist er weniger als der Vater — also muss es bildlich sein“
Der Sohn ist mit dem Vater eines Wesens; ein wirkliches Bitten wäre mit seiner Gottheit unvereinbar. Die Rede von der Fürbitte ist darum eine Anpassung an unser Verstehen: Sie beschreibt in menschlichen Bildern, was in Gott selbst kein Bitten, sondern die eine göttliche Willensbewegung ist. Aus einem Bild lässt sich keine Aussage über ein Rangverhältnis gewinnen.
Bemerkenswert ist, dass die sozinianische Auslegung dem Einwand in einem wichtigen Punkt zustimmt. Der Rakower Katechismus sagt selbst, Christus richte nicht „eigentlich Gebete für uns an Gott“, denn dies vertrüge sich nicht mit seiner vollkommenen Macht. Der Streit geht also nicht darum, ob die Fürbitte im strengen Wortsinn ein Beten ist, sondern darum, was sie stattdessen ist und was aus ihr folgt.
Und hier gehen die Wege auseinander. Die traditionelle Deutung entleert das Bild: Es bleibt nichts übrig, was Christus im Himmel täte, und die Begründung des Verses hängt in der Luft. Der Katechismus füllt es: Was Christus tut, hat „eine gewisse Ähnlichkeit mit Gebeten“, insofern es Gott „mächtig dazu bewegt“, uns Vergebung zu gewähren, und äußerst wirksam ist, sie uns zu verschaffen. Es geschieht also wirklich etwas — nur nicht als Rede, sondern als Ausübung der Vollmacht, die Sozzini „Macht und Autorität“ nennt.
Der zweite Teil des Einwands verkehrt zudem die Beweislast. Es ist nicht die sozinianische Auslegung, die aus einem Bild eine Rangaussage gewinnt; es ist der Katechismus, der ausdrücklich sagt, weshalb die Schrift diese Redeweise wählt: „damit unseren Gemütern gänzlich eingeprägt werde, dass alle Macht, die Christus besaß, er nicht aus sich selbst habe, sondern als Gabe Gottes des Vaters“. Die Bittsprache ist demnach nicht ein Zugeständnis an schwache Leser, sondern ein bewusstes Mittel, das Vorrecht des Vaters zu wahren.
Schließlich stehen im Hebräerbrief neben dem Bild auch unbildliche Aussagen, die in dieselbe Richtung weisen. Christus wurde berufen wie Aaron und hat sich „nicht selbst die Ehre genommen“ (5,4-5); Gott hat ihm mit einem Eid zugeschworen (7,21); er wurde „vollendet“ und dann „genannt“ ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks (5,9-10). Wer die Fürbitte als bloßes Bild abtut, muss auch diese Sätze umdeuten — und dann bleibt vom Priestertum des Hebräerbriefs nur noch der Name.
4. „Ohne Genugtuung gibt es keine Vergebung — Gottes Gerechtigkeit fordert Bezahlung“
Gottes Gerechtigkeit kann Sünde nicht ungestraft lassen. Darum musste die Strafe getragen werden, ehe Vergebung möglich war; „ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ (Hebräer 9,22). Eine Sühne, die im Himmel andauert und nicht auf einer erbrachten Genugtuung ruht, macht die Vergebung zu einem bloßen Nachlass und die Gerechtigkeit Gottes zu einer leeren Rede.
Die sozinianische Antwort setzt nicht bei der Barmherzigkeit an, sondern bei einer begrifflichen Frage: Was eine Genugtuung ist. Wer bezahlt hat, dem wird nicht vergeben — ihm wird quittiert. Vergebung und Bezahlung schließen sich in derselben Sache aus. Die Schrift aber redet durchweg von Vergebung, von Gnade, von Erbarmen; und der Hebräerbrief selbst nennt den neuen Bund einen, in dem Gott sagt: „Ich will gnädig sein ihrer Untugend, und ihrer Sünden will ich nicht mehr gedenken“ (8,12).
Zu Hebräer 9,22 ist zu sagen, was der Vers selbst sagt: Er redet von der Ordnung des Gesetzes — „nach dem Gesetz“ wird fast alles mit Blut gereinigt. Das ist eine Beobachtung über den mosaischen Kult, keine Aussage über eine Notwendigkeit im Wesen Gottes. Der Vers steht überdies in einem Abschnitt, der die alte Ordnung als Schatten der himmlischen kennzeichnet; der Eintrag zu Hebräer 9:22 geht dem im Einzelnen nach.
Sozzini bestreitet nicht, dass der Tod Christi mit unseren Sünden zu tun hat. Er bestreitet, dass er eine Strafzahlung war. Sein Argument aus dem Hebräerbrief ist bemerkenswert kühn: Derselbe Verfasser sagt in 7,27, Christus habe „für seine eigenen Sünden“ geopfert — und da eine Schuld Christi ausgeschlossen ist, muss „Sünde“ hier die Strafe, das Leiden und die Sterblichkeit bezeichnen, von denen er selbst durch seine Darbringung befreit wurde. Wenn aber schon der Sprachgebrauch des Briefes „Sünde“ metaphorisch für Sündenfolge setzt, dann trägt er die Last einer streng juristischen Straftilgung nicht.
Was tritt an die Stelle der Genugtuung? Nach Hebräer 7,25 ein lebender Priester, der eintritt. Nach dem Rakower Katechismus die Befreiung von den Strafen durch die Kraft des Todes Christi, den beständigen Schutz des Erhöhten und die Befreiung von der Knechtschaft der Sünde selbst, „damit wir ihnen nicht dienen“. Das ist keine Abschwächung, sondern eine Verschiebung des Ortes: Die Sühne wirkt nicht am Gerichtsbuch, sondern am Sünder — und sie ist deshalb nicht weniger, sondern mehr, als eine bloße Umbuchung leisten könnte.
5. „Nur ein göttlicher Priester kann ‚immerdar‘ leben und retten“
Ein Mensch stirbt; nur Gott lebt von sich aus. Wenn der Vers Christus ein unvergängliches Priestertum und ein immerwährendes Leben zuschreibt, dann setzt er seine Gottheit voraus. Melchisedek wird in Hebräer 7,3 ohne Vater, ohne Mutter und ohne Ende des Lebens beschrieben — das Urbild verlangt einen Priester, der ewig ist, nicht einen, der ewig gemacht wurde.
Der Einwand fragt zu Recht, woher das immerwährende Leben kommt. Nur beantwortet der Hebräerbrief die Frage anders, als er erwartet. Er sagt, das Priestertum ruhe „nach der Kraft des unendlichen Lebens“ (7,16) — und er sagt an mehreren Stellen, wie Christus zu diesem Leben kam: Gott hat ihn „von den Toten wieder ausgeführt“ (13,20), er wurde „vollendet“ (5,9), Gott hat zu ihm gesprochen „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (5,5). Unsterblichkeit, die verliehen wurde, ist Unsterblichkeit; sie ist nur nicht angestammt.
Der Rakower Katechismus formuliert es unmissverständlich: Christus ist „von Gott ins Leben zurückgerufen und unsterblich gemacht“. Beide Ausdrücke sind Passiva, und beide haben einen Handelnden — Gott. Genau darum kann derselbe Katechismus in aller Ruhe sagen, ein Priester müsse notwendig ein Mensch sein: Denn auch Gott sei König, aber ein König, der zugleich Priester wird, könne der eine Gott nicht sein; es müsse „ein Mensch sein, der zu dieser doppelten Würde von Gott zum Wohl der Menschen erhoben wurde“.
Zu Melchisedek ist zu beachten, wie der Brief das Urbild einführt. Er sagt nicht, Melchisedek sei ohne Vater und Mutter gewesen, sondern er sei so beschrieben — „ohne Geschlechtsregister“, ohne verzeichneten Anfang und Ende der Tage. Das ist ein Argument aus dem Schweigen der Schrift, ein typologisches Verfahren, und der Verfasser markiert es selbst, wenn er sagt, Melchisedek sei „verglichen“ dem Sohn Gottes. Aus einer Lücke im Geschlechtsregister lässt sich keine Wesensaussage gewinnen.
Und schließlich spricht der Einwand gegen den Zweck, für den der Brief das Priestertum überhaupt entwickelt. Der Verfasser will einen Hohenpriester zeigen, der „Mitleid haben kann mit unsrer Schwachheit“, weil er „versucht ist allenthalben gleich wie wir“ (4,15), und der „aus den Menschen genommen“ ist (5,1). Ein Priester, der von Natur unsterblich wäre, hätte nie sterben können — und wäre dann nach 8,4 gar nicht Priester geworden. Das immerwährende Leben des Verses ist die Frucht einer Auferweckung, nicht die Voraussetzung, die sie unnötig machte.
Verwandte Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Hebräer 2:17 — den Brüdern gleich geworden, damit er barmherziger Hoherpriester sei.
- Hebräer 9:11-14 — eingegangen in das Heiligtum, um vor Gott für uns zu erscheinen.
- Hebräer 10:10 — „einmal geschehen“: die Einmaligkeit der Darbringung.
- Hebräer 9:22 — „ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ — nach dem Gesetz.
- 1. Timotheus 2:5 — ein Gott, ein Mittler, und dieser ein Mensch.
- 1. Timotheus 2:6 — der sich selbst gegeben hat zum Lösegeld für alle.
- 1. Johannes 2:2 — der Fürsprecher beim Vater, im Präsens.
- Römer 4:25 — dahingegeben um der Sünden, auferweckt um der Gerechtigkeit willen.
- Apostelgeschichte 2:36 — Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht.
- Markus 10:45 — das Lösegeld als Dienst, nicht als Strafzahlung.
- Römer 3:25-26 — der Gnadenstuhl und die Gerechtigkeit Gottes.
- Philipper 2:9-11 — darum hat ihn auch Gott erhöht.
- Johannes 17:3 — der Vater als „allein wahrer Gott“, Jesus als der Gesandte.
Zusammenfassung
Hebräer 7,25 ist die Stelle, an der der Hebräerbrief seine eigene Sühnelehre begründet — und er begründet sie mit dem Leben des Priesters. Der Mangel des alten Priestertums war nach Vers 23 nicht die Unzulänglichkeit seiner Opfer, sondern die Sterblichkeit seiner Träger; der Vorzug des neuen ist nach Vers 24 die Unablösbarkeit des Amtes. Aus beidem folgt in Vers 25 das Rettenkönnen: „daher“ — weil er bleibt, weil er lebt, weil er eintritt.
Die sozinianische Auslegung nimmt diese Begründung ernst, statt sie durch eine andere zu ersetzen. Sie bestreitet nicht die Einmaligkeit der Darbringung; sie bestreitet, dass mit ihr der Dienst zu Ende sei. Fausto Sozzini unterscheidet dazu die „Art und Weise“ der Entsühnung — Tod, Auferweckung, Erhöhung — von der Entsühnung selbst, die im Himmel geschieht und andauert, und er sagt, was in dieser Dauer geschieht: Christus „verteidigt uns beständig durch seine Macht und Autorität und bewirkt so beständig die Entsühnung unserer Sünden“.
Der Rakower Katechismus zieht daraus die dogmatische Ordnung. Leiden und Tod Christi waren „ein Weg und eine Vorbereitung“; der Priester wurde „von Gott ins Leben zurückgerufen und unsterblich gemacht“; und die Fürbitte ist nicht ein Umstimmen Gottes, sondern eine Redeweise, die daran erinnert, dass alle Macht Christi „Gabe Gottes des Vaters“ ist. Damit ist gesagt, was der Vers selbst sagt, nur begrifflich geordnet: Es gibt einen, der eintritt, und einen, bei dem eingetreten wird.
Was bleibt, ist ein Trost, der nicht auf einem Kontostand ruht. Wer „durch ihn zu Gott kommt“ — im Partizip der Gegenwart, als einer, der immer wieder hinzutritt —, hat keinen hinterlegten Betrag zur Sicherheit, sondern einen lebenden Beistand. Das Heil hängt nicht daran, dass irgendwann etwas bezahlt wurde, sondern daran, dass einer lebt und dass Gott ihn leben ließ. Genau darum steht am Ende des Verses kein Punkt hinter einer Rechnung, sondern eine Gegenwart: „und lebt immerdar und bittet für sie“.
