Präexistenz

Die Kirchenlehre: Der Sohn Gottes ist von Ewigkeit her aus dem Vater gezeugt, durch ihn ist alles gemacht, und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen und Mensch geworden. So bekennen es die Kirchen seit den Konzilien von Nicäa (325) und Konstantinopel (381). Auch manche Gegner der Dreieinigkeit hielten an einem Vorleben fest: Christus sei das erste Geschöpf Gottes gewesen, durch das die Welt entstand.
Sozzini: Vor der Empfängnis im Schoß der Maria hat es keinen Sohn Gottes gegeben. Jesus von Nazareth ist ein wahrer Mensch und doch Gottes eingeborener Sohn, weil er durch die Kraft des Heiligen Geistes empfangen wurde (Lk 1,35) und weil Gott ihn geheiligt und gesandt, von den Toten auferweckt und über alles erhöht hat. Wo die Schrift sagt, er sei „im Anfang“ gewesen, alles sei „durch ihn gemacht“ und er habe Herrlichkeit gehabt, „ehe die Welt war“, meint sie den Anfang des Evangeliums, die neue Schöpfung und Gottes Ratschluss. „Ehe denn Abraham ward“ liest Sozzini als „ehe Abraham wird“: ehe Abraham zum Vater vieler Völker wird.
Die überraschendste These: Dass Jesus „vom Himmel gekommen“ ist, nimmt Sozzini wörtlich, aber als Aussage über den Menschen Jesus: Er sei vor seinem öffentlichen Auftreten in den Himmel entrückt worden und habe dort von Gott gelernt, was er verkündigen sollte.
Die Pointe: Ein Vorleben erhöht Christus nicht. Es verdunkelt nach Sozzini das größte Werk Gottes: dass er einen wahren Menschen, unseren Bruder, zu solcher Herrlichkeit erhoben hat.
War der Sohn Gottes schon da, bevor Jesus von Nazareth geboren wurde? Die großen Kirchen bejahen das, verbindlich seit den Konzilien des vierten Jahrhunderts, und selbst unter den Gegnern der Dreieinigkeit hielten manche daran fest. Fausto Sozzini hat es verneint, nicht um Christus kleiner zu machen, sondern um ihn so zu sehen, wie ihn die Apostel verkündigt haben: als einen wahren Menschen, den Gott durch seinen Geist im Schoß der Jungfrau entstehen ließ, durch Tod und Auferstehung führte und zu einer Herrlichkeit erhob, die alles übersteigt.
Die Frage: Gab es den Sohn Gottes vor Jesus?
Präexistenz (von lateinisch prae, „vor“, und existere, „hervortreten, da sein“) heißt die Lehre, Christus habe schon vor seiner menschlichen Geburt als Person bestanden. Dass Christus im Plan Gottes vor der Welt feststand, bestreitet niemand, der die Bibel liest. Petrus nennt ihn den, „der zwar zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund gelegt ward, aber offenbart zu den letzten Zeiten um euretwillen“ (1 Petr 1,20). Strittig ist, ob er damals auch wirklich da war: als handelndes Wesen, das später Mensch wurde.
In der Vorrede zu seiner Disputation mit Erasmus Johannis unterscheidet Sozzini die beiden Gestalten, in denen diese Lehre zu seiner Zeit vertreten wurde. Beide hält er für die Quelle einer folgenschweren Unkenntnis, denn wer so denkt, verkennt die Erhöhung des Menschen Jesus:
„Ursprung und Haupt einer so großen und so verderblichen Unkenntnis aber ist und war immer, über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes nicht richtig zu denken und zu meinen, es habe, ehe Jesus von Nazareth vom Heiligen Geist empfangen und aus der Jungfrau geboren wurde, schon in Wirklichkeit und vollkommen ein eingeborener Sohn Gottes bestanden — der nämlich entweder aus dem Wesen Gottes des Vaters selbst gezeugt oder aus nichts, bevor irgendetwas anderes geschaffen wurde, von Gott selbst geschaffen worden sei und zu seiner Zeit die menschliche Natur angenommen oder den Menschen, oder, wie andere lieber sagen, den menschlichen Leib beziehungsweise das Fleisch, angezogen habe.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Vorrede an Hieronim Moskorzowski › Warum die Erkenntnis der Erhöhung Christi notwendig ist
Die erste Gestalt ist die Lehre der großen Kirchen. Das Konzil von Nicäa hatte sie 325 gegen den alexandrinischen Presbyter Arius festgeschrieben, für den der Sohn ein Geschöpf war, von Gott vor allen Zeiten aus dem Nichts geschaffen. Die zweite Gestalt ist die des Arius selbst. Im 16. Jahrhundert vertraten sie wieder einzelne Antitrinitarier, die zwar die Dreieinigkeit verwarfen, auf ein himmlisches Vorleben Christi aber nicht verzichten wollten. Wieder andere, wie Michael Servet, der 1553 in Genf verbrannt wurde, bestritten den ewigen Sohn, hielten aber an einem ewigen Wort in Gott fest. Sozzini bestreitet jede dieser Gestalten: Es gab den Sohn Gottes nicht, bevor Jesus von Nazareth empfangen wurde.
Wie sehr diese Frage selbst die Antitrinitarier trennte, zeigt die Disputation, die Sozzini 1584 in Krakau mit Erasmus Johannis führte. Beide bekannten den einen Gott, den Vater. Erasmus, später Prediger der unitarischen Gemeinde in Klausenburg in Siebenbürgen, hielt Christus jedoch für eine geistige Substanz, die Gott als erste von allen geschaffen habe und die später einen menschlichen Leib angezogen habe. Er bat die Krakauer Gemeinde, seine Gründe vortragen zu dürfen, und die Brüder beauftragten Sozzini mit der Antwort:
„Die Brüder stimmten zu und übertrugen nach dem Wunsch des Erasmus selbst einem aus ihrer Zahl namentlich die Aufgabe, vor den anderen, die zugegen sein würden, auf seine Argumente zu antworten. Dieser eine aber war ich selbst. So haben wir zwei Tage lang freundlich und friedlich disputiert, wobei ich einzeln und der Reihe nach auf alles antwortete, was Erasmus vorbrachte — wenngleich meine Antworten dem Erasmus keineswegs einleuchten konnten.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Vorrede an Hieronim Moskorzowski › Wie diese Disputation zustande kam
Seine schriftliche Widerlegung schloss Sozzini am 30. November 1584 ab. Erasmus antwortete nie; 1595 ließ Sozzini die Disputation dennoch drucken, ausdrücklich, damit fromme und gelehrte Leser selbst urteilen könnten. Gegen die andere Seite hatte er dieselbe Lehre schon zuvor verteidigt. Der reformierte Theologe Andreas Volanus (Andrzej Wolan) aus Litauen hatte die Polnischen Brüder in einer Mahnschrift als „Samosatener“ und „Ebioniten“ angegriffen. Sozzinis zwei Antworten darauf, Über die Natur Jesu Christi, gehen die Belegstellen für ein Vorleben Christi ebenso der Reihe nach durch; die zweite ist auf September 1583 datiert, die Zueignung der Schrift auf den 14. Juni 1588. Zusammen mit dem Rakower Katechismus, Sozzinis Kommentar zum Ersten Johannesbrief und den Auslegungen Georg Enyedis und Johannes Crells tragen diese beiden Schriften die folgende Darstellung. Der Katechismus wird nach der lateinischen Fassung zitiert, die Johannes Crell, Jonas Schlichting und Martin Ruar überarbeitet haben.
Die Gegenseite in ihren eigenen Worten
Die kirchliche Lehre hat ihre verbindliche Form im Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel gefunden, das bis heute in den meisten Kirchen gesprochen wird. Im Westen wurde es lateinisch gebetet; der Abschnitt über Christus lautet (eigene Übersetzung):
„Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor allen Zeiten, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahren Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht gemacht, eines Wesens mit dem Vater, durch den alles gemacht ist. Er ist um uns Menschen und um unseres Heiles willen vom Himmel herabgestiegen, hat Fleisch angenommen vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“
Et in unum Dominum Iesum Christum, Filium Dei unigenitum, et ex Patre natum ante omnia saecula. Deum de Deo, lumen de lumine, Deum verum de Deo vero, genitum, non factum, consubstantialem Patri: per quem omnia facta sunt. Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de caelis. Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine, et homo factus est.
Drei Bestandteile stecken darin: ein Sohn vor allen Zeiten, eine Schöpfung durch ihn und ein Abstieg vom Himmel ins Fleisch. Erasmus Johannis bestritt den ersten in der Form des Konzils, denn sein Christus war nicht ewig, sondern das erste Geschöpf; am zweiten und dritten hielt er fest. Seine Gründe gibt die Disputation nach dem Vermerk des Drucks „soweit es möglich war, wortwörtlich“ aus seiner eigenen Zusammenfassung wieder. Der zweite Grund zeigt, worum es ihm ging:
„Zweitens wird Christus und seiner Würde nicht wenig entzogen, wenn er für einen blanken Menschen gehalten wird, in dem nichts Wesentliches ist, was nicht in irgendeinem anderen Menschen auch zu finden wäre, und wenn durch ihn nur die Werke der Erlösung vollbracht werden. Würdig aber werde Christus dann geehrt, wenn er nicht nur für den Sohn Marias, sondern auch für den eingeborenen Sohn Gottes gehalten wird, dessen Wesen an Klarheit und Glanz das Wesen aller Engel — wie geistig es auch sei — weit übertrifft, und der vor dem Anfang aller Dinge war und durch den Gott die Welt nicht nur erlöst, sondern auch aus nichts geschaffen hat.“
Christi Würde, Gottes Majestät, die Größe der Erlösung, die Lobsprüche der Schrift: All das schien Erasmus zu verlangen, dass Christus mehr sei als ein Mensch, auch als ein Mensch mit größeren Gaben als alle anderen. Seinen fünften und, wie er sagte, entscheidenden Grund sah er darin, dass sich Sozzinis Lehre nur halten lasse, wenn „sehr viele Aussprüche der Schrift gewaltsam verdreht“ würden. Diesen Vorwurf beantwortet Sozzini, indem er die Stellen einzeln durchgeht. Die übrigen Gründe greift er an der Wurzel an.
Sozzinis Ausgangspunkt: Ein wahrer Mensch und doch Gottes Sohn
Für Sozzini ist die Frage nach einem Vorleben Christi keine gelehrte Spitzfindigkeit, sondern sie berührt den Grund des Heils. In der Vorrede seiner Disputation schreibt er:
„Sieh, wohin jene Meinung von der Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes vor der Geburt Jesu von Nazareth aus der Jungfrau schließlich führt: dass nämlich nicht nur das wunderbare, alles übertreffende und dem Menschengeschlecht heilsamste Werk Gottes verdunkelt wird, den Menschen Jesus Christus zur Gleichheit mit sich selbst zu erheben, sondern dass geleugnet wird, Jesus Christus sei ein wahrer Mensch. Das heißt: dass der Grund unseres ewigen Heils selbst von Grund auf beinahe umgestürzt und der überaus weise Ratschluss Gottes selbst, uns den Weg zur Unsterblichkeit zu überliefern und zu zeigen, nahezu vereitelt wird.“
En quo tandem perducat sententia ista de unigeniti filii Dei, ante Jesum Nazarenum ex virgine natum, existentia …
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Vorrede an Hieronim Moskorzowski › Warum die Erkenntnis der Erhöhung Christi notwendig ist
Das größte Werk Gottes ist nach Sozzini nicht, dass ein himmlisches Wesen auf die Erde kam, sondern dass Gott einen Menschen aus unserer Mitte bis zu seiner eigenen Hoheit erhoben hat. Wer einen Sohn vor diesem Menschen annimmt, lenkt den Blick von der Erhöhung auf das Vorleben und verliert den, an dem sich zeigt, wohin Gott den Menschen führen will. Darum besteht Sozzini auf dem Wort des Paulus, der eine Mittler sei „der Mensch Christus Jesus“ (1 Tim 2,5):
„Führer und Wegweiser jenes Weges aber war nach dem Ratschluss Gottes selbst Jesus Christus als Mensch, und kein anderer; wie der Apostel Paulus ausdrücklich bezeugt, dass es einen einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt: den Menschen Christus Jesus. Daher müssen wir anerkennen, dass gerade dieser Mensch zu so großer Majestät erhoben worden ist. Dies aber werden erst dann jene richtig und wahrhaft tun, die keinen anderen eingeborenen Sohn Gottes vor oder außer diesem Menschen anerkennen.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Vorrede an Hieronim Moskorzowski › Widmung und Ziel der Gemeinde
Wodurch aber ist Jesus Gottes Sohn, wenn nicht durch eine Zeugung vor aller Zeit? Der Rakower Katechismus beginnt seine Lehre von der Person Christi mit dem Satz, „dass er seiner Natur nach ein wahrer Mensch ist, einst zwar, als er auf Erden lebte, sterblich, nun aber unsterblich“. Gleich darauf fragt er, ob Jesus dann ein gewöhnlicher Mensch sei:
„Ist also der Herr Jesus ein bloßer oder gewöhnlicher Mensch?
„Keineswegs. Denn obgleich er von Natur ein Mensch ist, so ist er dennoch zugleich der eingeborene Sohn Gottes, und zwar auch von seinem ersten Ursprung an. Denn er wurde durch den Heiligen Geist empfangen und von einer Jungfrau ohne jeglichen Umgang mit einem Manne geboren und hatte keinen anderen Vater als Gott; … Darüber spricht der Engel zu Maria in Lk. 1,35: ‚Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren wird, Sohn Gottes genannt werden.‘“
Rakower Katechismus — Von der Erkenntnis Christi
Die Empfängnis ist nicht der einzige Grund, aus dem Jesus Gottes Sohn heißt. In seiner Prüfung eines trinitarischen Beweisgangs zählt Sozzini auf, welche Gründe die Schrift dafür nennt. Eine Zeugung aus Gottes Wesen ist nicht darunter:
„Nirgends nämlich wirst du jenen Grund ausdrücklich genannt oder auch nur angedeutet finden, dass er aus Gottes substantia oder Wesen selbst gezeugt worden sei. Sondern entweder wegen der Art der Empfängnis im Schoß der Mutter; oder wegen der Heiligung durch Gott und der Sendung in die Welt; oder wegen der Auferstehung von den Toten, der nämlich die Verherrlichung und die Erhöhung über alle geschaffenen Dinge folgte; oder wegen des ewigen Priestertums und Königtums, das er von Gott empfing; oder wegen anderer derartiger Dinge wirst du finden, dass er Gottes Sohn ist und so genannt wird.“
Fausto Sozzini, Prüfung des Arguments für den dreieinigen und einen Gott (Argumenti pro trino et uno Deo examinatio), im Band Über die Autorität der Heiligen Schrift — Christi Gottessohnschaft dem Fleische nach
Selbst das Psalmwort, auf das sich die Lehre von der ewigen Zeugung gern beruft — „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeuget“ (Ps 2,7) —, bezieht Paulus auf die Auferweckung Jesu (Apg 13,33). Der Katechismus hält dazu nüchtern fest: „Denn das Wort ‚heute‘ kann, da es eine bestimmte Zeit bezeichnet, unmöglich die Ewigkeit bezeichnen.“
Johannes Crell (1590–1633), Rektor der Akademie in Raków, hat aus dem Bericht des Lukas ein weiteres Argument gewonnen. Hätte Jesus als Person schon von Ewigkeit her bestanden, so wäre er bei der Verkündigung bereits Gottes Sohn gewesen, und der Engel hätte allenfalls von einer zweiten, neuen Sohnschaft sprechen können. Crell fragt:
„Warum also findet sich in den Worten des Engels nicht das geringste Anzeichen dieser Sache? Warum hat er nicht so gesprochen, dass deutlich würde, eben diese Person sei zwar schon vorher von aller Ewigkeit Sohn Gottes gewesen, werde es aber nun noch auf eine andere, neue Weise werden?“
Johannes Crell, Über den einen Gott, den Vater (De uno Deo Patre, 1631) — Erstes Buch, Zweiter Abschnitt, Kap. XXXI
Die Gottessohnschaft beginnt also mit der Empfängnis. Von einer früheren weiß der Engel nichts, und er hätte sie, wäre sie wahr, nicht verschweigen dürfen.
Würde ohne Vorleben
Den Vorwurf, er nehme Christus die Würde, kehrt Sozzini um. Würde liegt für ihn nicht im Stoff, aus dem einer besteht, sondern in dem, was er tut. Und Gottes Ruhm ist umso größer, je geringer das Werkzeug ist, durch das er Großes wirkt:
„Aber eine Würde dieser Art ist für die Person Christi nicht so sehr zu suchen; und weit höher als sie ist jenes zu schätzen, und weit mehr ist zu sagen, dass jenes zur Herrlichkeit und Ehre Christi gehört, womit jene Würde nicht zusammen bestehen kann: nämlich, dass Christus, obwohl er, was das Wesen selbst betrifft, nichts anderes als ein Mensch war, sich dennoch in freiwilligen und lobenswerten Reden und Werken so erwiesen hat, wie sich kein Mensch erwiesen hat noch jemals erweisen wird.
„Dazu kommt, dass wir nicht so sehr um die Herrlichkeit Christi selbst — geschweige um jene Würde — besorgt sein müssen als um die Herrlichkeit Gottes. Diese aber erscheint viel größer, wenn Gott durch Christus, obgleich einen bloßen Menschen, so viel und so Großes vollbracht hat, als wenn er dasselbe durch ihn als mit einem göttlicheren Wesen ausgestatteten vollbracht hätte — mag ihm dieses auch von ihm geschenkt gewesen sein. Wie ja ein Künstler viel mehr Lob und Ruhm verdient, wenn er mit einem geringeren und für die Sache selbst an sich untauglicheren Werkzeug ein bedeutendes Werk vollbringt, als wenn er dasselbe Werk mit einem vortrefflicheren und für die Sache selbst an sich bestgeeigneten Werkzeug verrichtete — mag jenes Werkzeug auch von ihm selbst verfertigt sein.“
Atqui haec multo major conspicitur, si per Christum, licet purum hominem, tot tantaque Deus patraverit …
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Die fünf Gründe des Erasmus Johannis und ihre Widerlegung › Antwort auf den zweiten Grund: Würde der Person
Das ist kein Zugeständnis, sondern Sozzinis eigentlicher Gedanke. Das Wunderbarste an Christus ist nicht ein himmlischer Ursprung, sondern dass Gott einem gekreuzigten Menschen „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ gegeben hat (Mt 28,18). Als Erasmus die vornehmsten Werke Gottes aufzählte, hielt Sozzini ihm vor:
„Nur das eine will ich sagen: dass ich mich sehr wundere, dass du unter den unmittelbaren Werken Gottes, die bei Weitem die vortrefflichsten sind, nicht jenes erwähnt hast, das ich nannte — nämlich die Schöpfung des Erlösers —, und zugleich die Erhöhung des Menschen Jesus Christus; ob jemand ein vortrefflicheres und wunderbareres Werk Gottes als diese auch nur im Gedanken fassen kann, weiß ich nicht.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Achtes Argument: Die Würde der Werke › Erinnerung an das mündliche Gespräch
Aus diesem Grundgedanken ergibt sich eine Reihe von Gründen, die Sozzini und seine Nachfolger immer wieder gegen ein Vorleben Christi anführen:
- Der Mittler ist ein Mensch. „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus“ (1 Tim 2,5). Sonst hätte sich Paulus, so Sozzini, „nicht mit der einfachen Benennung ‚Mensch‘ zufriedengegeben“.
- Der Messias musste ein Mensch sein. Israel erwartete einen König aus dem Samen Davids, und ein wahrer König muss von derselben Art sein wie die, über die er herrscht.
- Ein Sohn, der einen Menschen anzieht, wäre keiner von beiden. Bestünde Christus aus einem himmlischen Sohn und dem Menschen, den dieser angezogen hat, so wäre er nach Sozzini in Wahrheit „weder der eingeborene Sohn Gottes noch der Sohn Marias“, so wie ein Mensch aus Seele und Leib weder die Seele ist noch der Leib.
- Ein Vorbild muss sichtbar sein. Paulus stellt Christus zur Nachahmung vor (Phil 2,5; 2 Kor 8,9). Was einer vor seiner Geburt getan haben soll, hat niemand gesehen, und niemand kann es nachahmen.
- Erhöhung setzt Niedrigkeit voraus. „Darum hat ihn auch Gott erhöht“ (Phil 2,9). Erst durch Tod und Auferstehung ist Christus „in Wirklichkeit und mit vollem Recht“ unser Herr geworden (Röm 14,9). Wer ihm diese Herrschaft schon vor der Welt zuschreibt, macht die Erhöhung zu einer bloßen Rückkehr.
- Die Schrift schweigt von einer Menschwerdung. Lukas berichtet von der Krippe, aber nichts davon, dass ein himmlisches Wesen Fleisch angenommen habe. Für Crell ist dieses Schweigen bei einem so großen Geschehen unerklärlich.
Die Schriftstellen der Gegenseite
Erasmus hatte vierzehn Argumente aus der Schrift vorgetragen, Volanus ähnliche. Der Rakower Katechismus nennt drei Hauptbeweise der Gegner: Christus sei im Anfang, im Himmel und vor Abraham gewesen. Sozzinis Verfahren ist überall dasselbe. Er nimmt den Wortlaut ernst, liest den Zusammenhang und fragt, was die ersten Leser verstehen konnten. Für die Beweislast hat er eine klare Regel aufgestellt:
„Daraus versteht man, dass nicht nur in diesem, sondern auch in den meisten anderen deiner Argumente, in denen in der Sache dasselbe geschieht, eine stillschweigende Erschleichung des Beweisgrundes liegt. Und da diese die Behauptung einer Sache betrifft, die im Übrigen an sich ganz und gar befremdlich und höchst widersinnig ist — dass nämlich jemand gewesen sei, bevor er von seiner Mutter geboren wurde —, so genügt jeder Einwand, auch ein wenig wahrscheinlicher, dem nur auf irgendeine Weise Raum sein kann, um diese deine Beweisführungen zu entkräften und aufzulösen.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Drittes Argument: Erniedrigung setzt frühere Herrlichkeit voraus › Zwei Widersinnigkeiten der Gegenposition
Wer etwas so Außergewöhnliches behauptet wie ein Leben vor der eigenen Geburt, muss es zwingend belegen. Sozzini muss deshalb nicht in jedem Fall die richtige Deutung beweisen; es genügt zu zeigen, dass der Text eine andere, schlichtere Deutung zulässt. Er tut aber meist mehr.
Johannes 1,1–3: „Im Anfang war das Wort“
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht“ (Joh 1,1–3). Aus keiner Stelle des Neuen Testaments, schreibt Georg Enyedi, der Superintendent der siebenbürgischen Unitarier, glaube man „die Gottheit und das Dasein Christi vor seiner Mutter“ sicherer beweisen zu können als aus dieser. Sozzini und der Katechismus lesen sie Wort für Wort anders.
Mit dem „Anfang“ ist nicht der Anfang der Welt gemeint. Ein Anfang, sagt der Katechismus, ist gerade das Gegenteil von Ewigkeit; welcher Anfang gemeint ist, ergibt sich aus dem Gegenstand, über den Johannes schreibt:
„An der angeführten Stelle, wo gesagt wird, dass das Wort oder die Rede im Anfang gewesen sei (Joh. 1,1), findet sich nichts über jene Vorewigkeit, da hier der Anfang erwähnt wird, der der Vorewigkeit entgegengesetzt ist. Das Wort ‚Anfang‘ aber, unbestimmt gesetzt, wird aus dem Gegenstand und der vorliegenden Materie verstanden: Da diese für Johannes das Evangelium ist, das heißt die unter dem Evangelium geschehenen Dinge, bleibt hier nichts anderes zu denken als der Anfang des Evangeliums, und zwar ein den Christen, an die er schreibt, bereits bekannter; welcher die Ankunft und Predigt des Täufers war, wie alle Evangelisten bezeugen, die das Evangelium selbst von der Ankunft und Predigt des Täufers her anordnen.“
Rakower Katechismus — Von der Erkenntnis Christi › Prüfung der Schriftbeweise für Christi göttliche Natur › Das Wort im Anfang
So beginnt auch Markus: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk 1,1), und erzählt sogleich vom Täufer. Johannes gebraucht das Wort ebenso, wenn Jesus zu den Jüngern sagt: „denn ihr seid von Anfang bei mir gewesen“ (Joh 15,27). In seinem Kommentar zum Ersten Johannesbrief macht Sozzini daraus eine Regel: Die Wendung „von Anfang an“ meine nicht den Anfang der Welt, sondern müsse „auf den behandelten Gegenstand bezogen werden“.
Das Wort ist für Sozzini kein zweites Wesen neben Gott, sondern ein Name des Menschen Jesus, weil durch ihn Gott sein Evangelium kundgetan hat:
„Weiter: Was Johannes sagt, es sei alles durch das Wort geschehen, das ist auf all das zu beziehen, was zur Sache des Evangeliums gehörte, über die er selbst zu schreiben unternommen hatte und die jener Mensch Christus Jesus zuerst der Welt eröffnet hatte; weshalb er ihn eben aus diesem Grund ‚Wort‘ oder ‚Rede‘ genannt hatte.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Kolosser 1: Erstgeborener der Schöpfung
Der Katechismus erklärt den Namen ähnlich: Jesus heiße das Wort Gottes, „weil er der unmittelbare Ausleger und zugleich Vollstrecker des göttlichen Willens gewesen ist“. Auch der Satz, das Wort sei „bei Gott“ gewesen, hat für ihn einen geschichtlichen Sinn. Zu Beginn des Evangeliums, als der Täufer predigte, sei Jesus seines Amtes schon „mächtig gewesen, obwohl er es noch nicht ausübte, da er zu jener Zeit bei Gott verweilte“; was damit gemeint ist, zeigt der Abschnitt über das Herabkommen vom Himmel. Und „Gott war das Wort“? Das Wort Gottes muss nach dem Katechismus „notwendigerweise ein anderes als Gott selbst sein“, denn es war ja bei ihm. Gott heißt es, weil Gott ihm göttliche Macht gegeben hat. In diesem Sinn scheut sich Sozzini nicht, Christus wahren Gott zu nennen:
„Da jenes Wort, das nichts anderes ist als der Mensch Jesus Christus, seine Gottheit gänzlich dem Schöpfer des Himmels und der Erde, dem wahren Gott, verdankt und ihm völlig untergeordnet ist, werden, obwohl auch er selbst wahrer Gott ist, dennoch nicht in dem Sinne zwei wahre Götter aufgestellt, dass jemand sich mit Recht daran stoßen könnte.“
Fausto Sozzini, Antworten auf die Thesen über den Ausschluss Christi von der wahren Gottheit (Theses de Christo a vera divinitate excludendo), im Band Über die Autorität der Heiligen Schrift — Zur sechsten These
Das Rakower Neue Testament, die deutsche Übersetzung der Polnischen Brüder von 1630, gibt den Vers entsprechend wieder: „Im Anfang war die Rede, und die Rede war bei Gott, und die Rede war ein Gott.“ Dass schließlich „alle Dinge“ durch das Wort gemacht sind, bezieht Sozzini auf die neue Schöpfung durch das Evangelium. Enyedi begründet das mit den Verheißungen der Propheten:
„Denn einst hatte Gott durch Jesaja einen neuen Himmel und eine neue Erde, durch Jeremia einen neuen Bund verheißen. Dies beziehen die Apostel auf die Zeit und das Erscheinen Christi. Und von ihm heißt es, er selbst sei der neue Mensch, der neue Adam, er habe ein neues Reich, neue Bürger (Lk 19,12.27; Mt 21,41) — warum also nicht auch eine neue Schöpfung? Gewiss heißt es mehr als einmal, durch Christus sei eine neue Schöpfung geschehen. Also rät uns die Sache selbst nicht nur, sondern sie zwingt uns sogar, auch dieses Wort des Johannes von der neuen Schöpfung zu verstehen.“
Georg Enyedi, Erklärungen der Bibelstellen zur Dreieinigkeit (Explicationes locorum, 1598) — Das Evangelium nach Johannes › Joh 1: Über das Proömium des Johannesevangeliums
Gemeint ist also nicht die Erschaffung von Himmel und Erde, sondern alles, was mit dem Evangelium neu wurde: der neue Bund, die Gemeinde, die Hoffnung auf das ewige Leben. Der Katechismus spricht von den Dingen, „die zur neuen, durch sein Evangelium bewirkten Schöpfung gehören“.
Johannes 1,14: „Und das Wort ward Fleisch“
Wenn das Wort Jesus selbst ist, wie kann es dann „Fleisch werden“ (Joh 1,14)? Der Katechismus stellt die Gegenseite vor ein Dilemma:
„Ein Mensch zu werden oder geboren zu werden, sagt man von jemandem, der zuvor nicht existierte. Und wenn die Rede im eigentlichen Sinne Fleisch geworden ist — denn nichts zwingt uns, von der wörtlichen Bedeutung abzuweichen —, so war sie entweder tatsächlich bereits eine Person, bevor sie Fleisch wurde, oder sie war es nicht. Wenn sie eine Person war, so hat sie, indem sie Fleisch, das heißt eine andere Substanz, wurde, aufgehört, jene Substanz und folglich auch jene Person zu sein, die sie war. Also war sie nicht jener eine Gott. Wenn sie aber keine tatsächlich existierende Person war, war sie noch viel weniger jener eine Gott.“
Rakower Katechismus — Von der Erkenntnis Christi › Die Fleischwerdung Christi und ihre Schriftzeugnisse › Das Wort ward Fleisch
Das griechische egeneto könne auch „war“ heißen: „Die Rede war Fleisch“, das heißt ein Mensch, „dem Elend, den Bedrängnissen und schließlich dem Tod nicht weniger unterworfen als die übrigen Menschen“. „Fleisch“ bezeichnet in der Bibel den sterblichen Menschen: „denn sie sind Fleisch“ (1 Mose 6,3). Enyedi verweist auf Hebr 2,14: Weil die Kinder „Fleisch und Blut haben“, ist Christus dessen „gleichermaßen teilhaftig geworden“. Die Kinder aber sind nicht Fleisch geworden, sondern als Menschen geboren, und von Christus gilt dasselbe. Ebenso versteht Sozzini das „im Fleisch gekommen“ des Ersten Johannesbriefs (siehe unten).
Johannes 1,15.30: „Denn er war eher denn ich“
Der Täufer sagt von Jesus: „Nach mir kommt ein Mann, welcher vor mir gewesen ist; denn er war eher denn ich“ (Joh 1,30). Ein Mann, der vor dem älteren Johannes da war, also doch ein Vorleben? Enyedi zeigt im Anschluss an Beza, dass das griechische emprosthen („vor“) im Neuen Testament nirgends von der Zeit gebraucht wird und dass der zweite Satzteil den ersten begründet:
„Wenn wir aber sagen, sowohl ἔμπροσθέν μου als auch πρῶτός μου bezeichne die Zeit, dann wird dasselbe durch dasselbe bewiesen, und in den Worten des Täufers läge ein offenkundiges leeres Gerede. Was wäre denn das, bitte, für eine Folgerung: ‚Er war der Zeit nach vor mir, denn er war der Zeit nach eher als ich‘? Das wäre ebenso, als sagte jemand: ‚Aristoteles hat vor mir gelebt, denn er war der Zeit nach eher da als ich.‘“
Georg Enyedi, Erklärungen der Bibelstellen zur Dreieinigkeit (Explicationes locorum, 1598) — Das Evangelium nach Johannes › Joh 1,15
Gemeint ist der Rang. Jesus ist dem Täufer vorgezogen worden, weil er „vorzüglicher“ ist. Das Rakower Neue Testament übersetzt entsprechend: „denn er war fürtrefflicher als ich“.
Vom Himmel gekommen: Johannes 3,13; 6,38.62; 16,28
„Denn ich bin vom Himmel gekommen“, sagt Jesus (Joh 6,38), und: „Wie, wenn ihr denn sehen werdet des Menschen Sohn auffahren dahin, da er zuvor war?“ (Joh 6,62). Volanus hielt Sozzini entgegen, Christus bezeuge seine Herkunft vom Himmel ausdrücklich „und ohne die Hülle bildlicher Redeweise“. Sozzini antwortet zuerst, dass auch Volanus diese Worte nicht wörtlich nehmen kann:
„Doch wie wagst du zu behaupten, Christus habe ohne jedes Bild so gesprochen, da er in derselben Rede sagt, das Brot, das er geben werde, sei sein Fleisch, das er für das Leben der Welt geben wird, und da er vorher immer wieder bezeugt hatte, dieses lebendig machende Brot sei vom Himmel herabgestiegen? Sicherlich ist das Fleisch Christi im Leib der Jungfrau Maria gebildet worden und nicht wirklich vom Himmel herabgefallen — oder wenigstens meinst du selbst dies so. Also muss das ‚vom Himmel herabsteigen‘ in den Worten Christi notwendig anders aufgefasst werden, als jene Worte dir zu lauten scheinen.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Vom Himmel herabgestiegen
„Vom Himmel herabsteigen“ heißt in der Sprache der Schrift zunächst „von Gott selbst ausgehen“, so wie die Taufe des Johannes „vom Himmel“ war (Mt 21,25) und jede gute Gabe „von obenherab“ kommt (Jak 1,17). Paulus nennt Christus den Menschen „vom Himmel“ und fügt hinzu, wie dieser Himmlische seien auch die Himmlischen (1 Kor 15,47–48). Enyedi folgert: Bezeichnete die Wendung eine Ortsbewegung, so müsste man „von allen Frommen sagen, sie seien wirklich vom Himmel herabgestiegen“.
Dann aber geht Sozzini einen Schritt weiter, und hier liegt die eigentümlichste Lehre der Sozinianer. Die Worte vom Herabsteigen und Wieder-Auffahren können sogar wörtlich gelten, wenn man sie auf den Menschen Jesus bezieht:
„Doch was folgt schließlich, wenn zugegeben wird, Christus sei — wahrhaft und eigentlich gesprochen — im Himmel gewesen, ehe er nach dem Tod dorthin aufgenommen wurde? Folgt daraus etwa, er habe von Ewigkeit her bestanden oder wenigstens, ehe er aus Maria geboren wurde? Keineswegs. Denn er konnte wirklich im Himmel gewesen sein, ehe er starb, nachdem er aus Maria geboren war; und nicht nur konnte er es, sondern er musste es — um es so zu sagen — auch. Denn wenn jener Mensch Paulus, der Knecht Christi, vor seinem Tod bis in den dritten Himmel entrückt worden ist und im Paradies selbst gewesen ist, so wird es uns auf keine Weise wahrscheinlich, dass Christus selbst — jener Mensch nämlich — vor dem Tod nicht im Himmel gewesen sei und dass der Knecht in diesem Leben Größeres erlangt habe als der Herr … Zumal wenn Paulus, wie es wahrscheinlich ist, dorthin entrückt worden ist, um jene Geheimnisse Gottes zu sehen, von denen er selbst bezeugt, er habe sie gesehen und ein Mensch könne sie nicht aussprechen: Dann scheint bei Christus, in dem die Erkenntnis aller göttlichen Dinge ohne Maß war — wie sie es auch sein musste —, auf keine Weise zu bezweifeln, dass er dort einige Zeit geweilt hat, ehe er das ihm vom Vater aufgetragene Amt, die Menschen mit himmlischer Lehre zu tränken, öffentlich übernahm.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Die Mitteilung der Eigenschaften
In der zweiten Antwort an Volanus nennt Sozzini diese Auslegung „die allerwahrste“ und bekräftigt: „jener Jesus von Nazaret ist in jener Zwischenzeit eine Weile im Himmel gewesen“. Das griechische hopou ēn to proteron in Joh 6,62 könne auch heißen „wo er zuvor gewesen war“ und beweise kein ständiges Wohnen im Himmel. Zu Joh 3,13 hält er fest, herabgestiegen sei nach Christi eigenen Worten „der Menschensohn selbst — das heißt er als Mensch“. Der Rakower Katechismus hat diese Lehre übernommen. Auf die Frage, woher Jesus den Willen Gottes kannte, antwortet er:
„Aber auf welche Weise gelangte der Herr Jesus selbst zur Kenntnis dieses göttlichen Willens?
„Dadurch, dass er in den Himmel aufgestiegen ist und dort seinen Vater sowie jenes Leben und jene Seligkeit, die er uns verkündigte, geschaut hat und alles, was er lehren sollte, von demselben Vater gehört hat; von dem er sodann vom Himmel auf die Erde herabgesandt und mit einer unermesslichen Fülle des Heiligen Geistes begabt wurde, durch dessen Eingebung er alles, was er vom Vater gelernt hatte, ausgesprochen hat.“
Rakower Katechismus — Das prophetische Amt Jesu Christi › Der Ursprung der Erkenntnis Christi
Die Entrückung Jesu in den Himmel vor seinem öffentlichen Auftreten ist eine Besonderheit der sozinianischen Theologie. Sozzini stützt sie auf den Wortlaut von Joh 3,13 und 6,62 und auf das Beispiel des Paulus, der „entzückt“ wurde „bis in den dritten Himmel“ (2 Kor 12,2). Den Rahmen nennt er: nach der Geburt und vor dem öffentlichen Amt; einen genaueren Zeitpunkt nennt er nicht. Der Rakower Katechismus lehrt sie, Enyedi und Crell halten sie für möglich. Enyedi bietet daneben die Erklärung an, Christus sei vor seiner Geburt „in der göttlichen Vorherbestimmung“ im Himmel gewesen. Wer Sozzini in diesem Punkt nicht folgt, kann seine Hauptthese trotzdem teilen: Kein Wort der Schrift verlangt, dass Jesus vor seiner Geburt gelebt hat.
In die Welt gesandt: Galater 4,4
Erasmus schloss aus der Sendung des Sohnes, dieser sei ausgesandt worden, um geboren zu werden, habe also vorher existiert. Sozzini hält ihm den Wortlaut des Paulus entgegen: „Da aber die Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe“ (Gal 4,4).
„Guter Gott, was höre ich? Jemand werde ausgesandt, um geboren zu werden? Wer hat je so geredet? Gewiss sagen die von dir vorgebrachten Zeugnisse nicht, Christus sei ausgesandt worden, um geboren zu werden. Aber du wirst sagen, dies sei deine Auslegung. Eine wunderliche Auslegung fürwahr, die Paulus das Gegenteil dessen sagen lässt, was er offen sagt! Denn er sagt, wie du selbst seine Worte angeführt hast, Gott habe seinen Sohn ausgesandt, geboren aus einer Frau. Nun aber ist der, der als Geborener ausgesandt wird, schon geboren, wenn er ausgesandt wird.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Elftes Argument: „Er hat seinen Sohn gesandt“
„In die Welt gesandt werden“ heißt: ein Amt unter den Menschen übertragen bekommen. Jesus sagt es von seinen Jüngern mit denselben Worten: „Gleichwie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt“ (Joh 17,18). Enyedi zieht daraus den Schluss:
„Dass aber ein solches Ausgehen und eine solche Sendung keinerlei Präexistenz im Himmel bedeutet, lässt sich aus ähnlichen Worten leicht zeigen. Denn Christus sagt Joh 17,18: ‚Wie du (Vater) mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.‘ Und Joh 20,21: ‚Wie mich der Vater gesandt hat, so sende auch ich euch.‘ Wenn man also daraus, dass Christus von Gott in die Welt gesandt wurde, schließen muss, er sei vorher im Himmel gewesen, so wird man dasselbe auch von den Aposteln sagen müssen; denn Christus sagt, er habe sie in gleicher Weise gesandt.“
Georg Enyedi, Erklärungen der Bibelstellen zur Dreieinigkeit (Explicationes locorum, 1598) — Das Evangelium nach Johannes › Joh 16,28
Ebenso sagt Jesus vor Pilatus: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll“ (Joh 18,37), zuerst geboren, dann in die Welt gekommen, wie Sozzini und der Katechismus betonen. Und wenn der Vater den Sohn gesandt hat „zum Heiland der Welt“ (1 Joh 4,14), dann nach Sozzini nicht, weil er vorher schon Retter war, sondern „damit er Retter der Welt sei“. Auch das Wort vom Ausgehen und Zurückkehren in Joh 16,28 spricht von Sendung und Heimkehr, nicht von einem Leben vor der Geburt.
Johannes 8,58: „Ehe denn Abraham ward, bin ich“
Kaum ein Wort Jesu wird so oft für sein Vorleben angeführt (Joh 8,58). Sozzini bemerkt zunächst, dass Jesus nie behauptet, Abraham gesehen zu haben: Abraham sah den Tag Christi als Prophet voraus (Joh 8,56). Dann wendet er sich der Grammatik zu. Der griechische Infinitiv hänge von Verben der Gegenwart ab und sei deshalb auf die Zukunft zu beziehen: „ehe Abraham wird“. Und der Satzteil gehöre nicht zu „bin ich“, sondern zu „ich sage euch“:
„Obgleich, wie ich meine, jenes Glied des Satzes, πρὶν Ἀβραὰμ γενέσθαι, eher nicht mit dem Wort εἰμί, sondern mit dem Wort λέγω zu verbinden ist; und das Wörtchen ὅτι beziehungsweise ‚dass‘, das in diesem Satz durchaus hinzuzudenken ist, nicht vor jenes, sondern unmittelbar vor das Wort εἰμί zu setzen ist, so dass die ganze Stelle lateinisch so wiedergegeben wird: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ehe Abraham wird: dass ich es bin.“
Amen Amen dico vobis, antequam Abraham fiat, quod ego sum.
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Viertes Argument: „Ehe Abraham wurde, bin ich“ › Die Lesart des Ausspruchs Christi
„Ich bin es“ hat hier denselben Sinn wie in Joh 8,24 („so ihr nicht glaubt, daß ich es sei“): Ich bin der Christus. Und Abraham „wird“ erst noch, was sein Name bedeutet:
„Jener Mensch Abraham war zwar schon geworden; aber noch nicht geworden war das, was sein Name bedeutete und weswegen ihm jener Name von Gott beigelegt worden war. Noch hatten nicht viele Völker den Glauben erlangt, und darum war jener Mensch Abraham, der der Vater der Glaubenden ist, noch nicht zum Vater vieler Völker geworden; und man konnte auch noch nicht sagen, Abraham selbst sei wahrhaft geworden, da ‚Abraham‘ nichts anderes ist als ‚Vater der Menge‘, das heißt vieler Völker. … Wie also Christus die Juden bei anderer Gelegenheit gemahnt hat, sie sollten wandeln, solange sie das Licht hätten, und ihnen mehrfach unverhüllt gedroht hat, es werde geschehen, dass den Völkern das Reich Gottes gegeben, sie selbst aber seiner beraubt würden, so mahnt er sie auch an dieser Stelle nicht ohne stille Drohung, sie sollten, ehe den Völkern die Tür des Glaubens geöffnet wird, anerkennen, dass er der Christus ist.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Ehe Abraham wurde
Enyedi hält die übliche Übersetzung für einen Sprachfehler: „Wer würde denn so reden: ‚Ehe Alexander mit Darius kämpfte, bin ich‘?“ Der Rakower Katechismus ergänzt das „ich bin“ aus Joh 8,12 zu „ich bin das Licht der Welt“, und das Rakower Neue Testament übersetzt: „ehe denn Abraham wird, ich bin“. Sozzini selbst betont, die Auslegung stamme nicht von ihm, sondern von dem Mann, der „in unserem Zeitalter als Erster“ die Wahrheit über das Wesen Christi ans Licht gebracht habe. Gemeint ist wohl sein Onkel Lelio Sozzini.
Johannes 17,5: „Mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war“
„Und nun verkläre mich du, Vater, bei dir selbst mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war“ (Joh 17,5). Erasmus las darin die Bitte, in die Herrlichkeit zurückzukehren, die Christus „vor der Gründung der Welt in den Himmeln genossen“ habe. Sozzini verweist auf dasselbe Gebet, in dem Jesus seine Worte selbst erklärt: „denn du hast mich geliebt, ehe denn die Welt gegründet ward“ (Joh 17,24). Vor der Welt hatte Christus die Herrlichkeit so, wie die Glaubenden die Gnade haben, „die uns gegeben ist in Christo Jesu vor der Zeit der Welt“ (2 Tim 1,9): im Ratschluss Gottes.
„Jene Liebe also, mit der Gott nicht nur Christus, sondern auch uns in ihm vor Grundlegung der Welt geliebt hat, ist der Grund, weshalb Christus mit Recht gesagt hat, er habe schon damals Klarheit oder Herrlichkeit bei Gott gehabt beziehungsweise sie sei ihm von ihm gegeben worden — und weshalb wir dasselbe von uns mit Recht sagen können. Nicht aber hat Christus so von sich geredet, weil er sie schon damals in Wirklichkeit gehabt hätte.“
Non autem ita locutus est de se Christus, quia jam tum illam reipsa haberet.
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Sechstes Argument: „Die Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war“ › Christi eigene Erklärung seiner Worte
Mit dieser Deutung steht Sozzini nicht allein. Er beruft sich ausgerechnet auf einen Trinitarier: Augustinus hatte die Stelle in seinen Vorträgen über das Johannesevangelium auf den Menschen Christus bezogen und mit der Vorherbestimmung erklärt:
„Und nun verherrliche mich; das heißt: wie damals, so auch jetzt; wie damals in der Vorherbestimmung, so auch jetzt in der Vollendung. Mach in der Welt, was bei dir schon vor der Welt war; mach zu seiner Zeit, was du vor allen Zeiten festgesetzt hast. … Denn so sind wir erwählt, wie er verherrlicht ist: weil, ehe die Welt war, weder wir waren noch er selbst, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus.“
Augustinus, Vorträge über das Johannesevangelium 105, angeführt bei Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Sechstes Argument › Das Zeugnis des Augustinus
Der Katechismus fasst das in den Satz, man könne etwas „beim Vater“ haben, ohne damals wirklich zu existieren. Sozzini sagt an anderer Stelle allgemein: „Was nämlich Gott beschlossen hat, wird als bereits geschehen betrachtet“. Die erbetene Herrlichkeit setzt zudem voraus, was es vor der Welt nicht gab. Gott hat Christus Macht gegeben, „auch das Gericht zu halten, darum daß er des Menschen Sohn ist“ (Joh 5,27). Ein Richter über Lebende und Tote, eingesetzt, weil er ein Mensch ist, konnte diese Herrlichkeit vor der Erschaffung der Menschen nicht in Wirklichkeit besitzen. Dass Christus „zuvor ersehen“ war (1 Petr 1,20), sagt genau das.
Philipper 2,5–11 und 2. Korinther 8,9: Gestalt Gottes und Knechtsgestalt
„Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war: welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt er’s nicht für einen Raub, Gott gleich sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an“ (Phil 2,5–7). Für Erasmus wie für Volanus setzte eine so tiefe Erniedrigung eine frühere Herrlichkeit voraus. In seiner Antwort an Volanus beginnt Sozzini beim Subjekt des Satzes:
„Nun aber war Jesus Christus selbst in Wahrheit nicht, ehe er ein Mensch war — auch wenn jener ‚Logos‘, den ihr euch neben jenem Menschen erdichtet habt, wirklich schon gewesen wäre. Denn ‚Jesus‘ ist der Eigenname jenes Menschen, und ‚Christus‘ bedeutet ‚der Gesalbte‘ und bezieht sich darum notwendig auf einen Menschen. Denn die göttliche Natur kann nicht gesalbt werden, und sie hat es nicht nötig, gesalbt zu werden.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Philipper 2: Gestalt Gottes
Paulus stellt Christus außerdem als Vorbild vor. Ein Vorbild aber muss man sehen und nachahmen können. Enyedi macht das an einem Bild anschaulich:
„Wollte etwa jemand einen anderen anhand eines Beispiels zur Schnelligkeit ermahnen und spräche so: ‚Sei schnell, wie du siehst, dass jener Vogel schnell ist‘, so wäre dieses Beispiel ungeschickt. Denn der Ermahnte könnte antworten, er sei weder ein Vogel noch habe er Flügel noch könne er fliegen, und darum sei er auch nicht verpflichtet, schnell zu sein. Ebenso wäre die Ermahnung des Paulus ungeschickt und leer, wenn die Ansicht der Gegner wahr wäre. Denn nach ihnen ist dies der Sinn der Worte des Paulus: ‚Seid demütig wie Christus, der, obwohl er vor der Mutter der ewige Gott war, danach Mensch geworden ist oder Fleisch angenommen hat.‘ Darauf hätten die Philipper antworten können, sie seien weder vor ihrer Mutter ewige Götter gewesen, noch hätten sie Menschen werden können oder könnten es; daraus folge also nicht, dass auch sie demütig sein müssten, wenn Christus demütig gewesen sei.“
Georg Enyedi, Erklärungen der Bibelstellen zur Dreieinigkeit (Explicationes locorum, 1598) — Der Brief an die Philipper › Phil 2,5
Die „Gestalt Gottes“ war nach Sozzini die göttliche Macht, die Jesus auf Erden ausübte. Er gebot „dem Meer, den Winden und den Stürmen, dazu allen Krankheiten und Gebrechen und dem Tod selbst und endlich den Dämonen“. Diese Gleichheit mit Gott hielt er niemals „wie einen Raub, sondern stets wie eine ihm geschenkte Gabe“, und er legte sie in der Passion „dem Anschein nach“ ab, als er sich greifen, schlagen und kreuzigen ließ. Ebenso liest Sozzini 2 Kor 8,9: Christus war reich an himmlischen Gaben und göttlichen Wirkungen, „während er das Evangelium des Reiches Gottes verkündete“, und wurde arm, als er sie in seinem Leiden nicht mehr gebrauchte. Sozzini übersetzt wörtlich: „er bettelte, während er reich war“. Schließlich wäre nach der kirchlichen Lehre der Erniedrigte nicht derselbe wie der Erhöhte:
„Überdies wäre derjenige, der sich erniedrigt hat, in Wahrheit nicht derselbe, der später erhöht worden ist. Denn nach eurem Belieben hat sich Gott erniedrigt, der Mensch aber ist erhöht worden. Doch kann Gott oder die göttliche Natur, wie sie nicht erhöht werden kann, so auch sich in Wahrheit nicht erniedrigen.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Philipper 2: Gestalt Gottes
Darum folgt im Hymnus die Erhöhung als Lohn: „Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist“ (Phil 2,9), und alles geschieht „zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11).
Kolosser 1,15–17 und Hebräer 1,2: „Durch ihn ist alles geschaffen“
„Welcher ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor allen Kreaturen. Denn durch ihn ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist“ (Kol 1,15–16). Gegen Volanus macht Sozzini aus dem Titel des Erstgeborenen ein Dilemma:
„Wenn aber der Ausdruck ‚aller Schöpfung‘ auf die alte Schöpfung der Dinge bezogen wird, so muss Christus notwendig als ein geschaffenes Ding vor der Schöpfung des Himmels und der Erde bestanden haben, wie Arius sagte. Denn das Wort ‚Erstgeborener‘ bezieht sich nicht bloß auf die Würde, sondern hauptsächlich auf die Zeit; das ist aus jener Stelle selbst offenkundig. … Deshalb musst du, wenn du nicht ein Arianer sein willst, durchaus zugeben, dass dort nicht von der ersten Schöpfung der Dinge die Rede ist, sondern von der zweiten: in welcher Christus wahrhaftig nicht bloß der Würde, sondern auch der Zeit nach als geschaffenes Ding allen geschaffenen Dingen vorangeht — wie alle zugestehen; und so wird alles ganz klar sein.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Kolosser 1: Erstgeborener der Schöpfung
Paulus nennt „Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Obrigkeiten“, nicht Sonne, Pflanzen und Tiere. Er meint die neue Ordnung aller vernünftigen Wesen, seit Gott den auferweckten Christus zum Haupt über Engel und Menschen gesetzt hat (Eph 1,20–22). Sozzini erklärt es mit einem Bild aus dem Staatswesen:
„Und das freilich deshalb, weil, wie wir von Anfang an gesagt haben, jene Dinge vornehmlich insofern durch Christus geschaffen, das heißt umgestaltet sind, als er selbst begonnen hat, über sie zu herrschen und sie zu lenken und zu regieren. Denn abgesehen davon, dass dies schon von sich aus jener Rangordnung eine neue Gestalt gibt, die zuvor einen solchen Herrn und Lenker nicht hatte, ist es auch die Ursache dafür, dass allen, die in ihr enthalten sind, Gewalt und Ämter geändert, vermehrt oder vermindert werden können, wie es ihm gut scheint. So sehen wir es geschehen, wenn jemand Fürst und Herr eines Gemeinwesens geworden ist. Und niemand wird zu leugnen wagen, dass dieses Gemeinwesen schon dadurch, dass es einen Fürsten und Herrn erlangt hat, den es zuvor nicht hatte, zugleich eine neue Gestalt erlangt hat.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Vierzehntes Argument: „Durch ihn ist alles geschaffen“ › Die Umstände der Stelle und der Vergleich mit dem Epheserbrief
Und dass Christus „vor allem“ ist (Kol 1,17), ist nach Enyedi „nicht auf die Zeit, sondern auf die Würde zu beziehen“.
Dasselbe gilt für Hebr 1,2, wo Gott durch den Sohn „die Welt gemacht hat“, im Griechischen „die Zeitalter“. Welche Zeitalter, erklärt der Verfasser selbst: „Denn er hat nicht den Engeln untergetan die zukünftige Welt, davon wir reden“ (Hebr 2,5). Der Katechismus fügt hinzu, diese Zeitalter seien durch den gemacht, den Gott „zum Erben aller Dinge“ eingesetzt hat, und das geschah erst nach der Auferstehung. Sozzini fasst die Regel so zusammen:
„Sondern ich sage: da es schon von sich aus ganz und gar lächerlich und widersinnig erscheint, Christus zuzuschreiben, dass durch ihn die Welt zuerst geschaffen worden sei, wenn nicht zuvor feststeht, dass er damals schon bestanden hat, als die Welt zuerst geschaffen wurde — oder doch gewiss, da nirgends ausdrücklich etwas darüber geschrieben ist, dass jene erste Schöpfung durch ihn geschehen sei —, so ist es ganz und gar angemessen, dass die Stellen, an denen gesagt wird, die Schöpfung sei durch Christus geschehen, nicht von der ersten, sondern von der zweiten Schöpfung genommen werden.
„Denn es liegt und kann nichts Widersinniges darin liegen, dass die zweite Schöpfung durch Christus geschehen ist; und dass sie geschehen ist, das ist sowohl völlig gewiss als auch aufs Beste bezeugt.“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Vierzehntes Argument: „Durch ihn ist alles geschaffen“ › Der letzte Einwand
Die Schöpfungsaussagen über Christus beschreiben demnach nicht den Anfang der Welt, sondern den Neuanfang, den Gott mit dem auferweckten Christus gesetzt hat.
Hebräer 1,6.10–12: Die Engel und der Psalm von der Schöpfung
Im ersten Kapitel des Hebräerbriefs wird Christus auch ein Psalmwort zugesprochen, das von der Schöpfung redet: „Du, HERR, hast von Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk“ (Hebr 1,10, nach Ps 102,26). Sozzini antwortet, der Verfasser zitiere den Abschnitt wegen dessen, was folgt: der Verwandlung dieser Weltzeit und der ewigen Dauer des Königs. Den ersten Satz habe er nur mitnehmen müssen, weil das Folgende ohne ihn unverständlich wäre. Vor allem passe eine Erschaffung der Welt nicht zu dem, was das Kapitel beweisen will:
„Damals also, versichert dieser göttliche Schriftsteller, ist Christus vortrefflicher als die Engel geworden, als — oder nachdem — er die Reinigung von unseren Sünden durch sich selbst bewirkt hatte und sich zur Rechten der Majestät in der Höhe setzte. Wer sieht also nicht, dass es unmöglich ist, dass er für den Vorrang Christi vor den Engeln, den er meint und den er sodann aus den Heiligen Schriften zu bekräftigen unternimmt, ein Zeugnis angeführt haben sollte, in dem Christus die erste Schöpfung des Himmels und der Erde zugeschrieben würde?“
Fausto Sozzini, Über die Existenz des eingeborenen Sohnes Gottes (De unigeniti Filii Dei existentia) — Fünftes Argument: „Du, Herr, hast im Anfang die Erde gegründet“ › Warum der ganze Psalm angeführt wird
Enyedi argumentiert ebenso: Wollte der Apostel beweisen, dass der Schöpfer größer ist als seine Geschöpfe, hätte er sich all die Zeugnisse sparen können. „Niemand aber hat je bezweifelt, dass der Schöpfer erhabener ist als das Geschöpf.“ Auch die Anbetung durch die Engel (Hebr 1,6) gilt nach Sozzini dem Erhöhten: Sie war ihm „nicht geschuldet als erst nach dem Kreuzestod, als Lohn des höchsten Gehorsams“. Der Katechismus nennt schließlich einen Sinn, in dem sich selbst die erste Schöpfung auf Christus beziehen lässt. Weil Gott ihn vor aller Schöpfung zur Herrlichkeit bestimmt hatte, sei die Welt „um des Messias willen erschaffen“ worden.
Johannes 12,41 und 1. Korinther 10,4: Jesaja und der Fels in der Wüste
„Solches sagte Jesaja, da er seine Herrlichkeit sah und redete von ihm“ (Joh 12,41). Hat Jesaja also Christus gesehen, der damals schon lebte? Sozzini bezieht „seine Herrlichkeit“ auf die Erscheinung Gottes in Jes 6 und weist auf eine alte Handschrift hin, die nach einer Randnotiz der griechischen Ausgabe des Robert Estienne „die Herrlichkeit Gottes“ las. Doch selbst wenn Christus gemeint ist, sah Jesaja dessen Herrlichkeit so, wie Propheten sehen: „nicht die damals gegenwärtige, sondern die künftige“. Ähnlich steht es mit dem Satz des Paulus über die Israeliten in der Wüste: „sie tranken aber vom geistlichen Fels, der mitfolgte, welcher war Christus“ (1 Kor 10,4). Der Fels, sagt der Katechismus, war Christus „im übertragenen Sinne, nämlich weil er dessen Bild und Abbild war“. Enyedi erinnert daran, dass ein Zeichen meist auf Abwesendes und Künftiges weist. Und wenn Paulus mahnt: „Lasset uns aber auch Christum nicht versuchen, wie etliche von jenen ihn versuchten“ (1 Kor 10,9), dann folgt für Enyedi schon aus dem Namen „Christus“, also „Gesalbter“, dass er damals nicht gemeint sein konnte: „Wie konnte also versucht werden, was nicht war?“
Sprüche 8 und Micha 5,1: Die Weisheit und der Ausgang von Ewigkeit
Aus dem Alten Testament führte man vor allem zwei Stellen an. In Spr 8,22–23 spricht die Weisheit: „Der HERR hat mich gehabt im Anfang seiner Wege; ehe er etwas schuf, war ich da. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit, von Anfang, vor der Erde.“ Der Katechismus sieht darin keine Person, sondern die Weisheit Gottes, die Salomo „nur durch eine Prosopopöie als redend einführt“, also redend auftreten lässt, als wäre sie eine Person. Paulus nenne den gekreuzigten Christus „göttliche Weisheit“ (1 Kor 1,24), weil sich an ihm Gottes Weisheit zeigt. Enyedi fügt hinzu, Paulus spreche „vom gekreuzigten Jesus. Zur Zeit Salomos aber war Jesus weder vorhanden noch gekreuzigt.“ Bei Micha heißt es vom künftigen Herrscher aus Bethlehem, sein „Ausgang“ sei „von Anfang und von Ewigkeit her gewesen“ (Mi 5,1). Der Katechismus wendet ein: „Denn hier wird ein Anfang und werden Tage erwähnt, die in einer solchen Ewigkeit keinen Platz haben.“ Im Hebräischen stehe „von Anfang oder von alters her, von den Tagen der Vorzeit“, und das bezieht er auf die Herkunft aus alter Zeit: Christus werde den Ursprung seiner Geburt auf David zurückführen, „der sowohl ein Bethlehemit war als auch der Begründer des Stammes und der Familie Christi“.
Der Erste Johannesbrief: „Das da von Anfang war“ und „in das Fleisch gekommen“
Der Erste Johannesbrief beginnt: „Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unsern Augen … vom Wort des Lebens“ (1 Joh 1,1). Sozzini weist in seinem Kommentar darauf hin, dass Johannes das sächliche Geschlecht gebraucht: Er meine „nicht etwa eine persona, sondern eine Sache“, nämlich das Evangelium. Und das Leben, „das ewig ist, welches war bei dem Vater“ (1 Joh 1,2), war beim Vater, „weil es nämlich zuvor nicht kundgetan, sondern nur Gott selbst bekannt war, der beschlossen hatte, die ihm gehorsamen Menschen damit zu beschenken“.
Später heißt es: „ein jeglicher Geist, der da bekennt, daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist von Gott“ (1 Joh 4,2). So übersetzt auch Luther, und so verstand man den Vers als Bekenntnis zur Menschwerdung. Sozzini verwirft diese Lesart, die die Evangelischen seiner Zeit nach der lateinischen Übersetzung Theodor Bezas lasen. Im Griechischen steht en sarki, „im Fleisch“, nicht „in das Fleisch“, und Jesus Christus könne gar nicht „in das Fleisch“ gekommen sein, weil er „ohne die menschliche Natur oder außerhalb derselben nicht einmal gedacht werden kann“. „Im Fleisch gekommen“ heißt: als sterblicher, leidender Mensch aufgetreten. In diesem Zusammenhang steht der Satz, der Sozzinis Christologie bündig zusammenfasst:
„… Jesus Christus, der kein anderer ist, weder neben ihm noch vor ihm, als jener Mensch Jesus von Nazareth, der erst dann ins Dasein trat, als er von der Jungfrau geboren wurde …“
… Jesum Christum, qui nullus alius est nec praeter neque ante ipsum, quam homo ille Jesus Nazaraenus, qui tunc demum extitit, cum ex virgine natus est …
Fausto Sozzini, Kommentar zum Ersten Johannesbrief (Commentarius in Epistolam Johannis Apostoli Primam) — Die Prüfung der Geister und die Liebe Gottes › Verteidigung der bejahenden Regel zur Geisterunterscheidung
Einwände und Antworten
„Dann ist Jesus nur ein Mensch wie jeder andere.“
Nein. Unter einem „bloßen Menschen“ versteht Sozzini einen, „der zwar das Wesen eines Menschen hat und außerdem kein anderes, im Übrigen aber mit Eigenschaften ausgestattet sein kann, die er mit keinem anderen Menschen gemeinsam hat“. Jesus ist durch den Heiligen Geist empfangen, ohne Sünde, von Gott auferweckt und zu seiner Rechten erhöht. Sozzini nennt ihn sogar Gott, nicht dem Wesen nach, sondern weil Gott ihn dazu eingesetzt hat, und doch nicht bloß dem Namen nach: „Nun aber ist Christus, obwohl ein geschaffenes Ding, nicht bloß dem Meinen nach, sondern in der Sache selbst Gott — und zwar unser Gott, uns wirklich von jenem einen Gott gegeben und eingesetzt.“ Wie die Verehrung des erhöhten Christus zu verstehen ist, behandelt die Seite Anbetung Christi.
„Das ist die alte Irrlehre Ebions und Pauls von Samosata.“
Volanus behauptete sogar, die Brüder verehrten Ebion, Kerinth und Paul von Samosata als Heilige. Sozzini antwortet genau. Mit Paul von Samosata, dem Bischof von Antiochia im 3. Jahrhundert, stimme man darin überein, dass er leugnete, „der Sohn Gottes habe wirklich bestanden, ehe er im Schoß der Jungfrau Maria empfangen wurde“, und auch sonst weiche dessen Auffassung von der Person Christi wenig von der eigenen ab; als Heiligen verehre man ihn dennoch nicht. Von den Ebioniten, die Jesus für den Sohn Josefs hielten und am Gesetz des Mose festhielten, trenne sie das Wesentliche. Und er dreht den Vorwurf um: Eher erinnere die Lehre der Gegner an Kerinth, nach dem ein himmlischer Christus erst bei der Taufe auf den Menschen Jesus herabkam:
„Was nun, frage ich, haben diese Fieberträume mit der Auffassung unserer Leute gemein, die standhaft glauben, dass Jesus aus der Jungfrau Maria geboren ist, ohne alles Zutun Josephs und ohne dass sein Same dabei mitgewirkt hätte, und die keinen anderen Christus anerkennen als eben diesen Jesus, der aus Maria geboren ist und wirklich den Kreuzestod erlitten hat und auferstanden ist? Stimmt nicht vielmehr die Auffassung des Volanus und der Seinen mit der Meinung Cerinths überein, wenn sie sagen, der ewige Sohn Gottes sei vom Himmel herabgestiegen und habe den Menschen mit sich in einer und derselben Hypostase verbunden, und jener Sohn habe nicht wirklich, sondern nur nach einer Redefigur, die sie ‚Mitteilung der Eigenschaften‘ nennen, gelitten und sei auferstanden — während unterdessen allein jener Mensch wirklich gelitten habe und auferstanden sei?“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Zweite Antwort auf alles, was Volanus der vorigen Antwort entgegengehalten hat › Ebion, Cerinth und der Samosatener
Neu sei die Lehre ohnehin nicht. Paul von Samosata, Photinus und andere hätten viele Schüler gehabt, und gelehrt hätten sie schon „die Apostel Christi selbst“.
„Hat Christus sich nicht selbst auferweckt?“
Erasmus berief sich auf Joh 2,19 („Brechet diesen Tempel, und am dritten Tage will ich ihn aufrichten“) und Joh 10,18 („Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen“). Wer sich selbst auferweckt, müsse ein Wesen in sich tragen, das nicht stirbt. Sozzini verweist auf das Zeichen des Jona (Mt 12,40): Nicht Jona befreite sich aus dem Fisch, sondern das Tier spie ihn aus, weil Gott es wollte; ebenso gab die Unterwelt Christus auf Gottes Gebot zurück. Das griechische labein in Joh 10,18 heiße oft nicht „nehmen“, sondern „empfangen“: „Ich habe Macht, mein Leben hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu empfangen.“ Gerade darin liegt für Sozzini die Größe Christi. Er starb im Vertrauen darauf, dass Gott ihm das Leben neu schenken werde.
„Die Kirche hat immer anders gelehrt.“
Volanus berief sich auf das „beständige Urteil der ganzen Kirche“. Sozzini hält dagegen, dass sich die Kirche an den Aposteln messen lassen muss, und die unterscheiden den einen Gott, den Vater, vom Herrn Jesus Christus (1 Kor 8,6; Joh 17,3): „Wie also wagt Volanus zu behaupten, das beständige Urteil der ganzen Kirche werde von uns verachtet, wenn wir ebendas, was die Apostel selbst gedacht haben, standhaft behaupten?“ Wo die Schrift dunkel scheint, gilt die Regel, die Enyedi den Auslegern vorhält: Verständige pflegten „das, was dunkel und mehrdeutig gesagt ist, aus dem zu erhellen und auszulegen, was klar und anderswo deutlich überliefert ist“.
„Muss man das glauben, um Christ zu sein?“
So entschieden Sozzini das Vorleben Christi bestreitet, so wenig macht er seine Ablehnung zur Bedingung der Gemeinschaft. In der ersten Antwort an Volanus schreibt er:
„Denn es genügt uns, soweit diese Sache betrifft, wenn jeder bekennt: Jener höchste Gott Jehova ist einer, nämlich der, welcher der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist, und außer ihm ist kein anderer; Jesus von Nazareth aber, nämlich jener Mensch, der wirklich gekreuzigt worden ist, ist der Sohn des lebendigen Gottes, dem alles von Gott in die Hände gegeben ist, den wir verehren müssen und von dem wir das ewige Leben erwarten müssen — was auch einer im Übrigen über den Sohn Gottes selbst denken mag hinsichtlich der Zeit, ehe er aus Maria geboren wurde. Obgleich wir sehr danach verlangen und nach Kräften daran arbeiten, dass jeder die Wahrheit selbst aufs genaueste erkenne.“
Fausto Sozzini, Über die Natur Jesu Christi (De Jesu Christi natura) — Erste Antwort auf die Mahnschrift des Andreas Volanus › Was die Kirche Christi ist
Und in der zweiten Antwort: Obwohl er leugne, dass Christus jener Gott sei, der Himmel und Erde geschaffen hat, „so mache ich doch die nicht zu Ketzern, die es behaupten“.
Was die Schrift bezeugt
Den Stellen, die ein Vorleben zu lehren scheinen, stehen die Zeugnisse gegenüber, die von Jesu Herkunft, Sendung und Erhöhung sprechen, ohne ein Vorleben auch nur zu erwähnen. Die Bibelzitate auf dieser Seite folgen der Lutherbibel von 1912.
- Lukas 1,35 — „darum wird auch das Heilige, das von dir geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“: Der Engel nennt die Empfängnis durch den Heiligen Geist als Grund der Gottessohnschaft.
- Galater 4,4 — „sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe“: gesandt als einer, der schon geboren ist.
- Römer 1,3–4 — „der geboren ist von dem Samen Davids nach dem Fleisch und kräftig erwiesen als ein Sohn Gottes … seit der Zeit, da er auferstanden ist von den Toten“: als Sohn Gottes erwiesen durch die Auferstehung.
- Apostelgeschichte 13,23 — „Aus dieses Samen hat Gott, wie er verheißen hat, kommen lassen Jesum, dem Volk Israel zum Heiland“: Verheißen war ein Nachkomme Davids.
- Apostelgeschichte 2,36 — „daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht hat“: Herrschaft als Gabe, nicht als Rückkehr.
- 1. Timotheus 2,5 — „ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus“: auch nach der Erhöhung ein Mensch.
- Hebräer 1,1–2 — „Nachdem vorzeiten Gott manchmal und mancherleiweise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn“: Durch den Sohn spricht Gott erst in den letzten Tagen.
- 1. Petrus 1,20 — „der zwar zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund gelegt ward, aber offenbart zu den letzten Zeiten“: vorher ersehen, nicht vorher gewesen.
- Johannes 17,3 — „daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen“: Der Gesandte wird vom allein wahren Gott unterschieden.
- Hebräer 2,17 — „Daher mußte er in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden“: ein Bruder der Menschen, kein himmlisches Wesen in Menschengestalt.
- Markus 13,32 — Von jenem Tag „weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater“: begrenztes Wissen eines wahren Menschen.
Nachwirkung
Der Rakower Katechismus, 1605 auf Polnisch und 1609 auf Lateinisch erschienen und später von Crell, Schlichting und Ruar erweitert, hat Sozzinis Christologie bis in die Einzelheiten übernommen, die Entrückung Jesu in den Himmel eingeschlossen. Er fragt auch, inwiefern die rechte Erkenntnis über Christi Natur „für das Heil in höchstem Maße nützlich“ sei, und antwortet, die gegenteilige Lehrmeinung verdunkle die Ehre Gottes, erschüttere die Hoffnung und mache aus Christus „ein anderes Subjekt“. Beim dritten Grund nennt er das Vorleben ausdrücklich:
„Was ist der dritte Grund?
„Sie macht aus Christus jenen einen Gott selbst und sagt, er sei der Sohn Gottes, der vor der Empfängnis des Menschen Jesus aus dem Heiligen Geist und vor seiner Geburt aus der Jungfrau, ja vor allen Zeiten tatsächlich existiert habe, und richtet unsere Verehrung, Ehre und unseren Glauben auf diesen; wobei doch derjenige, der wahrhaft Christus und Gottes Sohn ist, für sich allein und an sich betrachtet, ihnen entweder ein Götze wäre, wenn er verehrt würde, oder nicht ersichtlich ist, auf welche Weise er zugleich jener eine Gott und Mensch sein und sowohl als jener eine Gott als auch als ein von diesem erhöhter Mensch verehrt werden könnte.“
Rakower Katechismus — Von der Erkenntnis Christi › Der Nutzen der rechten Erkenntnis über Christi Natur › Die Verfälschung des wahren Sohnes Gottes
In ihrer deutschen Übersetzung des Neuen Testaments von 1630 trugen die Polnischen Brüder diese Auslegung bis in den Bibeltext, wie die oben angeführten Wiedergaben von Joh 1,1, 1,15 und 8,58 zeigen. In Siebenbürgen legte Georg Enyedi (1555–1597), Superintendent der unitarischen Kirche, die Belegstellen der Dreieinigkeitslehre einzeln aus; seine Explicationes erschienen 1598 nach seinem Tod. In Raków bündelte Johannes Crell die Argumente in seinem Werk Über den einen Gott, den Vater (1631). Sozzinis Enkel Andrzej Wiszowaty (1608–1678) schließlich führte in seiner Vernünftigen Religion die Beweise aus Joh 1,1 und Phil 2,6 als Beispiele unschlüssiger Folgerungen vor:
„Es heißt, das Wort Gottes, das heißt Christus, sei im Anfang gewesen; also sei er von aller Ewigkeit her gewesen oder wenigstens im Beginn der alten Schöpfung. Dabei wird doch ‚Anfang‘, wenn man ihn auf den zugrunde liegenden Gegenstand bezieht, in den Heiligen Schriften oft anders genommen, wie Joh. 15,27; 16,4; Lk. 1,2; Apg. 11,15; 1. Joh. 2,7.24; 3,11; 2. Joh. 5f. Christus war in der Gestalt Gottes; also sei dies vom Wesen Gottes selbst zu verstehen. Dabei wird doch ‚Gestalt‘ in den Heiligen Schriften nicht vom inneren Wesen genommen, wie sich zeigt Mt. 17,2; Mk. 9,2; 16,12; Röm. 12,2.“
Andrzej Wiszowaty, Vernünftige Religion (Religio rationalis) — Siebzehn Beweisgründe für den Gebrauch der Vernunft › Siebzehnter Beweis: Die Praxis der Streitenden widerlegt ihre eigene Lehre
Mit der Vertreibung der Polnischen Brüder um 1660 gelangten ihre Schriften in die Niederlande und nach England. In der Bibliotheca Fratrum Polonorum, die ab 1665 in Amsterdam erschien, wurden Sozzinis Werke gesammelt gedruckt. Seither wird die Frage, ob Jesus vor seiner Geburt gelebt hat, auch außerhalb der sozinianischen Tradition gestellt: von freikirchlichen Gemeinschaften, die ein Vorleben Christi ablehnen, bis zur neutestamentlichen Forschung, die darüber streitet, ob schon Paulus an ein solches Vorleben dachte.
Jesus von Nazareth ist der eingeborene Sohn Gottes, „und kein anderer, weder neben ihm noch vor ihm“. Er hat nicht vor seiner Geburt gelebt: Gott hat ihn durch seinen Geist im Schoß der Jungfrau entstehen lassen, geheiligt und gesandt, von den Toten auferweckt und über alles erhöht. Die Worte vom Anfang und von der Herrlichkeit vor der Welt sprechen vom Evangelium und von Gottes ewigem Ratschluss, die Schöpfungsworte von der neuen Schöpfung, die Gott durch ihn begonnen hat; und vom Himmel gekommen ist er als Mensch, von Gott gesandt. Darum ist Christus nicht kleiner, sondern größer: kein himmlisches Wesen in Menschengestalt, sondern ein wahrer Mensch, unser Bruder und Vorbild, den Gott zu seiner eigenen Hoheit erhoben hat.
