Johannes Crell

Nach Fausto Sozzini war Johannes Crell (1590–1633) der zweite Kopf des Sozinianismus — und der eigentliche Systematiker der Bewegung. Sozzini hatte die Lehrentscheidungen getroffen; Crell baute daraus ein Lehrgebäude, vom Gottesbegriff über die Schriftauslegung bis zu einer vollständigen Ethik.

TL;DR

Crell kam mit 22 Jahren aus Franken nach Polen, leitete von 1616 bis 1621 die Akademie von Raków und war bis zu seinem Tod Prediger der dortigen Gemeinde. Er schrieb gegen Hugo Grotius über die Genugtuung, legte in De uno Deo Patre die sozinianische Gotteslehre vor, half 1630 die deutsche Fassung des Rakower Neuen Testaments herzustellen und hinterließ mit der Vindiciae pro religionis libertate eine der frühesten Schriften für Religionsfreiheit überhaupt. Vor allem aber schrieb er zwei Ethiken — die eine an Aristoteles entlang, die andere aus der Schrift heraus. Sie sind der übersehene Teil seines Werks und zugleich der praktischste.

1. Herkunft und Flucht

Johannes Crell — lateinisch Johannes Crellius, polnisch Jan Crell — wurde am 26. Juli 1590 in Hellmitzheim in Franken geboren, wo sein Vater gleichen Namens Pfarrer war. Er wuchs also im lutherischen Pfarrhaus auf, und aus ebendiesem Milieu ging er fort: 1612, im Alter von 22 Jahren, verließ er das Reich und ging nach Polen. Der Anlass war die lutherische Orthodoxie, die für seine Überzeugungen keinen Raum mehr ließ.

Polen war zu dieser Zeit das einzige Land Europas, in dem eine antitrinitarische Gemeinde offen bestehen, drucken und lehren konnte. Die Warschauer Konföderation von 1573 hatte dem Adel Religionsfrieden zugesichert; die Polnischen Brüder lebten im Schutz dieser Zusage — und, wie sich zeigen sollte, nur so lange, wie sie hielt.

2. Raków — Akademie, Gemeinde, Druckerei

Ab 1613 arbeitete Crell an der Akademie von Raków, von 1616 bis 1621 als deren Rektor. Danach blieb er der Gemeinde als Prediger verbunden, bis er am 11. Juni 1633 in Raków starb — zweiundvierzigjährig, mitten in der Arbeit.

Raków war damals kein Winkel, sondern ein europäischer Adressort: Gemeinde, Druckerei und Akademie in einem, besucht von Studenten aus Polen, Litauen, Siebenbürgen, Ungarn, Deutschland, den Niederlanden und England. Crells Vorlesungen sind der Grund, warum wir seine Ethiken überhaupt besitzen: Sie sind Lehrtexte, aus dem Unterricht gewachsen, und tragen dessen Ordnungssinn bis in den Satzbau.

Zeitliche Einordnung

Crell erlebte Raków in seiner Blüte. Fünf Jahre nach seinem Tod, 1638, ließ der Sejm Akademie und Druckerei schließen; 1658 wurden die Sozinianer aus Polen verbannt. Wer seine Kapitel über Tapferkeit und Geduld liest, sollte wissen, dass sie für die ersten Leser keine Übung blieben.

3. Das Werk

Crells Schriften erschienen zum großen Teil erst nach seinem Tod und fast durchweg unter erfundenen Druckorten — „Irenopolis“, „Cosmopoli“ —, weil Druck und Besitz sozinianischer Bücher vielerorts strafbar waren. Gesammelt wurden sie später in der Bibliotheca Fratrum Polonorum quos Unitarios vocant (Amsterdam 1668), wo sie die Bände III bis V füllen.

  • Ad librum Hugonis Grotii quem de satisfactione Christi (1623) — die Antwort auf Hugo Grotius’ Verteidigung der Genugtuungslehre. Grotius hatte gegen Sozzini geschrieben; Crell antwortete, und die Auseinandersetzung gilt als eine der schärfsten theologischen Kontroversen des Jahrhunderts.
  • De Deo et eius attributis (1630) — die Lehre von Gott und seinen Eigenschaften.
  • De uno Deo Patre libri duo (1631) — Crells Hauptwerk zur Gotteslehre: dass der eine Gott der Vater ist. Es wurde bis ins 18. Jahrhundert gelesen und 1665 auch englisch gedruckt.
  • Rakower Neues Testament, deutsche Fassung (1630) — zusammen mit Joachim Stegmann d. Ä. besorgt.
  • Prima ethices elementa (1635) — die knappe Lehrfassung seiner Ethik.
  • Vindiciae pro religionis libertate (1637) — die Verteidigung der Religionsfreiheit, postum erschienen: kein Glaube ist Glaube, der erzwungen wurde.
  • Ethica Aristotelica und Ethica Christiana — die beiden Ethiken, seit 2026 erstmals vollständig auf Deutsch.

Dazu kommen Kommentare zu neutestamentlichen Schriften und eine große Zahl kleinerer Abhandlungen. Die Familie blieb der Sache verbunden: Sein Sohn Krzysztof Crell-Spinowski (1622–1680) und dessen Nachkommen, unter ihnen Samuel Crellius, führten die sozinianische Arbeit noch bis ins 18. Jahrhundert fort.

4. Die Person: was diesen Kopf auszeichnet

Crell ist kein Polemiker. Wer ihn neben Sozzinis Streitschriften legt, bemerkt sofort den anderen Ton: Er ordnet, unterscheidet, wägt ab und lässt dem Gegner sein Argument, bevor er es prüft. Sein Verfahren ist immer dasselbe — erst die Wörter, dann die Sache. Bevor er sagt, was eine Tugend ist, untersucht er, in welchen Bedeutungen die Schrift das Wort gebraucht; bevor er über den Eid urteilt, klärt er, was Schwören überhaupt heißt.

Das wirkt umständlich und ist Absicht. Crell traut keiner ethischen Aussage, die nicht vorher gezeigt hat, woher sie ihre Begriffe nimmt. Damit steht er der Schulphilosophie näher, als es dem Ruf der Sozinianer entspricht — er benutzt ihre Fachsprache, habitus, voluntarium, mediocritas, selbstverständlich —, aber er gibt ihr nicht das letzte Wort.

5. Seine Philosophie in sechs Sätzen

Crells Ethik hängt unmittelbar an den Lehrentscheidungen des Sozinianismus. Das ist keine Nebensache, sondern der Grund, warum sie anders ausfällt als jede andere protestantische Ethik seiner Zeit:

  1. Einer ist Gott, der Vater. Die Trinität ist kein biblischer Lehrsatz, sondern eine spätere Formel.
  2. Christus ist der erhöhte Mensch — Lehrer, Weg und Herr, nicht ein zweites göttliches Wesen.
  3. Die stellvertretende Genugtuung fällt weg. Wer das Sühneopfer nicht als Bezahlung versteht, kann den Gehorsam nicht als bloße Dankbarkeit für eine schon vollzogene Rechtfertigung behandeln — er muss ihm eigenes Gewicht geben.
  4. Der Wille ist frei. Also ist Tugend nichts, was eine unwiderstehliche Gnade bewirkt, sondern etwas, das erworben, eingeübt — und verloren — werden kann.
  5. Es gibt keine Erbsünde als vererbte Schuld. Schuld setzt einen eigenen Willen voraus.
  6. Die Bergpredigt ist geltendes Gesetz, kein unerreichbarer Rat für wenige. Daraus folgt der Gewaltverzicht, die Feindesliebe und die Zurückhaltung gegenüber Eid und Schwert.

Der sechste Punkt hat die praktischsten Folgen. Crell führt ihn nicht als Programm vor sich her, sondern er kommt dort heraus, wo die Sache es verlangt — etwa im Kapitel über die Tapferkeit, in dem die überlieferte Lehre vom gerechten Krieg erst vollständig referiert und dann verabschiedet wird:

Aber selbst wenn dies alles in den Kriegen beachtet würde — was höchst selten oder vielmehr niemals geschieht —, so gibt es doch heute keinen hinreichend gerechten Grund, der irgendjemanden zum Blutvergießen, zumal so vieler Menschen, veranlassen dürfte. … Ich wiederhole nicht die Gebote Gottes, die befehlen, die Feinde zu lieben. Eine scharfsinnige Liebe fürwahr, die den, welchen sie lieben soll, gänzlich zugrunde richtet!Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Tapferkeit und der Geduld

Der Satz ist typisch für ihn: kein Machtwort, sondern das Ergebnis eines Durchgangs. Die Bedingungen des gerechten Krieges werden zugestanden, und dann wird gezeigt, dass unter ihnen nichts übrig bleibt.

6. Die beiden Ethiken

Crell hat die ethische Frage zweimal gestellt — und mit Absicht auf zwei verschiedenen Wegen beantwortet. Der Unterschied zwischen beiden Büchern ist sein eigentliches Argument:

  • Aristotelische Ethik — nimmt das Gerüst der Nikomachischen Ethik (Glückseligkeit, Tugend, Lust, Freundschaft) und führt es Kapitel für Kapitel an der Schrift entlang zurecht. 54 Kapitel in vier Teilen.
  • Christliche Ethik — geht den umgekehrten Weg: Sie fragt, welche Tugenden und Laster die Schrift selbst kennt, wie sie sie benennt und ordnet. Fünf Bücher, vom Begriff der Tugend bis zu den Pflichten von Eheleuten, Obrigkeiten und Armen.

Wer nur das eine liest, bekommt die halbe Sache. Die Aristotelische Ethik zeigt, was von der antiken Tugendlehre übrig bleibt, wenn man sie ernst nimmt und ihr zugleich widerspricht. Die Christliche Ethik zeigt, was an ihre Stelle tritt.

7. Nachwirkung

Crells Name verschwand mit der Bewegung, seine Fragen nicht. Die Vindiciae pro religionis libertate gelangte über die Niederlande nach England und gehört in die Vorgeschichte der Toleranzdebatten des späten 17. Jahrhunderts; De uno Deo Patre wurde zum Standardtext des biblischen Unitarismus. Die beiden Ethiken dagegen blieben liegen — vierhundert Jahre lang nur lateinisch, in einem Band, den kaum jemand aufschlug.

Dass sie heute lesbar sind, ändert das Bild des Sozinianismus. Wer ihn nur als dogmatischen Streit um die Dreieinigkeit kennt, findet hier seine andere Hälfte: eine durchgearbeitete Lehre vom Handeln, die genau dort konkret wird, wo Lehrstreitigkeiten aufhören — beim Zorn, beim Geld, beim Ertragen von Unrecht, beim Umgang mit Macht.

Kernaussage

Sozzini hat dem Sozinianismus seine Lehre gegeben, Crell seine Form. Sein Beitrag ist nicht ein neuer Lehrsatz, sondern ein Verfahren: jede Behauptung an ihren Begriffen prüfen, der Gegenseite ihr bestes Argument lassen und erst dann entscheiden. Angewandt auf die Ethik führt dieses Verfahren dazu, dass von der antiken Tugendlehre vieles stehen bleibt — und dass ausgerechnet das fällt, was auf Gewalt, Rache und Selbsterhöhung hinausläuft.