Prädestination

Calvin: Gott hat durch einen ewigen Ratschluss die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt — nicht wegen ihres vorhergesehenen Glaubens oder Unglaubens, sondern weil es ihm so gefiel. Auch der Fall Adams war so verordnet.
Sozzini: Vorherbestimmt hat Gott nicht bestimmte Personen, sondern einen Weg: Wer glaubt und gehorcht, wird gerettet; wer sich weigert, geht verloren. Der Mensch behält auch nach Adams Fall den freien Willen. Eine Vorherbestimmung einzelner Menschen würde alle Religion aufheben und Gott Ungerechtigkeit, Verstellung, Unverstand und Bosheit zuschreiben.
Die kühnste These: Gott ist allwissend, weiß aber die freien Entscheidungen der Menschen nicht im Voraus — weil sie, solange sie offen sind, noch nichts Wissbares sind. Das mindert seine Allwissenheit so wenig, wie es seine Allmacht mindert, dass er Geschehenes nicht ungeschehen machen kann.
Hat Gott von Ewigkeit her festgelegt, wer gerettet wird und wer verloren geht — noch ehe ein Mensch geboren ist und Gutes oder Böses getan hat? Calvin und die reformierte Theologie haben das bejaht. Fausto Sozzini hat es verneint, und zwar nicht aus Geringschätzung der göttlichen Größe, sondern um ihretwillen: Ein Gott, der einen Menschen verdammt, dessen Sünde er selbst beschlossen hat, bevor dieser lebte, wäre nicht gerecht, und ein Evangelium, das allen angeboten wird, aber nur wenigen gelten soll, wäre nicht aufrichtig.
Die Frage: Wer entscheidet über Heil und Verdammnis?
Prädestination (lateinisch praedestinatio, „Vorherbestimmung“) heißt der Ratschluss Gottes über das ewige Geschick der Menschen. Dass Gott einen Heilsplan hat und ihn vor aller Zeit gefasst hat, bestreitet niemand, der die Bibel liest: Das Neue Testament spricht vom Vorherbestimmen, Erwählen und Berufen (Röm 8,29–30; Eph 1,4–5). Strittig ist, worauf sich dieser Ratschluss richtet. Gilt er bestimmten, namentlich festgelegten Personen, deren Los schon vor ihrer Geburt entschieden ist? Oder gilt er einem Weg, auf dem jeder gerettet werden kann, der ihn geht?
Die erste Antwort hat eine lange Geschichte. Augustinus (354–430) entwickelte sie und schärfte sie im Streit mit Pelagius: Aus der durch Adams Fall verdammten Menschheit erwählt Gott allein aus Gnade einige zum Heil, die übrigen lässt er in der verdienten Verdammnis. Martin Luther stellte 1525 der Schrift des Erasmus über den freien Willen sein Buch Vom unfreien Willen (De servo arbitrio) entgegen. Johannes Calvin (1509–1564) baute die Lehre zum doppelten Ratschluss aus: Gott bestimmt die einen zum Leben und die anderen zum Tod. Sein Nachfolger Theodor Beza verschärfte sie; die Synode von Dordrecht (1618/19) und das Westminster-Bekenntnis (1646/47) machten sie zum Bekenntnis vieler reformierter Kirchen. In der römischen Kirche suchten Theologen wie Luis de Molina, Vorherbestimmung und freien Willen miteinander zu versöhnen.
Fausto Sozzini hielt beides für unvereinbar: die Vorherbestimmung Einzelner zu behaupten und den freien Willen zu retten. Seine Gründe stehen in den Theologischen Untersuchungen (Praelectiones theologicae), die Valentin Schmalz fünf Jahre nach Sozzinis Tod 1609 in Raków herausgab. Schmalz widmete das Buch der Universität Heidelberg, der führenden reformierten Fakultät im Reich, und das war eine Herausforderung: Der Heidelberger Professor David Pareus hatte Sozzini, so berichtet Schmalz, in seinem Römerbriefkommentar ein „Ungeheuer von einem Menschen“ genannt. Die ersten vierzehn Kapitel handeln vom Menschen — von seiner Sterblichkeit, von der Erbsünde, vom freien Willen, von der Vorherbestimmung und vom Vorherwissen Gottes. Schmalz schreibt in seiner Vorrede, worum es ihm bei der Herausgabe ging:
„Gewiss, anders zu denken als andere und das Seine bescheiden vorzutragen — nicht leichtfertig, sondern auf stärkste Gründe gestützt, wie Sozzini es durchweg tut —, das ist kein Verbrechen, sondern die eigentliche Aufgabe der christlichen Freiheit.“
Valentin Schmalz, Vorrede zu Fausto Sozzinis Theologischen Untersuchungen (Raków 1609)
Dieser Anspruch, anders zu denken und es zu begründen, trägt das ganze Buch: Sozzini will die Gegner nicht beschimpfen, sondern widerlegen, und er nimmt ihre Gründe dafür einzeln vor.
Calvins Lehre vom doppelten Ratschluss
Calvin hat die Lehre nicht erfunden, aber er hat sie besonders folgerichtig vorgetragen, und er hat ihre Härte nicht verschwiegen. Sein Hauptwerk, der Unterricht in der christlichen Religion (Institutio Christianae Religionis, letzte Fassung 1559), widmet ihr im dritten Buch vier Kapitel. Die Calvin-Zitate auf dieser Seite sind eigene Übersetzungen aus dem lateinischen Original (Text nach den Calvini Opera); die Definition steht am Anfang:
„Prädestination nennen wir den ewigen Ratschluss Gottes, durch den er bei sich festgelegt hat, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte. Denn nicht alle werden unter gleicher Bedingung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorherverordnet. Je nachdem also einer zu dem einen oder dem anderen Ziel geschaffen ist, nennen wir ihn zum Leben oder zum Tod prädestiniert.“
Praedestinationem vocamus aeternum Dei decretum, quo apud se constitutum habuit, quid de unoquoque homine fieri vellet. Non enim pari conditione creantur omnes; sed aliis vita aeterna, aliis damnatio aeterna praeordinatur. Itaque, prout in alterutrum finem quisque conditus est, ita vel ad vitam vel ad mortem praedestinatum dicimus.
Zwei Bestimmungen tragen diese Lehre. Erstens gilt der Ratschluss jedem Einzelnen: Er legt nicht einen Weg fest, sondern das Los bestimmter Personen. Zweitens hängt er nicht von Glauben oder Werken ab, die Gott vorhergesehen hätte; Calvin weist diese Erklärung ausdrücklich zurück: Gott erwähle, damit wir heilig werden, nicht weil er vorhersah, dass wir es würden.
„Sag nur, er habe erwählt, weil er sie als künftige Heilige vorhersah — und du kehrst die Ordnung des Paulus um. So kannst du also sicher schließen: Wenn er uns erwählt hat, damit wir heilig wären, dann hat er uns nicht erwählt, weil er vorhersah, dass wir es sein würden.“
Dic enim, quoniam futuros praevidit sanctos, ideo elegit; et ordinem Pauli invertes. Sic ergo colligere tuto potes: si elegit nos ut sancti essemus, non elegit quia futuros tales praevidebat.
Damit stellt sich die Frage nach den Verworfenen. Calvin weicht ihr nicht aus. Dass Gott sie bloß übergehe, ohne sie zu verwerfen, lässt er nicht gelten: „Die Gott also übergeht, die verwirft er“ (III,23,1). Selbst den Fall Adams und mit ihm den Untergang seiner Nachkommen hat Gott nach Calvin „nicht nur vorhergesehen, sondern … auch nach seiner eigenen Entscheidung gefügt“ (III,23,7). Und er gesteht, was er dabei empfindet:
„Ich frage noch einmal: Woher kommt es, dass der Fall Adams so viele Völker samt ihren kleinen Kindern ohne Heilmittel in den ewigen Tod verstrickt hat — wenn nicht daher, dass es Gott so gefallen hat? Hier müssen die sonst so redseligen Zungen verstummen. Ein schauderhafter Ratschluss, ich gestehe es. Dennoch wird niemand leugnen können, dass Gott vorherwusste, welches Ende der Mensch nehmen würde, bevor er ihn erschuf, und dass er es deshalb vorherwusste, weil er es durch seinen Ratschluss so angeordnet hatte.“
Iterum quaero, unde factum est ut tot gentes una cum liberis eorum infantibus aeternae morti involveret lapsus Adae absque remedio, nisi quia Deo ita visum est? Hic obmutescere oportet tam dicaces alioqui linguas. Decretum quidem horribile, fateor; infitiari tamen nemo poterit quin praesciverit Deus, quem exitum esset habiturus homo, antequam ipsum conderet, et ideo praesciverit, quia decreto suo sic ordinarat.
Wie kann Gott dann die Verworfenen strafen? Calvins Antwort hat zwei Teile. Der erste: Der Mensch fällt zwar nach Gottes Anordnung, aber durch eigene Schuld.
„Der erste Mensch ist nämlich gefallen, weil der Herr es so für zuträglich befunden hatte; warum er es so befand, ist uns verborgen. […] Es fällt also der Mensch, weil Gottes Vorsehung es so anordnet; aber er fällt durch eigene Schuld.“
Lapsus est enim primus homo, quia Dominus ita expedire censuerat; cur censuerit nos latet. […] Cadit igitur homo, Dei providentia sic ordinante: sed suo vitio cadit.
Der zweite: Wer weiter fragt, warum Gott so beschlossen hat, sucht etwas Höheres als Gottes Willen — und das gibt es nicht.
„Denn Gottes Wille ist in solchem Maß die höchste Regel der Gerechtigkeit, dass alles, was er will, schon dadurch, dass er es will, für gerecht zu halten ist. Wenn also gefragt wird, warum der Herr so gehandelt hat, ist zu antworten: weil er es gewollt hat. Fragst du aber weiter, warum er es gewollt hat, so suchst du etwas Größeres und Höheres als Gottes Willen — und das lässt sich nicht finden.“
Adeo enim summa est iustitiae regula Dei voluntas, ut quidquid vult, eo ipso quod vult, iustum habendum sit. Ubi ergo quaeritur cur ita fecerit Dominus, respondendum est, quia voluit. Quod si ultra pergas rogando cur voluerit, maius aliquid quaeris, et sublimius Dei voluntate, quod inveniri non potest.
Willkür will Calvin damit nicht lehren. Die Vorstellung einer „unumschränkten Macht“ nennt er im selben Abschnitt gottlos, und Gottes Wille ist ihm „das Gesetz aller Gesetze“. Eine Regel der Gerechtigkeit aber, an der man Gottes Willen messen könnte, gibt es für ihn nicht. Luther hatte die Unfreiheit des Willens schon 1525 in ein drastisches Bild gefasst:
„So ist der menschliche Wille in die Mitte gestellt wie ein Lasttier: Sitzt Gott darauf, so will es und geht, wohin Gott will […]. Sitzt der Satan darauf, so will es und geht, wohin der Satan will. Es liegt auch nicht in seiner Wahl, zu welchem der beiden Reiter es laufen oder welchen es suchen will, sondern die Reiter selbst kämpfen darum, es zu erlangen und zu besitzen.“
Sic humana voluntas in medio posita est, ceu iumentum, si insederit Deus, vult et vadit, quo vult Deus […]. Si insederit Satan, vult et vadit, quo vult Satan, nec est in eius arbitrio ad utrum sessorem currere aut eum quaerere, sed ipsi sessores certant ob ipsum obtinendum et possidendum.
Die lutherische Kirche ist Calvin allerdings nicht gefolgt: Die Konkordienformel (1577) lehrt eine Erwählung zum Heil, aber keine Vorherbestimmung zur Verdammnis. Das Westminster-Bekenntnis von 1646/47 dagegen hat die reformierte Lehre in einen einzigen Satz gebracht:
„Durch den Ratschluss Gottes sind zur Offenbarung seiner Herrlichkeit einige Menschen und Engel zum ewigen Leben prädestiniert und andere zum ewigen Tod vorherverordnet.“
By the decree of God, for the manifestation of his glory, some men and Angels are predestinated unto everlasting life, and others fore-ordained to everlasting death.
Sozzinis Ausgangspunkt: Der Mensch bleibt frei
Bevor Sozzini auf die Vorherbestimmung zu sprechen kommt, räumt er in fünf Kapiteln den Boden ab, auf dem sie steht. Adam war nach ihm schon vor dem Fall von Natur sterblich; eine „ursprüngliche Gerechtigkeit“ als mitgeschaffene Ausstattung gab es nicht, denn Gerechtigkeit ist „keine natürliche Vollkommenheit des Menschen, sondern eine willentliche“. Vor allem aber: Schuld setzt einen eigenen Willen voraus. Ein Neugeborenes kann deshalb nicht schuldig sein, und eine von Adam ererbte Schuld gibt es nicht — das ist der Kern der sozinianischen Kritik an der Erbsünde:
„Da nun zur Begründung einer Schuld der eigene Wille dessen, der schuldig sein soll, schlechterdings erforderlich ist, eine Strafe aber ohne vorausgehende Schuld nicht bestehen kann, so lässt sich auf keine Weise sagen, dass in dem Menschen, während er geboren wird, irgendeine Schuld oder Strafe Platz greifen könne; denn er hat zu dieser Zeit keinerlei Gebrauch des eigenen Willens und konnte ihn auch vorher nicht haben.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. IV: Ob es eine Erbsünde gibt und von welcher Art sie ist
Daraus folgt der Satz, auf dem alles Weitere ruht: Der Mensch hat auch nach dem Fall einen freien Willen. Unter den Strafen, die Gott nach dem Sündenfall verhängt (1 Mose 3,16–19), ist von einem Verlust der Willensfreiheit nirgends die Rede.
„Aus dem, was oben erörtert worden ist, kann hinreichend feststehen, dass im Menschen ein freier Wille vorhanden ist — sofern nur das wahr ist, was alle zugestehen und was die Vernunft selbst offenkundig lehrt: dass nämlich im ersten Menschen vor dem Fall ein freier Wille war. Denn es gibt keinen Grund, weshalb er ihn wegen des Falles hätte verlieren müssen, da ja weder die Natur der Sache selbst dies fordert noch Gottes Gerechtigkeit es zulässt.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. V: Über den freien Willen des Menschen
Bemerkenswert ist der Hebel, den Sozzini hier ansetzt. Dass Adam vor dem Fall frei war, ist nach Sozzini das, „was alle zugestehen“ — auch Calvin. Als Sozzini im Kapitel über das Vorherwissen darauf zurückkommt, verweist der Druck am Rand ausdrücklich auf Calvins Institutio I,15,8. Dort heißt es:
„In dieser Unversehrtheit besaß der Mensch einen freien Willen, mit dem er, wenn er wollte, das ewige Leben hätte erlangen können. […] Adam konnte also stehen bleiben, wenn er wollte, da er allein durch seinen eigenen Willen gefallen ist.“
In hac integritate libero arbitrio pollebat homo, quo, si vellet, adipisci posset aeternam vitam. […] Potuit igitur Adam stare si vellet, quando non nisi propria voluntate cecidit.
Wenn aber ein freier Wille des Geschöpfes mit Gottes Wesen und Herrschaft vereinbar war, dann kann Gottes Natur ihn nicht ausschließen. Wer ihn bestreitet, muss zeigen, dass der Fall ihn ausgelöscht hat — und das steht nirgends geschrieben.
Ein Schwärmer für die menschliche Kraft ist Sozzini dabei nicht. Er räumt ein, dass die meisten Menschen durch lange Gewöhnung an die Sünde verdorben sind und nur geringe Kräfte haben, Gottes Gebote zu halten. Gottes Hilfe ist nötig, aber Gott versagt sie keinem, dem er sein Gesetz gegeben hat:
„Ferner sind die Kräfte nicht so gering, dass der Mensch, wenn Gottes Hilfe hinzutritt und er sich selbst Gewalt antun will, dem göttlichen Gesetz nicht gehorchen könnte. Seine Hilfe aber versagt Gott keinem von denen, denen er das Gesetz gegeben hat; andernfalls könnte er die, die sein Gesetz nicht halten, auf keine Weise tadeln oder strafen — und doch tut er beides.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. V: Über den freien Willen des Menschen
Diese Hilfe unterscheidet Sozzini sorgfältig. Die äußere Hilfe sind die Verheißungen und Drohungen, die Gott seinem Gebot beigefügt hat; unter dem Neuen Bund sind die Verheißungen weit größer, darum ist der Gehorsam leichter. Die innere Hilfe ist der Geist, den Gott als „Pfand“ in die Herzen gibt (2 Kor 1,22), und die Erleuchtung des Verstandes. Sie wird aber nur dem zuteil, der die äußere Hilfe recht gebraucht hat; Sozzini begründet das mit Apg 5,32 und Eph 1,13: „denen nämlich, die glauben und gehorchen, wird der Heilige Geist gegeben“. Gnade ist bei Sozzini in der Regel ein Angebot, das der Mensch annehmen oder ausschlagen kann. Fälle, in denen Gott den Menschen „ihren Verstand und ihr Gemüt umwandelt und erneuert und bewirkt, dass sie ihm gehorchen“, schließt er dabei ausdrücklich nicht aus.
Zwei Gründe gegen die Vorherbestimmung
Im sechsten Kapitel beschreibt Sozzini die gegnerische Lehre genau so, wie Calvin sie formuliert hat: als jene Vorherbestimmung, durch die Gott „von aller Ewigkeit her über die einzelnen Menschen namentlich beschlossen habe, wer schlechthin zu retten und wer zu verdammen sei“. Dann folgt ohne Umschweife sein Urteil:
„Wir leugnen also jene Vorherbestimmung, und zwar — abgesehen von den unzähligen Zeugnissen der Heiligen Schrift, die sie offen verneinen, deren Anführung wir aber übergehen wollen, weil wir uns vorgenommen haben, eher die Meinung der Gegner zu widerlegen als unsere eigene zu bekräftigen — vor allem aus zwei Gründen. Der eine ist: Wäre sie wahr, so würde alle Religion von Grund auf aufgehoben. Der andere: Lässt man sie gelten, so muss man Gott vieles zuschreiben, was seiner aufs Höchste unwürdig ist.“
Negamus igitur nos istam prædestinationem … ob duas potissimum caussas.
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VI: Über die Vorherbestimmung Gottes
Erstens: Sie hebt die Religion auf
Der erste Grund betrifft den Sinn aller Frömmigkeit, die ohne eigenes Bemühen nicht denkbar ist:
„Die gesamte Religion würde, wenn jene Vorherbestimmung wahr wäre, schlechthin aufgehoben, weil aus ihr offenkundig folgt, dass alles, was zur Frömmigkeit gehört, mit Notwendigkeit geschieht. Wenn das aber wahr ist, wozu soll es dann dienen, sich zu mühen und zu bestreben, fromm zu sein? Denn alle Mühe und alles Bestreben ist vergeblich, wo alles notwendig eintritt, wie uns schon der gesunde Menschenverstand lehrt. Ist aber diese Mühe und dieses Bestreben aufgehoben, so muss notwendig alle Religion zugrunde gehen.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VI: Über die Vorherbestimmung Gottes
Das ist kein psychologisches Argument. Sozzini behauptet nicht, Calvinisten seien träge Christen gewesen — viele waren das Gegenteil. Er argumentiert über den Sinn der Rede selbst: Ermahnung, Drohung und Verheißung setzen voraus, dass der Angeredete auch anders handeln kann. Wo alles notwendig geschieht, ist jedes „Tut Buße!“ ein leeres Wort. In seiner Schrift über die Rechtfertigung hat Sozzini das noch knapper gesagt:
„Wenn aber dieser Wille und dieses Handeln in keiner Weise frei, sondern gänzlich notwendig wäre, so dass in dieser Sache nichts in unserer Macht stünde, dann verschwenden — wie man so sagt — Öl und Mühe diejenigen, die über diese Dinge reden oder schreiben.“
Fausto Sozzini, Über die Rechtfertigung (De Iustificatione) — Über Glauben und Werke › Innere Ursachen der Rechtfertigung › Verteidigung des freien Willens
Wer die Freiheit bestreitet, entzieht also nicht nur dem Menschen die Verantwortung, sondern auch der Predigt den Sinn.
Zweitens: Sie legt Gott Unwürdiges bei
Der zweite Grund wiegt schwerer. Lässt man die Vorherbestimmung Einzelner gelten, so muss man Gott vier Dinge zuschreiben, „vor deren bloßer Nennung schon dem Gemüt graut“ (quatuor quæ vel nominare animus horret). Das Wort erinnert an Calvin, der seinen Ratschluss selbst „schauderhaft“ (horribile) nennt. Calvin nimmt den Schauder hin und hält am Ratschluss fest. Sozzini nimmt ihn als Zeichen, dass die Lehre falsch ist.
- Ungerechtigkeit. „Denn es ist ganz offenkundig aufs Höchste ungerecht, jemanden dafür zu bestrafen, dass er das nicht getan hat, was er auf keine Weise tun konnte.“ Wer zum Ungehorsam bestimmt ist, kann nicht gehorchen; ihn dafür zu strafen, ist das Ungerechteste, was sich denken lässt.
- Verstellung mit Täuschung. Gott lässt allen das Heil anbieten, die das Evangelium hören, hat aber längst beschlossen, dass der größere Teil von ihnen nicht gerettet wird: „So tut er das eine und gibt das andere vor, und das heißt im eigentlichen Sinne sich verstellen“. Wer auf die Verheißung hin sein Leben bessert und dann, weil Gott ihm die Gnade entzieht, mitten im Lauf zusammenbricht, ist getäuscht worden.
- Unverstand. Gott würde etwas zu erreichen suchen, von dem er „aufs Beste weiß, dass es nicht geschehen kann“ — er würde mit ganzem Ernst zur Umkehr rufen, wo er die Umkehr selbst ausgeschlossen hat.
- Bosheit. Gott würde zum Urheber der Sünde.
Dass Sozzini mit dem zweiten Vorwurf nicht übertreibt, zeigt Calvin selbst. Auch Verworfene können nach ihm eine Zeit lang glauben, und er nennt den Grund:
„[…] Die Erfahrung zeigt aber, dass die Verworfenen bisweilen von einer fast gleichen Empfindung ergriffen werden wie die Erwählten, sodass sie sich nicht einmal nach ihrem eigenen Urteil von den Erwählten unterscheiden. Daher ist es nicht widersinnig, dass der Apostel ihnen ein Kosten der himmlischen Gaben und Christus ihnen einen zeitweiligen Glauben zuschreibt. […] Der Herr schleicht sich in ihre Gemüter ein, soweit seine Güte ohne den Geist der Kindschaft geschmeckt werden kann, um sie umso mehr zu überführen und unentschuldbar zu machen.“
[…] experientia tamen ostendit reprobos interdum simili fere sensu atque electos affici, ut ne suo quidem iudicio quidquam ab electis differant. Quare nihil absurdi est quod coelestium donorum gustus ab apostolo, et temporalis fides a Christo illis adscribitur […] sed quia Dominus, ut magis convictos et inexcusabiles reddat, se insinuat in eorum mentes, quatenus sine adoptionis spiritu gustari potest eius bonitas.
Genau das nennt Sozzini Täuschung: Wem Gott das Heil anbieten lässt, dem muss es auch erreichbar sein. Den letzten Punkt, die Bosheit, führt er eigens aus. Wer beschließt, dass einer schlechthin verdammt werde, noch bevor dieser sündigt, der hat damit auch beschlossen, dass er sündige. Und den naheliegenden Ausweg verlegt Sozzini den Gegnern mit einer genauen Beschreibung ihrer eigenen Lehre:
„Die Gegner können sich auch nicht dahin flüchten, zu sagen, Gott habe deshalb von aller Ewigkeit her einige verdammt, weil er vorhergesehen habe, dass sie sündigen würden. Denn sie erklären es für gottlos, wenn jemand sagt, die Vorherbestimmung Gottes hänge in irgendeiner Weise von einer Vorhererkenntnis oder einem Vorherwissen ab. Daher behaupten sie beharrlich, er habe jene keineswegs deshalb verworfen, weil er vorhergesehen habe, dass sie sündigen würden, sondern weil er sie verworfen habe, deshalb habe er vorhergesehen, dass sie notwendig sündigen würden.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VI: Über die Vorherbestimmung Gottes
Sozzinis Referat trifft genau. Calvin sagt es so:
„Da er aber das Künftige aus keinem anderen Grund vorhersieht, als weil er beschlossen hat, dass es so geschehe, streitet man vergeblich über das Vorherwissen. Denn es steht fest, dass vielmehr alles durch seine Anordnung und seinen Wink geschieht.“
Sed quum non alia ratione quae futura sunt praevideat, nisi quia ita ut fierent decrevit, frustra de praescientia lis movetur, ubi constat ordinatione potius et nutu omnia evenire.
Die reformierten Bekenntnisse haben den Vorwurf, Gott werde so zum Urheber der Sünde, stets zurückgewiesen. Der Ratschluss der Verwerfung mache Gott „keineswegs zum Urheber der Sünde — das auch nur zu denken ist Lästerung“, erklären die Dordrechter Lehrregeln (1619, I,15). Dass die Gegner das ehrlich meinen, muss man nicht bezweifeln. Sozzini bestreitet nur, dass es mit ihrem Ansatz vereinbar ist: Wer die Verdammnis vor der Sünde beschließt und das Vorherwissen ausdrücklich vom Ratschluss abhängig macht, hat die Sünde mitbeschlossen, wie immer er es nennt.
Die Gründe der Gegner und Sozzinis Antwort
Sozzini begnügt sich nicht damit, die Folgen der Lehre aufzuzeigen. Er nimmt die drei Hauptgründe der Gegner einzeln vor: Gottes Allmacht, Gottes Weltregierung und Gottes Vorherwissen. Jeder dieser Gründe scheint zu beweisen, dass nichts geschehen kann, was Gott nicht zuvor beschlossen hat.
Allmacht: Muss alles geschehen, was Gott will?
„Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will“ (Ps 115,3). Geschähe irgendetwas gegen Gottes Willen, so wäre er weder allmächtig noch vollkommen selig — so der erste Einwand. Calvin hatte dem hinzugefügt, Gott lasse das Böse nicht bloß zu, sondern wolle und lenke es.
„[…] daraus ergibt sich mehr als genug, dass diejenigen schwatzen und Unsinn reden, die an die Stelle der Vorsehung Gottes eine bloße Zulassung setzen — als säße Gott auf einer Warte und wartete auf zufällige Ereignisse, sodass seine Urteile von der Willkür der Menschen abhingen.“
[…] ex quibus tamen satis superque liquet nugari eos et ineptire, qui in locum providentiae Dei nudam permissionem substituunt, ac si in specula sedens exspectaret fortuitos eventus, atque ita eius iudicia penderent ab hominum arbitrio.
Sozzini bestreitet die Allmacht nicht. Er bestreitet, dass jeder Wille Gottes ein unbedingter Wille sein muss. Was Gott von freien Menschen will, kann er der Natur der Sache nach nur so wollen, dass sie es auch unterlassen könnten; sonst hätte er nicht, was er sucht:
„Ich erkläre das. Gott wünscht zum Beispiel, dass keine Morde geschehen. Was aber ist es, das er wünscht? Doch dies: dass die Menschen, obgleich es sich so trifft, dass sie jemanden töten können, gleichwohl niemals töten. Dies will er so sehr, dass er es nicht stärker wollen könnte. … Er will dies aber deshalb, damit sowohl für die Tugend als auch für das Laster Raum sei und aus eben diesem Grunde auch für Lohn und Strafe — für die es keinerlei Raum geben kann, wo die Sache nur auf eine einzige Weise geschehen kann.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VII: Die Gründe der Gegner, widerlegt
Auch Gottes Seligkeit nimmt dadurch keinen Schaden: „Denn Gott selbst hat gewollt, dass es so zugehen könne; und was immer die Menschen schließlich gegen das tun, was er wünschte, das alles weiß er in seiner unendlichen Weisheit zu seiner unvergänglichen Herrlichkeit zu wenden.“
Zwei Willen in Gott?
Die reformierte Theologie half sich mit einer Unterscheidung. Gott habe einen offenbaren Willen, den er in Gebot und Verheißung kundtut, und einen verborgenen Willen, nach dem er tatsächlich beschließt, was geschieht. Im Gebot will Gott, dass alle umkehren; in seinem Ratschluss hat er bestimmt, dass die meisten es nicht tun. Calvin hat den Vorwurf vorausgesehen und bestritten, dass Gott sich verstelle; sein Wille sei in sich einer und erscheine uns nur vielfältig:
„Dennoch widerstreitet Gottes Wille deshalb weder sich selbst, noch ändert er sich, noch stellt Gott sich so, als wolle er nicht, was er will. Während er in ihm einer und einfach ist, erscheint er uns vielfältig, weil wir wegen der Schwachheit unseres Verstandes nicht begreifen, wie er dasselbe auf verschiedene Weise nicht geschehen lassen will und doch will.“
Neque tamen ideo vel secum pugnat, vel mutatur Dei voluntas, vel quod vult se nolle simulat; sed quum una et simplex in ipso sit, nobis multiplex apparet: quia pro mentis nostrae imbecillitate, quomodo idem diverso modo nolit fieri et velit, non capimus.
Wie das im Einzelnen aussieht, zeigt seine Auslegung von 2 Petr 3,9, wo es heißt, Gott wolle „nicht, daß jemand verloren werde“:
„Hier kann man aber fragen: Wenn Gott nicht will, dass jemand verloren geht, warum gehen dann so viele verloren? Ich antworte: Hier ist nicht von dem verborgenen Ratschluss Gottes die Rede, durch den die Verworfenen zu ihrem Untergang bestimmt sind, sondern nur von dem Willen, der uns im Evangelium offenbar wird. Denn dort reicht Gott allen ohne Unterschied die Hand; ergreifen aber, um sie zu sich zu führen, tut er nur diejenigen, die er vor Grundlegung der Welt erwählt hat.“
Sed hic quaeri potest, si neminem Deus perire velit, cur tam multi pereunt? Respondeo, non de arcano Dei consilio hic fieri mentionem quo destinati sunt reprobi in suum exitium: sed tantum de voluntate quae nobis in evangelio patefit. Omnibus enim promiscue manum illic porrigit Deus, sed eos tantum apprehendit ut ad se ducat quos ante conditum mundum elegit.
Sozzini liest denselben Vers als Ausdruck dessen, was Gott „mit seinem gewöhnlichen Willen immerdar“ will. Einen zweiten, verborgenen Willen, der dem offenbarten widerspräche, gibt es für ihn nicht; eine solche Unterscheidung mache Gott zum Heuchler:
„Damit die Allmacht Gottes gewahrt bleibt und zugleich gezeigt wird, dass sie mit jenem seinem Willen bestehen kann, der sich in der Erteilung der Gebote zeigt, ist es nicht nötig, zu jener Unterscheidung Zuflucht zu nehmen, es gebe einen offenbaren und einen verborgenen Willen Gottes … und Gott auf diese Weise, nicht weniger lächerlich als gottlos, zu einem Heuchler zu machen, als wollte er das, was er gebietet, nicht wirklich, sondern nur das, was wir geschehen sehen. Denn es gibt nur einen einzigen ordentlichen Willen Gottes, und dieser stimmt mit seinen Geboten völlig überein und ist in ihnen ausgesprochen …“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VII: Die Gründe der Gegner, widerlegt
Die beiden Lieblingsbeispiele der Gegenseite prüft Sozzini einzeln. Abraham wurde befohlen, Isaak zu opfern, und dann gehindert; also habe Gott nicht gewollt, was er befahl? Nein: Gott „versuchte“ Abraham (1 Mose 22,1), und Abraham tat alles, was an ihm lag, so dass die Schrift sagt, er habe seinen Sohn dargebracht (Hebr 11,17; Jak 2,21). Gott hat sein Gebot also nicht widerrufen, sondern Abraham hat es vollkommen erfüllt. Und die Verstockung des Pharao ist ein Sonderfall des gerechten Gerichts über einen, der das schuldlose Volk Gottes schon zuvor unterdrückt hatte — von ihm wird weiter unten noch die Rede sein.
Weltregierung: Wird Gottes Herrschaft unsicher?
Der zweite Grund: Wenn der Mensch frei ist, gehe die Lenkung der Welt teils aus Gottes, teils aus des Menschen Willen hervor, und nichts sei mehr gewiss. Sozzinis Antwort ist eine sorgfältige Unterscheidung. Frei ist der Wille; die äußeren Taten aber hat Gott in seiner Hand behalten. „Der Mensch setzt sich’s wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden soll“ (Spr 16,1).
„Das, wovon wir behaupten, Gott habe es in die Macht des Menschen gelegt, ist nicht von der Art, dass es die Verwaltung dieser Welt irgendwie beträfe. Es ist das Wollen und das Nichtwollen, und zwar aufs vollkommenste und unbedingteste. … vielmehr liegt die ganze Wirkkraft in den äußeren Taten. Diese aber hat sich Gott gänzlich vorbehalten und hat dem Menschen an ihnen — auch an den geringsten — keinerlei schlechthin freie Macht gegeben. … Denn Gott bemisst sowohl den Gehorsam als auch den Ungehorsam der Menschen nach dem vollkommenen und vollendeten Willen selbst, nicht nach der äußeren Tat.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VII: Die Gründe der Gegner, widerlegt
Gott richtet den Menschen also nach dem, was in seiner Macht steht: nach dem vollendeten Willen. Abraham hat seinen Sohn nicht getötet und doch vollkommen gehorcht; Bileam hat Israel nicht verflucht, sondern gesegnet, und wird doch wegen seines Willens getadelt (2 Petr 2,15–16). Selbst den Willen kann Gott lenken, wenn seine Gerichte es erfordern. Aber es bleibt bei der Regel, dass er ihn frei sein lässt, und bei der Unterscheidung von Ratschluss und Zulassung: Was gegen Gottes Gesetz begangen wird, geschieht nicht auf seinen Ratschluss hin, sondern nur mit seiner Zulassung, „außer sehr selten aus gewissen Gründen, die anderswo erklärt werden“ — gemeint sind die Verstockten, von denen unten die Rede ist. Es ist eben die Zulassung, die Calvin als Ausflucht verspottet hatte.
Weiß Gott die Zukunft? Sozzinis kühnste These
Der dritte Grund ist der stärkste. Gott weiß alles im Voraus, und zwar untrüglich. Was er untrüglich weiß, ist gewiss; was gewiss ist, kann nicht anders kommen. Also ist alles notwendig, ob Gott es nun beschlossen oder nur vorhergesehen hat. Andere hielten Vorherwissen und Freiheit zusammen: der Jesuit Luis de Molina mit seinem „mittleren Wissen“ Gottes um das, was freie Menschen unter allen denkbaren Umständen tun würden, und bald nach Sozzinis Tod Arminius und die Remonstranten, die die Erwählung auf den vorhergesehenen Glauben gründeten. Beide setzen ein sicheres Vorherwissen freier Entscheidungen voraus.
Sozzini geht einen anderen Weg. Er gibt den Gegnern recht, dass sich sicheres Vorherwissen und Freiheit nicht vertragen. Dann zieht er die Folgerung, die vor ihm kaum jemand zu ziehen gewagt hatte: Gott weiß die freien Entscheidungen der Menschen nicht im Voraus. Das ist ausdrücklich keine Einschränkung seiner Allwissenheit:
„Ich antworte: Gott weiß alles, was seiner Natur nach wissbar ist, wie er alles vermag, was seiner Natur nach möglich ist. Aber wie es manches gibt, was seiner Natur nach auf keine Weise geschehen kann, weshalb sich auf keine Weise sagen lässt, Gott könne es tun, ohne dass darum seiner Allmacht irgendetwas abginge — so gibt es auch manches, von dem sich auf keine Weise sagen lässt, Gott wisse es, ohne dass darum seiner Allwissenheit irgendetwas abginge.“
Deus omnia scit, quæ sua natura scibilia sunt, quemadmodum omnia potest, quæ sua natura possibilia sunt.
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VIII: Über das Vorherwissen oder die Vorkenntnis Gottes
Sozzini erläutert das am Gegenstück der Allmacht. Dass Gott Geschehenes nicht ungeschehen machen kann, ist keine Schwäche, denn es liegt in der Natur der Sache, nicht in einem Mangel Gottes. Ebenso ist es kein Mangel, wenn Gott nicht weiß, was es noch gar nicht gibt. Eine freie Entscheidung, die noch nicht getroffen ist, steht nach beiden Seiten offen:
„Man muss wissen, dass die zufälligen künftigen Dinge, bevor sie geschehen, weder künftig noch nicht künftig sind. Daher stammt jener Satz: Über zufällige künftige Dinge gibt es keine bestimmte Wahrheit, denn sie stehen nach beiden Seiten hin offen. Und bejahen können wir, bevor sie geschehen, wohl dies, dass sie entweder künftig oder nicht künftig sind — auf diese Weise: jenes wird entweder sein oder nicht sein; aber keines von beiden können wir behaupten. Denn jene Regel, dass von jeder beliebigen Sache etwas zu bejahen oder zu verneinen sei, hat bei den zufälligen künftigen Dingen keine Geltung.“
Sciendum est, futura contingentia antequam fiant, nec futura esse, nec esse non futura.
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VIII: Über das Vorherwissen oder die Vorkenntnis Gottes
Am Rand des Drucks steht hier der Verweis auf Aristoteles, Über die Auslegung, Kapitel 9 — das berühmte Beispiel der Seeschlacht von morgen, über die heute weder wahr ist, dass sie stattfindet, noch dass sie nicht stattfindet. Auch den Einwand, Gott stehe außerhalb der Zeit und sehe alles als gegenwärtig, lässt Sozzini nicht gelten. „Denn die Zeit ist ewig, was auch immer unsere Theologen dagegen vorbringen“; Gott ist zwar alles gegenwärtig, aber nur, was auf irgendeine Weise ist. „Wie das Wissbare beschaffen ist, so muss auch das Wissen vom Wissbaren beschaffen sein“ — das Vergangene weiß Gott als Vergangenes, das Gegenwärtige als Gegenwärtiges, das Künftige als Künftiges — und was noch offen ist, als offen.
Dass es solche offenen Entscheidungen überhaupt gibt, ist Gottes eigene Wahl. Sozzini fragt, was wahrscheinlicher ist: „dass Gott dem Menschen keinerlei Freiheit lassen wollte, um selbst alles vorherwissen zu können, oder dass er dem Menschen eine Freiheit gegeben und sich selbst jenes Vorherwissens begeben hat“. Und er legt den Gegnern eine Frage vor, auf die ihre Lehre keine gute Antwort hat: Wenn eine freie Tat schon von Ewigkeit her gewiss war, woher kam diese Gewissheit?
„Da nun aber keine Wirkung ohne ihre nächste Ursache ist, frage ich: welches ist die nächste Ursache dieser Gewissheit? Der Mensch selbst oder sein Wille kann es gewiss nicht sein, da weder dieser noch jener bislang überhaupt ist. … Es muss also eine andere Ursache geben: sagst du, sie sei Gott, so machst du Gott zum Urheber aller Verbrechen; sagst du, sie sei etwas anderes, so setzt du neben Gott noch ein zweites handelndes und erkennendes Prinzip an. Beides aber ist offenkundig gottlos und lästerlich.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XI: Schluss zur Frage des Vorherwissens
Verliert Gott dadurch etwas, dass er das Offene als offen weiß? Sozzini meint: das Gegenteil.
„Gewiss ist jenes Vorherwissen so weit davon entfernt, Gott etwas beizulegen, dass es ihm vielmehr etwas nimmt: nämlich die beständige Sorge, die er für die menschlichen Dinge trägt, wenigstens zum Teil aufhebt und verdunkelt und ihn gewissermaßen müßig macht. … Kurz, die beständige Betrachtung und Lenkung der menschlichen Handlungen, die in der Heiligen Schrift allenthalben Gott zugeschrieben wird und seine höchste Herrschaft und Regierung über die Menschen aufs stärkste erweist, wird durch jenes Vorherwissen gänzlich erschüttert und beinahe von Grund auf umgestürzt.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. VIII: Über das Vorherwissen oder die Vorkenntnis Gottes
Der Gott der Bibel ist für Sozzini kein Zuschauer eines Ablaufs, der längst feststeht, sondern einer, der hinsieht, prüft und handelt.
Was die Schrift über Gottes Wissen sagt
Dass dies nicht bloß Philosophie ist, zeigt Sozzini an Stellen, die mit einem untrüglichen Vorherwissen kaum vereinbar sind. Gott „reute“ es, die Menschen gemacht zu haben, und „es bekümmerte ihn in seinem Herzen“ (1 Mose 6,6). Als Abraham das Messer erhebt, spricht er: „Nun weiß ich, daß du Gott fürchtest“ (1 Mose 22,12). Über seinen Weinberg klagt er: „Warum hat er denn Herlinge gebracht, da ich erwartete, daß er Trauben brächte?“ (Jes 5,4). Am schärfsten formuliert Sozzini den Fall des Eides. Gott hatte geschworen, das Volk in das verheißene Land zu führen, und schwört nach dessen Unglauben, dass diese Generation es nicht sehen wird (4 Mose 14):
„Denn wer unter den Menschen ist so von Sinnen, dass er ernstlich schwört, er werde etwas tun, von dem er bereits sicher weiß, dass er es keineswegs tun werde, oder von dem er die Gründe, weshalb er es auf keine Weise tun wird, bereits vollkommen durchschaut hat? Oder was wäre Gottes unwürdiger, als zu schwören, er werde etwas tun — nicht mit dem Sinn, sondern bloß mit Worten?“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XI: Schluss zur Frage des Vorherwissens
Ein Eid, dessen Bruch schon feststünde, wäre kein Eid. Wer solche Stellen ernst nimmt, muss sie entweder umdeuten oder zugeben, dass Gott auf das Handeln der Menschen wirklich antwortet.
Und die Weissagungen?
Die Bibel sagt doch künftige Taten von Menschen voraus — den Abfall Israels, die Verleugnung des Petrus, das Kommen falscher Propheten. Sozzini prüft diese Stellen einzeln und fasst das Ergebnis in vier Regeln:
- Sagt die Schrift gute Werke mit Gewissheit voraus, so hat Gott selbst sie beschlossen.
- Eine Vorhersage kann auf dem ganz Wahrscheinlichen beruhen, ohne gewiss zu sein. „Denn ich weiß ihre Gedanken, mit denen sie schon jetzt umgehen“, sagt Gott über das Volk, dessen Abfall er vorhersagt (5 Mose 31,21): Er schließt aus dem, was er an ihm sieht.
- Eine Vorhersage kann mehr Mahnung als Ankündigung sein — wie ein Vater seinem Kind mit Bestimmtheit vorhersagt, es werde in einen Fehler fallen, damit es sich umso sorgfältiger hütet.
- Wird ein böses Werk mit Gewissheit vorhergesagt, so hat Gott die Tat beschlossen, nicht aber die Bosheit des Herzens; diese findet er schon vor.
So erklärt Sozzini auch die Verleugnung des Petrus: Petrus hatte durch seine Vermessenheit verdient, dass Gott ihm die Gnade entzog, die ihn hätte bewahren können; Christus sagt die Folge dieses Entzugs voraus. Und wenn Christus als Lamm „zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund gelegt ward“ (1 Petr 1,20), so war das nach Sozzini ein bedingter Ratschluss: Christus sollte dahingegeben werden, falls die Menschen sündigten. Eine Bedingung hebt den Ratschluss nicht auf; sie zeigt aber, dass die Sünde nicht vorhergesehen war.
Mit der Bestreitung des Vorherwissens steht Sozzini in der Theologiegeschichte fast allein. Katholiken, Lutheraner und Reformierte haben sie einhellig verworfen. Selbst der Rakower Katechismus, der Sozzinis Kritik der Vorherbestimmung bis in den Wortlaut übernimmt, macht diese These nicht zum Lehrstück. Vorläufer gab es im 19. Jahrhundert, etwa den amerikanischen Methodisten Lorenzo D. McCabe (1882); breit aufgenommen wurde die Position aber erst im 20. Jahrhundert unter dem Namen „Open Theism“ („offener Theismus“), etwa in dem Sammelband The Openness of God (1994). Wer Sozzinis Ablehnung der Vorherbestimmung teilt, muss ihm hier nicht folgen; sein Argument zeigt aber, wie ernst er die Freiheit nahm, die Gott dem Menschen gegeben hat.
Die Schriftstellen der Gegenseite
Sozzini weicht den schwierigen Texten nicht aus. In drei langen Kapiteln geht er die Stellen durch, auf die sich die Lehre von der Vorherbestimmung stützt. Seine Methode ist überall dieselbe: den Zusammenhang lesen, auf den Wortlaut des Grundtextes achten und einen besonderen Ratschluss Gottes über einzelne Personen nicht zur allgemeinen Regel machen. „Aus einzelnen Beispielen nämlich darf man keine Regel aufstellen; vielmehr sind die Regeln aus dem zu gewinnen, was alle insgesamt betrifft und von allen insgesamt gesagt wird.“
Römer 9: Jakob und Esau, der Pharao und der Töpfer
Kein Kapitel wird so oft für die doppelte Vorherbestimmung angeführt. „So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will“ (Röm 9,18). Sozzini liest das Kapitel von seiner Absicht her: Paulus will zeigen, dass nicht alle, die leiblich von Abraham abstammen, wahre Kinder Abrahams sind, sondern die, die durch Christus glauben, gleich von welchen Eltern sie geboren sind. Dass über Jakob und Esau entschieden wurde, „ehe die Kinder geboren waren“ (Röm 9,11), begegnet dem Einwand, Gott habe Jakob vorgezogen, weil er besser gewesen sei; es handelt vom Vorrang Jakobs, nicht von ewigem Heil und ewiger Verdammnis. „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen“ (Röm 9,16) meint das Wollen und Laufen, Gottes Wohltaten zu erlangen — nicht den Willen, Gottes Gebot zu tun. Der Pharao aber hatte Gottes Volk schon lange unterdrückt, ehe Gott ihn verstockte; seine Verstockung war Strafe, nicht Anfang seiner Schuld. Das Bild vom Töpfer schließlich deutet Sozzini so:
„Die Meinung des Paulus ist aber diese: Wie es dem Töpfer erlaubt ist, aus derselben Masse das eine Gefäß zu ehrenvollem, das andere aber zu unehrenhaftem Gebrauch zu formen, so ist es Gott erlaubt, aus dem gesamten Menschengeschlecht die einen Menschen mit den Strafen zu belegen, die ihre Verbrechen verdient haben, die anderen aber, obgleich sie es nicht verdienen, mit seinen Gaben zu überhäufen.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XII: Schriftzeugnisse gegen die Willensfreiheit
Der Ton, aus dem der Töpfer die Gefäße formt, sind also nicht Menschen vor ihrer Geburt, sondern Menschen, die schon gerecht oder schlecht geworden sind. Sozzini verweist dafür auf Jeremia 18 und Jesaja 45, woher Paulus das Bild genommen hat. Bei Jeremia ist der Töpfer gerade der, der sein Wort an das Verhalten der Menschen bindet:
„Plötzlich rede ich wider ein Volk und Königreich, daß ich es ausrotten, zerbrechen und verderben wolle. Wo sich’s aber bekehrt von seiner Bosheit, dawider ich rede, so soll mich auch reuen das Unglück, das ich ihm gedachte zu tun.“
Jeremia 18,7–8
Römer 8,29–30: Die Kette des Heils
„Denn welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf daß derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.“
Römer 8,29–30
Diese „goldene Kette“ galt den Reformierten als Beweis, dass die Erwählten unfehlbar zur Herrlichkeit gelangen. Sozzini liest sie vom vorangehenden Vers her: Paulus spricht von denen, „die Gott lieben“ (Röm 8,28). Das griechische proegnō („zuvor ersehen“) bedeutet hier, wie in Röm 11,2, „zuvor gebilligt“ oder „zuvor erwählt“, nicht ein bloßes Vorauswissen.
„In diesen Worten lehrt der Apostel, dass die, welche Gott lieben und deshalb schon zuvor von Gott selbst gebilligt worden sind, durch seinen Ratschluss zur Herrlichkeit bestimmt sind, und er zeigt, in welchen Stufen sie von ihm dahin geführt werden.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XIII: Vorherbestimmen, Erwählen, Berufen
Sozzinis Ergebnis lautet, dass die Stelle „keinen anderen unwandelbaren Ratschluss Gottes enthält als diesen: dass es bei denen, die Gott lieben, nicht anders sein kann, als dass sie von Gott mit jener Liebe geliebt werden, die er in Christus erwiesen hat, und so in Ewigkeit gerettet werden“. Die Kette beschreibt den Weg derer, die Gott lieben, keine Liste von Namen.
Epheser 1,4–5: Erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war
„Wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war“ (Eph 1,4). Das Wort „erwählen“ bezeichnet hier nach Sozzini nicht den Akt der Erwählung, sondern den Ratschluss zu erwählen — so wie Paulus sagen kann, Gott habe die Seinen schon „herrlich gemacht“ (Röm 8,30). Und dieser Ratschluss betrifft nicht Namen, sondern eine Art von Menschen. Das zeigt Sozzini an dem Reich, das den Gesegneten „bereitet ist von Anbeginn der Welt“ (Mt 25,34): Der nächste Vers nennt den Grund — „denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist“.
„Und auf keine andere Weise sind wahrhaftig alle jene Stellen zu erklären, an denen von einem göttlichen und ältesten Ratschluss über die Rettung gewisser Menschen die Rede ist: nämlich so, dass nicht bestimmte Menschen namentlich zu verstehen sind, sondern eine bestimmte Gattung von Menschen.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XIII: Vorherbestimmen, Erwählen, Berufen
Vorherbestimmt ist also, wer gerettet wird — der Art nach: wer glaubt, liebt und gehorcht.
Apostelgeschichte 13,48: „… wie viele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren“
Die Stelle galt den Gegnern als unwiderleglich. Sozzini merkt zuerst an, ohne viel Gewicht darauf zu legen, dass im Griechischen tetagmenoi steht, „bestimmt“ oder „geordnet“, nicht protetagmenoi, „vorherbestimmt“, und dass niemand genannt wird, der sie bestimmt hätte. Gemeint seien die, die durch ihre Rechtschaffenheit für das Evangelium „geeignet und tauglich“ waren. Schon früher, in seiner Schrift Über Jesus Christus den Retter, hatte er gezeigt, wohin die gegnerische Deutung führt: Lukas müsste gewusst haben, dass von allen Vorherbestimmten in Antiochia in Pisidien keiner mehr ungläubig war. Was sollte ein solches Wissen nützen?
„Gewiss, wenn du alles bei dir erwägst, wirst du bekennen, dass daraus nichts als irgendein großes Übel hätte hervorgehen können — und vor allem das, was wir soeben über Lukas selbst sagten: nämlich ein Nachlassen und beinahe ein Erlöschen der Liebe bei denen, die damals lebten, gegenüber jenen, von denen feststand, dass sie nicht geglaubt hatten.“
Fausto Sozzini, Über Jesus Christus den Retter (De Jesu Christo Servatore) — Vierter Teil: Rechtfertigender Glaube und die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi › Glaube, Vorherbestimmung
Eine Lehre, die es erlaubte, andere als Verworfene abzuschreiben, stünde gegen das Gebot der Liebe — das ist für Sozzini Grund genug, sie in diesem Vers nicht zu finden.
Johannes 6,44: Das Ziehen des Vaters
„Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat“ (Joh 6,44). Hängt das Kommen also allein daran, ob Gott zieht? Sozzini räumt zunächst um des Arguments willen ein, das Ziehen könne eine innere, nicht allen gewährte Kraft sein, und zeigt, dass selbst dann nichts gegen die Freiheit folgt:
„Selbst wenn jenes Ziehen Gottes (wenn ich so sagen darf) nichts anderes wäre als eine innere Kraft Gottes, die nicht allen gewährt würde, die das äußere Wort hören, so ließe sich daraus doch nicht schließen, dass hinsichtlich der Zustimmung zum äußeren Wort Gottes nichts in der Macht des Menschen läge. Denn Christus sagt nicht, alle, die vom Vater gezogen werden, gingen zu ihm, sondern dass niemand gehen könne, der nicht gezogen werde.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XII: Schriftzeugnisse gegen die Willensfreiheit
Wer gezogen wird, kann also dennoch nicht kommen, „weil er nämlich nicht gehen will“. Seine eigene Deutung geht weiter. Durch die Predigt Christi will der Vater alle ziehen, die sie hören. Wer nicht kommt, wird von Gott, „der ihn durch die Predigt Christi ziehen will“, nicht gezogen — wegen seiner eigenen Schlechtigkeit, nicht weil Gott ihn nicht hätte ziehen wollen. Der Zusammenhang zeigt, worauf Jesus hinauswill. Er antwortet Juden, die über ihn murren, und führt ihren Unglauben auf ihre eigene Haltung zurück: „So jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei“ (Joh 7,17); das Gericht ist, „daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse“ (Joh 3,19). Hätte Jesus den Unglauben auf Gottes Ratschluss zurückgeführt, so hätte er ihn entschuldigt.
Johannes 10: Die Schafe, die niemand aus seiner Hand reißt
„Ihr glaubet nicht; denn ihr seid von meinen Schafen nicht“ (Joh 10,26) — daraus folgern die Gegner, die Schafe seien von Ewigkeit her bestimmt. Sozzini antwortet: Jesus sagt das als Vorwurf; er deckt damit die Schuld der Zuhörer auf, statt sie zu entschuldigen. Schafe heißen die, die seine Lehre schon angenommen haben oder durch ihre Rechtschaffenheit dafür offen sind. Und dass niemand sie aus seiner Hand reißen wird (Joh 10,28), handelt von dem, was andere gegen sie tun können, nicht davon, ob sie selbst den Glauben wegwerfen können.
Philipper 2,12–13: Gott wirkt das Wollen und das Vollbringen
„Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,13). Hier, so scheint es, ist sogar das Wollen Gottes Werk. Sozzini bestreitet das nicht — er liest nur den Vers davor mit:
„Ich antworte, dass ich, wie oben gesagt wurde, nicht bezweifle, dass Gott auch der Urheber unseres guten Willens selbst genannt werden muss; dennoch bestreite ich, dass daraus folge, wir bewirkten in dieser Sache nichts frei. Und eben dies ist schon aus dieser Stelle selbst offenkundig, da ja vor den eben angeführten Worten in Vers 12 geschrieben steht: ‚Schafft mit Furcht und Zittern euer Heil‘, und der Grund dieser Ermahnung sogleich in eben den Worten angegeben wird, um die es uns geht.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XII: Schriftzeugnisse gegen die Willensfreiheit
Daraus folge, dass es „zum Teil in der Macht jener Philipper stand, etwas zur Erlangung ihres Heils zu wirken“. Gott wirkt das Wollen durch sein Wort, durch die Verheißungen des Evangeliums und die Zeichen, die es bekräftigt haben; Paulus gebraucht für das Wirken Gottes in den Philippern dasselbe Wort wie für das Wort Gottes, das in den Thessalonichern „wirkt“ (1 Thess 2,13). Ein Wirken durch das Wort hebt die Freiheit des Hörers nicht auf, es setzt sie voraus.
Hesekiel 36,26: Das neue Herz
„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben“ (Hes 36,26) — schafft Gott hier nicht den Willen selbst neu, ohne dass der Mensch etwas dazu tut? Sozzini nimmt zuerst ein Bild des Erasmus auf: So könne ein Lehrer zu seinem Schüler sagen: „Ich werde dir diese barbarische Zunge herausnehmen und dir eine römische einsetzen“, und dennoch von ihm Fleiß verlangen. Dann zeigt er am Text, auf welche Weise Gott das neue Herz gibt:
„Dem füge hinzu, dass aus der Stelle selbst hinreichend hervorgeht, dass Gott keine Notwendigkeit hat bezeichnen wollen, aber auch keine innere Gewalt, da Gott zeigt, dass er das, was er dort verheißt, auf keine andere Weise bewirken werde als durch die Menge der Wohltaten, mit denen er das Volk überhäufen und ihm dadurch Herz und Gemüt erweichen und in ihm den Willen und die Bereitwilligkeit, ihm zu gehorchen, gleichsam erzeugen und schaffen wollte.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XII: Schriftzeugnisse gegen die Willensfreiheit
Nach derselben Regel liest Sozzini die Stellen, an denen Gott etwas „gibt“ oder „nicht gibt“ (5 Mose 29,3; 2 Tim 2,25): Das Wort bezeichnet die Wirkung, nicht den bloßen Willen; „mit vollem Recht“, sagt Sozzini, gibt derjenige nicht, „der keinen findet, der annimmt“. Dass Israel kein verständiges Herz bekam, lag nicht daran, dass Gott es ihm nicht geben wollte.
Der Pharao, Judas und die Verstockten
Bleiben die Fälle, in denen Gott selbst einen Menschen verstockt oder zu einer bösen Tat gebraucht: der Pharao, Sihon, die Söhne Elis, Absalom, Judas. Sozzini zeigt an jedem einzelnen, dass dem Ratschluss eine Bosheit vorausging, die ihn begründete. Es war beschlossen, dass einer aus Jesu Tischgenossen ihn verraten werde — nicht, dass es Judas sein werde. Erwählt wurde Judas zu dieser Rolle, als er schon ein Dieb und habgierig war (Joh 12,6; Mt 26,15). Ebenso liest er 1 Petr 2,8, wo es von den Ungläubigen heißt, sie stoßen sich am Wort, „wozu sie auch gesetzt sind“: Gesetzt ist nicht ihr Unglaube, sondern dass jeder, der das Evangelium verwirft, sich an diesem Stein stoßen soll. Das Ergebnis fasst Sozzini in einem Grundsatz zusammen:
„Und in dieser ganzen Erörterung ist jenes im Gedächtnis zu wiederholen, was von uns gesagt worden ist, als wir vom Vorherwissen Gottes handelten: dass Gott niemals der Urheber und die Ursache der Schuld oder der Sünde ist, die in einer Tat steckt, sondern allein der Tat selbst. Denn die Bosheit und die Ungerechtigkeit, aus der alle Schuld hervorgeht, findet er im Menschen schon vor, den er zur Verübung irgendeiner Untat treibt, weil dieser bereits böse und ungerecht ist …“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XIV: Zeugnisse von einem besonderen Ratschluss
Gott bedient sich der Bosheit, die er vorfindet; er schafft sie nicht. Selbst bei den falschen Lehrern, die „vorzeiten“ zu ihrem Urteil „geschrieben“ sind (Jud 4), wartet Gott nach Sozzini mit größter Geduld, ob sie sich besinnen „und ihm einen Grund an die Hand geben, seinen Ratschluss zu widerrufen“.
Das Buch des Lebens
Auch die Rede vom Buch des Lebens (Offb 13,8; 17,8) beweist keine unwiderrufliche Bestimmung. Mose bittet: „tilge mich auch aus deinem Buch, das du geschrieben hast“, und Gott antwortet: „Ich will den aus meinem Buch tilgen, der an mir sündigt“ (2 Mose 32,32–33). Christus verheißt dem, der überwindet, er werde seinen Namen „nicht austilgen aus dem Buch des Lebens“ (Offb 3,5) — eine Verheißung, die nur Sinn hat, wenn Tilgung möglich ist. Und Paulus sagt von seinen Gehilfen, ihre Namen stünden im Buch des Lebens (Phil 4,3); einen dieser Gehilfen, Demas (Phlm 24), muss er später verloren geben: „Demas hat mich verlassen und hat diese Welt liebgewonnen“ (2 Tim 4,10).
Was Sozzini an die Stelle setzt: Vorherbestimmt ist der Weg
Sozzini streicht die biblischen Worte nicht, er gibt ihnen ihren Sinn zurück. Vorherbestimmt hat Gott, und zwar vor Grundlegung der Welt, wie er die Menschen retten will: durch Jesus Christus, alle, die glauben und gehorchen. Der Rakower Katechismus, der Sozzinis Lehre zusammenfasst, hat das in einen Satz gebracht:
„Die Vorherbestimmung Gottes bedeutet in der Schrift nichts anderes als folgenden Beschluss Gottes über die Menschen, den er vor Grundlegung der Welt gefasst hat: dass er denen, die an ihn glauben und ihm gehorchen würden, das ewige Leben geben werde; dem steht auf der anderen Seite jener Beschluss gegenüber: dass er diejenigen, die sich weigern würden, an ihn zu glauben und ihm zu gehorchen, mit ewiger Verdammnis bestrafen werde. Denn Christus, der vollkommene Ausleger des göttlichen Willens, hat uns diesen Ratschluss Gottes und beide Beschlüsse folgendermaßen dargelegt: Wer an ihn glaube, werde gewiss das ewige Leben haben; wer aber nicht glaube, der werde gewiss verdammt werden.“
Rakower Katechismus — Die Schriftbeweise der Gegner für die Vorherbestimmung › Die Begriffe Vorherbestimmung, Erwählung und Berufung
Daraus ergibt sich auch Sozzinis Verständnis der Erwählung. Die Schrift kennt zwei Bedeutungen. In einem weiteren Sinn heißen alle „erwählt“, die das Evangelium angenommen haben; so nennt Paulus die ganze Gemeinde von Thessalonich (1 Thess 1,4). In einem festeren Sinn heißen nur die erwählt, die auch ein Leben führen, das dem Evangelium entspricht — „denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“, sagt Jesus über den Gast ohne hochzeitliches Kleid (Mt 22,14). Darum mahnt Petrus: „tut desto mehr Fleiß, eure Berufung und Erwählung festzumachen“ (2 Petr 1,10). Eine Erwählung, die man festmachen muss, ist keine, die von Ewigkeit her feststeht.
„Aus dem, was wir bisher erörtert haben, ist nach unserer Überzeugung hinreichend klar, dass sich aus der Erwählung Gottes, von der die Heilige Schrift spricht, nichts entnehmen lässt, was zeigte, dass wir bei der Erlangung unseres Heils nichts frei tun. Vielmehr muss man daraus zur Genüge einsehen, dass uns ohne unseren Willen das Heil nicht erworben und schlechterdings nichts bewirkt wird — da ja nicht einmal die Erwählung selbst ohne irgendeine freie Handlung unseres Willens sein oder auf irgendeine Weise bestehen kann.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XIII: Vorherbestimmen, Erwählen, Berufen
Die Erwählung ersetzt also den Glauben nicht, sie folgt ihm: Gott erwählt, die seinem Ruf folgen, und hält zu denen, die in seiner Liebe bleiben.
Christus: der eine, der gewiss vorherbestimmt war
Augustinus und seine Nachfolger beriefen sich gern auf Christus selbst: Er war vor Grundlegung der Welt gewiss zum Heil bestimmt; wie das Haupt, so die Glieder. Sozzini gibt den ersten Satz zu und bestreitet den zweiten:
„Ich antworte: Wenn die Glieder ebenso gewiss sein müssten, wie das Haupt gewiss sein musste, dann ginge das Argument auf. Nun aber musste zwar das Haupt gewiss sein — andernfalls wäre der Weg unseres Heils selbst, den Gott erwählt hätte, ungewiss gewesen —, die Glieder hingegen können nicht nur ungewiss sein, sondern müssen es sogar: Andernfalls könnte Gott diejenigen, die nicht Glieder wären, auf keine Weise ebendeswegen strafen, dass sie keine Glieder sind.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XIV: Zeugnisse von einem besonderen Ratschluss
Gewiss vorherbestimmt ist der Retter, und mit ihm der Weg; offen ist, wer ihn geht. Darin liegt nach Sozzini kein Verlust, sondern ein Trost: Wenn schon Christus, der gar nicht anders konnte als gehorchen, für seinen Gehorsam so reich belohnt wurde, dann werden „gewiss auch wir, die wir es in der Hand hätten, nicht zu gehorchen, um unseren Lohn nicht betrogen werden“.
Ist der Glaube dann noch Gabe Gottes?
Der Einwand liegt nahe: Wenn der Mensch glauben oder nicht glauben kann, verdankt er sein Heil am Ende sich selbst. Sozzini antwortet mit einem einfachen Bild:
„Und der Glaube hört nicht auf, eine Gabe Gottes zu sein, auch wenn es in der Macht des Menschen steht zu glauben, das heißt, den ihm durch die Predigt des Evangeliums von Gott angebotenen Glauben anzunehmen. Ebenso würde, wenn ich jemandem, dem ich schlechterdings nichts schulde, Geld schenken wollte, meine Freigebigkeit in keinem Stück gemindert, auch wenn es in seiner Macht stünde, dieses Geld anzunehmen oder nicht anzunehmen.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XII: Schriftzeugnisse gegen die Willensfreiheit
Gott schuldet niemandem etwas, „außer aufgrund einer Verheißung“; er sendet das Evangelium, gibt die Verheißungen, bekräftigt sie und schenkt den Glaubenden seinen Geist. Der Mensch nimmt nur an, was ihm angeboten wird — aber er nimmt es selbst an. Am Ende des vierzehnten Kapitels zieht Sozzini die Summe:
„Daher schließe ich endlich: Es gibt unter denen, welchen das Evangelium lauter verkündigt wird, niemanden (es sei denn, er wäre zuvor durch Gottes gerechtes Gericht wegen seiner Sünden verhärtet und verblendet worden), der ihm nicht frei und aus eigenem Antrieb zustimmen könnte; und ist dies einmal geschehen, so ist nicht zu befürchten, dass wir die Gebote des Evangeliums selbst nicht erfüllen könnten. Denn denen, die dem Evangelium zustimmen, schenkt Gott alles, dessen sie zu deren Erfüllung bedürfen. Und in diesem Sinne behaupte ich, dass es im Menschen einen freien Willen gibt.“
Fausto Sozzini, Theologische Untersuchungen (Praelectiones theologicae) — Kap. XIV: Zeugnisse von einem besonderen Ratschluss
Freiheit und Gnade stehen bei Sozzini nicht gegeneinander: Gott gibt alles, was zum Glauben und Gehorsam nötig ist, und der Mensch nimmt es frei an.
Was die Schrift bezeugt
Die Stellen, die Sozzini und seine Nachfolger dem doppelten Ratschluss entgegenhalten, sprechen vom Willen Gottes, alle zu retten, und von der Verantwortung jedes Einzelnen. Gott sagt bei Hesekiel: „ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe“ (Hes 33,11). Er „will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1 Tim 2,4) und „will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß sich jedermann zur Buße kehre“ (2 Petr 3,9). Mose legt dem Volk „Leben und Tod, Segen und Fluch“ vor, „daß du das Leben erwählest“ (5 Mose 30,19). Und Jesus klagt über Jerusalem: „wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen … und ihr habt nicht gewollt!“ (Mt 23,37). Calvin las diese Stellen anders: In 1 Tim 2,4 sei „nicht von einzelnen Menschen, sondern von Ständen von Menschen“ die Rede (Institutio III,24,16), und in 2 Petr 3,9 spreche Gott nur von seinem offenbarten Willen (siehe oben). Sozzini nimmt die Worte, wie sie dastehen.
- Hesekiel 18,20 — „Welche Seele sündigt, die soll sterben“: Jeder trägt seine eigene Schuld. Ein Urteil, das vor aller Tat feststeht, wäre das Gegenteil.
- Jeremia 31,29–30 — Das Sprichwort von den Herlingen, die die Väter gegessen haben, gilt nicht mehr: „ein jeglicher soll um seiner Missetat willen sterben“.
- Johannes 3,16 — Gott hat „die Welt“ geliebt, damit „alle, die an ihn glauben“, nicht verloren werden. Die Bedingung ist der Glaube, nicht ein vorgängiger Name.
- 1. Timotheus 2,6 — Christus, „der sich selbst gegeben hat für alle“, unmittelbar nach dem Satz, dass Gott will, dass allen Menschen geholfen werde (2,4).
- Jakobus 1,14–15 — Die Versuchung kommt aus der eigenen Begierde; „Gott … versucht niemand“ (1,13). Gott ist nicht Urheber der Sünde.
- Matthäus 7,13–14 — Zwei Wege und die Aufforderung, durch die enge Pforte einzugehen. Eine Aufforderung setzt voraus, dass man ihr folgen kann.
- Römer 5,12 — Der Tod ist zu allen durchgedrungen, „dieweil sie alle gesündigt haben“: eigene Sünde, nicht verfügtes Los.
- 1. Petrus 1,20 — Christus, „der zwar zuvor ersehen ist, ehe der Welt Grund gelegt ward“: Vorherbestimmt ist der Retter und mit ihm der Weg des Heils.
Einwände und Antworten
„Dann verdankt der Mensch sein Heil am Ende sich selbst.“
Nein. Wer ein Geschenk annimmt, hat es nicht verdient, und es bleibt ein Geschenk, auch wenn er es hätte ausschlagen können. Gott sendet das Evangelium, gibt die Verheißungen und den Geist; niemand kann an Christus glauben, „wenn nicht Gott durch irgendwelche Werkzeuge die Kenntnis Christi schenkt“. Die Freiheit, anzunehmen oder abzulehnen, macht die Rettung nicht zum Lohn. Sie macht nur die Verdammnis zur eigenen Schuld.
„Auch Sozzinis Gott verstockt Menschen und gebraucht ihre Bosheit. Wo ist der Unterschied zu Calvin?“
Der Unterschied liegt in der Reihenfolge. Bei Calvin geht der Ratschluss der Sünde voraus; bei Sozzini geht die Sünde dem Ratschluss voraus. Gott verstockt nur, wer sich schon selbst verhärtet hat, und er ist Urheber der Tat, nicht der Schuld. Dass ein so Verstockter dennoch gestraft wird, begründet Sozzini so: „Denn wenn jemand notwendig in ein Verbrechen gerät, so wird er, sofern er selbst sich den Grund dieser Notwendigkeit gegeben hat, nicht entschuldigt, sondern ebenso bestraft, als hätte er jenes Verbrechen ganz willentlich und frei begangen.“ Gott hat diesen Menschen nicht von Ewigkeit her zum Fall bestimmt, sondern ihn im Fall gefunden.
„Ein Gott, der die Zukunft nicht kennt, ist nicht allwissend.“
Allwissenheit heißt, alles zu wissen, was wissbar ist — wie Allmacht heißt, alles zu können, was möglich ist. Gott kennt jeden Gedanken, jede Absicht und jede Möglichkeit, er kennt seine eigenen Ratschlüsse, und er weiß, was er tun wird, wie immer die Menschen sich entscheiden. Was er nicht „weiß“, ist eine Entscheidung, die noch gar nicht gefallen ist. Und auch wer Sozzini in diesem Punkt nicht folgt, kann seine Hauptthese teilen: dass Gott niemanden vor seiner Geburt zur Verdammnis bestimmt.
„Ohne unbedingte Erwählung gibt es keine Heilsgewissheit.“
Die Gewissheit ruht nach Sozzini auf Gottes Zusage, nicht auf einem verborgenen Dekret: Wer glaubt und Gott liebt, wird nicht verloren gehen, und niemand kann ihn aus Christi Hand reißen (Joh 10,28; Röm 8,31–39). Calvin verweist den Angefochtenen auf Christus als den „Spiegel“, in dem man seine Erwählung betrachten soll (Institutio III,24,5). Doch er räumt selbst ein, dass Verworfene sich bisweilen „nicht einmal nach ihrem eigenen Urteil von den Erwählten unterscheiden“ (III,2,11). Wer kann dann wissen, zu welchen er gehört?
„Wenn Gott nicht alles festlegt, regiert der Zufall.“
Frei ist der Wille des Menschen, nicht der Lauf der Welt. Die äußeren Taten hat Gott in seiner Hand behalten: Er lässt zu oder verhindert, wie es ihm gut scheint, er durchschaut alle Absichten, und er weiß, was immer die Menschen ins Werk setzen, „alles zu seiner Ehre zu wenden“. Gottes Herrschaft ist darum nicht schwächer, sondern lebendiger: Gott sieht, prüft, antwortet und lenkt, statt nur auszuführen, was von Ewigkeit her feststeht.
„Das ist die Irrlehre des Pelagius.“
In der Ablehnung der Erbsünde steht Sozzini Pelagius tatsächlich nahe, und seine Gegner haben ihm das vorgehalten. Aber er lehrt nicht, dass der Mensch aus eigener Kraft gerecht wird. Er hält die meisten Menschen für schwach und durch Gewohnheit verdorben, er hält Gottes Hilfe für unentbehrlich, und er führt das Heil ganz auf Gottes Güte in Christus zurück. Was er bestreitet, ist allein, dass Gott einem Menschen diese Hilfe verweigert, der sie nicht zuvor durch eigene Bosheit verwirkt hat, und ihn dann für das straft, was er ohne sie nicht tun konnte. Wo Gott seine Gnade entzieht — beim Pharao, bei Petrus, bei den Söhnen Elis —, ist es nach Sozzini immer Strafe für vorausgegangene Schuld.
Nachwirkung
Die Gemeinden der Polnischen Brüder haben Sozzinis Lehre übernommen. Der Rakower Katechismus folgt ihr bis in den Wortlaut: Er verwirft die Vorherbestimmung „vornehmlich aus zwei Gründen“ und zählt die vier „Unziemlichkeiten“ auf, die sie Gott zuschreiben müsste. Für die Reformierten wurde „Sozinianismus“ zum Schlagwort, mit dem man auch die Remonstranten belegte, die in Dordrecht verurteilt wurden. Heute glauben sehr viele Christen, dass Gott alle retten will und dass der Mensch die angebotene Gnade annehmen oder ausschlagen kann. In dieser Frage stehen sie Sozzini näher als Calvin — auch wenn die wenigsten wissen, wo diese Gründe so früh und so geschlossen ausgearbeitet worden sind.
Gott hat nicht vorherbestimmt, wer glauben wird, sondern dass, wer glaubt und gehorcht, gerettet wird. Der Mensch bleibt auch nach Adams Fall frei, die angebotene Gnade anzunehmen oder auszuschlagen: Darum ist die Rettung ganz Geschenk und die Verdammnis ganz eigene Schuld. Gott ist nicht Urheber der Sünde, sein Ruf zur Umkehr ist ernst gemeint, und seine Allwissenheit umfasst alles, was sich wissen lässt — die noch offene Entscheidung eines freien Menschen gehört so wenig dazu, wie das Ungeschehenmachen des Geschehenen zu seiner Allmacht gehört. So bleibt Gott, was die Schrift von ihm sagt: gerecht, wahrhaftig und gut.
