Hebräer 5,8-9 — Gehorsam gelernt, vollendet, Urheber des Heils

TL;DR

Der Hebräerbrief sagt von Christus dreierlei, was in kein Schema der stellvertretenden Strafleistung passt: Er hat Gehorsam gelernt, er wurde vollendet, und er ist der Urheber des ewigen Heils für die, die ihm gehorsam sind. Die Sozinianer lesen den Satz genau in dieser Reihenfolge: Erst wird Christus durch das Leiden zu dem gemacht, was er sein soll, dann wird er zur Ursache des Heils — und diese Ursache reicht so weit, wie der Gehorsam der Seinen reicht. Fausto Sozzini hat aus Vers 9 seinen schärfsten Einwand gegen die Zurechnungslehre gewonnen: Wäre die Schuld bereits am Kreuz getilgt und dem Glaubenden bloß zugerechnet, so stünde die Bedingung „allen, die ihm gehorsam sind“ überflüssig im Text. Der Vers macht das Heil nicht unsicher, sondern nennt seine Gestalt: Christus rettet, indem er regiert, und man empfängt ihn, indem man ihm folgt.

„Und wiewohl er Gottes Sohn war, hat er doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und da er vollendet war, ist er geworden allen, die ihm gehorsam sind, ein Urheber der ewigen Seligkeit.“

Hebräer 5,8-9

Kontext: ein Priester, der erst werden musste, was er ist

Der Hebräerbrief führt in den Kapiteln 4 und 5 den Gedanken ein, der ihn bis Kapitel 10 trägt: Christus ist Hoherpriester. Die Einführung geschieht nicht durch eine Wesensaussage, sondern durch einen Vergleich mit dem levitischen Amt. Ein Hoherpriester wird „aus den Menschen genommen“, er wird „für die Menschen eingesetzt in den Sachen vor Gott“, er kann „mitfühlen mit den Unwissenden und Irrenden, weil er auch selbst umgeben ist mit Schwachheit“, und — entscheidend — „niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern er wird berufen von Gott“ (5,1-4). Erst danach kommt Christus in den Blick, und er kommt als einer, auf den dieselben vier Bestimmungen zutreffen.

Unmittelbar vor unserem Vers steht die dichteste Passion-Erinnerung des ganzen Briefes: Christus hat „in den Tagen seines Fleisches Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen geopfert zu dem, der ihm von dem Tode konnte aushelfen; und ist auch erhört, darum dass er Gott in Ehren hatte“ (5,7). Das ist Gethsemane, und der Brief liest die Szene nicht als Ausnahme, sondern als den Ort, an dem Christi Priestertum sich bildet. Der Vers 8 schließt daran an: an dem, was er litt — nicht neben dem Leiden, nicht trotz des Leidens — hat er Gehorsam gelernt.

Vers 9 zieht die Folgerung, und er zieht sie in einer auffälligen Zeitform. Christus ist geworden, was er zuvor nicht war: Urheber ewigen Heils. Und er ist es geworden, nachdem er „vollendet“ worden ist. Der Brief wiederholt diesen Gedanken mehrfach: Gott hat den „Herzog ihrer Seligkeit durch Leiden vollkommen gemacht“ (2,10); das Gesetz macht „Menschen zu Hohenpriestern, die Schwachheit haben“, das Wort des Eides aber „den Sohn, der ewig und vollkommen ist“ (7,28). Wer diese Aussagen zusammennimmt, sieht eine Bewegung: vom Leiden über die Vollendung zur Priesterwürde und erst von dort zum Heil der Übrigen.

Und der Satz endet mit einer Grenzbestimmung, die man nicht überlesen darf. Das Heil, dessen Urheber Christus geworden ist, gilt „allen, die ihm gehorsam sind“. Der Verfasser hätte schreiben können „für alle Menschen“ oder „für alle, die an ihn glauben“; er schreibt weder das eine noch das andere. Die Angabe ist keine Nebenbemerkung: Sie steht an der Stelle, an der Umfang und Bedingung des Heils genannt werden, und sie nennt als Bedingung nicht ein Fürwahrhalten, sondern ein Gehorchen. Genau hier setzt die sozinianische Auslegung an.


Sozinianische Kernthese

Die sozinianische Lesart bestreitet nicht, dass Christus rettet, und sie schwächt seine Rolle nicht ab. Sie bestreitet, dass die Rettung die Form einer stellvertretend erlittenen Strafe hat, die dem Glaubenden anschließend gutgeschrieben wird. Hebräer 5,8-9 ist für diese Bestreitung der ergiebigste Vers des Neuen Testaments, weil er alle drei Elemente der Zurechnungslehre zugleich stört: Er sagt, dass Christus etwas lernte, was ein von Ewigkeit her vollkommener Gehorsam nicht lernen könnte; er sagt, dass Christus vollendet wurde, was ein bereits am Kreuz abgeschlossenes Werk nicht mehr nötig hätte; und er nennt als Empfänger des Heils die Gehorsamen, wo die Zurechnungslehre die Glaubenden nennen müsste.

Der erste Punkt betrifft die Christologie. Wenn Christus Gehorsam an dem lernte, was er litt, dann hat sein Gehorsam eine Geschichte — er beginnt, wächst und erreicht ein Ziel. Von einer Person, die nach dem Wesen Gott und daher unwandelbar und allwissend ist, lässt sich das nicht sagen, ohne den Satz in sein Gegenteil zu deuten. Die Auskunft, Christus habe „nach der menschlichen Natur“ gelernt, verschiebt das Problem nur: Gelernt hat dann eine Natur, gehorcht aber muss eine Person, und der Brief spricht von einem einzigen Subjekt, das leidet, lernt, vollendet wird und Priester wird. Wer hier zwei Naturen als zwei Träger einführt, löst nicht den Text aus, sondern ersetzt ihn.

Der zweite Punkt betrifft die Sühne. „Vollendet“ (griechisch teleiōtheis) ist im Hebräerbrief kein moralisches, sondern ein priesterliches Wort: Es beschreibt in der griechischen Bibel die Einsetzung in das Priesteramt, das „Füllen der Hände“ des Priesters. Der Rakower Katechismus zieht daraus die Konsequenz, dass Christi Opfer nicht am Kreuz vollendet wurde, sondern im Himmel — denn ein Opfer kann nicht vollendet sein, bevor der Priester es ist. Kreuz und Auferstehung sind damit nicht entwertet; sie werden anders eingeordnet, nämlich als Weg zu dem Amt, in dem Christus jetzt handelt.

Der dritte Punkt betrifft die Rechtfertigung. Wenn Christus „allen, die ihm gehorsam sind“, Urheber des Heils geworden ist, dann ist das Heil nicht eine bereits vollzogene Rechtstat, die man nachträglich für sich in Anspruch nimmt, sondern eine Macht, die sich auf einen bestimmten Kreis erstreckt. Sozzini nennt diese Macht die „vermittelnde Ursache“ unseres Heils und hält fest, dass sie sich nur auf die erstreckt, die Christus gehorcht haben. Damit ist die Reihenfolge der reformatorischen Lehre umgekehrt: Nicht der zugerechnete Gehorsam Christi begründet unseren, sondern unser Gehorsam ist die Gestalt, in der wir seinen empfangen.

Kernaussage

Christus wurde vollendet, ehe er rettete — und er rettet, soweit man ihm gehorcht: Der Vers nennt das Heil eine Wirkung seines Amtes, nicht eine Buchung auf einem fremden Konto.

Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld

emathen … hypakoēn — „er lernte Gehorsam“

Der Verfasser formt hier ein Wortspiel, das sich im Deutschen kaum nachbilden lässt: emathen aph’ hōn epathen — „er lernte an dem, woran er litt“. Die Verbindung von manthanein (lernen) und paschein (leiden) war in der griechischen Bildungssprache sprichwörtlich; Aischylos hatte sie in die Formel „durch Leiden zur Einsicht“ gefasst. Der Brief greift eine geläufige Wendung auf und wendet sie auf Christus an, ohne jede Abmilderung.

Entscheidend ist, dass manthanein im Neuen Testament durchweg einen wirklichen Erwerb bezeichnet — man lernt, was man vorher nicht hatte. Die alte Auslegung hat versucht, den Sinn auf ein „erfahrungsweise Kennenlernen“ einzugrenzen: Christus habe den Gehorsam nicht erworben, sondern nur erlebt, wie es sei, zu gehorchen. Sprachlich ist das nicht ausgeschlossen; nur trägt der Satzbau diese Eingrenzung nicht. Der Nebensatz „wiewohl er Gottes Sohn war“ hat nämlich einräumenden Sinn: Er ist nur dann sinnvoll, wenn im Hauptsatz etwas steht, das man von einem Sohn Gottes gerade nicht erwartet. Erlebtes Leiden erwartet man von einem Sohn nicht — aber der Satz sagt nicht, er habe Leiden erlebt, sondern er habe Gehorsam gelernt.

Der Begriff hypakoē selbst gehört bei Paulus wie im Hebräerbrief in den Zusammenhang des Hörens: Er ist gebildet aus akouein (hören) und der Vorsilbe hypo — Gehorsam ist das Hören, das sich unterstellt. Wer Gehorsam lernt, lernt also nicht eine Tugend im Allgemeinen, sondern das Hören auf einen bestimmten Willen in einer bestimmten Lage. Genau diese Lage nennt Vers 7: das Gebet in Gethsemane, das erhört wurde, „darum dass er Gott in Ehren hatte“.

teleiōtheis — „vollendet“ als priesterlicher Terminus

Das Partizip teleiōtheis ist der Angelpunkt des Verses. In der Septuaginta ist teleioun tas cheiras — „die Hände füllen“ — der stehende Ausdruck für die Einsetzung eines Priesters in sein Amt (2. Mose 29,9.29.33; 3. Mose 8,33; 4. Mose 3,3). Der Hebräerbrief verwendet das Wort neunmal, und fast immer im Umkreis des Priestertums: Der „Herzog der Seligkeit“ wird „durch Leiden vollkommen gemacht“ (2,10); das Gesetz „hat nichts vollkommen gemacht“ (7,19); der Eid setzt „den Sohn, der ewig und vollkommen ist“, als Priester ein (7,28).

Wird das Wort so gelesen, verschwindet ein scheinbares Ärgernis: Es geht nicht darum, dass ein sittlich unvollkommener Christus vollkommen geworden wäre, sondern darum, dass ein noch nicht eingesetzter Priester eingesetzt wurde. Der Rakower Katechismus formuliert die Bedingung dieser Einsetzung präzise: Christus musste den Brüdern „in allem gleich werden“, das heißt in Leiden und Tod, ehe er das Amt tatsächlich ausüben konnte; und weil der Priester erst vollendet werden musste, konnte auch das Opfer vorher nicht vollendet sein.

Damit ist zugleich der Zeitpunkt bestimmt, an dem Christus „Urheber des Heils“ wurde: nicht im Sterben, sondern nach der Auferstehung und Erhöhung, mit dem Eintritt in das himmlische Heiligtum. Der Brief selbst setzt diese Ordnung voraus, wenn er sagt, Christus wäre „nicht einmal Priester, wenn er auf Erden wäre“ (8,4). Wer das Werk der Erlösung am Karfreitag abgeschlossen sein lässt, muss diesen Satz für eine Übertreibung halten. Die sozinianische Lesart nimmt ihn beim Wort.

aitios sōtērias aiōniou — „Urheber ewigen Heils“

Das Wort aitios kommt im Neuen Testament nur hier vor. Es ist kein kultischer, sondern ein philosophischer Ausdruck: Er bezeichnet die wirkende Ursache, das, wodurch etwas geschieht. Ein aitios ist nicht der letzte Ursprung — dieser heißt bei Paulus wie im Hebräerbrief immer Gott —, sondern dasjenige, durch dessen Tätigkeit eine Wirkung eintritt.

Sozzini gebraucht dafür in „Über die Rechtfertigung“ den Terminus causa medians, die „vermittelnde Ursache“: eine Ursache, die zwischen dem Urheber und der Wirkung steht und deren Kraft an die Empfänger weitergibt. Der Unterschied zur Zurechnungslehre ist damit genau bezeichnet. Eine zugerechnete Genugtuung wirkt wie eine Zahlung: Sie ist geleistet, sie liegt vor, sie wird verbucht. Eine vermittelnde Ursache dagegen wirkt nur da, wo sie sich auswirkt — und deshalb kann und muss der Text angeben, auf wen sie sich erstreckt.

Dass das Heil aiōnios, „ewig“, heißt, verschärft den Punkt. Das ewige Leben ist nach sozinianischem Verständnis kein natürlicher Besitz der Seele, sondern eine Gabe, die der Auferstandene austeilt (vgl. 1. Timotheus 6,16). Wer Urheber des ewigen Heils ist, hat also nicht eine Schuld beglichen, sondern verfügt über die Macht, Unsterblichkeit zu geben — die Macht, die ihm nach Matthäus 28,18 gegeben wurde.

tois hypakouousin autō — „allen, die ihm gehorsam sind“

Das Partizip Präsens im Dativ bezeichnet keine einmalige Entscheidung, sondern einen andauernden Zustand: den Gehorchenden. Es steht ohne Artikelzusatz „durch den Glauben“ und ohne Einschränkung auf ein bestimmtes inneres Verhalten. Der Verfasser hat, wo er den Glauben meint, das Wort pistis reichlich zur Verfügung — Kapitel 11 besteht daraus. An dieser Stelle wählt er es nicht.

Sozzini leitet daraus keine Werkgerechtigkeit ab, sondern eine Bestimmung dessen, was Glaube ist. Der rettende Glaube besteht nach ihm nicht darin, für wahr zu halten, dass unsere Sünden durch Christi Blut getilgt seien, sondern darin, Christus in der Hoffnung auf das ewige Leben zu gehorchen. Der Unterschied ist keine Nuance: Im einen Fall ist der Glaube eine Kenntnisnahme, im anderen ein Verhältnis. Nur im zweiten Fall lässt sich erklären, warum der Hebräerbrief hier von Gehorsam spricht — und warum er wenige Kapitel später vor dem Zurückweichen warnt (10,26-31).

Auch die Symmetrie des Verses ist bezeichnend: Christus lernte Gehorsam, und die Seinen sind ihm gehorsam. Dasselbe Wortfeld steht auf beiden Seiten. Was Christus vorangegangen ist, tun die Seinen ihm nach; das ist der Gedanke, den 1. Petrus 2,21 mit dem Bild des Fußstapfens ausdrückt. Eine Zurechnung, bei der Christi Gehorsam den unseren ersetzt, hätte die Symmetrie zerstört.


Vergleich der Auslegungen

Traditionell-orthodox. Der ewige Sohn nimmt die menschliche Natur an und erfährt in ihr, was Gehorsam unter den Bedingungen der Schwachheit bedeutet; „lernen“ meint darum ein erfahrungsmäßiges Kennenlernen, nicht einen Zuwachs an Tugend. „Vollendet“ bezeichnet den Abschluss des irdischen Weges, an dessen Ende das vollbrachte Erlösungswerk steht. Christus ist Urheber des Heils, weil er die Strafe der Sünde stellvertretend getragen hat; der Zusatz „die ihm gehorsam sind“ nennt nicht die Bedingung, sondern die Frucht des Heils, den Glaubensgehorsam, den Gott selbst wirkt.
Sozinianisch. Der Brief redet von einem Menschen, der von Gott zum Priester und König bestimmt und durch Leiden für dieses Amt zubereitet wurde. „Lernen“ heißt erwerben, „vollendet werden“ heißt in das Priesteramt eingesetzt werden, und „Urheber“ heißt vermittelnde Ursache. Das Heil ist deshalb kein am Kreuz abgeschlossenes Rechtsgeschäft, sondern eine Macht, die der Erhöhte gegenwärtig ausübt und die so weit reicht, wie der Gehorsam der Seinen reicht. Der Zusatz ist keine Frucht, sondern die vom Text genannte Reichweite.

Sozzini über den Gehorsam als Gestalt des Glaubens

Sozzini behandelt unseren Vers dort, wo er die Frage stellt, worin der rechtfertigende Glaube eigentlich besteht. Sein Gegenüber ist die reformatorische Auskunft, der Glaube bestehe im Vertrauen darauf, dass Christi Genugtuung dem Sünder zugerechnet werde. Sozzini bestreitet nicht, dass wir durch Christi Tod gerettet sind — er nennt es „ganz und gar wahr“ und „von der Schrift offen bezeugt“. Was er bestreitet, ist, dass die Kenntnisnahme dieser Wahrheit schon der rettende Glaube sei:

„Denn es ist bei weitem etwas anderes, dies zu glauben, als in der Hoffnung auf das ewige Leben, das von ihm zu erlangen ist, Christus zu gehorchen, was zu unserer Rechtfertigung notwendig erfordert wird.“

Fausto Sozzini, Über die Rechtfertigung, „Der rechtfertigende Glaube als Gehorsam gegenüber Christus“

Der Satz ist der Schlüssel zur ganzen sozinianischen Rechtfertigungslehre. Er unterscheidet zwei Gegenstände: einen Sachverhalt, den man für wahr halten kann, und eine Person, der man sich unterstellen kann. Beides mag „Glaube“ heißen; nur das zweite ist nach Sozzini das, was die Schrift meint, wenn sie den Glauben rechtfertigend nennt. Und der Beleg dafür, dass der Gehorsam nicht bloß hinzukommt, sondern die Sache selbst ist, ist Hebräer 5,9:

„Dies, sage ich, so verstanden und verbunden mit dem Umstand, dass jene höchste Macht Christi, die die vermittelnde Ursache unseres Heils ist, sich nur auf diejenigen erstreckt, die Christus selbst gehorcht haben, wie aus dem hervorgeht, was in Hebr. 5,9 zu lesen ist, ermahnt und belehrt einen jeden hinreichend deutlich, dass es auf keine Weise möglich ist, dass der Glaube an Christus, durch den wir gerechtfertigt werden, darin bestehe, zu glauben, dass durch die Vergießung seines Blutes unsere Sünden getilgt worden seien, sondern dass die Form und das Wesen des Glaubens an Christus darin besteht, seinen Geboten zu gehorchen.“

Fausto Sozzini, Über die Rechtfertigung, „Der rechtfertigende Glaube als Gehorsam gegenüber Christus“

Man beachte die Form des Arguments. Sozzini schließt nicht von einer Lehre auf den Vers, sondern vom Vers auf die Lehre: Weil der Text die Reichweite der Heilsmacht Christi ausdrücklich an den Gehorsam bindet, kann der rechtfertigende Glaube nicht in etwas bestehen, das ohne Gehorsam möglich wäre. Das ist ein Schluss aus dem Wortlaut, und er ist auch dann zu prüfen, wenn man seine Voraussetzungen nicht teilt. Wer ihn entkräften will, muss zeigen, dass „allen, die ihm gehorsam sind“ etwas anderes bezeichnet als den Kreis, auf den sich die Wirkung erstreckt.

In der Schrift „Über die Autorität der Heiligen Schrift“ macht Sozzini denselben Vers zum Ausgangspunkt einer Definition des Christentums überhaupt — und zwar im ersten Satz, noch vor jeder dogmatischen Erörterung:

„Die christliche Religion ist eine himmlische Lehre, die den wahren Weg zur Erlangung des ewigen Lebens lehrt. Dieser Weg aber ist nichts anderes, als Gott zu gehorchen gemäß dem, was er uns gebietet durch unseren Herrn Jesus Christus (Hebr. 5,9).“

Fausto Sozzini, Über die Autorität der Heiligen Schrift, „Die christliche Religion als Weg zum ewigen Leben durch Gehorsam gegenüber Christus“

Der Vers steht hier nicht als Streitbeleg, sondern als Grundlage. Das erklärt, warum die Sozinianer in der Auseinandersetzung um die Genugtuung so beharrlich auf ihn zurückkamen: Für sie war er nicht ein Beweisstück unter vielen, sondern die knappste Beschreibung dessen, was das Evangelium ist — ein Weg, den einer eröffnet hat und den man geht.


Der Rakower Katechismus über die „Vollendung“ des Priesters

Die zweite Hälfte des Arguments liefert der Rakower Katechismus, und sie betrifft das Wort „vollendet“. Der Katechismus fragt, warum das Opfer Christi im Himmel vollzogen werde, und antwortet mit einer Reihe von Sätzen aus dem Hebräerbrief selbst: Der Priester musste den Brüdern in allem gleich werden, das heißt in Leiden und Tod; er wäre, „wenn er auf Erden wäre, nicht einmal als Priester anzusehen“ (8,4); und deshalb war die Vollendung seines sterblichen Leibes die Voraussetzung dafür, dass er das Amt überhaupt ausüben konnte:

„Aber damit er das himmlische Priesteramt ebenso wie das Königtum im Himmel tatsächlich ausüben könnte […], musste sein sterblicher Leib vollendet werden. Und als dieser vollendet war, wurde auch sein Priestertum vollendet.“

Rakower Katechismus, „Das himmlische Priestertum Christi“

Daraus folgt die These, die den Sozinianern den heftigsten Widerspruch eingetragen hat und die doch nichts anderes ist als die Konsequenz aus der Reihenfolge, die der Brief selbst festlegt. Wenn der Priester erst vollendet werden musste, dann kann das Opfer nicht vorher vollendet gewesen sein:

„Und auf diese Weise waren die Leiden und der Tod Christi selbst nicht das eigentliche Sühnopfer, jenes volle und vollkommene, von dem die Rede ist, sondern gewissermaßen ein Weg und eine Vorbereitung, um jenes zu vollbringen, oder ein gewisser Anfang davon. Denn das Opfer selbst konnte nicht vollendet werden, bevor nicht auch der Priester selbst vollendet war.“

Rakower Katechismus, „Das himmlische Priestertum Christi“

Der Satz klingt schroffer, als er gemeint ist. Er nimmt dem Kreuz nichts von seiner Notwendigkeit — es bleibt der Weg, ohne den nichts wäre — und er bestreitet nicht, dass Christus sich selbst dargebracht hat. Bestritten wird allein, dass mit dem Tod das Opfer bereits abgeschlossen war. Der Katechismus stützt sich dabei auf das Vorbild, an dem der Hebräerbrief selbst Maß nimmt: Beim jährlichen Versöhnungsopfer war die Schlachtung des Tieres noch nicht die Sühne; vollzogen wurde sie erst, als der Hohepriester das Blut in das Allerheiligste trug (9,7). Wer das Bild ernst nimmt, kann den Vollzug nicht auf Golgatha datieren.

Auch die Einsetzung selbst wird vom Katechismus mit den Worten des Briefes bestimmt: „Daher sagt er auch, dass Christus sich nicht selbst verherrlicht habe, um Priester zu werden, und lehrt damit, dass Christus durch die Verherrlichung zum Priester gemacht worden ist.“ Das ist die Auslegung von 5,5, also des Verses, der unserem unmittelbar vorangeht. Die ganze Passage von 5,5 bis 5,10 handelt demnach von einem Weg: Berufung durch Gott — Leiden und Gebet — gelernter Gehorsam — Vollendung — Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks — Heil für die Gehorsamen. Kein Glied dieser Kette lässt sich streichen, und keines lässt sich vorziehen.


Was die Sozinianer nicht bestreiten

Es gehört zur Redlichkeit der Darstellung, die Grenzen der These zu nennen. Die Sozinianer machen aus Christus keinen bloßen Lehrer und aus dem Heil keine Selbstverbesserung. Sozzini legt Wert darauf, dass Christus wirklich befreit — zuerst sich selbst, dann die Seinen —, und er sagt das im Kommentar zu eben dieser Stelle des Hebräerbriefes:

„Wie der gesetzliche Hohepriester durch das Darbringen von Opfern sowohl die Erlösung für das Volk als auch die Entsühnung seiner eigenen Seele von der Sünde bewirkte, so hat Christus durch Bitten und Gehorsam zunächst sich selbst vom Tode befreit und wird dann auch die übrigen befreien, für die er der Urheber des ewigen Heils sein wird.“

Fausto Sozzini, Über Jesus Christus den Retter, „Selbstopfer Christi“

Zweierlei ist an diesem Satz bemerkenswert. Erstens nennt Sozzini als Mittel, durch die Christus wirkt, „Bitten und Gehorsam“ — also genau das, was Hebräer 5,7-8 nennt: das Gebet mit starkem Geschrei und den gelernten Gehorsam. Er trägt keine fremde Kategorie an den Text heran, sondern liest die Wirkursache aus dem Kontext ab. Zweitens ist die Befreiung der Übrigen im Futur formuliert: Christus wird sie befreien. Das Heil ist als Zusage gegenwärtig und als Vollendung zukünftig — was dem Sprachgebrauch des Hebräerbriefes entspricht, der die Ruhe als noch ausstehend beschreibt (4,9-11).

Ebenso wenig wird der Gehorsam zu einem Verdienst, das Gott etwas abnötigte. Nach sozinianischer Lehre vergibt Gott aus reiner Güte und Barmherzigkeit, sofern der Mensch Buße tut; nichts an dieser Vergebung ist erkauft, weder von uns noch — im Sinne einer Bezahlung — von Christus. Der Gehorsam ist nicht der Preis des Heils, sondern die Weise, in der ein Mensch mit dem verbunden ist, durch den Gott rettet. Wer Sozzini vorwirft, er mache das Heil vom Menschen abhängig, unterstellt ihm eine Rechnung, die er gerade abschafft.

Und schließlich wird die Heilsgewissheit nicht preisgegeben, sondern anders begründet. Sie ruht nicht auf der Feststellung, dass eine Schuld getilgt sei, sondern auf der Person dessen, der lebt und regiert: Er „kann auch selig machen immerdar, die durch ihn zu Gott kommen, und lebt immerdar und bittet für sie“ (Hebräer 7,25). Das ist eine Gewissheit, die man nicht besitzt, sondern in der man steht.


Logische Argumente

Die folgenden Erwägungen sind vom Wortlaut über den Zusammenhang des Briefes bis zu den Folgen für die Lehre im Ganzen geordnet.

  1. Der einräumende Nebensatz verlangt einen unerwarteten Hauptsatz. „Wiewohl er Gottes Sohn war“ ergibt nur Sinn, wenn das Folgende von einem Sohn Gottes nicht zu erwarten war. Erlebtes Leiden allein wäre für den Verfasser kein Anstoß — er hat es gerade in Vers 7 breit geschildert. Der Anstoß liegt darin, dass ein Sohn Gehorsam lernen musste. Die abmildernde Deutung nimmt dem Satz genau das, was ihn zum Satz macht.
  2. Ein Erwerb setzt einen vorherigen Mangel voraus. Was gelernt wird, war vorher nicht da — nicht als Bosheit, wohl aber als noch nicht durchgeführte Bewährung. Von einer Person, die nach dem Wesen Gott ist, lässt sich ein solcher Erwerb nicht aussagen. Wer ihn auf eine der beiden Naturen einschränkt, muss erklären, welches Subjekt dann eigentlich lernte, denn Naturen lernen nicht, Personen lernen.
  3. „Vollendet werden“ ist unvereinbar mit einem bereits vollendeten Werk. Wäre die Erlösung im Sterben abgeschlossen, so wäre Christus im Augenblick des Todes bereits Urheber des Heils gewesen. Der Vers stellt die Vollendung aber vor das Werden zum Urheber. Die Reihenfolge ist grammatisch eindeutig und lässt sich nicht umkehren, ohne den Text zu verlassen.
  4. Der Brief datiert das Priestertum selbst in den Himmel. „Wenn er nun auf Erden wäre, so wäre er nicht Priester“ (8,4) ist kein rhetorischer Überschwang, sondern eine Ortsangabe. Wer sie ernst nimmt, kann das priesterliche Kernwerk — die Darbringung — nicht auf Golgatha lokalisieren, so wenig wie die Sühne des Versöhnungstages am Schlachtplatz vollzogen wurde (vgl. Hebräer 9,11-14).
  5. Die Bedingung wäre bei zugerechneter Genugtuung überflüssig. Ist die Strafe stellvertretend erlitten und dem Glaubenden angerechnet, so ist das Heil vollständig da, sobald geglaubt wird; ein Zusatz über Gehorsam könnte dann nur eine Folge beschreiben. Der Verfasser stellt ihn aber genau dorthin, wo der Umfang der Wirkung genannt wird — an dieselbe Stelle also, an der ein Kaufvertrag den Käufer nennen würde.
  6. Der Verfasser hätte „glauben“ sagen können und tut es nicht. Der Hebräerbrief ist das Buch des Glaubens; Kapitel 11 ist eine Enzyklopädie des Wortes. Dass er hier hypakouein wählt, ist deshalb keine zufällige Variation. Die Wortwahl ist die stärkste Auskunft eines Verfassers über seine Absicht, die uns zugänglich ist.
  7. Die Symmetrie zwischen Christus und den Seinen wäre sonst zerstört. Derselbe Stamm steht auf beiden Seiten: Er lernte Gehorsam, sie sind gehorsam. Eine Lehre, nach der Christi Gehorsam den unseren ersetzt, müsste die zweite Hälfte des Verses umformulieren. Eine Lehre, nach der er ihn ermöglicht und vorzeichnet, liest ihn, wie er dasteht (vgl. 1. Petrus 2,21-24).
  8. Aitios bezeichnet eine wirkende, nicht eine anrechenbare Ursache. Eine Ursache wirkt, wo sie wirkt; eine Zahlung gilt, wo sie verbucht wird. Nur die erste Vorstellung erlaubt und verlangt eine Angabe über die Reichweite. Der Text gibt diese Angabe — also redet er von einer Ursache, nicht von einer Verbuchung.
  9. Die Warnungen des Briefes setzen dieselbe Bedingung voraus. „Wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir fürder kein anderes Opfer mehr für die Sünden“ (10,26). Diese Warnung ist unter der Voraussetzung einer unverlierbar zugerechneten Gerechtigkeit schwer verständlich; unter der Voraussetzung von 5,9 ist sie die schlichte Kehrseite.
  10. Die Lesart erklärt den ganzen Abschnitt, nicht nur einen Vers. Berufung (5,4-6), Gebet und Erhörung (5,7), gelernter Gehorsam (5,8), Vollendung und Priestertum nach Melchisedek (5,9-10) bilden eine lückenlose Folge. Die sozinianische Auslegung lässt keinen dieser Schritte ungedeutet und muss keinen als uneigentliche Redeweise abtun. Das ist ein Vorzug, der unabhängig von den dogmatischen Vorlieben zählt.

Biblische Querverweise

Hebräer 2,10 — durch Leiden vollkommen gemacht

„Es ziemte dem, um deswillen alle Dinge sind, der da viele Kinder hat zur Herrlichkeit geführt, dass er den Herzog ihrer Seligkeit durch Leiden vollkommen machte.“ Dasselbe Verb wie in 5,9, dasselbe Mittel — das Leiden —, derselbe Zweck: die Führung vieler zur Herrlichkeit. Der Vers zeigt, dass 5,9 keine vereinzelte Formulierung ist, sondern ein tragender Gedanke des Briefes, und dass Gott selbst als der Vollendende erscheint.

Hebräer 7,28 — der Eid setzt den Vollendeten ein

„Das Gesetz macht Menschen zu Hohenpriestern, die da Schwachheit haben; dies Wort aber des Eides, das nach dem Gesetz gesagt ward, setzt den Sohn ein, der ewig und vollkommen ist.“ Hier tritt die Vollendung ausdrücklich als Voraussetzung der Einsetzung auf. Wer sie als Abschluss des irdischen Weges deutet, muss erklären, warum der Eid dann einen bereits Amtierenden einsetzt.

Hebräer 7,25 — er rettet, weil er lebt

„Daher kann er auch selig machen immerdar, die durch ihn zu Gott kommen, und lebt immerdar und bittet für sie.“ Der Grund der Rettung ist hier nicht ein vergangenes Ereignis, sondern ein gegenwärtiges Leben und eine gegenwärtige Fürbitte. Genau diese Gegenwärtigkeit meint der Ausdruck „Urheber des Heils“ in 5,9 — und die Wendung „die durch ihn zu Gott kommen“ nennt denselben Kreis wie „die ihm gehorsam sind“.

Philipper 2,9-11 — darum hat ihn Gott erhöht

Auch bei Paulus steht der Gehorsam vor der Erhöhung, und die Erhöhung ist die Antwort Gottes auf ihn: „Er ward gehorsam bis zum Tode … darum hat ihn auch Gott erhöht.“ Die Struktur ist dieselbe wie in Hebräer 5,8-9 — erst der Weg, dann der Rang. Wo eine ewige Wesensgleichheit vorausgesetzt wird, bleibt das „darum“ ohne Funktion.

Römer 4,25 — auferweckt um unserer Gerechtigkeit willen

„Welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt.“ Die Auferweckung erscheint nicht als Bestätigung eines abgeschlossenen Werkes, sondern als eigener Beitrag zur Rechtfertigung. Das entspricht der Ordnung von Hebräer 5,9, in der die Vollendung dem Werden zum Urheber vorausgeht.

1. Petrus 2,21-24 — dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen

Petrus deutet das Leiden Christi ausdrücklich als Vorbild und begründet damit einen Gehorsam der Seinen, der dem seinen entspricht. Auch dort schließt sich beides nicht aus: Christus trägt unsere Sünden — und wir sollen den Fußstapfen nachfolgen. Die Verbindung von Wirkung und Nachfolge, die Hebräer 5,8-9 in einem Satz zieht, ist also nicht auf einen Verfasser beschränkt.

Hebräer 10,10 — geheiligt durch den Willen Gottes

„In welchem Willen wir sind geheiligt, geschehen durch das Opfer des Leibes Jesu Christi einmal.“ Das „einmal“ scheint gegen jede Fortdauer des Opfers zu sprechen, meint aber die Einmaligkeit im Gegensatz zur Wiederholung der levitischen Opfer, nicht den Zeitpunkt des Vollzugs. Beide Verse zusammengelesen ergeben: ein einziges Opfer, dargebracht am Ort und zur Zeit des vollendeten Priesters.

Apostelgeschichte 2,36 — zum Herrn und Christus gemacht

„Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und Christus gemacht.“ Petrus datiert die Einsetzung in Herrschaft und Amt auf die Erhöhung — dieselbe Bewegung, die Hebräer 5,9 mit „vollendet“ und „geworden“ bezeichnet. Die früheste Predigt der Kirche kennt also bereits ein Werden Christi zu dem, was er jetzt ist.

Markus 10,45 — als Lösegeld für viele

Der klassische Lösegeldvers nennt die Hingabe des Lebens „für viele“, nicht „statt aller“, und er steht im Kontext einer Belehrung über das Dienen. Zusammen mit Hebräer 5,9 ergibt sich ein einheitliches Bild: Christus dient, wird darin vollendet, und die Wirkung seines Dienstes erreicht die, die in dasselbe Dienen eintreten.


Einwände und sozinianische Antworten

1. „Lernen heißt hier nur erfahren, nicht erwerben“

Traditioneller Einwand

Der ewige Sohn war stets vollkommen gehorsam; was er im Fleisch lernte, war nicht der Gehorsam selbst, sondern seine Erfahrung unter den Bedingungen der Schwachheit. So haben es die Väter von Athanasius bis Thomas verstanden, und die Sprache lässt diese Deutung zu.

Dass die Sprache sie zulässt, ist einzuräumen; manthanein kann ein Erfahrungswissen bezeichnen. Doch die Frage ist nicht, was das Wort für sich genommen bedeuten kann, sondern was der Satzbau verlangt. Der einräumende Nebensatz „wiewohl er Gottes Sohn war“ stellt einen Gegensatz her, und ein Gegensatz besteht nur, wenn das Gelernte zum Sohnsein in Spannung steht. Erfahrenes Leiden steht dazu in keiner Spannung — der Brief hat es unmittelbar zuvor ohne jede Einschränkung berichtet und wiederholt es später ausführlich. In Spannung steht allein, dass ein Sohn etwas erst erwerben musste. Hinzu kommt, dass die traditionelle Deutung den Vers isoliert behandeln muss: Sie kann „lernen“ abschwächen, aber sie muss dann auch „vollendet werden“ abschwächen, und dann „geworden“, und schließlich bleibt vom Satz nur eine Reihe uneigentlicher Redeweisen. Eine Auslegung, die drei Verben nacheinander umdeuten muss, um eine Lehre zu retten, hat die Beweislast gegen sich. Die sozinianische Lesart nimmt alle drei im gewöhnlichen Sinn und braucht keine Ausnahme.

2. „Der Gehorsam ist Frucht des Heils, nicht seine Bedingung“

Traditioneller Einwand

Gott rechtfertigt allein aus Gnade durch den Glauben; der Gehorsam folgt daraus notwendig, weil der Glaube nie allein ist. „Allen, die ihm gehorsam sind“ beschreibt darum nicht, wer gerettet wird, sondern woran man die Geretteten erkennt.

Die Unterscheidung von Grund und Frucht ist theologisch legitim, aber sie muss aus dem Text gewonnen werden, wenn sie den Text auslegen soll. Hier steht sie ihm entgegen. Die Wendung „allen, die ihm gehorsam sind“ ist ein Dativ, der den Empfängerkreis benennt — sie steht an derselben grammatischen Stelle wie in vergleichbaren Sätzen die Angabe, für wen etwas gilt. Wäre eine Frucht gemeint, hätte der Verfasser einen Nachsatz oder ein zweites Prädikat gebildet. Er tut es nicht. Weiter: Die Deutung als Erkennungszeichen macht die Angabe für den Leser des Briefes praktisch wertlos, denn dieser Brief ist an Gefährdete geschrieben und will sie zum Durchhalten bewegen; ein bloßes Kennzeichen bewegt niemanden. Und schließlich ist zu bedenken, dass Sozzini den Gegensatz von Gnade und Gehorsam gar nicht bestreitet, sondern verschiebt: Die Vergebung ist umsonst und ohne jede Vorleistung; nur ist sie denen zugesagt, die umkehren und folgen. Wer beides zusammenhält, braucht die Bedingung nicht in eine Frucht zu verwandeln.

3. „Wenn das Opfer erst im Himmel vollzogen wird, war das Kreuz umsonst“

Traditioneller Einwand

Die Schrift sagt, wir seien „durch sein Blut“ und „durch den Tod seines Sohnes“ versöhnt. Wer den eigentlichen Vollzug in das himmlische Heiligtum verlegt, entwertet Golgatha und macht aus dem Zentrum des Glaubens eine Vorstufe.

Der Einwand trifft eine Karikatur. Der Rakower Katechismus sagt ausdrücklich, dass der Tod Christi von seiner Darbringung nicht getrennt werden dürfe und dass Christus sich „nicht anders als unter Eintritt seines Todes dargebracht“ habe. Bestritten wird allein, dass das Opfer mit dem Tod schon abgeschlossen war — und diese Unterscheidung entnimmt der Katechismus dem Bild, das der Hebräerbrief selbst gebraucht. Beim Versöhnungstag war die Schlachtung nicht die Sühne; ohne sie war jedoch keine Sühne möglich. Genau dieses Verhältnis wird auf Christus übertragen. Golgatha ist damit nicht entwertet, sondern in eine Ordnung gestellt, die der Brief in 8,4 und 9,7 vorzeichnet. Umgekehrt trägt der Einwand ein Beweislastproblem: Wer den Vollzug auf den Karfreitag datiert, muss erklären, weshalb der Verfasser sagt, Christus wäre auf Erden nicht einmal Priester — und weshalb er das Eintreten in das Heiligtum überhaupt erwähnt, wenn dort nichts mehr zu vollziehen war.

4. „So wird die Heilsgewissheit zerstört“

Traditioneller Einwand

Hängt das Heil am Gehorsam, so hängt es an einem Menschen, der scheitern kann. Der Trost des Evangeliums besteht gerade darin, dass es nicht an mir hängt, sondern an einem Werk außerhalb meiner selbst. Die sozinianische Lesart nimmt dem Gewissen diesen Halt.

Der seelsorgerliche Ernst dieses Einwands ist anzuerkennen, und Sozzini hat ihn nicht leichtfertig behandelt. Seine Antwort besteht in einer anderen Verortung der Gewissheit. Sie ruht nicht auf einem abgeschlossenen Rechtsakt, sondern auf einer Person: auf dem, der lebt, regiert und für die Seinen eintritt. Diese Person ist nicht weniger verlässlich als eine Urkunde, sondern mehr, weil sie handelt. Zweitens verlangt die sozinianische Lehre keinen fehlerlosen, sondern einen wirklichen Gehorsam — die Umkehr, die Gott aus Barmherzigkeit annimmt, nicht eine erbrachte Leistung, die ihn zwingt. Drittens ist zu bemerken, dass der Hebräerbrief selbst denjenigen Trost nicht kennt, den der Einwand verteidigt: Er tröstet nicht mit der Unverlierbarkeit, sondern mit der Gegenwart des Hohenpriesters, und er warnt im selben Atemzug vor dem Zurückweichen (3,12-14; 10,26-31). Eine Auslegung, die die Warnungen des Briefes ernst nimmt, kann nicht dieselbe Gewissheit anbieten wie eine, die sie entschärfen muss.

5. „Die Kirche hat den Vers immer christologisch, nicht soteriologisch gelesen“

Traditioneller Einwand

Seit dem arianischen Streit gilt Hebräer 5,8 als eine der Stellen, an denen die Zweinaturenlehre ihre Leistungsfähigkeit erweist: Der Sohn lernt nach der Menschheit, was er nach der Gottheit besitzt. Eine Auslegung, die diese Unterscheidung verwirft, stellt sich gegen den Konsens von anderthalb Jahrtausenden.

Der Konsens ist ein Faktum, und die Sozinianer haben ihn nie bestritten — sie haben bestritten, dass er ein Argument sei. Zu bedenken ist zunächst, dass die Unterscheidung nach den Naturen im vierten Jahrhundert entwickelt wurde, um eine bereits gefasste Lehre gegen eine bestimmte Bestreitung zu sichern; sie ist also nicht die Auslegung, aus der die Lehre stammt, sondern die Auskunft, mit der sie verteidigt wird. Sodann ist ihre Anwendung an dieser Stelle besonders anspruchsvoll: Sie muss dem Satz ein Subjekt geben, das lernt, ohne dass die Person lernt, und der Brief bietet dafür keinen sprachlichen Anhalt — er sagt schlicht „er“. Ferner erklärt die christologische Lesart die zweite Hälfte des Verses nicht mit: Warum die Wirkung des Heils gerade auf die Gehorsamen begrenzt wird, folgt aus keiner Naturenlehre. Die sozinianische Auslegung beansprucht demgegenüber kein höheres Alter, sondern nur, dass sie den Satz als einen Satz liest — mit einem Subjekt, drei Verben und einer Empfängerangabe. Ob das gegen den Konsens spricht oder für ihn, muss der Text entscheiden, denn auf ihn beruft sich der Konsens selbst.


Dogmatische Konsequenzen

Für die Christologie. Christus ist ein Mensch, der von Gott berufen, durch Leiden zubereitet und zum Priesterkönig eingesetzt wurde. Sein Rang ist nicht ein mitgebrachter Besitz, sondern eine verliehene Würde — und gerade darum ein Grund zur Hoffnung für die, die denselben Weg gehen sollen.
Für die Versöhnungslehre. Die Sühne ist kein am Kreuz vollzogener Straftausch, sondern der priesterliche Dienst des Erhöhten, dessen Weg über Leiden, Tod und Auferstehung führte. Das Kreuz bleibt notwendig; es ist der Weg, nicht der Abschluss.
Für die Rechtfertigung. Der rettende Glaube ist nicht das Fürwahrhalten einer vollzogenen Tilgung, sondern der Gehorsam gegen den, der lebt. Damit fällt die Zurechnung fremder Gerechtigkeit fort — und mit ihr die Notwendigkeit, den Ernst der Warnungen des Neuen Testaments abzuschwächen.

Verwandte Verse

Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:

  • Hebräer 7:25 — er kann selig machen, weil er lebt und für die Seinen eintritt: die Gegenwart des Heilsurhebers.
  • Hebräer 9:11-14 — der Hohepriester im himmlischen Heiligtum und der Ort des Vollzugs.
  • Hebräer 10:10 — die Einmaligkeit des Opfers und ihre richtige Deutung.
  • Hebräer 2:17 — „in allem den Brüdern gleich“: die Voraussetzung des Priestertums.
  • Hebräer 9:22 — „ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ im Bundesrahmen.
  • Philipper 2:9-11 — Gehorsam bis zum Tode, darum die Erhöhung.
  • Apostelgeschichte 2:36 — „zum Herrn und Christus gemacht“: Einsetzung durch Erhöhung.
  • Römer 4:25 — auferweckt um unserer Gerechtigkeit willen.
  • 1. Petrus 2:21-24 — den Fußstapfen nachfolgen: Christi Gehorsam als Vorbild.
  • Markus 10:45 — dienen und das Leben geben als Lösegeld für viele.
  • Römer 5:8-10 — versöhnt durch den Tod, gerettet durch sein Leben.
  • 1. Timotheus 6:16 — Unsterblichkeit als Gabe, nicht als Naturbesitz.

Zusammenfassung

Hebräer 5,8-9 ist der Vers, an dem sich die sozinianische Versöhnungslehre am dichtesten mit dem Wortlaut der Schrift berührt. Er sagt in drei Schritten, was nach sozinianischer Überzeugung geschehen ist: Ein Mensch, den Gott seinen Sohn nennt, hat im Leiden Gehorsam erworben; er ist darin für sein Amt vollendet worden; und als Vollendeter ist er zur wirkenden Ursache eines ewigen Heils geworden, dessen Reichweite der Text ausdrücklich angibt. Keiner dieser drei Schritte muss uneigentlich gelesen werden, damit der Satz stimmt.

Fausto Sozzini hat aus dem letzten Glied dieser Kette den Angelpunkt seiner Rechtfertigungslehre gemacht. Weil die höchste Macht Christi sich nur auf die erstreckt, die ihm gehorcht haben, kann der rechtfertigende Glaube nicht in der Überzeugung bestehen, dass eine Schuld getilgt sei — er muss in dem Verhältnis bestehen, das der Text nennt. Der Rakower Katechismus fügt hinzu, was aus dem mittleren Glied folgt: Ein Opfer kann nicht vollendet sein, ehe der Priester es ist; deshalb sind Leiden und Tod Christi Weg und Anfang der Sühne, nicht ihr Abschluss. Beide Argumente sind nicht spekulativ, sondern aus der Abfolge des Textes gewonnen und an ihr überprüfbar.

Was bleibt, ist ein Christus, der weniger besitzt und mehr tut. Er bringt keine ewige Wesensgleichheit mit, sondern empfängt ein Amt; er begleicht keine Rechnung, sondern eröffnet einen Weg; und er rettet nicht durch eine Buchung, sondern durch eine Herrschaft, die dort ankommt, wo man auf sie hört. Der Hebräerbrief nennt das den Urheber ewigen Heils — und er nennt in demselben Atemzug, wen es erreicht. Wer diesen Vers ganz liest, hat die sozinianische Lehre von der Versöhnung in einem Satz vor sich.


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