Epheser 1,17 — „Der Gott unseres Herrn Jesus Christus“: Christus hat einen Gott über sich
Paulus nennt den Vater „den Gott unseres Herrn Jesus Christus“ (Eph 1,17) — Christus hat also einen Gott über sich. Sozinianisch ist das der einfachste und stärkste Befund gegen die Wesensgottheit des Sohnes: Wer einen Gott hat, dem er untersteht, ist nicht selbst der eine höchste Gott. Dieselbe Formel kehrt durch das ganze Neue Testament wieder (Eph 1,3; 2 Kor 1,3; 1 Petr 1,3; Joh 20,17; Offb 3,12). Und im selben Abschnitt zeigt Paulus, wie dieser Gott an Christus handelt: Er hat ihn von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten eingesetzt (Eph 1,19-23) — Christus ist der Empfänger der Tat, nicht ihr göttlicher Urheber. Der Rakower Katechismus zieht daraus den Schluss: Was hätte erhöht werden können, wenn Christus schon der höchste Gott gewesen wäre?
„… dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung gebe zur Erkenntnis seiner selbst und erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid“
Epheser 1,17-18
Kontext: Das Dankgebet des Epheserbriefes
Epheser 1,17 steht im großen Eingangs-Dankgebet des Briefes (1,15-23). Paulus berichtet, wofür und zu wem er betet: Er dankt unaufhörlich für den Glauben der Epheser und bittet „den Gott unseres Herrn Jesus Christus, den Vater der Herrlichkeit“, er möge ihnen den Geist der Weisheit geben. Der Adressat des Gebetes ist also ausdrücklich benannt — und es ist nicht Christus, sondern der Gott, der zugleich der Gott Christi ist.
Schon der Briefanfang hatte denselben Ton angeschlagen: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (1,3). Die feierliche Formel rahmt das ganze Gebet: am Anfang (1,3) und in seiner Mitte (1,17) bekennt Paulus den Vater als den Gott und Vater Jesu Christi. Wer den Brief von seinem eigenen Eingang her liest, wird den Sohn nicht mit diesem einen Gott verwechseln, sondern ihn ihm zugeordnet finden.
Unmittelbar im Anschluss (1,19-23) entfaltet Paulus, was dieser Gott getan hat: Er hat „die überragende Größe seiner Kraft“ an Christus erwiesen, „als er ihn von den Toten auferweckte und ihn zu seiner Rechten einsetzte in den himmlischen Örtern, hoch über alle Obrigkeit, Gewalt, Macht und Herrschaft“. Der Gott Christi ist hier der Handelnde, Christus der, an dem gehandelt wird. Die Erhöhung kommt von oben, sie wird empfangen, nicht aus eigener Wesensmacht vollzogen.
Diese Ordnung — Gott der Vater handelt, Christus empfängt und wird erhöht — ist kein Einzelzug des Epheserbriefes, sondern die durchgehende Sprache des Neuen Testaments (Apg 2,36; Phil 2,9-11; Apg 2,36). Eph 1,17 nennt den Grund dieser Ordnung beim Namen: Der Vater ist der Gott Christi.
Sozinianische Kernthese
Sozinianisch bezeugt Epheser 1,17, dass der Vater der eine Gott ist — auch der Gott Jesu Christi — und dass Christus ihm als Herr und Sohn zugeordnet, nicht mit ihm wesensgleich ist. Die Wendung „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“ setzt zwei voraus: einen, der Gott ist, und einen, der diesen Gott hat. Wer einen Gott über sich hat, dem er sein Leben, seine Erhöhung und seine Vollmacht verdankt, kann nicht selbst der höchste, von niemandem abhängige Gott sein.
Die trinitarische Auslegung pflegt hier die Zwei-Naturen-Lehre einzuziehen: Christus habe einen Gott „nach seiner menschlichen Natur“, sei aber „nach seiner göttlichen Natur“ selbst Gott. Doch der Text spricht von keiner Natur, sondern von der Person: „unser Herr Jesus Christus“ ist es, dessen Gott der Vater heißt. Und derselbe Christus, der einen Gott hat, ist es, den dieser Gott auferweckt und erhöht (1,20). Die Naturenscheidung wird an den Text herangetragen; sie steht nicht in ihm.
Den Ausschlag gibt der Fortgang des Gebetes (1,19-23). Paulus rühmt nicht eine Kraft, die Christus aus sich selbst entfaltet, sondern „die Wirksamkeit der Stärke“ Gottes, die an Christus geschah. Wäre Christus der höchste Gott, so hätte er nicht erhöht werden können — denn der Höchste hat keinen über sich, der ihn erhöhte. Die Erhöhung selbst ist der Beweis, dass Christus ein anderer ist als der, der ihn erhöht.
Damit fügt sich Eph 1,17 in den durchgängigen Sprachgebrauch: Der Auferstandene nennt den Vater „meinen Gott und euren Gott“ (Joh 20,17); der erhöhte Christus der Offenbarung spricht viermal vom „Gott“, den er hat (Offb 3,12). Selbst in der Herrlichkeit behält Christus seinen Gott. Das ist keine Herabsetzung des Sohnes, sondern seine wahre Stellung: zur Rechten des einen Gottes, „zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11).
„Der Gott unseres Herrn Jesus Christus“ (Eph 1,17) bekennt den Vater als den einen Gott — auch als den Gott Christi. Christus hat einen Gott über sich, der ihn auferweckt und erhöht (1,19-23); wer aber einen Gott hat, dem er Leben und Vollmacht verdankt, ist nicht selbst der höchste Gott. Die Formel ist keine Floskel, sondern die Ordnung des ganzen Neuen Testaments: ein Gott, der Vater — und Christus, sein erhöhter Sohn und Herr.
Schlüsselbegriffe
Vier sprachliche und sachliche Beobachtungen entscheiden die Auslegung von Epheser 1,17:
ho theós tou kyríou hêmôn — „der Gott unseres Herrn“
Die Wendung stellt zwei nebeneinander: ho theós („der Gott“) und ho kýrios hêmôn Iesôus Christós („unser Herr Jesus Christus“). Der Genitiv ist ein Genitiv der Zugehörigkeit: der Gott, dem Christus gehört, dem er untersteht. Genau dieselbe Konstruktion gebraucht Paulus von sich und uns: „ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“ (1 Kor 3,23). Wie wir Christus gehören, so gehört Christus Gott.
Der bestimmte Artikel vor theós bezeichnet im paulinischen Sprachgebrauch regelmäßig den einen Gott, den Vater. Hier wird dieser eine Gott ausdrücklich als der Gott Christi benannt. Das ist eine Aussage über das Verhältnis der Personen, nicht über zwei Naturen einer Person: Der Herr Jesus Christus hat einen Gott, und dieser Gott ist der Vater.
ho patêr tês dóxês — „der Vater der Herrlichkeit“
In Apposition zu „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“ tritt „der Vater der Herrlichkeit“. Beide Titel meinen denselben: den Vater. Er ist der Quell der Herrlichkeit, die er Christus verleiht (1,20: er setzt ihn zu seiner Rechten; Joh 17,5: „verherrliche du mich“). Die Herrlichkeit Christi ist empfangene, geschenkte Herrlichkeit — sie hat ihren Vater, ihren Geber.
Auffällig ist, dass Paulus die feierlichste Gottesbezeichnung des Gebetes — „der Vater der Herrlichkeit“ — mit „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“ gleichsetzt. Der höchste, herrlichste Gott und der Gott Christi sind ein und derselbe. Damit ist ausgeschlossen, dass „Gott Christi“ nur eine niedrigere, nebensächliche Rede wäre: Es ist der Vater der Herrlichkeit selbst, der Gott Christi heißt.
Die Lobpreis-Formel — „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“
Eph 1,17 ist kein Einzelfall, sondern Teil einer festen neutestamentlichen Formel: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (Eph 1,3; 2 Kor 1,3; 1 Petr 1,3; vgl. Röm 15,6). Das eine „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ bindet beide Titel — „Gott“ und „Vater“ — an dieselbe Person und bezieht beide auf Christus: Der Vater ist sowohl der Gott als auch der Vater Jesu Christi.
Die Häufigkeit und Festigkeit der Formel verbietet, sie als beiläufige Redeweise abzutun. Wenn die frühe Kirche im Gebet gewohnheitsmäßig „den Gott unseres Herrn Jesus Christus“ anredet, dann ist dies ihr Bekenntnis: Der eine Gott ist der Vater, und Christus ist sein Herr und Sohn, nicht ein zweiter, mit ihm wesensgleicher Gott.
enêrgeia und egeiras — das Handeln Gottes an Christus
Im selben Atemzug rühmt Paulus „die Wirksamkeit (enêrgeia) der Stärke seiner Kraft, die er an Christus wirkte, als er ihn auferweckte (egeiras)“ (1,19-20). Das Subjekt aller dieser Verben ist „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“; das Objekt ist Christus. Auferwecken, Einsetzen, Überordnen — all das geschieht an Christus, nicht durch Christi eigene göttliche Wesensmacht.
Genau hier setzt das Argument des Rakower Katechismus an: Ein Höchster kann nicht erhöht werden, denn über ihm ist niemand. Wenn aber der Gott Christi Christus erhöht, dann ist Christus nicht dieser höchste Gott, sondern der von ihm Erhöhte. Das Verb „auferwecken“ allein widerlegt die Wesensgottheit: Wer aus eigener göttlicher Kraft nicht im Tod gehalten werden konnte, bräuchte keinen Gott, der ihn auferweckt.
Vergleich der Auslegungen
Sozzini im Original: Der Rakower Katechismus zu „dem Gott unseres Herrn Jesus Christus“
Der Rakower Katechismus führt Epheser 1,17-23 als einen der klarsten Belege gegen die Wesensgottheit des Sohnes an. Sein Argument ist von schöner Einfachheit: Die Erhöhung Christi wäre sinnlos, ja unmöglich, wenn Christus bereits der höchste Gott wäre — und doch ist es gerade „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“, der ihn erhöht:
„Denn wenn Christus der höchste Gott war, konnte er weder erhöht werden, noch hätte er, selbst wenn er es gekonnt hätte, jene Erhöhung jemals irgendjemand anderem als seiner eigenen göttlichen Natur gänzlich zugeschrieben. Und doch sagt Paulus (Eph 1,19-23), dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, die Wirksamkeit der Stärke seiner Kraft an Christus erwiesen hat, als er ihn von den Toten auferweckte und ihn zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern einsetzte, hoch über alle Obrigkeit.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi — Die Verdunkelung der Ehre Gottes
Der Katechismus zieht daraus eine doppelte Folgerung. Erstens: Die Wesensgottheit raubt nicht nur dem Vater die ihm allein gebührende Ehre, indem sie sie auf einen anderen überträgt; sie raubt Gott auch die Ehre der Erhöhung Christi, die ja gerade Gottes Werk an Christus ist. Wer Christus selbst zum höchsten Gott macht, nimmt dem Vater die Tat, mit der Paulus seine Kraft rühmt. Zweitens schlägt Paulus selbst die Brücke zu Philipper 2,9-11: Gott hat Christus „den Namen verliehen, der über alle Namen ist … zur Ehre Gottes, des Vaters“. Die Erhöhung des Sohnes mündet in die Ehre des Vaters, nicht in eine zweite Gottheit.
Schon zuvor hatte der Katechismus die Stellung Christi unter seinem Gott aus dem ganzen Zeugnis des Paulus belegt. Christus habe nicht jene göttliche Natur — und genau das zeige sich daran, dass er einen Gott und ein Haupt über sich hat:
„… und er nennt mehrmals den Vater seinen Gott. Dies bestätigen auch andere heilige Schriftsteller, und namentlich Paulus, der ebenfalls bezeugt, dass Gott dessen Haupt sei, und dass, wie wir Christi sind, so Christus Gottes sei, und dass der Sohn einst dem unterworfen sein werde, der ihm alles unterworfen hat — nichts davon könnte über Christus gesagt werden, wenn er jene göttliche Natur besäße.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi
Damit ist die sozinianische Linie gezogen: „Der Gott unseres Herrn Jesus Christus“ (Eph 1,17) ist keine beiläufige Wendung, sondern Ausdruck der bleibhaftigen Ordnung des Heils. Gott der Vater ist das Haupt Christi (1 Kor 11,3); Christus gehört Gott (1 Kor 3,23); der Sohn wird dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat (1 Kor 15,28). All das setzt voraus, dass Christus einen Gott über sich hat — und das nimmt seiner Würde nichts, sondern stellt ihn an seinen Ort: zur Rechten des einen Gottes.
Buchübersicht zu den Schriften Sozzinis
Logische Argumente
Aus Epheser 1,17 und seinem Zusammenhang ergeben sich folgende Argumente gegen die Wesensgottheit des Sohnes:
- Argument vom „Gott Christi“. Wer einen Gott über sich hat, dem er untersteht, ist nicht selbst der eine höchste Gott. Paulus nennt den Vater ausdrücklich „den Gott unseres Herrn Jesus Christus“. Also hat Christus einen Gott — und ist diesem zugeordnet, nicht mit ihm identisch.
- Argument von der Person, nicht der Natur. Der Text redet von „unserem Herrn Jesus Christus“ — der ganzen Person, nicht von einer abgetrennten „menschlichen Natur“. Die Zwei-Naturen-Scheidung, die hier nur die Menschheit einen Gott haben lässt, steht nicht im Text; sie wird ihm auferlegt.
- Argument von der Erhöhung. Derselbe Gott hat Christus „von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten eingesetzt“ (1,20). Der höchste Gott aber kann nicht erhöht werden, weil über ihm niemand ist. Die Erhöhung beweist also, dass Christus ein anderer ist als der, der ihn erhöht.
- Argument von der Auferweckung. Wer aus eigener göttlicher Wesensmacht handelt, bräuchte niemanden, der ihn auferweckte. Dass Gott Christus auferweckt, zeigt, dass Christus wahrhaft starb und nicht aus eigener Gottheit zurückkehrte (vgl. Apg 2,36).
- Argument von der festen Lobpreis-Formel. „Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ ist eine durch das ganze NT laufende Formel (Eph 1,3; 2 Kor 1,3; 1 Petr 1,3; Röm 15,6). Ihre Festigkeit verbietet, sie als beiläufige Rede abzutun: Sie ist Bekenntnis, dass der eine Gott der Vater ist.
- Argument vom „Vater der Herrlichkeit“. Paulus setzt die feierlichste Gottesbezeichnung — „der Vater der Herrlichkeit“ — mit „dem Gott unseres Herrn Jesus Christus“ gleich. Der höchste, herrlichste Gott und der Gott Christi sind ein und derselbe; „Gott Christi“ ist also kein minderer Titel.
- Argument vom durchgehenden Sprachgebrauch. Der Auferstandene nennt den Vater „meinen Gott“ (Joh 20,17); der erhöhte Christus der Offenbarung spricht viermal von „meinem Gott“ (Offb 3,12). Selbst in der Herrlichkeit behält Christus seinen Gott — die Stellung ist also dauerhaft, nicht auf eine irdische Phase beschränkt.
- Argument vom Ziel der Erhöhung. Die Erhöhung Christi geschieht „zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11). Hätte Christus die höchste Gottheit, so fließe die Ehre nicht von ihm zu einem anderen, sondern bliebe bei ihm selbst. Dass sie auf den Vater zurückweist, zeigt: der Vater ist der eine Gott, dem alle Ehre zustrebt.
Biblische Querverweise
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder erhellen die sozinianische Auslegung von Epheser 1,17:
Schon der Briefanfang setzt die Formel, die 1,17 wieder aufnimmt: Der Vater ist Gott und Vater Jesu Christi. Beide Titel binden den einen Gott an Christus — und ordnen Christus ihm zu.
Der Gott Christi „erweckte ihn von den Toten und setzte ihn zu seiner Rechten“. Christus ist der Empfänger der Tat, nicht ihr göttlicher Urheber. Der Höchste aber kann nicht erhöht werden.
Der Auferstandene nennt den Vater „meinen Gott“ — auf einer Stufe mit dem Gott der Jünger. Wer selbst einen Gott über sich hat, ist nicht der eine wahre Gott. Johannes 20,17 ↑
Der erhöhte, verherrlichte Christus spricht viermal vom „Gott“, den er hat („der Tempel meines Gottes … der Name meines Gottes … der Stadt meines Gottes“). Auch im Himmel behält Christus seinen Gott.
„Für uns gibt es einen Gott, den Vater … und einen Herrn, Jesus Christus.“ Paulus ordnet die Titel: der Vater ist der eine Gott, Christus der eine Herr. Genau das sagt „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“. 1. Korinther 8,6 ↑
„Darum hat ihn Gott über alle Maßen erhöht … zur Ehre Gottes, des Vaters.“ Die Erhöhung Christi kommt von Gott und weist auf Gott zurück — sie begründet keine zweite Gottheit. Philipper 2,6-7 ↑
Einwände und sozinianische Antworten
Einwand 1: „Christus hat einen Gott nur nach seiner menschlichen Natur.“
Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. „Der Gott unseres Herrn Jesus Christus“ bezieht sich auf seine menschliche Natur — als Mensch hat er einen Gott; als Gott ist er dem Vater wesensgleich.
Der Text kennt diese Naturenscheidung nicht. Paulus sagt nicht „der Gott der menschlichen Natur Christi“, sondern „der Gott unseres Herrn Jesus Christus“ — der ganzen Person. Wer eine Aussage über die Person in eine Aussage über eine ihrer angeblichen Naturen verwandelt, ergänzt den Text um genau das, was zu beweisen wäre.
Zudem zerbricht die Scheidung an der Sache selbst. Derselbe Christus, der einen Gott hat, ist der, den dieser Gott auferweckt und erhöht (1,20). Wenn nur die „menschliche Natur“ einen Gott hätte, müsste auch nur sie erhöht worden sein — doch dann wäre die Erhöhung kein Werk an dem einen Herrn Jesus Christus, sondern an einem Teil von ihm. Die Schrift kennt aber einen Christus, einen Herrn, eine Person.
Schließlich ist die Zwei-Naturen-Lehre selbst kein biblischer Befund, sondern eine spätere dogmatische Konstruktion. Sie an Eph 1,17 heranzutragen, heißt, den klaren Wortlaut durch eine vorausgesetzte Lehre zu überschreiben — das genaue Gegenteil schriftgemäßer Auslegung.
Einwand 2: „‚Vater unseres Herrn Jesus Christus‘ meint nur das innertrinitarische Zeugungsverhältnis.“
Dass der Vater „Vater“ Christi heißt, betrifft die ewige Zeugung des Sohnes innerhalb der Gottheit — nicht eine Überordnung. Der Vater ist nicht „größer“ im Wesen, nur „Ursprung“.
Eph 1,17 sagt aber nicht nur „Vater“, sondern „Gott unseres Herrn Jesus Christus“. Selbst wenn man „Vater“ im Sinne eines Ursprungsverhältnisses deutete, bliebe die Aussage stehen, dass der Vater Christi Gott ist. Einen Gott über sich zu haben ist mehr als einen Ursprung zu haben: Es ist das Verhältnis des Geschöpfs oder des Untergebenen zum Höchsten.
Der Sprachgebrauch des Neuen Testaments spricht dagegen, das auf eine bloße innergöttliche Relation zu reduzieren. „Mein Gott“ sagt Christus am Kreuz (Mk 15,34), „mein Gott und euer Gott“ nach der Auferstehung (Joh 20,17), „mein Gott“ viermal in der Herrlichkeit (Offb 3,12). Das ist die Sprache des Betenden, der zu seinem Gott aufsieht — nicht die Sprache zweier wesensgleicher Personen.
Die „ewige Zeugung“ selbst ist zudem ein nachbiblischer Begriff. Die Schrift nennt Christus den Sohn, weil Gott ihn gezeugt (Lk 1,35), zum Herrn gemacht (Apg 2,36) und auferweckt hat (Röm 1,4) — alles Handlungen Gottes an Christus, nicht ewige innergöttliche Verhältnisse. Eph 1,17 fügt sich genau in diese Sprache.
Einwand 3: „Die Erhöhung betrifft nur die Menschheit Christi.“
Auferweckung und Erhöhung (1,20) gelten dem menschgewordenen Sohn. Seine Gottheit konnte nicht sterben und nicht erhöht werden; erhöht wurde die angenommene Menschheit.
Paulus erhöht nicht eine „Menschheit“, sondern „Christus“ — und setzt ihn „hoch über alle Obrigkeit, Gewalt, Macht und Herrschaft und jeden Namen“ (1,21). Wäre Christus schon der höchste Gott, so stünde er bereits über allem; eine Einsetzung „über alle Macht“ wäre leer. Die Erhöhung hat nur Sinn, wenn der Erhöhte zuvor nicht in dieser höchsten Stellung war.
Auch der Empfänger der Gabe spricht dagegen: Gott „hat ihm alles unter die Füße getan“ und ihn „zum Haupt über alles gegeben“ (1,22). Das ist Verleihung, nicht angestammter Besitz. Was verliehen wird, war zuvor nicht eigen — sonst wäre die Verleihung keine.
Die Rede von zwei Naturen rettet den Einwand nicht, sondern zerteilt den einen Christus. Die Schrift bezeugt durchgängig, dass Gott ihn — den einen Herrn Jesus Christus — erhöht hat (Phil 2,9; Apg 2,36; Apg 5,31). Das ist nur stimmig, wenn Christus wahrhaft ein anderer ist als der Gott, der ihn erhöht.
Einwand 4: „Auch innerhalb der Trinität gibt es eine Ordnung — der Sohn ordnet sich dem Vater freiwillig unter.“
Dass der Vater „Gott“ Christi heißt, drückt die freiwillige Unterordnung des wesensgleichen Sohnes im Heilswerk aus — eine Ordnung der Rollen, nicht des Wesens.
Eine „Unterordnung bei Wesensgleichheit“ ist ein begrifflicher Widerspruch, wo es um Gott-Haben geht. Man kann sich einem Gleichen im Rang unterordnen; aber einen Gleichen „seinen Gott“ zu nennen, hebt die Gleichheit auf. „Gott von jemandem“ zu sein bezeichnet kein freiwilliges Rollenverhältnis, sondern die Stellung des Höchsten über dem, der ihn anbetet.
Der Rakower Katechismus zeigt zudem, dass die Unterordnung dauerhaft, nicht nur heilsökonomisch ist: „dass der Sohn einst dem unterworfen sein werde, der ihm alles unterworfen hat“ (1 Kor 15,28). Auch am Ende, wenn das Heilswerk vollendet ist, bleibt Christus dem Vater unterworfen. Eine nur vorübergehende, „ökonomische“ Unterordnung ist das nicht.
Schließlich häuft die Schrift die Aussagen der Abhängigkeit so dicht, dass sie keine bloße Rollenverteilung tragen: Gott ist Christi Haupt (1 Kor 11,3), Christus gehört Gott (1 Kor 3,23), Gott hat ihn auferweckt, erhöht, ihm den Namen gegeben, alles unterworfen. Das ist die Sprache des einen Gottes und seines erhöhten Sohnes, nicht zweier gleich-ewiger Personen.
Einwand 5: „Wenn Christus nicht Gott ist, ist er nur ein Geschöpf — warum dann die Herrlichkeit?“
Eph 1 schreibt Christus eine Herrlichkeit zu, die alle Macht überragt. Solche Herrlichkeit gebührt nur Gott. Wenn Christus nicht der höchste Gott ist, wird ihm zu viel zugesprochen.
Die Entgegensetzung „entweder höchster Gott oder bloßes Geschöpf wie jedes andere“ ist falsch. Die Schrift kennt einen dritten Stand: den von Gott Eingesetzten und Erhöhten, dem höchste Vollmacht verliehen ist, ohne dass er der eine Gott wäre. Genau das beschreibt Eph 1: Gott hat Christus diese Stellung gegeben.
Empfangene Herrlichkeit ist nicht geringere Herrlichkeit, aber sie ist empfangene. „Verherrliche du mich, Vater“ (Joh 17,5); „Gott hat ihn erhöht“ (Phil 2,9); „die Stärke seiner Kraft, die er an Christus wirkte“ (Eph 1,19-20). Die Höhe Christi ist gerade darum so groß, weil der größte Gott sie ihm gegeben hat — und sie weist auf diesen Geber zurück.
Die sozinianische Lesart setzt Christus also nicht herab, sondern stellt ihn an seinen wahren Ort: „zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern“ (1,20), als Haupt der Kirche (1,22), als der eine Mittler zwischen dem einen Gott und den Menschen (1 Tim 2,5) — und das alles „zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11).
Theologische Konsequenzen
Der eine Gott ist der Vater — der „Vater der Herrlichkeit“, der auch der Gott Jesu Christi ist (Eph 1,17). Es gibt nicht zwei, von denen jeder der höchste Gott wäre; es gibt einen Gott, zu dem auch sein erhöhter Sohn aufsieht.
Christus hat einen Gott über sich, der ihn auferweckt, erhöht und ihm alles unterworfen hat (1,19-23). Seine Herrlichkeit ist empfangene, geschenkte Herrlichkeit — größer als alle Macht, und doch dem Vater, der sie verleiht, untergeordnet.
Eine Aussage über die Person Christi darf nicht stillschweigend in eine Aussage über eine ihrer angeblichen Naturen verwandelt werden. Der Text spricht von „unserem Herrn Jesus Christus“ — die Zwei-Naturen-Scheidung wird ihm aufgelegt, nicht entnommen.
Verbundene Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Johannes 20,17 — „mein Gott und euer Gott“: der Auferstandene hat selbst einen Gott.
- 1. Korinther 8,6 — ein Gott (der Vater) und ein Herr (Christus): die Titelordnung des Paulus.
- Johannes 17,3 — der Vater „der allein wahre Gott“, Jesus der Gesandte.
- 1. Johannes 5,20 — „Dieser ist der wahre Gott“: der Vater, nicht der Sohn.
- Apostelgeschichte 2,36 — „Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht“: Erhöhung, nicht Wesensgottheit.
- 1. Korinther 15,28 — der Sohn wird dem unterworfen, der ihm alles unterworfen hat.
- Johannes 14,28 — „der Vater ist größer als ich“: der Vorrang des Vaters.
Zusammenfassung
Epheser 1,17 — „der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit“ — bekennt den Vater als den einen Gott, der zugleich der Gott Jesu Christi ist. Christus hat damit einen Gott über sich; und wer einen Gott hat, dem er untersteht und Leben, Erhöhung und Vollmacht verdankt, ist nicht selbst der höchste Gott. Die Wendung ist keine Floskel: Sie ist Teil der festen neutestamentlichen Lobpreis-Formel (Eph 1,3; 2 Kor 1,3; 1 Petr 1,3) und meint den „Vater der Herrlichkeit“ selbst — den höchsten, herrlichsten Gott.
Der Rakower Katechismus (1605) führt die Stelle als klaren Beleg gegen die Wesensgottheit des Sohnes: „Wenn Christus der höchste Gott war, konnte er weder erhöht werden … Und doch sagt Paulus (Eph 1,19-23), dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, … ihn von den Toten auferweckte und ihn zu seiner Rechten … einsetzte.“ Die Erhöhung selbst widerlegt die Gottheit des Erhöhten: über dem Höchsten steht niemand, der ihn erhöhen könnte. Und Paulus, so der Katechismus, bezeugt durchweg, „dass Gott dessen Haupt sei, und dass, wie wir Christi sind, so Christus Gottes sei“ — nichts davon könnte gesagt werden, „wenn er jene göttliche Natur besäße“.
Sozinianisch fügt sich der Vers in das durchgehende Eingott-Bekenntnis der Schrift. Paulus bekennt nicht einen zweiten, mit dem Vater wesensgleichen Gott, sondern den einen Gott, den Vater — den Gott auch unseres Herrn Jesus Christus, der seinen Sohn auferweckt, erhöht und ihm alles unterworfen hat, „zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11). Christus wird darin nicht herabgesetzt, sondern an seinen Ort gestellt: zur Rechten des einen Gottes, als sein erhöhter Sohn und der eine Mittler.
Johannes 20,17 — mein Gott und euer Gott
1. Korinther 8,6 — ein Gott, ein Herr
Johannes 17,3 — der allein wahre Gott
1. Johannes 5,20 — Dieser ist der wahre Gott
Apostelgeschichte 2,36 — zum Herrn gemacht
1. Korinther 15,28 — der Sohn unterwirft sich
Johannes 14,28 — der Vater ist größer als ich
