1. Johannes 5,20 — „Dieser ist der wahre Gott“: der Vater, nicht der Sohn
„Dieser ist der wahre Gott“ (1 Joh 5,20) gilt der Trinitätslehre als einer der klarsten Belege dafür, dass Christus selbst der wahre Gott genannt werde. Sozinianisch bezieht sich das „Dieser“ nicht auf den unmittelbar zuvor genannten Sohn, sondern auf den eigentlichen Gegenstand des Satzes — „den Wahrhaftigen“, den Vater, den wir durch den Sohn erkennen. Derselbe Vers unterscheidet den Sohn ausdrücklich vom Wahrhaftigen („wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus“); und nirgends sonst wird Christus schlechthin „der wahre Gott“ mit Artikel genannt. Johannes selbst hat den Vater zuvor „den allein wahren Gott“ genannt (Joh 17,3) und schließt den Brief mit der Warnung vor den Götzen (V.21) — ein Gegensatz, der den einen wahren Gott meint, nicht eine zweite Person. Der Rakower Katechismus widmet dem Wort eine eigene Antwort und zeigt: das „Dieser“ weist auf den Vater.
„Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns den Sinn gegeben hat, dass wir den Wahrhaftigen erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Kinder, hütet euch vor den Götzen!“
1. Johannes 5,20-21
Kontext: Der Schluss des ersten Johannesbriefes
1. Johannes 5,20 steht unmittelbar vor dem letzten Vers des Briefes. Der ganze Brief kreist um die Gewissheit des Heils: „Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt“ (5,13). Im Schlussabschnitt häuft Johannes drei feierliche „Wir wissen“-Sätze (5,18.19.20): wir wissen, dass der aus Gott Geborene nicht sündigt; wir wissen, dass wir aus Gott sind; wir wissen, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Einsicht gegeben hat, den Wahrhaftigen zu erkennen. Der Vers ist also der krönende Abschluss einer Heilsgewissheit, deren Ziel die Erkenntnis des wahren Gottes ist.
Entscheidend ist der Aufbau des Satzes selbst. Sein Hauptgegenstand ist nicht der Sohn, sondern „der Wahrhaftige“ (ho alethínós): Der Sohn ist gekommen, damit wir den Wahrhaftigen erkennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen. Der Sohn ist der Weg zur Erkenntnis, der Wahrhaftige ist das Ziel. Wenn am Satzende das „Dieser ist der wahre Gott“ folgt, liegt es nahe, dass „Dieser“ auf eben den zurückweist, um den es im ganzen Satz geht: den Wahrhaftigen, den Vater.
Der Brief unterscheidet durchgängig scharf zwischen Gott und seinem Sohn. „Die Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (1,3), „einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus“ (2,1), „Gott hat seinen Sohn gesandt“ (4,9-10) — immer ist Gott der Vater, und Christus ist sein Sohn und Gesandter. Dieselbe Ordnung prägt auch 5,20: der wahre Gott und sein Sohn Jesus Christus stehen einander gegenüber, nicht in eins.
Schließlich endet der Brief mit dem Ruf: „Kinder, hütet euch vor den Götzen!“ (5,21). Dieser Gegensatz — der wahre Gott gegen die Götzen — ist die alte Sprache des Schma Israel und der Propheten, in der stets der eine Vater, der Schöpfer, dem toten Gemachten entgegensteht. Der Vers 21 deutet den Vers 20: „der wahre Gott“, vor dessen Verlust durch Götzendienst gewarnt wird, ist der eine Gott, der Vater.
Sozinianische Kernthese
Sozinianisch bezeugt 1. Johannes 5,20 den Vater als den einen wahren Gott und Christus als seinen Sohn, durch den wir diesen Gott erkennen — nicht eine zweite göttliche Person. Das abschließende „Dieser ist der wahre Gott“ weist auf „den Wahrhaftigen“ zurück, der dreimal im selben Satz der eigentliche Gegenstand ist. Christus ist gekommen, damit wir diesen erkennen; in diesem sind wir — in seinem Sohn. Der Sohn führt zum wahren Gott; er ist nicht selbst der gemeinte wahre Gott.
Der Rakower Katechismus formuliert die Unterscheidung präzise: nicht dass Christus überhaupt nicht „in seinem eigenen Sinne“ Gott genannt werden dürfte (im Sinne der verliehenen Hoheit, wie Mose „ein Gott für Pharao“ heißt, Ex 7,1), sondern dass er nicht jener wahre Gott ist, von dem diese Stelle handelt. Denn „der wahre Gott“ mit Artikel ist in der ganzen Schrift der Vater; nirgends wird Christus schlechthin so genannt. Und im selben Vers wird er von ihm unterschieden: wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn.
Den Ausschlag gibt der Parallelvers aus demselben Verfasser. In seinem Hohepriesterlichen Gebet sagt Jesus: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh 17,3). Hier ist der Vater „der allein wahre Gott“ und Jesus Christus der von ihm Gesandte — ausdrücklich voneinander geschieden. 1. Johannes 5,20 sagt dasselbe in anderer Form: durch den gesandten Sohn erkennen wir den wahren Gott, den Vater.
Auch das angefügte „und das ewige Leben“ fügt sich. Johannes nennt zu Beginn des Briefes Christus selbst „das ewige Leben, das beim Vater war“ (1 Joh 1,2) — und zugleich gibt der Vater uns das ewige Leben, „und dieses Leben ist in seinem Sohn“ (5,11). „Ewiges Leben“ ist also kein Wesensname, der nur dem höchsten Gott zukommt, sondern bezeichnet Gott als Quell des Lebens und Christus als den Mittler, durch den es fließt. Dass beide Prädikate — „der wahre Gott“ und „das ewige Leben“ — auf den Vater als Quell zielen, ist die in sich stimmige Lesart.
Kernaussage
„Dieser ist der wahre Gott“ (1 Joh 5,20) bekennt den Vater als den einen wahren Gott, den wir durch seinen Sohn erkennen — nicht Christus als zweite göttliche Person. „Dieser“ weist auf „den Wahrhaftigen“ zurück, der dreimal im selben Satz der Gegenstand ist; der Sohn wird ausdrücklich von ihm unterschieden („in seinem Sohn Jesus Christus“). Derselbe Johannes nennt den Vater „den allein wahren Gott“ (Joh 17,3) und warnt im nächsten Atemzug vor den Götzen (V.21) — der Gegensatz, in dem stets der eine Gott, der Vater, gemeint ist.
Schlüsselbegriffe
Vier sprachliche und sachliche Beobachtungen entscheiden die Auslegung von 1. Johannes 5,20:
ho alethínós theós — „der wahre Gott“ mit Artikel
Der bestimmte Artikel vor theós (ho theós, „der Gott“) bezeichnet im Neuen Testament regelmäßig den Vater als den einen höchsten Gott; das artikellose theós kann auch verliehene göttliche Würde ausdrücken. Christus wird nirgends in der Schrift schlechthin „der wahre Gott“ (ho alethínós theós) mit Artikel genannt. Diese feierliche Vollform ist dem Vater vorbehalten.
Gerade dieselbe Wendung verwendet Johannes im Hohepriesterlichen Gebet für den Vater: „dich, der du allein wahrer Gott bist“ (Joh 17,3). Der Sprachgebrauch des Verfassers selbst legt fest, wer mit „dem wahren Gott“ gemeint ist. Es wäre hart, denselben Titel, den Johannes ausdrücklich auf den Vater allein bezieht, wenige Kapitel später unvermerkt auf den Sohn zu übertragen.
hoûtos — „Dieser“: worauf das Pronomen weist
Die Trinitätslesart stützt sich vor allem darauf, dass „Jesus Christus“ das unmittelbar vorangehende Wort ist, auf das sich „Dieser“ (hoûtos) beziehen müsse. Doch das ist keine Regel der Sprache. Rückbezügliche Fürwörter beziehen sich nicht zwingend auf das nächststehende, sondern häufig auf das im Satz vorrangige Bezugswort, auch wenn es weiter entfernt steht.
Der Rakower Katechismus belegt das aus der Schrift selbst: In Apg 7,18-19 („ein König … Dieser unterdrückte unser Volk“), Apg 10,6 („Dieser wird dir sagen…“) und 2 Joh 7 („Dieser ist der Verführer und der Antichrist“) bezieht sich das Pronomen jeweils auf eine entferntere, im Zusammenhang vorrangige Person. Genau so weist „Dieser“ in 1 Joh 5,20 auf „den Wahrhaftigen“ zurück, den Hauptgegenstand des ganzen Satzes.
„in seinem Sohn Jesus Christus“ — die Unterscheidung im selben Vers
Der Satz selbst trennt Gott und Christus: „Wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus.“ Christus ist der Sohn des Wahrhaftigen — und damit von ihm verschieden. Ein Sohn ist nicht der Vater, dessen Sohn er ist; ein Gesandter ist nicht der, der ihn sendet.
Würde man „Dieser ist der wahre Gott“ dennoch auf Christus beziehen, so ergäbe sich nach den Worten des Verses, dass Jesus Christus der Sohn des wahren Gottes sei — und zugleich selbst jener wahre Gott. Damit stünde im selben Vers, der eine sei der Sohn des anderen und doch beide derselbe eine wahre Gott. Diese Spannung löst sich nur, wenn „der wahre Gott“ der Vater ist.
hê zôê hê aiônios — „das ewige Leben“ als Mittler-Titel
An „der wahre Gott“ schließt sich „und das ewige Leben“ an. Johannes nennt Christus zu Beginn des Briefes selbst „das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist“ (1 Joh 1,2). Zugleich sagt er: Gott „hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn“ (5,11).
„Ewiges Leben“ ist also kein ausschließlicher Wesensname des höchsten Gottes, sondern bezeichnet den Vater als Quell des Lebens und Christus als den Mittler, durch den es uns zukommt. Versteht man beide Prädikate — „der wahre Gott“ und „das ewige Leben“ — vom Vater als Quell und vom Sohn als Mittler her, so fügt sich der Satz bruchlos in die Sprache des ganzen Briefes.
Vergleich der Auslegungen
Sozzini im Original: Der Rakower Katechismus zu „Dieser ist der wahre Gott“
Der Rakower Katechismus behandelt 1. Johannes 5,20 ausdrücklich unter den Zeugnissen, mit denen die Gottheit Christi belegt werden soll. Sein erster Schritt ist eine sorgfältige Unterscheidung: Christus wird nicht jeder Göttlichkeit beraubt, wohl aber davon, „jener wahre Gott“ zu sein, von dem die Stelle handelt:
„Ich bestreite, dass sich diese Worte ‚Dieser ist der wahre Gott‘ auf den Sohn beziehen — nicht weil ich leugnete, dass Christus in seinem eigenen Sinne wahrer Gott ist, sondern weil ich leugne, dass er jener wahre Gott ist, von dem diese Stelle spricht. Denn Christus wird nirgends schlechthin mit dem Artikel ‚Gott‘ oder ‚wahrer Gott‘ genannt, und an eben dieser Stelle wird er offenkundig von jenem wahren Gott unterschieden, ebenso wie auch an einer ähnlichen Stelle bei demselben Johannes (Joh 17,3) von jenem allein wahren Gott unterschieden wird.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi — Christus als wahrer Gott
Sodann widerlegt der Katechismus das Hauptargument der Gegenseite — das „Dieser“ müsse sich auf das unmittelbar vorangehende „Jesus Christus“ beziehen — durch den Sprachgebrauch der Schrift selbst. Rückbezügliche Fürwörter weisen oft auf den vorrangigen, nicht auf den nächststehenden Bezugspunkt:
„Relativpronomina wie ‚dieser‘ und ähnliche beziehen sich nicht immer auf das unmittelbar Vorangehende, sondern werden häufig auf dasjenige bezogen, wovon hauptsächlich die Rede ist, auch wenn es weiter entfernt steht … Aus diesen Stellen [Apg 7,18-19; Apg 10,6; 2 Joh 7] geht hervor, dass das Relativpronomen ‚dieser‘ sich nicht auf die unmittelbar vorangehenden Personen, sondern auf weiter entfernte bezieht.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi — Christus als wahrer Gott
Schließlich zieht der Katechismus den letzten Vers des Briefes als Auslegungsschlüssel heran. Der Gegensatz von wahrem Gott und Götzen ist die alte Bekenntnissprache, in der stets der eine Gott, der Vater, gemeint ist:
„Selbst wenn die Worte ‚Dieser ist der wahre Gott‘ auf Jesus Christus bezogen würden, würde Johannes sagen, dass Jesus Christus sein eigener Sohn sei, da er ihn doch den Sohn des wahren Gottes nennt. Auch der Gegensatz des wahren Gottes zu den Götzen in Vers 21 lehrt, dass nach dem Sprachgebrauch der Schrift nicht Christus, sondern der Vater Christi damit bezeichnet wird.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi — Christus als wahrer Gott
Damit ist die sozinianische Linie gezogen: „der wahre Gott“ ist der Vater, den wir durch den Sohn erkennen; der Sohn wird im selben Vers von ihm unterschieden. Das nimmt dem Schluss des Briefes nichts an Gewicht — es bewahrt nur das Eingott-Bekenntnis, das Johannes selbst ausspricht, wenn er den Vater „den allein wahren Gott“ nennt (Joh 17,3) und vor den Götzen warnt.
Buchübersicht zu den Schriften Sozzinis
Logische Argumente
Aus 1. Johannes 5,20 und seinem Zusammenhang ergeben sich folgende Argumente gegen die Gottheitslesart:
- Argument vom Satzgegenstand. Der ganze Satz handelt vom „Wahrhaftigen“: der Sohn ist gekommen, damit wir ihn erkennen; in ihm sind wir. Der Vater ist dreimal der Gegenstand. Das abschließende „Dieser“ weist natürlich auf diesen Hauptgegenstand, nicht auf das beiläufig zuletzt genannte „Jesus Christus“.
- Argument vom Relativpronomen. „Dieser“ (hoûtos) bezieht sich im Sprachgebrauch der Schrift häufig nicht auf das nächststehende, sondern auf das vorrangige Bezugswort (Apg 7,18-19; Apg 10,6; 2 Joh 7). Die Nähe allein entscheidet nichts; der Zusammenhang entscheidet — und er weist auf den Vater.
- Argument vom Artikelgebrauch. „Der wahre Gott“ mit Artikel ist in der ganzen Schrift der Vater; Christus wird nirgends schlechthin so genannt. Johannes selbst nennt den Vater „den allein wahren Gott“ (Joh 17,3). Denselben festen Titel hier unvermerkt auf den Sohn zu übertragen, hätte der Verfasser kenntlich machen müssen.
- Argument von der Unterscheidung im Vers. Der Vers trennt beide: „wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus“. Christus ist der Sohn des Wahrhaftigen — und damit von ihm verschieden. Wer der Sohn des wahren Gottes ist, ist nicht zugleich dieser wahre Gott selbst.
- Argument vom Parallelvers. Joh 17,3 sagt dasselbe ausdrücklich: der Vater ist „der allein wahre Gott“, Jesus Christus der von ihm Gesandte. Da beide Stellen vom selben Verfasser stammen und dieselbe Sache betreffen, ist 1 Joh 5,20 im Licht von Joh 17,3 zu lesen, nicht gegen es.
- Argument vom Schlussvers. „Kinder, hütet euch vor den Götzen“ (V.21) stellt den wahren Gott den Götzen gegenüber. In dieser Bekenntnissprache der Propheten ist der eine wahre Gott stets der Vater, der Schöpfer. Der Gegensatz deutet also den „wahren Gott“ von V.20 auf den Vater.
- Argument vom Titel „ewiges Leben“. Christus heißt selbst „das ewige Leben“ (1 Joh 1,2), und doch ist es der Vater, der das Leben gibt, „und dieses Leben ist in seinem Sohn“ (5,11). „Ewiges Leben“ ist mithin Quell- und Mittler-Sprache, kein ausschließlicher Wesensname — ein Hinweis, dass auch „der wahre Gott“ auf den Quell, den Vater, zielt.
- Argument vom Selbstwiderspruch. Hieße „Dieser ist der wahre Gott“ den Sohn, so wäre Christus zugleich der Sohn des wahren Gottes und selbst der eine wahre Gott. Damit gäbe es zwei, von denen jeder der eine wahre Gott ist — ein Widerspruch zum Bekenntnis „der Herr ist einer“ (Dtn 6,4).
Biblische Querverweise
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder erhellen die sozinianische Auslegung von 1. Johannes 5,20:
Derselbe Verfasser nennt im Hohepriesterlichen Gebet den Vater „den allein wahren Gott“ und unterscheidet von ihm „Jesus Christus, den du gesandt hast“. Damit ist festgelegt, wer „der wahre Gott“ ist. Johannes 17,3 ↑
„Gott hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn.“ Der Vater ist der Geber des Lebens, der Sohn der, in dem es ist. Genau diese Ordnung trägt das „und das ewige Leben“ von V.20.
„Das Leben ist erschienen … das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist.“ Christus trägt den Titel „ewiges Leben“ als Mittler — ein Beleg, dass solche Prädikate keine Wesensgleichheit mit dem Vater bedeuten.
„Für uns gibt es einen Gott, den Vater … und einen Herrn, Jesus Christus.“ Paulus ordnet die Titel: der Vater ist der eine Gott, Christus der eine Herr. Vor diesem Hintergrund ist „der wahre Gott“ der Vater. 1. Korinther 8,6 ↑
Der Auferstandene nennt den Vater „meinen Gott“ — auf einer Stufe mit dem Gott der Jünger. Wer selbst einen Gott über sich hat, ist nicht der eine wahre Gott. Johannes 20,17 ↑
„… bekehrt zu Gott von den Götzen, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott.“ Der wahre Gott, den die Schrift den Götzen entgegensetzt, ist der Vater — genau der Gegensatz, mit dem 1 Joh 5,21 schließt.
Einwände und sozinianische Antworten
Einwand 1: „‚Dieser‘ steht direkt hinter ‚Jesus Christus‘ — also ist Christus der wahre Gott.“
Das Pronomen „Dieser“ bezieht sich nach den Regeln der Sprache auf das unmittelbar vorangehende Wort. Das ist hier „Jesus Christus“. Also bekennt Johannes Christus als „den wahren Gott und das ewige Leben“.
Die behauptete Regel gibt es so nicht. Rückbezügliche Fürwörter beziehen sich häufig nicht auf das nächststehende, sondern auf das im Zusammenhang vorrangige Bezugswort. Die Schrift selbst belegt das: In Apg 7,18-19 weist „Dieser“ auf den fern stehenden „König“, in Apg 10,6 auf Petrus statt auf den zuletzt genannten Gerber, in 2 Joh 7 auf die „Verführer“.
Der vorrangige Gegenstand des Satzes aber ist „der Wahrhaftige“: um seine Erkenntnis geht es, in ihm sind wir. Auf ihn weist „Dieser“ zurück. Die bloße Wortstellung kann den durchgehenden Satzgegenstand nicht verdrängen.
Hinzu kommt der feste Sprachgebrauch des Verfassers: „der allein wahre Gott“ ist bei Johannes der Vater (Joh 17,3). Liest man „Dieser ist der wahre Gott“ vom Vater, fügt sich alles widerspruchsfrei; liest man es vom Sohn, gerät es in Spannung zum Verfasser selbst.
Einwand 2: „Nur Gott ist ‚das ewige Leben‘ — also ist Christus Gott.“
Christus wird hier nicht nur „der wahre Gott“, sondern auch „das ewige Leben“ genannt. Das ewige Leben aber ist Gott selbst. Also ist Christus wahrer Gott.
Johannes verwendet „ewiges Leben“ gerade nicht als ausschließlichen Wesensnamen Gottes. Er nennt Christus selbst „das ewige Leben, das beim Vater war“ (1 Joh 1,2) — und sagt im selben Kapitel, der Vater „hat uns das ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in seinem Sohn“ (5,11). Der Vater ist der Quell, der Sohn der, in dem das Leben ist.
„Ewiges Leben“ ist also Quell- und Mittler-Sprache. Sie sagt, dass Gott uns durch Christus das Leben schenkt — nicht, dass Christus dem Wesen nach der eine Gott ist. Selbst wenn man das Prädikat auf Christus bezöge, würde es nur seine Mittlerstellung bezeichnen.
In der hier vertretenen Lesart aber zielen beide Prädikate — „der wahre Gott“ und „das ewige Leben“ — auf den Vater als Quell des Lebens, das er durch den Sohn gibt. Das ist die einfachste, mit dem ganzen Brief stimmige Auslegung.
Einwand 3: „Wäre der Vater gemeint, wäre der Satz eine überflüssige Wiederholung.“
Dass der Vater der wahre Gott ist, weiß jeder. Es ergibt nur Sinn, den Satz auf Christus zu beziehen — sonst sagte Johannes etwas Selbstverständliches und fügte seinem Brief nichts hinzu.
Der Satz ist auch vom Vater gelesen keine leere Wiederholung, sondern die feierliche Schlusspointe des ganzen Briefes: Der eine, den wir durch den gekommenen Sohn nun wirklich erkennen, dieser — und kein Götze — ist der wahre Gott und das ewige Leben. Gerade gegen den heidnischen Götzendienst (V.21) ist die Bekräftigung alles andere als selbstverständlich.
Auch das Schma Israel („Höre Israel, der Herr ist einer“) und unzählige Prophetenworte sagen scheinbar „Selbstverständliches“ — und sind doch das Herzstück des Bekenntnisses. Die Wahrheit, dass allein der Vater der wahre Gott ist, zu bekräftigen, war angesichts vieler „sogenannter Götter“ (1 Kor 8,5) nie überflüssig.
Im Übrigen wiegt das Argument der „Redundanz“ gering gegen die klaren sprachlichen Befunde: den durchgehenden Satzgegenstand, den festen Artikelgebrauch und die ausdrückliche Unterscheidung „in seinem Sohn“. Eine Auslegung wird nicht dadurch falsch, dass sie eine Grundwahrheit bekräftigt.
Einwand 4: „Die Kirchenväter und die Überlieferung lesen den Vers von Christus.“
Die kirchliche Auslegungstradition bezieht „Dieser ist der wahre Gott“ durchweg auf Christus und sieht darin einen Hauptbeleg seiner Gottheit. Gegen dieses einmütige Zeugnis kann die sozinianische Lesart nicht bestehen.
Die Tradition ist hier keineswegs einmütig. Schon in der Alten Kirche und bei späteren Auslegern wurde der Vers vielfach auf den Vater bezogen; der Bezug auf Christus ist eine mögliche, aber nicht die einzige überlieferte Lesart. Wo aber die Tradition selbst geteilt ist, kann sie nicht als entscheidendes Gegenargument dienen.
Maßgebend ist ohnehin nicht der spätere Konsens, sondern der Text und sein Verfasser. Und der Verfasser — Johannes — legt sich selbst fest, wenn er den Vater „den allein wahren Gott“ nennt (Joh 17,3) und Gott und Sohn durch seinen ganzen Brief unterscheidet. Der Text ist im Licht des Verfassers zu lesen, nicht im Licht späterer Dogmenbildung.
Schließlich beruft sich die sozinianische Auslegung nicht auf Willkür, sondern auf nachprüfbare Gründe: Satzgegenstand, Pronomengebrauch, Artikelgebrauch, die Unterscheidung im Vers und der Schlussvers gegen die Götzen. Diese Gründe sind stärker als ein nicht einmal einheitlicher Überlieferungsbefund.
Einwand 5: „Wenn Christus nicht der wahre Gott ist, ist er ein falscher Gott.“
Es gibt nur den wahren Gott und die falschen Götter. Wenn Christus nicht der wahre Gott ist, müsste er zu den Götzen gehören — eine unerträgliche Folgerung.
Die Entgegensetzung „entweder der eine wahre Gott oder ein Götze“ ist falsch. Die Schrift kennt einen dritten Stand: den von Gott Gesandten und Eingesetzten, dem göttliche Würde verliehen ist, ohne dass er der eine Gott wäre. So heißt Mose „ein Gott für Pharao“ (Ex 7,1) und die Richter heißen „Götter“ (Ps 82,6) — und sind doch keine Götzen.
Christus ist in diesem Sinne wahrer Sohn des wahren Gottes, sein Wort, sein Bild, sein eingesetzter Herr — unendlich erhaben über jeden Götzen, und doch nicht selbst „jener wahre Gott, von dem diese Stelle spricht“. Der Rakower Katechismus hält genau diese Mitte: er leugnet nicht, dass Christus „in seinem eigenen Sinne“ Gott genannt werden kann, sondern nur, dass er der eine wahre Gott des Vaters sei.
Die Götzen, vor denen V.21 warnt, sind die toten Gemachten der Heiden, nicht der lebendige Sohn Gottes. Ihn dem Vater unterzuordnen heißt nicht, ihn herabzuwürdigen, sondern ihn an seinen Ort zu stellen: zur Rechten des einen Gottes, „zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11).
Theologische Konsequenzen
Der eine, wahre Gott ist der Vater — derselbe, den Johannes „den allein wahren Gott“ nennt (Joh 17,3) und den der Brief den Götzen entgegenstellt (V.21). Ihn zu erkennen ist das Ziel, zu dem der Sohn uns führt.
Christus ist der Sohn des wahren Gottes, durch den wir ihn erkennen und in dem das ewige Leben ist. Sein Titel „ewiges Leben“ (1 Joh 1,2) ist Mittler-Sprache, nicht Wesensaussage; er wird im selben Vers vom Wahrhaftigen unterschieden.
Ein Pronomen ist vom Satzgegenstand und vom Sprachgebrauch des Verfassers her zu deuten, nicht von der bloßen Wortnähe. Der vorrangige Bezug („der Wahrhaftige“), der feste Artikelgebrauch und der Parallelvers Joh 17,3 entscheiden — nicht eine spätere Dogmenlesart.
Verbundene Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Johannes 17,3 — der Vater „der allein wahre Gott“, Jesus der Gesandte: der Schlüsselparallelvers.
- Johannes 20,28 — „mein Herr und mein Gott“: verliehene Hoheit, nicht Wesensgottheit.
- Johannes 20,17 — „mein Gott und euer Gott“: der Sohn hat selbst einen Gott.
- 1. Korinther 8,6 — ein Gott (der Vater) und ein Herr (Christus): die Titelordnung des Paulus.
- Markus 10,18 — „niemand ist gut als Gott allein“: Jesus lenkt höchste Ehre auf Gott zurück.
- Johannes 14,28 — „der Vater ist größer als ich“: der Vorrang des Vaters über den Sohn.
Zusammenfassung
1. Johannes 5,20 — „Dieser ist der wahre Gott und das ewige Leben“ — bekennt den Vater als den einen wahren Gott, den wir durch seinen Sohn erkennen, nicht Christus als zweite göttliche Person. Das „Dieser“ weist auf „den Wahrhaftigen“ zurück, der dreimal im selben Satz der Gegenstand ist; der Sohn wird ausdrücklich von ihm unterschieden („in seinem Sohn Jesus Christus“). „Der wahre Gott“ mit Artikel ist nach dem Sprachgebrauch des Johannes der Vater (Joh 17,3), und „das ewige Leben“ ist Mittler-Titel (1 Joh 1,2; 5,11).
Der Rakower Katechismus (1605) behandelt das Wort in einer eigenen Antwort: er bestreitet, dass sich „Dieser ist der wahre Gott“ auf den Sohn beziehe, „nicht weil … Christus [nicht] in seinem eigenen Sinne wahrer Gott ist, sondern weil … er nicht jener wahre Gott ist, von dem diese Stelle spricht“. Denn Christus werde „nirgends schlechthin mit dem Artikel ‚Gott‘ … genannt“ und an dieser Stelle „offenkundig von jenem wahren Gott unterschieden“. Auch „der Gegensatz des wahren Gottes zu den Götzen in Vers 21“ lehre, dass „nicht Christus, sondern der Vater Christi“ gemeint sei.
Sozinianisch fügt sich der Vers in das durchgehende Eingott-Bekenntnis der Schrift. Johannes bekennt nicht einen zweiten, mit dem Vater wesensgleichen Gott, sondern den einen wahren Gott, den Vater, den wir durch den gekommenen Sohn nun wirklich erkennen — denselben, den derselbe Johannes „den allein wahren Gott“ nennt (Joh 17,3) und vor dessen Verlust durch Götzendienst er warnt: ‚Kinder, hütet euch vor den Götzen‘ (1 Joh 5,21).
Johannes 17,3 — der allein wahre Gott
Johannes 20,28 — mein Herr und mein Gott
Johannes 20,17 — mein Gott und euer Gott
1. Korinther 8,6 — ein Gott, ein Herr
Markus 10,18 — niemand ist gut als Gott allein
Johannes 14,28 — der Vater ist größer als ich
