Johannes 20,28 — „Mein Herr und mein Gott“: verliehene Hoheit, nicht Wesensgottheit
„Mein Herr und mein Gott“ (Joh 20,28) gilt der Trinitätslehre als der klarste Beleg dafür, dass Christus selbst „Gott“ genannt werde. Sozinianisch ist der Ruf des Thomas kein Bekenntnis zu einer zweiten göttlichen Person, sondern die Anerkennung der göttlichen Herrschaft, die Gott dem auferweckten Christus übertragen hat. „Gott“ steht hier im selben Sinn, in dem die Schrift schon Mose „einen Gott für Pharao“ (Ex 7,1) und die Richter Israels „Götter“ (Ps 82,6; Joh 10,34-35) nennt: als Titel der von Gott verliehenen Vollmacht, nicht des Wesens. Der Rakower Katechismus widmet dem Wort eine eigene Antwort und zeigt: derselbe Thomas sieht die Wundmale und ein von den Toten auferwecktes — mithin sterblich gewesenes — Wesen vor sich; und elf Verse zuvor hat der Auferstandene selbst den Vater „meinen Gott“ genannt (Joh 20,17). Wer einen Gott über sich hat, ist nicht selbst der eine Gott.
„Darnach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Johannes 20,27-29
Kontext: Der Ruf des Thomas in der Osterüberlieferung
Johannes 20,28 steht am Ziel des Oster-Kapitels. Thomas, der beim ersten Erscheinen des Auferstandenen fehlte, hatte erklärt, er werde nicht glauben, ehe er die Nägelmale gesehen und berührt habe (20,25). Acht Tage später tritt Jesus wieder durch verschlossene Türen, wendet sich gerade an Thomas und fordert ihn auf, die Wundmale zu prüfen. Der Ruf „Mein Herr und mein Gott“ ist also die Reaktion eines Erschrockenen und Überwältigten auf die leibhaftige Begegnung mit dem, den er tot wusste — nicht die ruhige Formulierung eines Lehrsatzes über zwei Naturen.
Entscheidend ist, was der Evangelist selbst unmittelbar danach als Sinn des ganzen Buches angibt. In 20,31 schreibt Johannes: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes, ist, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt.“ Der Verfasser zieht aus der Thomas-Szene also nicht den Schluss „Jesus ist Gott der Sohn“, sondern „Jesus ist der Messias, der Sohn Gottes“. Das Bekenntnisziel des Evangeliums ist die Messianität und Gottessohnschaft — nicht die Wesensgleichheit mit dem Vater.
Das gesamte Kapitel ist zudem von einer scharfen Unterscheidung zwischen Jesus und Gott durchzogen. Elf Verse vor dem Thomas-Ruf sendet der Auferstandene selbst Maria Magdalena mit der Botschaft: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ (20,17). Im selben Kapitel, aus dem Mund desselben Jesus, hat der Vater den Rang des „Gottes“ über Christus. Wer 20,28 isoliert als Gottheitsbeweis liest, muss 20,17 entweder übersehen oder gegen sich selbst auslegen.
Schließlich ist der Anlass des Rufs die Auferweckung. Thomas bekennt den, der von den Toten erweckt worden ist — nach durchgängiger Bezeugung des Neuen Testaments durch Gott, den Vater (Apg 2,24.32; Röm 10,9; Gal 1,1). Wer von einem anderen erweckt wird, ist nicht der unsterbliche, eine Gott, „der allein Unsterblichkeit hat“ (1 Tim 6,16). Schon der Rahmen der Szene weist das Bekenntnis in den Horizont der von Gott verliehenen Würde, nicht der wesenhaften Gottheit.
Sozinianische Kernthese
Sozinianisch bezeugt Johannes 20,28 die göttliche Herrschaft des erhöhten Christus, nicht seine wesenhafte Gottheit. „Gott“ ist in der Schrift kein ausschließlich dem höchsten Wesen vorbehaltenes Wort; es wird auch denen verliehen, die Gottes Vollmacht und Stelle vertreten. Mose ist „ein Gott für Pharao“ (Ex 7,1), die Richter und Obrigkeiten heißen „Götter“ (Ps 82,1.6), und Jesus selbst beruft sich auf diesen Sprachgebrauch: „Hat er sie Götter genannt, zu denen das Wort Gottes geschah…“ (Joh 10,34-35). In diesem Sinn nennt Thomas den Auferweckten, dem Gott „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ gegeben hat (Mt 28,18), seinen Herrn und seinen Gott.
Der Titel ist gerade durch die Auferweckung gedeckt. Thomas sieht den, den Gott aus dem Tod erhöht und „zum Herrn und Christus gemacht“ hat (Apg 2,36). Er erkennt nicht zwei Naturen in einer Person, sondern den von Gott eingesetzten Herrn, dem nun göttliche Vollmacht und Ehre gebühren. Sein Bekenntnis steigert sich bewusst über das bloße „Herr“ hinaus zum „Gott“, weil er in dem Auferweckten nicht eine gewöhnliche, sondern eine göttliche Herrschaft über sich anerkennt.
Die einfachste, von vielen alten Auslegern erwogene Lesart ist daneben, dass der Ruf ein Ausdruck höchster Erschütterung ist, der sich an Gott richtet, der dieses Wunder gewirkt hat — so wie ein Mensch beim Anblick eines unüberbietbaren Gotteswerks ausruft „mein Gott!“. Auch dann wäre „Gott“ auf den Vater bezogen, der den Sohn auferweckte. Beide Lesarten — die delegierte göttliche Herrschaft des Sohnes oder der Lobruf an den Vater — führen weg von der Zweinaturenlehre und bleiben am biblischen Eingott-Bekenntnis.
Vor allem aber verbietet sich die Gottheitslesart aus dem, was Thomas leibhaftig vor sich hat: durchbohrte Hände, eine geöffnete Seite, einen von den Toten Auferweckten. Wundmale zu tragen, gestorben und erweckt worden zu sein, sind Eigenschaften eines Menschen. Sie dem einen, unsterblichen Gott zuzuschreiben, wäre widersinnig. Christus ist der Mensch, in dem und durch den Gott handelt — nicht der eine Gott selbst, der niemals stirbt und von niemandem erweckt wird.
Kernaussage
„Mein Herr und mein Gott“ ist Anerkennung der von Gott verliehenen göttlichen Herrschaft des auferweckten Christus — nicht der Beweis einer zweiten göttlichen Person. „Gott“ trägt hier denselben Sinn wie bei Mose (Ex 7,1) und den Richtern Israels (Ps 82,6; Joh 10,34-35): den Titel der Vollmacht, nicht des Wesens. Elf Verse zuvor nennt der Auferstandene selbst den Vater „meinen Gott“ (Joh 20,17), und der Evangelist fasst sein Buch in das Bekenntnis „dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes, ist“ (20,31). Wer Wundmale trägt und von Gott erweckt wurde, ist nicht der eine, unsterbliche Gott.
Schlüsselbegriffe
Vier sprachliche und sachliche Beobachtungen entscheiden die Auslegung von Johannes 20,28:
ho theós — „Gott“ als verliehener Titel
Das hebräische elohim wie das griechische theós ist in der Schrift kein Wort, das ausschließlich das höchste Wesen bezeichnet. Gott sagt zu Mose: „Ich habe dich zum Gott gesetzt für den Pharao“ (Ex 7,1; vgl. 4,16). Der Psalm nennt die Richter und Mächtigen Israels „Götter“: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter und allzumal Söhne des Höchsten“ (Ps 82,6). Der Titel bezeichnet hier die Teilhabe an Gottes Vollmacht und Stellvertretung, nicht eine göttliche Natur.
Genau auf diesen Sprachgebrauch beruft sich Jesus selbst, als man ihm Gotteslästerung vorwirft: „Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: ‚Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‘? Wenn er die Götter nennt, zu denen das Wort Gottes geschah — und die Schrift kann doch nicht aufgelöst werden —, wie sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, ‚Du lästerst‘, weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?“ (Joh 10,34-36). Christus leitet seine Würde ausdrücklich aus der verleihenden, nicht aus einer wesenhaften Gottheit her.
ho kýriós mou kaí ho theós mou — die Form der Anrede
Der Ausruf steht im Nominativ mit Artikel („der Herr meiner und der Gott meiner“), gebraucht als Anrede. Die Trinitätslehre betont gern den Artikel vor theós; doch derselbe Johannes verwendet den Artikel auch dort, wo unbestreitbar Geschaffenes oder Verliehenes gemeint ist. Die Form als solche entscheidet nichts; sie zeigt nur eine feierlich-direkte Anrede. Ob diese Anrede dem auferweckten Herrn oder dem Gott gilt, der ihn auferweckte, und in welchem Sinn das Wort „Gott“ gemeint ist, klärt allein der Zusammenhang.
Bemerkenswert ist, dass das possessive „mein“ (mou) jeden absoluten Klang vermeidet. Thomas sagt nicht „der Gott“ schlechthin, sondern „mein Gott“ — in genau derselben Wendung, mit der der Auferstandene wenige Verse zuvor den Vater „mein Gott und euer Gott“ nennt (20,17). Die Sprache stellt Thomas und Christus auf dieselbe Seite des Gott-Verhältnisses: beide haben einen Gott.
Die Wundmale — was Thomas wirklich sieht
Der Anlass des Rufs ist die Prüfung der Nägelmale und der durchstochenen Seite. Thomas bekennt einen, der gekreuzigt wurde, starb und auferweckt ist. Sterblichkeit, Tod und Erweckung-durch-einen-anderen sind aber Eigenschaften eines Menschen, nicht des einen, unsterblichen Gottes (1 Tim 6,16). Was Thomas vor sich hat, schließt die Identität mit dem höchsten Gott gerade aus.
Hier hilft kein Verweis auf zwei Naturen, eine sterbliche und eine unsterbliche in derselben Person. Denn dann trüge Thomas mit demselben Wort „Gott“ einer Natur etwas zu, was nur der anderen zukommt — ein in sich widersprüchliches Bekenntnis. Einfacher und biblischer ist: Thomas erkennt im sterblich Gewesenen und nun Erweckten den von Gott eingesetzten Herrn, dem göttliche Ehre gebührt.
„mein Gott und euer Gott“ (Joh 20,17) — der Schlüssel im selben Kapitel
Den entscheidenden Auslegungsschlüssel liefert Johannes selbst, elf Verse vor dem Thomas-Ruf. Der Auferstandene sagt: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ (20,17). Christus hat einen Gott über sich, und es ist derselbe Gott wie der seiner Jünger. Wer einen Gott über sich hat, ist nicht selbst der eine, höchste Gott.
Die beiden Stellen müssen zusammen gelesen werden, weil sie im selben Kapitel, ja in derselben Erscheinungsreihe stehen. Liest man 20,28 als Bekenntnis zur Wesensgottheit Christi, gerät es in offenen Widerspruch zu 20,17. Liest man „Gott“ in 20,28 als Titel der verliehenen Herrschaft, löst sich die Spannung: Christus hat einen Gott (20,17) und ist zugleich der von diesem Gott eingesetzte göttliche Herr (20,28).
Vergleich der Auslegungen
Sozzini im Original: Der Rakower Katechismus zum Ruf des Thomas
Der Rakower Katechismus behandelt Johannes 20,28 ausdrücklich unter den Stellen, „in welchen Christus Gott genannt wird“ (neben Joh 1,1 und Röm 9,5). Sein erster Schritt ist die Beobachtung, was Thomas vor sich hat — einen Gekreuzigten und von den Toten Auferweckten —, und in welchem Sinn er ihn darum „Gott“ nennt:
„Im zweiten Zeugnis nennt Thomas (sofern die Worte des Thomas nicht Ausdruck der Verwunderung über die Sache sind) Christus Gott, an dessen Füßen und Händen er die Spuren der Nägel und an dessen Seite er die Spuren der Lanze wahrnahm; und weil er ihn von den Toten auferweckt sah, nannte er ihn deshalb seinen Herrn und seinen Gott, als wollte er sagen: den Herrn, der zu Recht auch mit dem Titel Gott zu benennen sei.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi — Die Schriftstellen, in denen Christus Gott genannt wird
Der Katechismus hält damit zwei Lesarten offen, die beide nicht zur Zweinaturenlehre führen: entweder ist der Ruf ein Ausdruck der Erschütterung über das Wunder, oder Thomas nennt den Auferweckten „Gott“ im Sinne des von Gott eingesetzten, göttlich herrschenden Herrn. Sodann zieht er die Grenze, die das Gesehene selbst setzt: ein Sterblicher und Erweckter kann nicht der eine Gott sein.
„Wundmale zu tragen und von den Vätern abzustammen sind hingegen Eigenschaften eines Menschen, die dem, der jener eine Gott sei, zuzuschreiben allzu widersinnig wäre. … Daraus würde folgen, dass jener eine Gott zwei Götter sei, von denen der eine bei dem anderen gewesen wäre.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi — Auslegung von Joh 20,28 und Röm 9,5
An anderer Stelle präzisiert der Katechismus, warum Thomas über das bloße „Herr“ hinausging und auch „Gott“ sagte: nicht um eine zweite Gottheit zu bekennen, sondern um die außergewöhnliche, göttliche Art der Herrschaft des Auferweckten über sich anzuerkennen.
„… in welchem Sinne auch Thomas, wenn er jene Worte an Christus richtete, es nicht für ausreichend hielt, ihn seinen Herrn zu nennen, sondern ihn auch seinen Gott nannte, um nicht eine gewöhnliche, sondern eine göttliche Herrschaft desselben über sich anzuerkennen.“
Rakower Katechismus (1605), Von der Person Christi — Zu Apg 20,28 und dem Titel „Gott“
Damit ist die sozinianische Linie gezogen: „Gott“ ist hier Hoheitstitel der verliehenen Herrschaft, getragen von dem, den Gott auferweckt und eingesetzt hat. Das nimmt dem Bekenntnis des Thomas nichts an Ehrfurcht — es bewahrt nur das Eingott-Bekenntnis, das Christus selbst im gleichen Kapitel ausspricht, wenn er den Vater „meinen Gott“ nennt.
Buchübersicht zu den Schriften Sozzinis
Logische Argumente
Aus Johannes 20,28 und seinem Zusammenhang ergeben sich folgende Argumente gegen die Gottheits- und Zweinaturenlesart:
- Argument vom Eigenzeugnis Jesu im selben Kapitel. Elf Verse zuvor nennt der Auferstandene den Vater „meinen Gott und euren Gott“ (Joh 20,17). Wer einen Gott über sich hat, ist nicht selbst der eine Gott. Die nächstliegende Auslegung von V.28 darf V.17 nicht widersprechen.
- Argument vom erklärten Buchzweck. Johannes selbst zieht in 20,31 die Summe: „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes, ist“. Der Evangelist deutet die Thomas-Szene also auf Messianität und Gottessohnschaft, nicht auf Wesensgleichheit. Sein eigenes Fazit hat den Vorrang vor einer späteren Dogmenlesart.
- Argument vom verliehenen Gottestitel. „Gott“ bezeichnet in der Schrift auch Mose (Ex 7,1) und die Richter (Ps 82,6); Jesus beruft sich selbst auf diesen Sprachgebrauch (Joh 10,34-35). Der Titel kann mithin verliehene Vollmacht meinen. Da der Kontext die Auferweckung und Einsetzung Christi betrifft, ist genau dieser Sinn naheliegend.
- Argument von den Wundmalen. Thomas bekennt einen, dessen Nägelmale und durchstochene Seite er sieht. Verwundbarkeit, Tod und Erweckung sind Eigenschaften eines Menschen, nicht des einen, unsterblichen Gottes (1 Tim 6,16). Das Gesehene schließt die Identität mit dem höchsten Gott aus.
- Argument von der Auferweckung durch Gott. Das Neue Testament bezeugt durchgängig, dass Gott Christus auferweckt hat (Apg 2,24.32; Röm 10,9; Gal 1,1). Der von einem anderen Erweckte ist diesem untergeordnet. Thomas bekennt also den von Gott Erhöhten, nicht einen zweiten, der sich selbst erweckte.
- Argument vom Zwei-Götter-Widersinn. Hieße „mein Gott“ bei Thomas Wesensgottheit, während Christus zugleich einen Gott über sich hat (20,17), so gäbe es zwei Götter, „von denen der eine bei dem anderen gewesen wäre“. Das widerspricht dem Grundbekenntnis „der Herr ist einer“ (Dtn 6,4).
- Argument vom Schweigen über zwei Naturen. Im Text findet sich keine Spur einer Unterscheidung, Thomas rede die „göttliche Natur“ an und nicht die menschliche. Diese Auskunft muss von außen herangetragen werden. Eine Lehre, die der Text nicht selbst markiert, kann nicht aus ihm bewiesen werden.
- Argument vom paulinischen Sprachgebrauch. Paulus nennt Christus gewöhnlich „Herr“, den Vater „Gott“ (1 Kor 8,6); selbst „ein Gott und Vater aller“ (Eph 4,6) und „ein Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus“ (1 Tim 2,5) trennen die Begriffe. Ein einzelner, im überwältigten Ausruf gesprochener Gottestitel kann diese durchgehende Ordnung nicht umkehren.
Biblische Querverweise
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder erhellen die sozinianische Auslegung von Johannes 20,28:
Im selben Kapitel, elf Verse zuvor, nennt der Auferstandene den Vater „meinen Gott“ — auf einer Stufe mit dem Gott der Jünger. Christus hat selbst einen Gott. Damit ist der Rahmen gegeben, in dem „mein Gott“ (V.28) zu lesen ist. Johannes 20,17 ↑
„Ich habe dich zum Gott gesetzt für den Pharao.“ Der Titel „Gott“ bezeichnet die von Gott verliehene Vollmacht und Stellvertretung, nicht eine göttliche Natur. Genau dieser Sprachgebrauch trägt das Bekenntnis des Thomas.
„Ich habe gesagt: Ihr seid Götter.“ Jesus selbst beruft sich auf diese Stelle, um zu zeigen, dass der Titel „Gott“ denen gehören kann, „zu denen das Wort Gottes geschah“. Der Titel ist verleihbar — das entkräftet jeden Schluss von „Gott“ auf Wesensgottheit.
„Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.“ Die Herrschaft Christi ist ihm von Gott durch die Auferweckung verliehen. So ist auch der „Herr und Gott“ des Thomas der von Gott eingesetzte Herr. Apostelgeschichte 2,36 ↑
„Für uns gibt es einen Gott, den Vater … und einen Herrn, Jesus Christus.“ Paulus ordnet die Titel: der Vater ist der eine Gott, Christus der eine Herr. Diese Unterscheidung ist der feste Hintergrund, vor dem ein einzelner Gottestitel nicht zur Wesensgleichheit aufgeladen werden darf. 1. Korinther 8,6 ↑
Gott „allein hat Unsterblichkeit“. Wer starb und von Gott auferweckt wurde — wie der, dessen Wundmale Thomas sieht —, ist nicht dieser allein unsterbliche Gott. Das Gesehene grenzt das Bekenntnis ein. 1. Timotheus 6,16 ↑
Einwände und sozinianische Antworten
Einwand 1: „Thomas nennt Christus ohne Einschränkung ‚mein Gott‘ — das ist ein Gottheitsbekenntnis.“
Thomas spricht den Auferstandenen direkt an und nennt ihn „mein Herr und mein Gott“. Es steht keine Einschränkung dabei, kein „wie ein Gott“. Also bekennt er Christus als wahren Gott im vollen Sinn.
Auch Mose wird „Gott für Pharao“ (Ex 7,1) und die Richter werden „Götter“ (Ps 82,6) ohne ausdrückliche Einschränkung genannt — und doch denkt niemand, sie seien der höchste Gott. Das Fehlen einer Einschränkung beweist also nichts; entscheidend ist der Sprachgebrauch, in dem „Gott“ auch verliehene Vollmacht bezeichnen kann. Jesus selbst hat diesen Gebrauch ausdrücklich verteidigt (Joh 10,34-36).
Die „Einschränkung“ liefert der Kontext: was Thomas vor sich hat, ist ein Gekreuzigter mit Wundmalen, von Gott auferweckt. Das schließt von vornherein aus, dass er den einen, unsterblichen Gott meint, der niemals stirbt und von niemandem erweckt wird. Der Text setzt die Grenze, auch ohne ein einschränkendes Wort.
Schließlich würde ein uneingeschränktes Gottheitsbekenntnis in offenen Widerspruch zu 20,17 treten, wo derselbe Jesus den Vater „meinen Gott“ nennt. Die Schrift legt sich nicht selbst lahm: das Bekenntnis des Thomas ist im Licht des Eigenzeugnisses Jesu zu lesen, nicht gegen es. Damit bleibt die delegierte, hoheitliche Bedeutung von „Gott“ die einzig widerspruchsfreie.
Einwand 2: „Der Artikel vor theós zeigt, dass der eine, wahre Gott gemeint ist.“
Thomas sagt ho theós mou — „der Gott“ mit Artikel. Im johanneischen Sprachgebrauch bezeichnet der artikulierte theós den wahren Gott. Also bekennt Thomas Christus als den wahren Gott.
Der Artikel ist hier durch das possessive „mein“ und durch die Anredeform bedingt; im Griechischen steht bei der Anrede mit Possessivum regelmäßig der Artikel. Aus dieser grammatischen Notwendigkeit lässt sich keine Wesensaussage gewinnen. Die Form bezeugt eine feierliche Anrede, nicht eine Definition der Natur.
Zudem ist die Regel „artikulierter theós = der höchste Gott“ keine ausnahmslose. In Joh 10,34-35 zitiert Jesus das „ihr seid Götter“ zustimmend von Menschen; der Sprachgebrauch der Schrift kennt den Gottestitel für Verliehenes. Ein einzelnes grammatisches Merkmal kann diese breite Bezeugung nicht außer Kraft setzen.
Vor allem aber entscheidet auch hier der Sachzusammenhang über die Grammatik: derselbe Evangelist, der den Artikel setzt, lässt Christus elf Verse zuvor den Vater „meinen Gott“ nennen und fasst sein Buch in das Bekenntnis „Sohn Gottes“ (20,31). Die Grammatik ist im Rahmen dieser klaren Aussagen zu deuten, nicht gegen sie. So bleibt „mein Gott“ der hoheitliche Titel des von Gott eingesetzten Herrn.
Einwand 3: „Jesus weist den Ruf nicht zurück, sondern lobt den Glauben des Thomas.“
Hätte Thomas Christus zu Unrecht „Gott“ genannt, hätte Jesus widersprochen — wie er sonst falsche Ehrungen abwehrt. Stattdessen lobt er: „weil du mich gesehen hast, glaubst du“. Das billigt das Gottheitsbekenntnis.
Jesus billigt den Glauben des Thomas an den Auferstandenen, nicht eine bestimmte dogmatische Bestimmung seiner Natur. Sein Wort zielt ausdrücklich auf das Sehen und Glauben („selig, die nicht sehen und doch glauben“), nicht auf eine Aussage über zwei Naturen. Aus der Billigung des Glaubens folgt kein Gottheitsdogma.
Es gab für Jesus auch nichts zurückzuweisen, wenn „Gott“ im verliehenen, hoheitlichen Sinn gemeint ist. Christus selbst hat diesen Titelgebrauch verteidigt (Joh 10,34-36). Den auferweckten, von Gott eingesetzten Herrn „Gott“ zu nennen, ist nach Christi eigenem Maßstab kein Irrtum, sondern angemessen.
Dass Jesus an anderer Stelle Ehrungen, die nur Gott gebühren, gerade auf Gott zurücklenkt, zeigt überdies sein eigenes Verständnis: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein“ (Mk 10,18). Wer so spricht, deutet sich selbst nicht als den einen Gott. Die Thomas-Szene ist im Einklang damit zu lesen, nicht als Ausnahme.
Einwand 4: „Wenn ‚Gott‘ nur ein verliehener Titel ist, wird das Bekenntnis entwertet.“
Den auferstandenen Herrn „Gott“ zu nennen, ist der Höhepunkt des Johannesevangeliums. Macht man „Gott“ zum bloßen Hoheitstitel, raubt man dem Bekenntnis seine ganze Tiefe und Anbetung.
Die sozinianische Lesart entwertet das Bekenntnis nicht, sondern verortet seine Würde richtig: Thomas erkennt eine „göttliche Herrschaft“ über sich an, nicht eine gewöhnliche. Der auferweckte Christus trägt „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Mt 28,18) und das Gericht ist ihm übergeben (Joh 5,22). Das ist höchste, göttliche Würde — nur eben verliehene, nicht wesenhaft eigene.
Die wahre Tiefe des Bekenntnisses liegt darin, dass Thomas im Gekreuzigten und Auferweckten Gottes eigenes Heilshandeln erkennt: in Christus hat Gott selbst gehandelt, versöhnt und sich verherrlicht. Die Ehre, die Christus gebührt, geht an den, der ihn sandte und erhöhte; sie schmälert Gott nicht, sondern preist ihn (Phil 2,11: „zur Ehre Gottes, des Vaters“).
Umgekehrt zerstört die Gottheitslesart die Einheit Gottes, die der ganze biblische Glaube hütet (Dtn 6,4; 1 Kor 8,6). Ein Bekenntnis, das den einen Gott in zwei zerlegt, gewinnt keine Tiefe, sondern verliert das Fundament. Die hoheitliche Lesart bewahrt beides: die höchste Ehre Christi und den einen Gott, den Christus selbst „meinen Gott“ nennt.
Einwand 5: „Nur Gott darf angebetet werden; Thomas betet Christus an.“
Der Ruf des Thomas ist Anbetung, und Anbetung gebührt allein Gott. Wenn Christus angebetet werden darf, muss er Gott sein. Also belegt 20,28 die Gottheit Christi.
Die Schrift kennt eine Ehrerbietung gegenüber dem von Gott Eingesetzten, die diesem um Gottes willen gilt. „Alle sollen den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren“ (Joh 5,23) — und zwar deshalb, weil der Vater ihm das Gericht übergeben hat (5,22). Die Ehre des Sohnes ist begründet in der Sendung und Einsetzung durch den Vater; sie ist abgeleitete, nicht ursprüngliche Ehre.
Diese Ehre richtet sich am Ende auf den Vater: „dass alle Zungen bekennen, Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11). Die Verehrung Christi ist nicht ein zweiter Kult neben Gott, sondern die Anerkennung dessen, den Gott erhöht hat — und gerade so Verherrlichung des einen Gottes.
Im Übrigen muss „Anbetung“ hier nicht im strengen Sinn der allein Gott gebührenden Anbetung verstanden werden; das griechische Wort für huldigende Ehrerbietung wird in der Schrift auch Königen und Boten Gottes gegenüber gebraucht. Selbst wenn man im Ruf des Thomas höchste Verehrung sieht, folgt daraus nur die göttliche Würde des eingesetzten Herrn, nicht seine Wesensgottheit. Die eine, höchste Anbetung bleibt dem Vater, „dem allein weisen Gott“ (Röm 16,27).
Theologische Konsequenzen
Der eine, höchste, unsterbliche Gott ist der Vater — derselbe, den der Auferstandene „meinen Gott“ nennt (Joh 20,17). „Gott“ als Titel kann auch dem von ihm Eingesetzten gehören, ohne die Einheit Gottes anzutasten.
Christus ist der gekreuzigte und von Gott auferweckte Mensch, dem Gott göttliche Herrschaft, Gericht und alle Gewalt übertragen hat. Sein Gott-Titel ist verliehene Hoheit, nicht wesenhafte Gottheit; seine Wundmale bezeugen, dass er nicht der eine, unsterbliche Gott ist.
Ein im überwältigten Ausruf gesprochener Gottestitel ist von den klaren Lehraussagen her zu deuten — vom Eigenzeugnis Jesu (20,17), vom erklärten Buchzweck (20,31) und vom Sprachgebrauch der Schrift (Ex 7,1; Ps 82,6; Joh 10,34-35) —, nicht umgekehrt.
Verbundene Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Johannes 20,17 — „mein Gott und euer Gott“: der Auferstandene hat selbst einen Gott, im selben Kapitel.
- Markus 10,18 — „niemand ist gut als Gott allein“: Jesus lenkt höchste Ehre auf Gott zurück.
- Johannes 14,28 — „der Vater ist größer als ich“: der Vorrang des Vaters über den Sohn.
- Johannes 10,30 — „ich und der Vater sind eins“: Einheit des Willens und Werks, nicht des Wesens.
- 1. Korinther 8,6 — ein Gott (der Vater) und ein Herr (Christus): die Titelordnung des Paulus.
- 1. Timotheus 6,16 — Gott allein hat Unsterblichkeit: der Erweckte ist nicht dieser Gott.
- Apostelgeschichte 2,36 — „zum Herrn und Christus gemacht“: die verliehene Herrschaft.
- Johannes 17,3 — der Vater „der allein wahre Gott“, Jesus der Gesandte.
Zusammenfassung
Johannes 20,28 — „Mein Herr und mein Gott“ — ist die Anerkennung der von Gott verliehenen göttlichen Herrschaft des auferweckten Christus, nicht der Beweis einer zweiten göttlichen Person. „Gott“ trägt denselben Sinn wie bei Mose (Ex 7,1) und den Richtern Israels (Ps 82,6), auf den sich Jesus selbst beruft (Joh 10,34-35): den Titel der Vollmacht, nicht des Wesens. Was Thomas vor sich hat — Wundmale, einen von Gott Auferweckten —, schließt die Identität mit dem einen, unsterblichen Gott aus.
Der Rakower Katechismus (1605) behandelt das Wort in einer eigenen Antwort: Thomas nennt den, „an dessen Füßen und Händen er die Spuren der Nägel … wahrnahm“ und den er „von den Toten auferweckt sah“, seinen Herrn und Gott — „als wollte er sagen: den Herrn, der zu Recht auch mit dem Titel Gott zu benennen sei“, um „eine göttliche Herrschaft desselben über sich anzuerkennen“. Wundmale und Auferweckung aber sind „Eigenschaften eines Menschen, die dem, der jener eine Gott sei, zuzuschreiben allzu widersinnig wäre“.
Sozinianisch fügt sich der Vers in das durchgehende Eingott-Bekenntnis der Schrift. Thomas bekennt nicht einen zweiten, mit dem Vater wesensgleichen Gott, sondern den gekreuzigten und von Gott auferweckten Herrn Jesus, dem Gott göttliche Herrschaft übertragen hat — denselben Jesus, der elf Verse zuvor den Vater „meinen Gott“ nennt und dessen Geschichte der Evangelist niederschreibt, ‚damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes, ist‘ (Joh 20,31).
Johannes 20,17 — mein Gott und euer Gott
Markus 10,18 — niemand ist gut als Gott allein
Johannes 14,28 — der Vater ist größer als ich
1. Korinther 8,6 — ein Gott, ein Herr
1. Timotheus 6,16 — Gott allein hat Unsterblichkeit
Apostelgeschichte 2,36 — zum Herrn und Christus gemacht
