Apostelgeschichte 1,6-7 — Die letzte Frage der Jünger: das Reich, die Zeiten und die Macht des Vaters

TL;DR

Die letzte Frage, die die Jünger dem Auferstandenen stellen, gilt dem Reich: ob er es in dieser Zeit für Israel wieder aufrichte. Jesus weist die Frage nicht als Irrtum zurück — er weist einzig den Anspruch zurück, ihren Zeitpunkt zu kennen: „Zeit oder Stunde“ hat der Vater „seiner Macht vorbehalten“. In einem einzigen Satz steht damit beides: Das Reich kommt, und über sein Wann verfügt allein der Vater. Der Rakower Katechismus zieht daraus die sozinianische Folgerung: Christus hat sein Reich empfangen, nachdem Gott ihn auferweckt und zu seiner Rechten gesetzt hat — empfangen, nicht von jeher besessen. Und wer ein Reich empfängt, bestimmt nicht selbst die Zeiten des Gebers.

„Die aber, so zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: HERR, wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel? Er aber sprach zu ihnen: Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat.“

Apostelgeschichte 1,6-7

Kontext: die letzte Frage vor der Himmelfahrt

Die Szene steht an einer Nahtstelle. Lukas hat sein erstes Buch mit dem Segen des Auferstandenen und seiner Trennung von den Jüngern geschlossen; das zweite setzt genau dort wieder ein und erzählt breiter, was zwischen Ostern und Pfingsten geschah. Vierzig Tage lang, schreibt er, hat sich Jesus den Aposteln „lebendig erzeigt durch mancherlei Erweisungen“ und ihnen „vom Reich Gottes“ geredet (1,3). Erst danach fällt der Satz, um den es hier geht.

Das ist für die Auslegung entscheidend: Die Frage der Jünger ist keine Entgleisung am Rande, sondern die Frage, die sich aus dem Unterricht ergibt, den sie soeben empfangen haben. Wer vierzig Tage lang vom Reich Gottes belehrt worden ist und den Belehrenden dann fragt, ob das Reich nun komme, hat nicht das Thema verfehlt. Er hat das Thema aufgenommen und will wissen, wie es weitergeht.

Der Wortlaut ihrer Frage stammt aus der Prophetie. „Wieder aufrichten“ ist die Sprache Jesajas, Jeremias, Hesekiels und Amos’: von der Sammlung der Zerstreuten, der Aufrichtung der zerfallenen Hütte Davids, der Erneuerung des Volkes unter einem Hirten. Dieselbe Erwartung hatten die Emmausjünger im Rücken, als sie sagten: „Wir aber hofften, er sollte Israel erlösen“ (Lukas 24,21); und schon auf dem Weg nach Jerusalem hatte Lukas vermerkt, sie hätten gemeint, „das Reich Gottes sollte alsbald offenbart werden“ (19,11).

Die Antwort Jesu besteht aus zwei Teilen, und beide sind zu beachten. Der erste weist etwas ab: nicht das Reich, nicht seine Wiederaufrichtung, nicht Israel — sondern das Wissen um „Zeit oder Stunde“. Der zweite gibt einen Auftrag: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein“ (1,8). Der Auftrag tritt nicht an die Stelle der Hoffnung; er füllt die Frist, deren Länge niemand kennt.

Und die Szene endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit einer Bekräftigung. Kaum ist Jesus aufgenommen, treten zwei Männer in weißen Kleidern zu den Aufblickenden und sagen: „Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren“ (1,11). Wer meint, die Frage der Jünger sei als solche zurückgewiesen worden, muss erklären, warum die Erzählung unmittelbar darauf eine Wiederkunft ankündigt.


Sozinianische Kernthese

Der Vers ist, sozinianisch gelesen, vor allem eine Auskunft über Zuständigkeiten. Drei Größen kommen in zwei Sätzen vor — das Reich, die Zeiten, die Macht —, und jede wird jemandem zugeordnet. Das Reich wird aufgerichtet; die Zeiten sind bestimmt; die Macht, über sie zu verfügen, liegt beim Vater. Der Sohn, der gefragt wird, antwortet nicht als der, der über die Zeiten gebietet, sondern als der, der sie beim Vater weiß.

Daraus folgt die erste These. Das Reich Christi ist ein empfangenes Reich. Der Rakower Katechismus setzt seinen Abschnitt über das königliche Amt genau dort an, wo auch Lukas ansetzt: bei der Auferweckung und der Aufnahme in den Himmel. Christus regiert, weil Gott ihn erhöht und ihm alle Macht gegeben hat — nicht, weil ihm eine Herrschaft von jeher eigen wäre, die er nur wieder in Anspruch nähme. Eben deshalb kann er auf die Frage nach den Zeiten so antworten, wie er antwortet: Der Geber der Herrschaft ist auch der Herr ihrer Fristen.

Die zweite These betrifft die abgewiesene Seite. Jesus sagt nicht: „Ihr irrt euch im Gegenstand“, sondern: „Es gebührt euch nicht, zu wissen“. Die Grenze verläuft nicht zwischen einer falschen und einer richtigen Hoffnung, sondern zwischen dem, was offenbart ist, und dem, was der Vater bei sich behalten hat. Die traditionelle Auslegung, die aus dem Satz eine Korrektur der jüdischen Reichserwartung macht, legt ihm mehr auf, als er trägt — und übersieht, dass Lukas dieselben Jünger wenige Verse später mit einer Wiederkunftsverheißung zurücklässt.

Die dritte These hält die beiden Seiten des Reichsbegriffs zusammen, und hier ist Fausto Sozzini genauer als die meisten. In seiner Auslegung des Vaterunsers versteht er die Bitte „Dein Reich komme“ nicht als Wunsch nach einem bloß äußeren Ereignis, sondern zuerst als Bitte darum, dass Gott in den Herzen regiere; ohne diese innere Aufnahme, sagt er, könne von einem Regieren Gottes im eigentlichen Sinn gar nicht die Rede sein. Zugleich löst er das Reich nirgends in bloße Innerlichkeit auf: Er redet vom Reich als von etwas, das kommt, gesendet wird, sich ausbreitet. Apostelgeschichte 1,6-7 sagt beides in einer Bewegung: Das Reich ist wirklich und kommt wirklich — und seine Stunde gehört dem Vater.

Die vierte These ergibt sich von selbst und ist die für die Trinitätsfrage folgenreichste. Ein Wissen, das der Vater „seiner Macht vorbehalten“ hat, ist ein Wissen, das ein anderer nicht hat. Der Auferstandene, der bereits verherrlicht vor seinen Jüngern steht, verweist auf eine Vollmacht, die nicht seine ist. Wer hier zwei Naturen einzieht, von denen die eine weiß, was die andere nicht weiß, muss diese Unterscheidung in den Text tragen; der Text selbst unterscheidet nicht Naturen, sondern Personen: den Vater, der vorbehält, und den Sohn, der es sagt.

Kernaussage

Das Reich kommt, aber es ist nicht das Reich dessen, der gefragt wird: Christus regiert, weil es ihm gegeben ist — und die Zeiten bleiben bei dem, der gibt.

Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld

Fünf Ausdrücke tragen die Auslegung: das Verb des Wiederaufrichtens, die Wendung „das Reich für Israel“, das Wortpaar für die Zeiten, der Begriff der Vollmacht und schließlich die Kraft, die den Zeugen verheißen wird. Jeder von ihnen lässt sich anderswo im lukanischen Doppelwerk überprüfen — und die Prüfung fällt bemerkenswert einhellig aus.

ἀποκαθιστάνεις — „wieder aufrichten“

Das Verb bedeutet, etwas in seinen früheren, rechten Zustand zurückversetzen. Die Evangelien gebrauchen es für die geheilte Hand, die „wieder zurechtgebracht“ wird (Markus 3,5), und für das Kommen des Elia, der „alles zurechtbringen“ soll (Markus 9,12). Es ist also kein Wort für einen politischen Umsturz, sondern für die Wiederherstellung dessen, was beschädigt oder unterbrochen war.

Entscheidend ist, dass Lukas dasselbe Wortfeld kurz darauf selbst gebraucht — und zwar zustimmend. Petrus predigt in Salomos Halle von den „Zeiten der Erquickung“ und davon, dass der Himmel Christus aufnehmen müsse „bis auf die Zeit, da herwiedergebracht werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von der Welt an“ (Apostelgeschichte 3,20-21). Das Substantiv dort — ἀποκατάστασις — ist dasselbe Wort wie das Verb hier. Was die Jünger in 1,6 erfragen, verkündigt Petrus in 3,21 als kommende Sache. Hätte Jesus die Erwartung selbst verworfen, hätte Lukas es zwei Kapitel später unbemerkt zurückgenommen.

τὴν βασιλείαν τῷ Ἰσραήλ — „das Reich für Israel“

Der griechische Ausdruck steht im Dativ: das Reich für Israel, nicht „das Reich Israels“ im Sinne eines Besitzes. Gefragt wird also nicht, ob Israel künftig ein Reich haben werde wie andere Völker, sondern ob das Reich — jenes Reich, von dem vierzig Tage lang die Rede war — nun Israel zugute komme. Das ist eine Frage nach der Reihenfolge und nach den Empfängern, nicht nach der Verfassung eines Staates.

Der Fortgang der Erzählung bestätigt es. Petrus redet am Pfingsttag zum „ganzen Haus Israel“ (2,36) und wenig später von der Verheißung, die „euch und euren Kindern“ gilt (2,39); erst in Kapitel 10 tritt der erste Heide hinzu. Die Bewegung von Jerusalem über Judäa und Samarien „bis an das Ende der Erde“ (1,8) ist die Antwort auf die Frage, die die Jünger gestellt haben — sie nennt nicht die Stunde, aber sie nennt den Weg.

χρόνους ἢ καιρούς — „Zeit oder Stunde“

Zwei Wörter, die nicht dasselbe meinen. Chrónos ist die Dauer, die messbare Frist; kairós der bestimmte, geeignete Zeitpunkt. Zusammen decken sie beide Weisen ab, nach dem Wann zu fragen: „wie lange noch?“ und „wann genau?“. Jesus schließt nicht eine der beiden Weisen aus, sondern beide; das Paar ist eine bewusste Vollständigkeitsformel.

Paulus gebraucht genau dieselbe Doppelung in derselben Sache: „Von den Zeiten aber und Stunden, liebe Brüder, ist nicht not, euch zu schreiben“ (1. Thessalonicher 5,1). Auch dort folgt kein Verzicht auf die Erwartung, sondern eine Ermahnung zur Wachsamkeit. Die apostolische Gemeinde hat aus dem Wort Jesu also keine Enthaltsamkeit gegenüber der Hoffnung gelernt, sondern gegenüber dem Terminkalender.

ἐν τῇ ἰδίᾳ ἐξουσίᾳ — „welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat“

Hier liegt das Gewicht des ganzen Verses. Exousía heißt nicht Kraftvermögen, sondern Vollmacht, Verfügungsrecht, Zuständigkeit — dasselbe Wort, mit dem Matthäus den Erhöhten sagen lässt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (28,18). Und das Wörtchen ídios — „eigen“ — grenzt ausdrücklich ab: Es ist die Zuständigkeit des Vaters und nicht die eines anderen.

Damit ist mehr gesagt als eine Auskunft über Wissen. Der Satz erklärt nicht, dass die Jünger zu schwach seien, es zu fassen, sondern dass die Sache in einem fremden Kompetenzbereich liegt. Fausto Sozzini bringt eben diesen Gedanken zur Sprache, wenn er die Schlussformel des Vaterunsers auslegt: Dass „Gottes das Reich“ sei, heißt für ihn, dass er „das Recht und die rechtmäßige Herrschaft über alle Dinge“ hat. Wer das Recht über alle Dinge hat, hat auch das Recht über deren Zeiten.

Und es ist bezeichnend, wer hier spricht. Nicht der Leidende vor Gethsemane, sondern der bereits Auferstandene, wenige Sätze vor seiner Aufnahme in den Himmel. Wäre die Grenze des Wissens eine Sache des irdischen Standes gewesen, so wäre sie hier gefallen. Sie fällt nicht.

δύναμιν … μάρτυρες — „Kraft“ und „Zeugen“

Was den Jüngern anstelle des Termins gegeben wird, ist nicht Trost, sondern Ausrüstung: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen… und werdet meine Zeugen sein“ (1,8). Dýnamis ist das Vermögen zu wirken, mártyres sind die, die für eine Sache einstehen, bis hin zum Einstehen mit dem Leben. Die abgewiesene Frage wird also nicht mit einer Belehrung beantwortet, sondern mit einem Amt.

Das entspricht genau der Weise, in der Sozzini die zweite Vaterunser-Bitte auslegt: Wo Gott regiert, ist immer auch ein Tun der Menschen im Spiel; das Reich wird erbeten und zugleich aufgenommen. „Ihr werdet meine Zeugen sein“ ist die apostelgeschichtliche Gestalt derselben Einsicht — die Zwischenzeit ist keine Wartezeit, sondern die Zeit, in der das Reich unter den Menschen Aufnahme findet.


Vergleich der Auslegungen

Traditionell-orthodox. Die Frage der Jünger ist von einer jüdisch-nationalen Reichshoffnung geprägt und wird von Jesus stillschweigend korrigiert: An die Stelle eines irdischen Reiches tritt die geistliche Herrschaft in der Kirche. Das Nichtwissen um Zeit und Stunde betrifft Christus nach seiner menschlichen Natur; nach seiner göttlichen Natur weiß er als der allwissende Sohn um alle Zeiten und ist mit dem Vater eines Wesens.
Sozinianisch. Jesus verwirft nicht den Gegenstand der Frage, sondern nur den Anspruch auf ihren Termin; die Wiederherstellung bleibt bestehen, wie Petrus wenig später ausdrücklich bezeugt. Das Reich ist Christus gegeben worden, nachdem Gott ihn auferweckt und zu seiner Rechten gesetzt hat; die Verfügung über die Zeiten liegt in der eigenen Vollmacht des Vaters. Der Satz unterscheidet nicht Naturen in einer Person, sondern den Vater vom Sohn.

Der Rakower Katechismus zum königlichen Amt Christi

Der Katechismus behandelt die Herrschaft Christi nicht unter den Aussagen über sein Wesen, sondern unter seinen Ämtern — und er beginnt die Antwort auf die Frage nach der Beschaffenheit dieses Reiches mit einem Datum, nicht mit einer Ewigkeitsaussage:

„Diese, dass Gott ihn, nachdem er von den Toten auferweckt und in die Himmel aufgenommen worden war, zu seiner Rechten gesetzt und ihm alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben hat, damit er seine Gläubigen auf das freieste regieren, beschützen und auf ewig bewahren könne.“

Rakower Katechismus, „Das königliche Amt Christi“

Man beachte die Zeitfolge, denn sie ist die Auslegung unserer Stelle. Auferweckung, Aufnahme, Einsetzung zur Rechten, Übergabe der Macht — in dieser Reihe steht die Frage der Jünger genau zwischen dem zweiten und dem dritten Glied. Sie fragen den, der schon auferweckt ist und im Begriff steht, aufgenommen zu werden, nach dem Reich; und er antwortet ihnen als einer, dem gegeben wird, nicht als einer, der von jeher verfügt. Die Antwort ist damit nicht ausweichend, sondern präzise: Nicht bei ihm liegen die Zeiten.

Dass Lukas dieselbe Zeitfolge im Sinn hat, zeigt der Katechismus an einer anderen Stelle, an der er auf die vierzig Tage selbst zu sprechen kommt. Auf die Frage, warum Christus in eben dem Leib auferweckt worden sei, in dem er gekreuzigt wurde, lautet die Antwort:

„Um seine Apostel und Jünger seiner Auferstehung gewiss zu machen; dies war auch der Grund, warum er vierzig Tage lang wiederholt mit ihnen verkehrte und über das Reich Gottes sprach, nachdem er von den Toten auferweckt worden war.“

Rakower Katechismus, „Der Auferstehungsleib Christi“

Der Satz nimmt Apostelgeschichte 1,3 auf und bestimmt zugleich das Verhältnis der beiden Themen: Der Unterricht vom Reich gehört zur Beglaubigung der Auferstehung. Die Jünger sollen nicht nur wissen, dass er lebt, sondern wozu er lebt. Ihre Frage in Vers 6 ist darum, sozinianisch gelesen, das Ergebnis eines gelungenen Unterrichts — und nicht das Fortleben eines Missverständnisses, das vierzig Tage lang niemand berichtigt hätte.

Worin diese Herrschaft dann besteht, entfaltet der Katechismus in der Auslegung des Sitzens zur Rechten. Auch dort steht kein Wort von einem angestammten Recht, sondern durchweg die Sprache der Erhöhung:

„Das Sitzen Christi zur Rechten Gottes bedeutet, wie der Apostel bezeugt, seine Erhöhung (Epheser 1,21), durch die er weit über alle Herrschaft und Macht und Gewalt und jeden Namen, der genannt wird, nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen, erhoben worden ist.“

Rakower Katechismus, „Christi Herrschaft zur Rechten Gottes“

Hier ist die Reichweite dieser Herrschaft so hoch angesetzt, wie sie überhaupt angesetzt werden kann: über alles, was genannt wird, in dieser Welt und in der künftigen. Umso schwerer wiegt, dass derselbe Katechismus sie ausnahmslos als gegebene beschreibt. Genau in diesem Gefälle liegt der Sinn von Apostelgeschichte 1,7 — die höchste Vollmacht im Himmel und auf Erden schließt nicht ein, über die Fristen dessen zu verfügen, der sie verliehen hat.


Sozzini über die Bitte „Dein Reich komme“

Wer sagt, das Reich komme noch, muss sagen können, was daran jetzt schon da ist. Fausto Sozzini beantwortet diese Frage in seiner Auslegung der Bergpredigt bei der zweiten Bitte des Vaterunsers — und er tut es, indem er zwei Bedeutungen des Namens „Reich Gottes“ unterscheidet: die Offenbarung des göttlichen Willens und dessen Annahme, und das Regieren Gottes in den Herzen. Zwischen beiden besteht ein Gefälle:

„Aus eben dieser Art des Regierens Gottes folgt aber das, was wir an dieser Stelle vorzüglich verstehen, nämlich dass Gott in unseren Herzen selbst regiere; und wenn dies nicht folgt, kann wohl nicht im eigentlichen Sinne gesagt werden, dass Gott regiert.“

Fausto Sozzini, Auslegung der Bergpredigt, „Die zweite Bitte: Das Kommen des Reiches Gottes“

Der Satz ist genauer, als er beim ersten Lesen klingt. Sozzini leugnet nicht, dass das Reich auch eine äußere Seite hat — Verkündigung, Bestätigung durch die Gaben des Geistes, sichtbare Ausbreitung. Er sagt nur: Wo diese äußere Seite nicht in einem Gehorsam der Herzen ankommt, ist von einem Regieren im eigentlichen Sinne noch nicht die Rede. Das ist die genaue Entsprechung zu Apostelgeschichte 1,8: Zwischen der abgewiesenen Terminfrage und dem verheißenen Kommen steht ein Zeugendienst, durch den das Reich Menschen erreicht.

Der zweite Punkt betrifft die Frage, wem das Reich gehört. In der Auslegung der Schlussformel des Vaterunsers erklärt Sozzini, warum wir überhaupt so Großes erbitten dürfen — und die Begründung liegt im Eigentumsverhältnis:

„Und zunächst wird als Grund angeführt, dass Gottes das Reich sei, das heißt, er hat das Recht und die rechtmäßige Herrschaft über alle Dinge; sodann, dass sein die Kraft sei, das heißt, nichts ist so schwierig, dass er es nicht bewirken könnte.“

Fausto Sozzini, Auslegung der Bergpredigt, „Die Schlussformel des Gebets: Reich, Kraft und Herrlichkeit“

Recht und Kraft — genau die beiden Größen, die Jesus in Apostelgeschichte 1,7-8 verteilt. Das Recht über die Zeiten behält der Vater in seiner eigenen Vollmacht; die Kraft gibt er, und zwar den Zeugen, durch den Heiligen Geist. Was Sozzini an der Doxologie des Vaterunsers zeigt, steht bei Lukas als Handlung: Der Vater ist der, dem das Reich gehört, und darum ist er auch der, bei dem seine Stunde liegt.

Damit ist auch gesagt, was die sozinianische Lehre an dieser Stelle nicht behauptet. Sie schmälert die Herrschaft Christi nicht — der Rakower Katechismus setzt sie über jeden Namen, der genannt wird, in dieser und in der künftigen Welt. Sie bestimmt nur ihren Ursprung: Sie ist verliehen, und das Verleihen hat einen Zeitpunkt und einen Urheber. Wer Apostelgeschichte 1,7 so liest, muss nichts wegerklären; er muss nur bei der Person bleiben, die der Satz nennt.


Logische Argumente

Die folgenden Erwägungen sind nach Gewicht geordnet: Sie beginnen beim unmittelbaren Wortlaut und enden bei den Folgen für die Lehre im Ganzen.

  1. Zurückgewiesen wird das Wissen, nicht die Sache. „Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde“ — der Satz nennt ausdrücklich einen Gegenstand des Nichtwissens, und dieser Gegenstand ist der Termin. Von einer falschen Erwartung ist mit keinem Wort die Rede. Wer aus einer Auskunft über Zeiten eine Korrektur des Inhalts macht, ersetzt den Satz durch einen anderen.
  2. Die Frage folgt auf vierzig Tage Unterricht vom Reich Gottes. Lukas selbst sagt in 1,3, worüber in dieser Zeit geredet wurde. Eine Frage, die nach solchem Unterricht gestellt wird, als bloßes Missverständnis abzutun, unterstellt dem Lehrenden, er habe vierzig Tage lang das Thema verfehlt.
  3. Petrus greift den Gedanken wenig später zustimmend auf. In 3,21 redet er von der Zeit, „da herwiedergebracht werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten“ — dasselbe Wortfeld, das die Jünger in 1,6 gebrauchen. Hätte Jesus die Erwartung verworfen, hätte sein erster Zeuge sie zwei Kapitel später öffentlich wiederhergestellt.
  4. Die Erzählung endet mit einer Wiederkunftsverheißung. Unmittelbar nach der Aufnahme sagen die beiden Männer in weißen Kleidern, dieser Jesus werde wiederkommen, wie er hingefahren sei (1,11). Die Szene schließt also nicht mit der Auflösung einer Hoffnung, sondern mit ihrer Bekräftigung — nur ohne Datum.
  5. Anstelle des Termins tritt ein Auftrag, keine Belehrung. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen… und werdet meine Zeugen sein“ (1,8). Wäre die Frage im Gegenstand falsch gewesen, hätte die Antwort den Gegenstand berichtigen müssen. Sie richtet stattdessen die Zwischenzeit ein.
  6. Die Vollmacht wird ausdrücklich dem Vater zugeschrieben. „Welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat“ — ἐν τῇ ἰδίᾳ ἐξουσίᾳ, in seiner eigenen Zuständigkeit. Das Wörtchen „eigen“ grenzt ab; es hat nur dann Sinn, wenn es einen gibt, dem diese Zuständigkeit nicht zukommt.
  7. Es spricht der bereits Auferstandene. Die Auskunft ergeht nicht im Stand der Erniedrigung, sondern nach Ostern, wenige Augenblicke vor der Himmelfahrt. Eine Wissensschranke, die man dem irdischen Leben zuschreiben wollte, müsste hier längst gefallen sein.
  8. Die Herrschaft Christi wird in derselben Erzählung als gegebene beschrieben. Petrus fasst am Pfingsttag zusammen: „Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht“ (2,36); Matthäus lässt den Erhöhten sagen, ihm sei alle Gewalt gegeben (28,18). Empfangene Macht und vorbehaltene Zeiten passen zusammen; angestammte Allmacht und vorbehaltene Zeiten nicht.
  9. Die Zwei-Naturen-Auskunft löst das Problem nicht, sondern verlagert es. Wenn eine Person nach der einen Natur weiß, was sie nach der anderen nicht weiß, dann weiß sie es — und der Satz „es gebührt euch nicht zu wissen, denn der Vater hat es sich vorbehalten“ verliert seinen Grund. Der Text unterscheidet nicht Naturen, sondern nennt zwei Personen und ordnet die Verfügung einer von ihnen zu.
  10. Der Befund fügt sich in das lukanische Gesamtbild. Bei Lukas betet Jesus zum Vater, empfängt den Geist, wird von Gott erhöht, wird zum Richter eingesetzt. Apostelgeschichte 1,7 ist kein Einzelfall, den man erklären müsste, sondern ein Glied in einer durchgehenden Redeweise.
  11. Die Konsequenz für die Frömmigkeit ist eine nüchterne. Wer weiß, dass die Stunde beim Vater liegt, hat weder Anlass zur Terminrechnung noch zur Resignation. Er hat einen Dienst, eine Kraft und eine Verheißung — und das ist genau die Ausstattung, mit der die Apostelgeschichte ihre Erzählung beginnt.

Biblische Querverweise

Diese Stellen vertiefen die Auslegung im Lichte der gesamtbiblischen Bezeugung:

Markus 13,32

„Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ Der Satz sagt vor Ostern, was Apostelgeschichte 1,7 nach Ostern sagt; die Grenze ist dieselbe, und sie wird durch die Auferstehung nicht aufgehoben. Vgl. den Eintrag zu Markus 13:32.

Apostelgeschichte 3,20-21

„…auf dass da komme die Zeit der Erquickung von dem Angesichte des HERRN, wenn er senden wird den, der euch jetzt zuvor gepredigt wird, Jesus Christus, welchen der Himmel aufnehmen muss bis auf die Zeit, da herwiedergebracht werde alles.“ Petrus gebraucht dasselbe Wortfeld wie die Jünger in 1,6 und stellt die Wiederherstellung als Verheißung dar — der stärkste Beleg dafür, dass Jesus die Sache nicht verworfen hat.

Apostelgeschichte 2,36

„So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christus gemacht hat.“ Die Herrschaft ist gemacht, nicht angestammt; und angeredet ist dasselbe Israel, nach dem in 1,6 gefragt wurde. Vgl. den Eintrag zu Apostelgeschichte 2:36.

Lukas 19,11

„…weil er nahe bei Jerusalem war und sie meinten, das Reich Gottes sollte alsbald offenbart werden.“ Lukas kennt die Ungeduld seiner Leser und markiert sie ausdrücklich als Zeitfrage — nicht als Sachirrtum. Das Gleichnis, das folgt, handelt vom Fernsein des Herrn und von der Verantwortung der Knechte in der Zwischenzeit.

Lukas 22,29-30

„Und ich will euch das Reich bescheiden, wie mir’s mein Vater beschieden hat, dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tische in meinem Reich.“ Das Reich wird in einer Kette weitergegeben: vom Vater an den Sohn, vom Sohn an die Seinen. Wer an einem solchen Reich Anteil erhält, verfügt nicht über seine Zeiten.

1. Korinther 15,24-28

„Danach das Ende, wenn er das Reich Gott und dem Vater überantworten wird… auf dass Gott sei alles in allem.“ Die Herrschaft Christi hat einen Anfang und ein Ziel; sie mündet in die Übergabe. Das ist die dogmatische Langfassung dessen, was in Apostelgeschichte 1,7 in einem Nebensatz steht. Vgl. die Einträge zu 1. Korinther 15:24 und 1. Korinther 15:28.

Daniel 7,13-14

„…und er wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Gewalt, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker… dienen sollten.“ Die Herrschaft des Menschensohnes wird verliehen, und zwar von dem, der auf dem Thron sitzt. Die Reichsvorstellung, aus der die Jünger fragen, ist von Anfang an die einer übertragenen, nicht einer eigenen Macht.

Daniel 2,44

„Aber zur Zeit solcher Königreiche wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird.“ Aufrichten wird es Gott — das Verb hat denselben Träger wie die Vollmacht in Apostelgeschichte 1,7. Vgl. den Eintrag zu Daniel 2:44.

1. Thessalonicher 5,1-2

„Von den Zeiten aber und Stunden, liebe Brüder, ist nicht not, euch zu schreiben; denn ihr selbst wisset gewiss, dass der Tag des HERRN wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.“ Paulus gebraucht dasselbe Wortpaar und zieht dieselbe Folgerung: keine Berechnung, aber auch kein Zweifel am Kommen.

Offenbarung 11,15

„Es sind die Reiche der Welt unseres HERRN und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Die Vollendung wird als Ereignis angesagt, das eintritt — und die Reihenfolge „unseres Herrn und seines Christus“ hält die Ordnung fest, die auch unser Vers voraussetzt. Vgl. den Eintrag zu Offenbarung 11:15.


Einwände und sozinianische Antworten

1. „Jesus korrigiert die Frage — die Jünger dachten politisch“

Traditioneller Einwand

Die Frage nach der Wiederaufrichtung des Reiches für Israel ist die letzte Regung einer nationalen Messiaserwartung, die Jesus während seines ganzen Wirkens abgewehrt hat. Seine Antwort weist sie zurück, indem sie das Thema wechselt: An die Stelle eines Reiches für Israel tritt der weltweite Zeugendienst. Das Reich ist fortan die Kirche.

Der Einwand hätte Gewicht, wenn die Antwort eine Korrektur enthielte. Sie enthält keine. „Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit oder Stunde“ ist eine Aussage über den Zugang zu einer Auskunft, nicht über die Richtigkeit einer Erwartung. Hätte Jesus die Sache verwerfen wollen, so stand ihm die einfachste aller Formulierungen zur Verfügung: dass es ein solches Reich nicht geben werde. Er sagt das Gegenteil — er verweist auf einen Zeitplan, den ein anderer verwaltet.

Auch der Themenwechsel findet nicht statt. Vers 8 nennt die Reihenfolge „zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“ — sie beginnt bei Israel und weitet sich aus. Das ist keine Ersetzung, sondern eine Ausdehnung; und genau so verläuft die Erzählung der Apostelgeschichte, die mit der Predigt an das „ganze Haus Israel“ einsetzt und erst in Kapitel 10 die Schwelle zu den Heiden überschreitet.

Entscheidend ist der Fortgang bei Lukas selbst. Wenige Wochen später sagt Petrus im Tempel, der Himmel müsse Christus aufnehmen „bis auf die Zeit, da herwiedergebracht werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten“ (3,21). Er gebraucht dabei dasselbe Wortfeld wie die Jünger in 1,6 — und er gebraucht es als Verkündigung, nicht als Zugeständnis an eine Schwäche. Ein Apostel, der die Erwartung soeben abgewiesen bekommen hätte, predigt sie nicht zwei Kapitel später öffentlich.

Was die sozinianische Auslegung ablehnt, ist deshalb nicht die Warnung vor politischer Schwärmerei, sondern die Behauptung, unser Vers enthalte sie. Die Verheißung bleibt, was sie ist; nur ihr Datum ist entzogen. Das ist eine bescheidenere Auslegung, aber es ist die, die im Text steht.

2. „Das Reich ist innerlich — Lukas 17,21 hat es längst entschieden“

Traditioneller Einwand

Jesus hatte schon vorher gesagt, das Reich Gottes komme nicht „mit äußerlichen Gebärden“, es sei vielmehr „inwendig in euch“ (Lukas 17,20-21). Damit ist die Frage nach einer sichtbaren Wiederherstellung im Grunde erledigt; wer sie in Apostelgeschichte 1,6 noch stellt, hat die frühere Belehrung nicht verstanden.

Die sozinianische Auslegung nimmt Lukas 17 ernst — und zwar so ernst, dass sie ihn nicht gegen den Rest des Doppelwerks ausspielt. Fausto Sozzini bestimmt in seiner Auslegung der zweiten Vaterunser-Bitte genau diesen inneren Sinn als das Eigentliche: Wo Gott nicht in den Herzen regiert, kann von einem Regieren im eigentlichen Sinne nicht die Rede sein. Insofern ist der Einwand nicht falsch, sondern unvollständig.

Denn derselbe Lukas lässt in demselben Kapitel unmittelbar auf die Aussage vom inwendigen Reich die Rede von den Tagen des Menschensohnes folgen, die kommen werden „wie der Blitz, der oben vom Himmel blitzt und leuchtet über alles, was unter dem Himmel ist“ (17,24). Inwendigkeit und Sichtbarkeit stehen bei ihm in einem Satzzusammenhang, nicht in einem Gegensatz. Wer die eine Aussage zur Auflösung der anderen macht, muss die Fortsetzung überschlagen.

Auch das Vaterunser selbst spricht dagegen. „Dein Reich komme“ ist eine Bitte um etwas, das noch aussteht; und die dritte Bitte lautet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“. Sozzini folgert daraus ausdrücklich, dass in diesen Bitten etwas enthalten ist, das ohne unser Tun nicht besteht — aber eben auch etwas, das erbeten und also erwartet wird. Ein Reich, das ausschließlich innerlich und ausschließlich schon da wäre, könnte man weder erbitten noch erwarten.

Die Frage der Jünger ist deshalb kein Rückfall hinter Lukas 17, sondern dessen andere Hälfte. Sie fragen nach dem, was noch nicht da ist. Und die Antwort bestätigt, dass es noch nicht da ist — sonst wäre die Auskunft über Zeit und Stunde gegenstandslos.

3. „Christus hat alle Gewalt — also verfügt er auch über die Zeiten“

Traditioneller Einwand

Der Erhöhte sagt bei Matthäus: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (28,18). Wer alle Gewalt hat, kann nicht zugleich von einer Vollmacht ausgeschlossen sein, die der Vater sich vorbehält. Also muss Apostelgeschichte 1,7 anders gemeint sein, als es klingt — etwa als pädagogische Zurückweisung neugieriger Fragen.

Der Einwand übersieht das entscheidende Wort in seinem eigenen Beleg: „ist gegeben“. Eine gegebene Gewalt ist eine begrenzte Gewalt, und zwar nicht in ihrem Umfang, sondern in ihrem Ursprung. Paulus zieht diese Grenze mit aller Deutlichkeit, wenn er zu 1. Korinther 15,27 anmerkt: „Wenn er aber sagt, dass es alles untertan sei, ist’s offenbar, dass ausgenommen ist, der ihm alles untertan hat.“ Die Ausnahme steht im Text, nicht in der Auslegung.

Ebenso spricht der Rakower Katechismus. Er setzt die Herrschaft Christi so hoch an, wie sie sich überhaupt ansetzen lässt — „weit über alle Herrschaft und Macht und Gewalt und jeden Namen, der genannt wird, nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen“ —, und er beschreibt sie im selben Atemzug als das, was Gott ihm nach der Auferweckung gegeben hat. Höchste Vollmacht und empfangene Vollmacht schließen einander nicht aus; sie fallen hier zusammen.

Damit ist auch die pädagogische Auskunft entbehrlich. Jesus begründet sein Nein nicht mit der Neugier der Fragenden, sondern mit einer Zuständigkeit: „welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat“. Wäre nur die Haltung der Jünger gemeint, müsste die Begründung bei ihnen liegen. Sie liegt beim Vater.

Und schließlich läuft der Einwand auf eine Aussage hinaus, die niemand vertreten will: dass die Vollmacht des Erhöhten die des Vaters vollständig einschlösse. Dann wäre die Übergabe des Reiches am Ende (1. Korinther 15,24) ein leerer Vorgang und das „auf dass Gott sei alles in allem“ eine Formel ohne Inhalt. Die sozinianische Lesart nimmt beide Sätze wörtlich und braucht keinen davon zu entschärfen.

4. „Das Nichtwissen betrifft nur die menschliche Natur“

Traditioneller Einwand

Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Als Mensch weiß er nicht, was er als Gott weiß; die Schranke betrifft die angenommene Natur, nicht die göttliche Person. So hat es die Kirche schon zu Markus 13,32 gelehrt, und so ist auch Apostelgeschichte 1,7 zu verstehen.

Zunächst ist zu würdigen, was diese Auskunft leisten soll: Sie will die Einheit der Person wahren und zugleich die Aussage der Schrift stehen lassen. Das ist ein ernsthaftes Anliegen. Nur trifft sie an unserer Stelle den Wortlaut nicht — und zwar aus drei Gründen, die zusammengenommen schwer wiegen.

Der erste ist der Zeitpunkt. Bei Markus 13 spricht der irdische Jesus vor seinem Leiden; hier spricht der Auferstandene, unmittelbar vor seiner Aufnahme in den Himmel. Wenn die Schranke am Stand der Erniedrigung hinge, wäre sie nach Ostern hinfällig. Sie ist es nicht: Der bereits Verherrlichte gibt dieselbe Auskunft, die er vor seinem Tod gegeben hat.

Der zweite ist die Begründung. Der Satz sagt nicht: „Ihr könnt es nicht fassen“ und auch nicht: „Ich weiß es nach meiner Menschheit nicht“, sondern: der Vater hat es „seiner Macht vorbehalten“. Das griechische ἐξουσία bezeichnet nicht ein Erkenntnisvermögen, sondern eine Verfügungsgewalt. Es geht nicht darum, wer etwas fassen kann, sondern darum, wem etwas zusteht. Eine Zuständigkeit aber lässt sich nicht auf eine Natur verteilen; sie liegt bei einer Person.

Der dritte ist die Logik der Auskunft selbst. Wenn dieselbe Person nach der einen Natur weiß, was sie nach der anderen nicht weiß, dann weiß sie es — denn es ist eine Person, die weiß, nicht eine Natur. Der Satz „der Vater hat es sich vorbehalten“ verlöre damit seinen Sinn, weil nichts vorbehalten wäre. Die sozinianische Auslegung braucht diese Konstruktion nicht: Sie liest den Vers so, wie er dasteht, als Aussage über zwei Personen — den Vater, der verfügt, und den Sohn, der es weitergibt.

Und sie tut das nicht, um Christus zu schmälern. Derselbe Katechismus, der ihm die Zeiten nicht zuschreibt, schreibt ihm die Herrschaft über Lebende und Tote, über Engel, über Tod und Hölle zu. Die Frage ist nicht, wie groß seine Macht ist, sondern woher sie kommt.

5. „Ohne Datum wird die Hoffnung inhaltslos“

Traditioneller Einwand

Eine Verheißung, deren Zeitpunkt grundsätzlich unbekannt ist, verliert ihre Kraft. Entweder man sagt, das Reich sei in der Kirche bereits gekommen — dann hat man etwas in der Hand —, oder man verschiebt es in eine unbestimmte Zukunft und behält am Ende nur eine Redeweise übrig.

Der Einwand nimmt an, Gewissheit hänge an Terminen. Die Apostelgeschichte nimmt das Gegenteil an. Sie erzählt von Menschen, die kein Datum bekommen haben und darum nicht weniger, sondern mehr getan haben: Sie predigen, sie ziehen von Jerusalem bis nach Rom, sie stehen vor Gerichten, und keiner von ihnen begründet sein Ausharren mit einer Frist. Was ihnen zugesagt wurde, war nicht ein Zeitpunkt, sondern eine Kraft — „ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“.

Sodann ist die Hoffnung keineswegs unbestimmt. Sie hat einen Gegenstand: die Wiederherstellung aller Dinge, von der die Propheten geredet haben; sie hat einen Träger: den, der aufgenommen wurde und ebenso wiederkommen wird; und sie hat einen Bürgen: den Vater, dem das Recht und die Herrschaft über alle Dinge zusteht. Sozzinis Begründung, warum wir überhaupt Großes erbitten dürfen, greift genau hier — weil Gottes das Reich ist und sein die Kraft, ist nichts so schwierig, dass er es nicht bewirken könnte.

Auch die Alternative, das Reich einfach für gekommen zu erklären, löst das Problem nicht, sondern schafft ein größeres. Sie muss die Gegenwart mit dem verwechseln, was die Schrift von der Vollendung sagt: kein Tod mehr, kein Geschrei, keine Träne. Wer das an der Kirche seiner Zeit ablesen will, muss entweder die Verheißung kleiner machen oder die Wirklichkeit schönreden. Die sozinianische Lesart erspart sich beides.

Schließlich hat das Nichtwissen selbst eine geistliche Gestalt, und sie ist nicht bloß Verzicht. Wer die Stunde kennte, könnte sie abwarten; wer sie nicht kennt, muss wachsam sein. Genau so zieht Paulus die Folgerung aus demselben Wortpaar: Weil der Tag kommt wie ein Dieb in der Nacht, „lasst uns wachen und nüchtern sein“ (1. Thessalonicher 5,6). Die entzogene Auskunft ist die Bedingung einer Haltung, nicht ihr Hindernis.


Verwandte Verse

Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:


Zusammenfassung

Apostelgeschichte 1,6-7 ist die letzte Szene vor der Himmelfahrt und zugleich die knappste Auskunft des Neuen Testaments über die Ordnung des Reiches. Die Jünger fragen, was nach vierzig Tagen Unterricht vom Reich Gottes zu fragen war: ob es nun für Israel aufgerichtet werde. Jesus nimmt ihnen nicht den Gegenstand, sondern den Termin. Was er abweist, ist genau benannt — „Zeit oder Stunde“ —, und wem es zusteht, ist ebenso genau benannt: dem Vater, in seiner eigenen Vollmacht.

Der Rakower Katechismus liest die Szene, wie Lukas sie erzählt: als Übergang. Christus regiert, weil Gott ihn „nachdem er von den Toten auferweckt und in die Himmel aufgenommen worden war, zu seiner Rechten gesetzt und ihm alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben hat“. Diese Herrschaft ist umfassend — über Menschen und Engel, über Tod und Hölle, über diese Welt und die künftige — und sie ist durchweg empfangen. Wer ein Reich empfängt, verfügt nicht über die Fristen dessen, der es gibt; darum ist die Antwort in Vers 7 keine Ausflucht, sondern eine Ortsangabe.

Die Gegenprobe liefert Lukas selbst. Zwei Kapitel später predigt Petrus von der Zeit, „da herwiedergebracht werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund aller seiner heiligen Propheten“ — mit demselben Wort, das die Jünger in ihrer Frage gebrauchten. Die Erwartung ist also nicht widerrufen worden; sie ist bestätigt und ihres Kalenders entkleidet. Und das Engelwort nach der Aufnahme sagt es noch einmal in einem Satz: Er wird kommen, wie ihr ihn habt hinfahren sehen.

Was bleibt, ist nicht weniger, sondern anders verteilt. Fausto Sozzini hat in der Auslegung des Vaterunsers beides festgehalten: dass Gott dort im eigentlichen Sinne regiert, wo er „in unseren Herzen selbst regiere“, und dass wir Großes erbitten dürfen, weil „Gottes das Reich sei, das heißt, er hat das Recht und die rechtmäßige Herrschaft über alle Dinge“. Genau diese beiden Sätze stehen in Apostelgeschichte 1 nebeneinander: der Zeugendienst, durch den das Reich Menschen erreicht, und die Vollmacht des Vaters, bei der seine Stunde liegt. Wer beides zusammenhält, braucht weder ein Datum noch eine Vertröstung — er hat einen Auftrag und eine Verheißung.


← Alle Bibelverse