Matthäus 6:33
„Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefuegt werden“ (Mt 6,33) ist der ethische Spitzensatz der Bergpredigt über das Sorgen. Sozinianisch gelesen ist Reich Gottes keine metaphysische Substanz und keine kirchliche Anstalt, sondern Gottes wirksame Herrschaft in den Herzen derer, die sich seinem Willen unterstellen — und Gerechtigkeit ist die gelebte Praxis dieses Gehorsams, nicht eine forensisch zugerechnete fremde Qualität. Das „zuerst“ (gr. prôton) ist nicht zeitlich, sondern rangordnend: alle anderen Lebensgüter werden dem einen Ziel untergeordnet, das nur Gottes Wille selbst ist.
„Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefuegt werden.“
Matthäus 6,33
Kontext
Matthäus 6,25-34 ist ein in sich geschlossenes Logion der Bergpredigt über das Sorgen (gr. merimnan). Jesus stellt das ängstliche Versorgungsdenken der Völker (V.32) der Vertrauenslogik der Jünger gegenüber. V.33 ist die positive Spitze: nicht Verneinung der Bedürfnisse, sondern Umordnung der Prioritäten. Das „zuerst“ trennt Wesentliches und Hinzukommendes, ohne das Hinzukommende geringzuachten.
Im Aufbau des Matthäus-Evangeliums folgt der Vers unmittelbar auf das Vaterunser (6,9-13) und die Lehre vom irdischen und himmlischen Schatz (6,19-24). Die zweite Bitte „Dein Reich komme“ (V.10) und der ethische Schluss V.33 bilden eine Klammer: die Reichsbitte des Beters wird zur Lebensregel des Handelnden. Der Beter und der Trachtende sind dieselbe Person; das Gebet der Lippen und das Trachten des Herzens dürfen nicht auseinanderfallen.
Im weiteren Matthäus-Kontext schlägt der Vers eine Linie von 5,6 („Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“) über 5,20 („eure Gerechtigkeit muss reichlicher sein als die der Schriftgelehrten und Pharisäer“) bis zu 23,23 (das Wichtigste am Gesetz: krisis, eleos, pistis). „Gerechtigkeit“ ist bei Matthäus durchgängig ethisch-praktisch und nie ein bloss forensischer Begriff einer fremden Zurechnung.
Das „hinzugefügt“ (gr. prostethêsetai) ist Passivum divinum: Gott selbst ist Subjekt der Zuteilung. Damit ist der Vers kein Wohlstandsversprechen, sondern eine Vertrauenszusage in die Vorsehung. Wer in seinem Herzen das Reich an die erste Stelle setzt, dem nimmt Gott die Angstmacht der zweiten Stelle: er muss nicht aus Gier oder Furcht handeln, weil sein Leben in einer höheren Ordnung steht.
Sozinianische Kernthese
Sozinianisch ist basileía tou theou — das Reich Gottes — vorrangig Gottes wirksame Herrschaft, nicht ein metaphysisches Objekt oder eine kirchliche Hierarchie. Sozzini selbst expliziert dies bei der zweiten Vaterunser-Bitte: die häufigere Bedeutung des Namens „Reich Gottes“ sei „die Offenbarung des göttlichen Willens und dessen Annahme oder Anerkennung“, woraus folge, „dass Gott in unseren Herzen selbst regiere; und wenn dies nicht folgt, kann wohl nicht im eigentlichen Sinne gesagt werden, dass Gott regiert.“ Trachten nach dem Reich Gottes ist also Trachten nach diesem regnenden Gott im eigenen Herzen.
Das Possessivpronomen autou „seine Gerechtigkeit“ verweist zurück auf Gott, nicht auf den Menschen. Gerechtigkeit hat keinen anderen Massstab als Gottes Willen. Sozinianisch ist sie weder eine pharisäische Werkgerechtigkeit noch eine forensische Imputation einer fremden Qualität, sondern die treue Aufnahme und das Tun dessen, was Gott durch Christus geboten hat. Wer sie sucht, sucht das Gefüge, in dem Wahrheit, Barmherzigkeit und Treue zusammengehören (Mt 23,23).
Das „zuerst“ (prôton) ist ein rangordnender, nicht ein chronologischer Adverb. Es trennt nicht zwei Zeitabschnitte, sondern zwei Ebenen des Lebens. Das „alles übrige“ (Speise, Trank, Kleidung) ist nicht abgeschafft, sondern eingeordnet. Sozinianisch ist diese Einordnung der Vernunft gemäss: ungeordnete Begierde macht unglücklich, geordnetes Trachten setzt frei. Der Vers ist eine vernünftige Lebensregel, nicht eine asketische Weltflucht.
Reich Gottes und Gerechtigkeit Gottes sind keine zwei Gegenstände des Suchens, sondern zwei Seiten desselben Suchens. Wer Gottes Herrschaft sucht, sucht zugleich, dass Gottes Wille geschehe; das aber ist Gerechtigkeit. Sozinianisch ist der Glaube ohne ein solches Tätigsein leer (Jak 2,17); und Ethik ohne Gott ist orientierungslos. Mt 6,33 verknüpft beides untrennbar — und macht dies zum Test der Echtheit des Glaubens.
Reich Gottes ist Gottes Regieren in den Herzen derer, die ihm gehorchen; seine Gerechtigkeit ist die gelebte Praxis dieses Gehorsams. „Zuerst“ ordnet die anderen Güter unter, ohne sie zu verneinen. Wer so trachtet, ist von der Sorgenlogik des Heidnischen befreit und lebt im Vertrauen auf den Vater, der von allem weiss, was wir bedürfen (V.32).
Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld
Vier Schlüsselbegriffe entscheiden die Auslegung von Mt 6,33:
zêteîte — „trachtet“, „sucht“
Das griechische Verb zêteo bezeichnet ein anhaltendes, aktives Suchen — nicht ein punktuelles Begehren. Der Imperativ Präsens (zêteîte) markiert eine Daueraufgabe: nicht einmal entscheiden, sondern bestaendig richten. Die deutsche Übersetzung „trachtet“ (Luther) fängt dies präzise ein: ein Trachten ist eine Lebenshaltung, kein Akt.
Im Kontext der Bergpredigt steht zêteo dem „Sorgen“ (merimnan) der Völker in V.32 gegenüber. Das eine ist gerichtetes Streben mit klarer Priorität; das andere ist haltloses Hin- und Hergeworfensein. Sozinianisch markiert der Vers damit den Unterschied zwischen einem geordneten und einem ungeordneten Leben. Die Vernunft selbst legt nahe, dass nur das erstere zur Seligkeit führen kann.
basileía tou theou — das Reich Gottes
Sozzini diskutiert basileía tou theou ausführlich an der zweiten Vaterunser-Bitte. Er unterscheidet zwei Bedeutungen: erstens das äussere Reich als Offenbarung und Verkündigung des göttlichen Willens, zweitens das innere Reich als Wohnen Gottes in den Herzen, sodass „Gott in ihnen regiert und unsere Herzen ihm völlig unterworfen, ihm gewidmet und geweiht sind“. Beide Bedeutungen gehören zusammen: das äussere Reich ist Mittel, das innere ist Ziel.
Damit verschwindet jede platonisierende oder kirchen-institutionelle Verengung. Sozinianisch ist das Reich kein himmlisches Substanzbereich und keine sichtbare Anstalt mit Sakramentsmonopol, sondern Gottes Herrschaft, die ihn als Herrn anerkennt und ihm gehorcht. Vgl. den weiterführenden Eintrag zu Lukas 17,20-21: das Reich ist entós hymôn, mitten unter uns oder in uns.
Röm 14,17 bestätigt Sozzinis Lesart von innen her: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“ Das ist exakt das Gegenüber zu Mt 6,31-33: nicht die äusseren Lebensgüter, sondern die inneren Wirklichkeiten machen das Reich Gottes aus.
dikaiosynê autou — „seine Gerechtigkeit“
Das Possessivpronomen autou verweist zurück auf Gott (theou). Die Gerechtigkeit, von der hier die Rede ist, ist nicht eine menschliche Leistung, sondern Gottes Wille als Massstab. Sie ist aber auch keine forensische Imputation, sondern die Beschaffenheit, in welcher Gottes Regiment im Herzen Frucht trägt: Wahrheit, Barmherzigkeit, Treue.
In Matthäus ist dikaiosynê durchgängig ethisch: Mt 5,6 (Hunger und Durst), 5,10 (Verfolgung), 5,20 (grösser als die der Pharisäer), 6,1 (Gerechtigkeit als Almosen/Gebet/Fasten), 21,32 (Weg der Gerechtigkeit). Eine forensisch-paulinische Engführung sprengt den matthäischen Sprachgebrauch. Sozinianisch ist die Gerechtigkeit, die Jesus meint, die in Mt 23,23 namentlich genannte: krisis, eleos, pistis.
prôton — „zuerst“
Prôton bezeichnet hier eine Rangstellung, nicht eine Zeitfolge. Der Vers verlangt nicht, vor dem Frühstück zu beten und nach dem Mittagessen für das Reich zu sorgen; er verlangt, dass das Reich die erste, ordnende Priorität ist. Alle anderen Lebensvollzüge werden in dieser Ordnung gestellt und gewinnen darin ihren angemessenen Platz.
Sozinianisch ist diese rangordnende Priorität nicht eine asketische Negation, sondern eine vernünftige Reform des Begehrens. Wer das „Erste“ hat, kann das „Übrige“ nach seinem rechten Mass nehmen. Wer das „Erste“ nicht hat, wird vom „Übrigen“ getrieben und nie satt. Es ist die Ordnung selbst, die befreit.
Vergleich der Auslegungen
Bezug auf Fausto Sozzini
Sozzini behandelt Mt 6,33 nicht als isolierten Lehrsatz, sondern entfaltet sein Verständnis vom Reich Gottes ausführlich bei der Auslegung der zweiten Vaterunser-Bitte (Mt 6,10) sowie im Rakower Katechismus im Abschnitt über das königliche Amt Christi. Das „Trachten nach dem Reich“ ist für ihn unmittelbar die Praxis dessen, was im Vaterunser erbeten wird. Daraus ergibt sich seine berühmte Doppelbestimmung: das äussere Reich ist Verkündigung und Annahme des göttlichen Willens, das innere Reich ist Gottes Regieren in unseren Herzen.
Die häufigere Bedeutung des Namens „Reich Gottes“, besonders in der Weise gebraucht, wie wir gesagt haben, scheint die zu sein, dass sie die Offenbarung des göttlichen Willens und dessen Annahme oder Anerkennung bezeichnet. … Aus eben dieser Art des Regierens Gottes folgt aber das, was wir an dieser Stelle vorzüglich verstehen, nämlich dass Gott in unseren Herzen selbst regiere; und wenn dies nicht folgt, kann wohl nicht im eigentlichen Sinne gesagt werden, dass Gott regiert.
Fausto Sozzini, Auslegung der Bergpredigt, Abschnitt „Die zweite Bitte: Das Kommen des Reiches Gottes“ (zu Mt 6,10)
Sozzinis Definition trifft den Kern von Mt 6,33: wer nach dem Reich Gottes trachtet, trachtet nicht nach einem fernen Objekt, sondern nach Gottes wirksamem Regieren im eigenen Inneren. Damit wird der Vers entmetaphysiert und zugleich vertieft: das „Suchen“ ist ein Sich-unterstellen, ein Heimholen des eigenen Herzens unter die Herrschaft des einen Gottes. Die Bitte des Vaterunsers und die Lebensregel der Bergpredigt sind so zwei Akte desselben Glaubens.
Den Zusammenhang von Trachten und gelebtem Gehorsam fasst Sozzini im selben Kontext (dritte Bitte: „Dein Wille geschehe“) zusammen, indem er den Vorrang einer aktivischen Auslegung herausarbeitet:
Der Beter ist nicht passiv: er bittet Gott um die Kraft, das Erbetene auch selbst zu tun. Trachten nach dem Reich ist demnach kein quietistisches Warten, sondern ein bittendes Tätigsein.„Es erscheint uns durchaus besser, bei diesen drei Bitten jene Auslegung anzunehmen, aus der sich Gottes Beistand ergibt, damit die drei Dinge, die erbeten werden, von uns getan werden können: sodass er uns darreiche, wie wir seinen Namen würdig feiern und verherrlichen können; und dass wir gänzlich wirken können, um Gott selbst Raum und Stellung in unseren Herzen zu geben.“
Fausto Sozzini, Auslegung der Bergpredigt, § zur dritten Bitte des Vaterunsers (zu Mt 6,10)
Den ethischen Gegensatz, den Mt 6,33 mit dem „Sorgen“ aufmacht, formuliert auch der Rakower Katechismus mit nüchterner Schärfe als Ausrichtung des Gemüts gegen die Welt-Güter:
Die drei genannten Triebe sind exakt die Hintergrundkräfte des heidnischen „Sorgens“ in Mt 6,31-32; der Vers 33 ist deren positive Gegenbewegung.„Dass wir unser Gemüt nicht auf dieses gegenwärtige Zeitalter und die Güter, die in ihm zu finden sind, richten sollen — nämlich so, dass wir sie über die Notwendigkeit hinaus erstreben und geniessen. … Ihre Sitten aber sind: die Begierde des Fleisches …, die Begierde der Augen … und vor allem die Habgier, die Gold und Reichtümer zusammenscharrt …, schliesslich der Hochmut des Lebens.“
Rakower Katechismus, § zur Ausrichtung des Gemüts gegen die Welt-Güter (Auslegung des ersten Gebots)
Schliesslich verbindet der Rakower Katechismus das Trachten nach dem Reich mit der königlichen Vollmacht Christi: Gott hat ihn, „nachdem er von den Toten auferweckt und in die Himmel aufgenommen worden war, zu seiner Rechten gesetzt und ihm alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben …, damit er seine Gläubigen auf das freieste regieren, beschützen und auf ewig bewahren könne“ (Rakower Katechismus, Abschnitt „Das königliche Amt Christi“). Wer nach dem Reich Gottes trachtet, stellt sich unter dieses faktische Regiment Christi: er anerkennt den auferweckten Herrn als bevollmächtigten Stellvertreter des Vaters und macht sein Leben zur freiwilligen Untertanenschaft.
Buchübersicht zu den Schriften Sozzinis
Logische Argumente
Aus Mt 6,33 und seinem matthäischen Kontext ergeben sich folgende Argumente für die sozinianische Lesart:
- Argument von der inneren Definition des Reiches. Sozzinis exegetische Grundthese — das Reich Gottes als Gottes Regieren in den Herzen — wird durch Röm 14,17 direkt gestützt: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“ Genau dieser Gegensatz strukturiert auch Mt 6,25-34. Das Reich ist eine innere Wirklichkeit; das „Trachten“ richtet sich auf sie, nicht auf äussere Versorgung.
- Argument vom matthäischen Sprachgebrauch der Gerechtigkeit. Dikaiosynê in Matthäus ist nirgendwo forensisch-imputativ verwendet, sondern durchgängig ethisch-praktisch (5,6.10.20; 6,1; 21,32). Eine paulinisch-protestantische Engführung in 6,33 sprengt den eigenen Sprachhorizont des Evangelisten. Sozinianisch ist die Gerechtigkeit zu suchen das Bestreben, so zu leben, wie Gottes Wille es zeigt.
- Argument vom Rangadverb prôton. Das „zuerst“ ist im Kontext eine Prioritätsmarke, kein Zeitadverb. Es verlangt nicht den Verzicht auf das Übrige, sondern dessen Einordnung. Das ist eine vernünftige Lebensregel: ungeordnete Güter zerstören das Leben; geordnete bilden seinen Reichtum. Der Vers ist daher ethisch nicht radikal-asketisch, sondern radikal-vernünftig.
- Argument vom Passivum divinum. „Wird euch hinzugefügt“ (prostethêsetai hymîn) hat Gott zum impliziten Subjekt. Damit ist V.33b kein automatischer Versorgungsmechanismus, sondern eine Vertrauenszusage in die Vorsehung des Vaters (V.32: „euer himmlischer Vater weiss, dass ihr dies alles bedürft“). Sozinianisch beseitigt das jede Wohlstandsdeutung: Gott sorgt, aber er garantiert nicht Reichtum, sondern Genug.
- Argument vom Zusammenhang mit dem Vaterunser. V.10 bittet „dein Reich komme“, V.33 verlangt „trachtet zuerst nach dem Reich“. Wer das eine bittet, ohne das andere zu tun, ist innerlich gespalten. Sozzini formuliert genau diese Spannung in seiner Auslegung der drei ersten Bitten: nichts ist erbeten, was nicht zugleich von uns aufgenommen und getätigt werden müsste. Glauben ohne Trachten ist tot.
- Argument von der monotheistischen Mitte. Es ist das Reich Gottes, nicht das Reich Christi, das hier zuerst zu suchen ist. Mt 6,33 bestätigt den biblischen Monotheismus: Christus selbst lehrt, dass Gott (der Vater) der eine, oberste Bezugspunkt ist (vgl. Mt 23,9; Mk 12,29). Vgl. die zugehörigen Verse Markus 12,29 und Johannes 17,3.
- Argument vom königlichen Amt Christi. Der Rakower Katechismus verbindet Reich Gottes und Reich Christi: Christus regiert als bevollmächtigter Stellvertreter des Vaters und wird das Reich am Ende dem Vater übergeben (1 Kor 15,24-28). Wer nach dem Reich Gottes trachtet, anerkennt damit das gegenwärtige Regiment Christi, ohne ihn zum gleichrangigen Mitgott zu machen. Vgl. 1. Korinther 15,24.
Biblische Querverweise
Folgende Stellen sind für das richtige Verständnis von Mt 6,33 essentiell:
Matthäus 6,10 — „Dein Reich komme“
Die zweite Bitte des Vaterunsers und Mt 6,33 sind systematisch verknüpft: das Erbetene ist das zu Suchende. Sozzini behandelt beides in einem Atemzug. Wer das eine spricht, muss das andere tun. Die Reichsbitte ohne Reichssuche ist Lippenwerk; die Reichssuche ohne Reichsbitte ist Eigenwerk. Vgl. Matthäus 6,10.
Römer 14,17 — „nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“
Paulus zieht die Linie aus Mt 6,33 explizit: das Reich Gottes ist eine geistliche Wirklichkeit, nicht eine Versorgungsfrage. Beide Texte teilen denselben Gegensatz: äussere Lebensgüter versus innere Gerechtigkeit. Sozzini zitiert Röm 14,17 ausdrücklich als Schlüsselbeleg seiner Reichsdefinition.
Lukas 17,20-21 — „das Reich Gottes ist mitten unter euch“
Die innere Lokalisierung des Reiches (entós hymôn) deckt sich mit Sozzinis Definition: Gottes Regieren in den Herzen. Wer es draussen sucht (Zeichen, Ort, Zeitpunkt), verfehlt es. Vgl. Lukas 17,20-21.
Markus 1,15 — „das Reich Gottes ist nahe gekommen“
Die programmatische Eingangsproklamation Jesu kennt zwei Antworten: metanoeîte (kehrt um) und pisteúete (glaubt). Mt 6,33 entfaltet beides ethisch: das umgekehrte Leben trachtet zuerst nach dem Reich; der gewendete Glaube ist gelebter Gehorsam. Vgl. Markus 1,15.
Matthäus 23,23 — „das Wichtigere am Gesetz: Recht, Barmherzigkeit und Treue“
Wenn Mt 6,33 nach „Gerechtigkeit“ trachten heisst, dann konkretisiert Mt 23,23 deren Inhalt: krisis, eleos, pistis. Sozinianisch ist genau das Gerechtigkeit Gottes — keine forensisch zugerechnete fremde Qualität, sondern eine ethische Lebensgestalt.
Jakobus 2,15-17 — toter Glaube ohne Werke
Jakobus formuliert die ethische Konsequenz von Mt 6,33 explizit: ein Glaube, der nicht tätig wird, ist tot. Sozinianisch deckt sich das mit Sozzinis Auslegung: die drei Vaterunser-Bitten sind kein passives Erwarten, sondern ein bittend-tätiges Mitwirken am Reich.
1. Timotheus 6,6-10 — „Genügsamkeit ist ein grosser Gewinn“
Die Mahnung gegen Geldgier und für autarkeia ist die paulinisch-pastorale Anwendung von Mt 6,33. Wer das Reich an die erste Stelle setzt, dem wird das Hinzukommende in seinem Mass genügen. Das ist exakt der Rakower Befund über das „Gemüt nicht auf dieses Zeitalter richten“.
1. Korinther 15,24-28 — das Reich wird zuletzt dem Vater übergeben
Die heilsgeschichtliche Endordnung bestätigt das „zuerst“ in Mt 6,33 monotheistisch: Reich Gottes meint zuletzt Gottes ungeteilte Herrschaft („damit Gott alles in allem sei“). Christus regiert als Stellvertreter, nicht als Mitherrscher. Vgl. 1. Korinther 15,24.
Einwände und sozinianische Antworten
Einwand 1: „Das ist im modernen Berufsalltag unrealistisch.“
Wer Familie, Beruf und Verantwortung trägt, kann sich nicht zuerst um Gottes Reich kümmern. Der Vers passt vielleicht für Wandercharismatiker des ersten Jahrhunderts, aber nicht für das heutige Leben.
Der Einwand übersieht, dass „zuerst“ eine Rangordnung ist, nicht eine zeitliche Ausschliesslichkeit. Es geht nicht darum, Beruf und Familie zu vernachlässigen, sondern darum, in beiden nach Gottes Willen zu handeln. Beruf wird zur Berufung, wenn er unter dem Reich steht; Familie wird zur Hausgemeinde, wenn sie das Reich sucht. Die Bergpredigt ist kein Programm für Eremiten, sondern für Menschen mitten in der Welt (Mt 5,13-16: Salz und Licht).
Zudem zeigt die Erfahrung: gerade die Vermischung von Wesentlichem und Unwesentlichem macht den Alltag schwer. Wer keinen Massstab hat, an dem er messen kann, was wirklich wichtig ist, treibt von Sorge zu Sorge. Mt 6,33 gibt diesen Massstab. Es ist nicht unrealistisch, ihn anzuwenden — es ist unrealistisch, ohne ihn zu leben.
Sozzini selbst betont gegen die monastische Engführung, dass das Reich Gottes Gottes Regieren in den Herzen sei. Diese Herzensbestimmung ist nicht an äussere Lebensformen gebunden. Der Handwerker, die Mutter, der Beamte können in ihrem Tätigsein nach dem Reich trachten, wenn sie es im Geist tun, der Gottes Wille kennt und ihn liebt.
Einwand 2: „Gerechtigkeit“ meint die forensisch zugerechnete iustitia aliena Christi.
Reformatorisch ist dikaiosynê theou die Gerechtigkeit, die Gott dem Glaubenden zurechnet; sie ist nicht ein Tun, sondern ein Empfangen. Damit ist Mt 6,33 kein ethisches Gebot, sondern eine Glaubensaufforderung.
Die forensische Lesart hat ihr Recht bei Paulus (Röm 3-4) — aber nicht bei Matthäus. Der matthäische Sprachgebrauch von dikaiosynê ist durchgängig ethisch (5,6.10.20; 6,1; 21,32; 23,23). Eine paulinische Begriffsbestimmung in Mt 6,33 einzutragen, ist anachronistisch und sprengt den Sprachhorizont des Evangelisten.
Auch der unmittelbare Kontext widerspricht der forensischen Deutung. Mt 6,1 beginnt das Kapitel mit den Worten: „Habt acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden.“ Es folgen Almosen, Gebet, Fasten — gelebte Praxis. Wenn V.33 in dieselbe Reihe gehört — und es gehört —, dann ist die Gerechtigkeit, die zu suchen ist, dieselbe gelebte Praxis.
Sozzini selbst zeigt im Rakower Katechismus, dass die Schrift „Gerechtigkeit Gottes“ vorrangig dort verwendet, wo Gott vergibt und nicht straft (1 Joh 1,9; Röm 3,25-26). Das ist Bundestreue, nicht Strafbilanz. Die Gerechtigkeit, die wir suchen sollen, ist die entsprechende Bundestreue von unserer Seite: Wahrheit, Barmherzigkeit, Treue (Mt 23,23). Vgl. Römer 3,25-26.
Einwand 3: „Die Verheissung des V.33b ist eine billige Wohlstandstheologie.“
Wenn ich zuerst nach Gottes Reich trachte, wird mir alles andere hinzugefügt — klingt das nicht wie ein Tauschgeschäft? Glaube als Mittel zur materiellen Versorgung?
Die Wohlstandsdeutung scheitert am Kontext. V.32 sagt unmittelbar zuvor: „Nach all dem trachten die Heiden.“ Wer V.33 als Wohlstandsverspechen liest, lässt Jesus genau das tun, was er den Heiden gerade vorwirft — nur mit frommer Verpackung. Das ist textlich unhaltbar.
„Wird hinzugefügt“ ist ein Passivum divinum: Gott ist das stille Subjekt der Zuteilung. Er weiss, was wir bedürfen (V.32), und er gibt es nach seinem Mass. Das ist nicht Reichtumsverheissung, sondern Vorsehungszusage. Sozzini sagt es klar: Gott will, dass wir bittend für unsere Bedürfnisse sorgen und uns zugleich daran erinnern, dass nicht unsere Kunst, sondern Gottes Güte uns am Leben erhält.
Praktisch wirkt der Vers genau umgekehrt zur Wohlstandstheologie: er macht frei von Sorge und Gier, weil er die existentielle Last vom Versorgungsfeld auf Gott verlagert. Wer auf Gott vertraut, muss nicht mehr alles selbst sichern; wer sich aufs Reich richtet, kann das Übrige loslassen. Das ist Befreiung, nicht Belohnungsmechanik.
Einwand 4: „Das Reich Gottes ist eine apokalyptische Grösse der Zukunft — es lässt sich gar nicht jetzt suchen.“
Im Sinne von Albert Schweitzers konsequenter Eschatologie ist das Reich Gottes ein futurisches Geschehen, das durch Gottes Einbruch kommt. „Suchen“ wäre hier eigentlich Erwarten und Aushalten, nicht ethisches Trachten.
Mt 6,33 verlangt aktives Trachten, nicht passives Erwarten. Der Imperativ Präsens zêteîte kann sprachlich keine reine Erwartung bezeichnen, sondern fordert ein anhaltendes Suchen. Das passt zur matthäischen Reichstheologie insgesamt: das Reich ist zugleich nahe gekommen (3,2; 4,17) und kommt noch (6,10) — es hat eine Gegenwartsgestalt, in die hinein man jetzt schon eintreten muss.
Sozzinis Doppelbestimmung (das äussere Reich der Verkündigung und das innere Reich der Herzensherrschaft) löst die Spannung systematisch: das Reich ist als Verkündigung schon da, als vollendete Herrschaft kommt es noch. Wer es im Herzen anerkennt, ist mit beiden Aspekten in Beziehung.
Die konsequente Eschatologie Schweitzers verkennt zudem die ethische Mitte der Bergpredigt. Die Seligpreisungen (Mt 5,3-12) verheissen das Reich denen, die schon jetzt die Reichshaltung leben — den Armen im Geist, den Barmherzigen, den Friedfertigen. Reichssuche und Reichsannahme sind kein Verfehlen der Eschatologie, sondern ihr Vollzug.
Theologische Konsequenzen
Verbundene Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Matthäus 6:10 — Die zweite Vaterunser-Bitte und Mt 6,33 sind systematisch verknüpft: erbeten und gelebt gehören zusammen.
- Markus 1:15 — Programm der Reichsverkündigung: metanoia und Glaube — ethisch entfaltet in Mt 6,33.
- Lukas 17:20-21 — Innere Lokalisierung des Reiches (entós hymôn) — deckt sich mit Sozzinis Herzensbestimmung.
- 1. Korinther 15:24 — Heilsgeschichtliche Endordnung: das Reich wird zuletzt dem Vater übergeben — monotheistische Klammer.
- Markus 12:29 — Der eine Herr unseres Trachtens: Mt 6,33 ist gelebtes Schma Israel.
- Johannes 17:3 — Ewiges Leben ist Erkenntnis des einen wahren Gottes — sachgleich mit dem Trachten nach seinem Reich.
Zusammenfassung
Matthäus 6,33 ist die ethische Spitze der grossen Sorge-Rede Jesu. Sozinianisch ist Reich Gottes Gottes wirksame Herrschaft, vornehmlich im Herzen der Glaubenden, und Gerechtigkeit Gottes die gelebte Praxis dieses Gehorsams: Wahrheit, Barmherzigkeit, Treue. Das „zuerst“ ordnet die anderen Lebensgüter unter, ohne sie zu verneinen.
Sozzini selbst hat diese Doppelbestimmung des Reiches an der zweiten Vaterunser-Bitte ausgearbeitet: das äussere Reich ist Offenbarung und Annahme des göttlichen Willens, das innere Reich ist Gottes Regieren in unseren Herzen. Wer nach dem Reich trachtet, ist beider Wirklichkeiten teilhaftig. Der Rakower Katechismus verbindet diese Reichssuche mit der Ausrichtung des Gemüts gegen die heidnischen Sorgentriebe (Begierde des Fleisches, der Augen, Hochmut des Lebens) und mit der Anerkennung des königlichen Amtes Christi.
Das Hinzukommende (V.33b) ist Vorsehungszusage, nicht Wohlstandsmechanik. Wer das Reich sucht, ist von der Sorgenlogik der Völker (V.32) befreit und vertraut dem Vater, der weiss, was wir bedürfen. Mt 6,33 ist damit kein weltfremder Idealismus, sondern eine vernünftige, befreiende Lebensordnung — die Ordnung selbst, in der menschliches Leben gelingen kann.
