Johannes 7,39 — „Der Geist war noch nicht da“
Johannes tritt hier selbst aus der Erzählung heraus und erklärt, was Jesus gemeint hat — und was er sagt, ist der schärfste Satz des Neuen Testaments über den Geist: Er war noch nicht, und der Grund dafür liegt nicht in ihm selbst, sondern in einem Ereignis der Geschichte Jesu. Die Sozinianer lesen den Vers so, wie die ältesten Handschriften ihn bieten: Der Geist ist die Kraft und Gabe Gottes, die erst der Erhöhte austeilen kann; darum ist er von der Verherrlichung Christi abhängig und kann keine ewige Person der Gottheit sein. Der Rakower Katechismus führt genau diese Stelle unter den Aussagen auf, die „nicht einmal irgendeiner Person überhaupt“ zukommen. Der Vers entwertet den Geist nicht — er ordnet ihn ein: als das, was Gott gibt, nicht als einen dritten, der gibt.
„Das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Heilige Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verklärt.“
Johannes 7,39
Kontext: ein Ruf am Laubhüttenfest und die Erklärung des Evangelisten
Der Vers steht am Ende einer Szene, die Johannes ausdrücklich datiert: „an dem letzten Tage des Festes, der am herrlichsten war“ (7,37). Gemeint ist das Laubhüttenfest, an dessen Tagen Wasser aus dem Teich Siloah in feierlichem Zug zum Tempel getragen und am Brandopferaltar ausgegossen wurde. In diesen liturgischen Zusammenhang hinein ruft Jesus: „Wen es dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen“ (7,37-38). Das Bild ist gewählt, nicht erfunden; es lebt von dem, was die Umstehenden gerade gesehen hatten.
Dann geschieht etwas, das im Johannesevangelium selten ist: Der Verfasser unterbricht die Rede und legt sie aus. „Das sagte er aber von dem Geist“ — es folgt keine Reaktion der Menge, keine Fortsetzung des Streitgesprächs, sondern eine erklärende Zwischenbemerkung des Evangelisten. Solche Glossen sind bei Johannes bewusst gesetzt (vgl. 2,21; 6,71; 11,51; 12,33; 21,19) und haben stets denselben Zweck: Sie verhindern ein Missverständnis, das dem Leser sonst naheliegen könnte. Was hier steht, ist also nicht ein Nebensatz im Erzählfluss, sondern eine Auslegungsanweisung.
Die Anweisung besteht aus drei Gliedern. Erstens: Das Bild vom lebendigen Wasser bezeichnet den Geist. Zweitens: Dieser Geist ist etwas, das die Glaubenden „empfangen sollten“ — eine Zukunft also, kein damals bereits vorliegender Bestand. Drittens, und darin liegt die Schwierigkeit, die dem Vers seine Geschichte gegeben hat: eine doppelte Begründung, die vom Geist zur Person Jesu zurückführt. Der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.
Dass dieser Satz früh als schwierig empfunden wurde, lässt sich an der Handschriftenüberlieferung ablesen. Die ältesten Zeugen — die Papyri 66 und 75, der Sinaiticus, der Vaticanus — bieten schlicht: ou gar ēn pneuma, „denn der Geist war nicht“. Eine Reihe späterer Handschriften ergänzt teils „heilig“, teils das Partizip dedomenon, „gegeben“, woraus die Lesart „denn der Heilige Geist war noch nicht gegeben“ wird; ihr folgt die Vulgata mit nondum enim erat Spiritus datus. Die Ergänzung ist inhaltlich eine Erleichterung, und genau darin liegt ihr Zeugniswert: Man hat den ursprünglichen Wortlaut als anstößig empfunden und ihn deshalb erläutert. Luther gibt den Satz mit „war noch nicht da“ wieder und hält damit die Mitte zwischen beiden Textformen.
Sozinianische Kernthese
Die sozinianische Lesart nimmt den Vers als das, was er nach seiner Form ist: als Definition durch Zuordnung. Johannes sagt nicht, wer der Geist ist, sondern was mit ihm geschieht — er wird empfangen, und sein Kommen hängt an einem Ereignis in der Geschichte Jesu. Beides sind Aussagen über eine Gabe, nicht über einen Geber. Wer den Geist für eine der drei ewigen Personen der Gottheit hält, muss deshalb in diesem Vers gegen den Wortlaut arbeiten; wer ihn für die mitgeteilte Kraft Gottes hält, kann ihn stehen lassen, wie er dasteht.
Der Rakower Katechismus zieht diesen Schluss ausdrücklich und nennt Johannes 7,39 in einer Reihe von Stellen, deren Prädikate „in keiner Weise einer göttlichen Person“ zukommen: Der Geist wird gegeben, ausgegossen, nach Maß zugeteilt, weggenommen, ausgelöscht — und er „war einst nicht“. Das Argument ist nicht spekulativ, sondern grammatisch: Es zählt auf, was die Schrift vom Geist aussagt, und fragt, ob ein Subjekt, von dem sich dies aussagen lässt, eine göttliche Person sein kann. Die Antwort ergibt sich aus dem Begriff der Gabe: Was gegeben wird, steht in der Verfügung eines anderen.
Damit ist auch der Grund erklärt, den Johannes selbst angibt. Ein Amt hat seine Vollmachten; wer nicht eingesetzt ist, teilt nichts aus. Nach sozinianischem Verständnis ist Christus durch Kreuz, Auferstehung und Erhöhung in eine Herrschaft eingesetzt worden, die er zuvor nicht innehatte (vgl. Apostelgeschichte 2,36; Philipper 2,9-11). Der Geist ist die Kraft, mit der er in dieser Herrschaft an den Seinen handelt. Deshalb konnte der Geist vor der Verherrlichung nicht ausgeteilt werden — nicht weil Gott gezögert hätte, sondern weil der, durch dessen Hand die Austeilung geschieht, das Amt noch nicht hatte. Petrus sagt es in Apostelgeschichte 2,33 in genau dieser Ordnung: erhöht, empfangen, ausgegossen.
Der entscheidende Punkt ist damit nicht, dass der Geist „weniger“ wäre, als die Trinitätslehre sagt, sondern dass er etwas anderes ist: nicht ein dritter Handelnder neben Gott und Christus, sondern die Weise, in der Gott durch den erhöhten Christus an den Glaubenden handelt. Der Rakower Katechismus formuliert das ohne jede Abwertung: Weil der Heilige Geist die Kraft Gottes ist, wird dem Geist zugeschrieben, was Gottes ist, und unter seinem Namen wird häufig Gott selbst verstanden — insofern er sich durch seinen Geist betätigt. Wer den Geist empfängt, empfängt also Gott selbst in seinem Wirken; nur eben nicht eine dritte Person.
Johannes begründet das Ausbleiben des Geistes mit einem Datum der Geschichte Jesu — und was von einem Ereignis abhängt, kann nicht das ewige Wesen Gottes sein, sondern nur die Gabe, die der Erhöhte austeilt.
Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld
ou gar ēn pneuma — „denn der Geist war nicht“
Der Satz besteht im ältesten Text aus vier Wörtern und enthält kein Objekt, kein Partizip und keine Einschränkung: ou gar ēn pneuma. Das Verb ist das Imperfekt von einai, „sein“, dasselbe Verb, mit dem der Prolog des Evangeliums operiert („im Anfang war das Wort“, 1,1). Johannes benutzt es an beiden Stellen absolut, ohne Ergänzung — dort, um ein Sein vor der Zeit zu behaupten, hier, um ein Sein zu verneinen.
Die späteren Handschriften mit dedomenon („gegeben“) verändern die Aussage genau an dieser Stelle: Aus einer Verneinung des Seins wird eine Verneinung der Übergabe. Nach den Regeln der Textkritik ist die kürzere und schwierigere Lesart die ältere; die längere erklärt sich als Erleichterung, die umgekehrte Richtung nicht. Der Befund ist deshalb doppelt aussagekräftig. Er zeigt, was Johannes geschrieben hat, und er zeigt, dass man daran Anstoß nahm — der theologische Einwand gegen den Wortlaut ist so alt, dass er in die Handschriften eingegangen ist.
Wer im Deutschen „war noch nicht da“ liest, hört den Satz milder, als er ist. Die sozinianische Auslegung besteht nicht darauf, dass Johannes eine Nichtexistenz im metaphysischen Sinn behaupten wollte; sie besteht darauf, dass Johannes von etwas redet, dessen Vorhandensein einen Anfang hat. Und sie hält fest, dass eine solche Redeweise von einer göttlichen Person unmöglich ist, wie mild man sie auch fasst: Denn was Gott ist, hat keinen Anfang, auch keinen im Modus der Anwesenheit.
edoxasthē — „verklärt“ als Amtseinsetzung
Das zweite Glied der Begründung lautet oudepō edoxasthē Iēsous — „Jesus war noch nicht verherrlicht“. Die Form ist Aorist Passiv: Nicht Jesus verherrlicht sich, er wird verherrlicht, und der ungenannte Handelnde ist Gott. Johannes gebraucht doxazein als sein Leitwort für den ganzen Weg von Kreuz, Auferstehung und Erhöhung („daß du deinen Sohn verherrlichest“, 17,1; „nun ist des Menschen Sohn verherrlicht“, 13,31).
Für die sozinianische Deutung ist die passive Form so wichtig wie das Wort selbst. Verherrlicht wird, wer etwas empfängt, das er nicht hatte; und dass ein Empfangen gemeint ist, sagt Johannes an anderer Stelle mit derselben Passivform („die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast“, 17,22). Der Geist ist damit an eine Kette gebunden, die auf der einen Seite bei Gott beginnt und auf der anderen bei den Glaubenden endet: Gott verherrlicht den Sohn, der Sohn empfängt die Verheißung, die Glaubenden empfangen den Geist. In dieser Kette ist der Geist durchweg das Weitergegebene, nie ein Weitergebender aus eigenem Recht (vgl. Johannes 16,13: „er wird nicht von sich selber reden“).
Bemerkenswert ist auch, was Johannes nicht schreibt. Er begründet das Ausbleiben des Geistes nicht mit der Unreife der Jünger, nicht mit dem Unglauben der Menge und nicht mit dem verborgenen Ratschluss Gottes — alles Begründungen, die theologisch bereitlagen. Er begründet es mit einem Zustand Jesu. Das ist eine Aussage über die Ordnung der Heilsgeschichte, und die sozinianische Auslegung nimmt sie als das, was der Text an dieser Stelle ausdrücklich sagt.
lambanein — „empfangen“ als Sprache der Gabe
Das Verb, mit dem Johannes das Verhältnis der Glaubenden zum Geist beschreibt, ist lambanein: nehmen, empfangen, entgegennehmen. Es gehört zum Wortfeld der Gabe und setzt einen Gegenstand voraus, der aus einer Hand in eine andere übergeht. Dasselbe Verb steht in Apostelgeschichte 2,33 vom Erhöhten selbst („und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater“), in Johannes 20,22 („Nehmet hin den Heiligen Geist!“) und in Apostelgeschichte 8,15-17 von den Samaritern.
Der Rakower Katechismus baut sein Hauptargument genau auf diesem Wortfeld auf und zieht daraus einen begrifflichen, nicht bloß rhetorischen Schluss: Was gegeben oder geschenkt wird, steht in der Gewalt eines anderen — von einer göttlichen Person, die selbst der höchste Gott ist, lässt sich das nicht sagen. Es ist ein Schluss aus dem Begriff der Gabe, und er ist auch für den prüfbar, der die Voraussetzungen nicht teilt: Man müsste zeigen, dass „empfangen“ hier etwas anderes bezeichnet als Übergang in eine fremde Verfügung.
Dass diese Sprache nicht auf einzelne Stellen beschränkt ist, macht das Argument stark. Der Geist wird gegeben (Apostelgeschichte 2,17), ausgegossen, nicht nach dem Maß verteilt (Johannes 3,34), in Teilen zugewiesen (1. Korinther 12,11), weggenommen (Psalm 51,13), gedämpft (1. Thessalonicher 5,19) und als Erstlingsgabe besessen (Römer 8,23). Keines dieser Prädikate lässt sich von Gott dem Vater sagen; jedes lässt sich von einer Kraft und Gabe sagen.
pneuma — Kraft, Gabe und Sinnesart
Das Wort pneuma hat in der Bibel eine Bandbreite, die vom Wind über den Atem und die Lebenskraft bis zur Sinnesart und zur wirkenden Macht Gottes reicht. Der Rakower Katechismus setzt bei dieser Bandbreite an und gibt eine Definition, die alle Vorkommen abdecken soll: Der Heilige Geist ist eine Kraft oder Wirksamkeit, die von Gott ausgeht, auf die Menschen überströmt und ihnen mitgeteilt wird. Damit ist der Geist gerade nicht auf ein Naturphänomen reduziert; er ist Gottes eigene Wirksamkeit, sofern sie an Menschen ankommt.
Sozzini hat diese Bestimmung in seinem Kommentar zum ersten Johannesbrief noch inhaltlicher gefasst. Weil Gottes höchste Eigenschaft die Liebe ist, ist der Geist, dessen die Glaubenden teilhaftig werden, für ihn nichts anderes als eben diese Liebe — eine Eigenschaft Gottes, die er mit den Seinen teilt. Die Bezeichnung „Geist“ passt nach Sozzini deshalb zu ihr, weil eine solche Grundhaltung den, in dem sie ist, im höchsten Grade bewegt und seine Handlungen prägt. Geist heißt also: das, wovon einer im Innersten bestimmt ist.
Von hier aus fällt Licht auf das Bild des Laubhüttenfestes zurück. Wasser, das aus dem Innern strömt, ist kein Bild für eine Person, sondern für eine Kraft, die einen Menschen erfüllt und über ihn hinaus wirkt. Johannes hat das Bild gewählt und erklärt es mit dem Wort pneuma; er hätte, wäre eine Person gemeint, ein weniger sachliches Bild zur Verfügung gehabt. Die sozinianische Auslegung liest Bild und Erklärung als eine Einheit.
Vergleich der Auslegungen
Der Rakower Katechismus: Johannes 7,39 als Beweisstelle
Der Rakower Katechismus behandelt die Frage nach dem Geist zweimal: zuerst da, wo er die Verheißungen des Neuen Bundes darlegt, und dann in einem eigenen Abschnitt mit der Überschrift, ob der Heilige Geist eine Person der Gottheit sei. An der ersten Stelle steht die Definition, die alles Weitere trägt:
„Der Heilige Geist ist eine Kraft oder Wirksamkeit, die von Gott ausgeht und auf die Menschen überströmt und ihnen mitgeteilt wird, durch die er sie von den anderen absondert und für seinen Gebrauch weiht.“
Rakower Katechismus, „Von der Verheißung des Heiligen Geistes“
Man beachte, dass diese Bestimmung als Antwort auf eine Frage nach einer Verheißung gegeben wird. Der Geist erscheint im Katechismus nicht unter der Lehre von Gott, sondern unter der Lehre von den Zusagen, die Gott den Glaubenden macht — an derselben Stelle also, an der Johannes 7,39 ihn einordnet: als das, was die Glaubenden „empfangen sollten“. Die Systematik folgt hier der Sprache des Neuen Testaments und nicht der Ordnung der altkirchlichen Bekenntnisse.
Im zweiten Abschnitt wird unser Vers dann ausdrücklich als Beleg aufgeführt. Der Katechismus zählt zunächst auf, was die Schrift vom Geist aussagt, und schließt daraus auf die Art des Subjekts:
„Erstens, weil vieles, was dem Heiligen Geist in den Schriften zugeschrieben wird, in keiner Weise einer göttlichen Person zukommt, und nicht weniges davon nicht einmal irgendeiner Person überhaupt, sondern Folgendes besagt: dass er gegeben wird, und zwar nach Maß oder ohne Maß; dass er selbst ausgegossen wird und von ihm ausgegossen wird; […] dass er selbst weggenommen wird und von ihm weggenommen wird; dass er einst nicht war; schließlich, dass er ausgelöscht wird […] (Joh. 7,39; 1. Thess. 5,19).“
Rakower Katechismus, „Ob der Heilige Geist eine Person der Gottheit ist“
„Dass er einst nicht war“ — mit diesen fünf Worten ist Johannes 7,39 in die Liste aufgenommen, und die Klammer nennt die Stelle. Der Katechismus argumentiert also nicht aus einem Vers allein, sondern aus einer Häufung: Es sind nicht ein oder zwei schwierige Sätze, die man erklären müsste, sondern die durchgehende Redeweise der Schrift über den Geist. Der begriffliche Kern des Arguments folgt unmittelbar danach:
„Nun aber kann eine göttliche Person von niemandem gegeben oder geschenkt werden: Denn was gegeben oder geschenkt wird, steht in der Gewalt eines anderen, was von einer göttlichen Person, die selbst der höchste Gott ist, in keiner Weise gesagt werden kann.“
Rakower Katechismus, „Ob der Heilige Geist eine Person der Gottheit ist“
Das ist die Umkehrung des klassischen Einwands. Nicht die Sozinianer tragen eine philosophische Voraussetzung an den Text heran, sondern sie machen eine Voraussetzung sichtbar, ohne die die Trinitätslehre den Vers nicht lesen kann: nämlich die Unterscheidung zwischen dem, was eine Person ist, und dem, was sie tut oder erleidet. Der Katechismus bestreitet, dass diese Unterscheidung im Fall des Gebens trägt. Wer gegeben wird, ist Gegenstand einer Verfügung — und wer Gegenstand einer Verfügung ist, ist nicht der höchste Gott.
Sozzini über den Geist als Gabe des Erhöhten
Fausto Sozzini zitiert Johannes 7,39 dort, wo er zeigen will, dass Gott zur Vergebung der Sünden keine Genugtuung, sondern Buße verlangt, und dass zu dieser Buße die Zusage des Geistes gehört. Der Vers steht bei ihm nicht als Streitbeleg gegen die Trinität, sondern als Beschreibung der Ordnung, in der Gott gibt:
„…so sollte ihnen auch der Heilige Geist zuteilwerden, den jenen zu geben verheißen war, die an Christus glaubten und sich zu seinem Namen bekannten (Joh. 7,39; Apg. 2,38), und zwar für immer und ewig.“
Fausto Sozzini, Über Jesus Christus den Retter, „Vergebung ohne Genugtuung“
Drei Züge dieses Satzes sind für die Auslegung wichtig. Erstens fasst Sozzini den Geist mit einem Verb des Zuteilens, nicht des Kommens; zweitens bindet er ihn an den Glauben und das Bekenntnis, also an eine menschliche Antwort, die vorausgeht; drittens verbindet er ihn mit Apostelgeschichte 2,38, wo Petrus den Geist als „Gabe“ bezeichnet. Der Geist ist damit kein selbstständiger Akteur, der Glauben erst schafft, sondern die Kraft, die den Glaubenden gegeben wird — eine Reihenfolge, die der Rakower Katechismus ausdrücklich gegen die reformierte Lehre stellt.
An anderer Stelle beschreibt Sozzini, was diese Gabe bewirkte, und beschreibt damit genau die Grenze, die Johannes 7,39 zieht. Vor der Sendung des Geistes fehlte den Jüngern die Erkenntnis; nachher hatten sie sie — und der Wendepunkt ist das Weggehen Christi:
„Und in der Tat konnten die Jünger Christi vor der Aussendung des Heiligen Geistes niemals vollständig begreifen, dass er, nachdem er von hier weggegangen war, angerufen werden könnte. Als er aber den Heiligen Geist gesandt hatte, wie er versprochen hatte, bemerkten sie, dass auf die Anrufung seines Namens hin so viele wundersame Werke geschehen, und da sie überdies vom Licht desselben Geistes erleuchtet wurden, erkannten sie deutlicher, was für ein Reich Christi war.“
Fausto Sozzini, Über die Ehre Christi, „Der Heilige Geist als Erkenntnisquelle des göttlichen Willens“
Sozzini gibt hier, ohne den Vers zu nennen, die Sachlage von Johannes 7,39 wieder: ein Vorher und ein Nachher, getrennt durch das Weggehen und die Erhöhung Christi, und der Geist als das, was der Erhöhte sendet. Bemerkenswert ist, wie unbefangen er von einem Erkenntniszuwachs der Apostel spricht. Es gibt nach sozinianischem Verständnis eine Geschichte der Erkenntnis, weil es eine Geschichte der Gaben gibt; und beide Geschichten haben ihren Wendepunkt nicht in einem innergöttlichen Beschluss, sondern in der Einsetzung eines Menschen in die Herrschaft.
In seinem Kommentar zum ersten Johannesbrief geht Sozzini schließlich noch einen Schritt weiter und bestimmt den Inhalt der Gabe. Er kommt dabei zu einer Auslegung, die zunächst überrascht, aber konsequent aus seiner Bestimmung des Geistes als mitgeteilter Eigenschaft Gottes folgt:
„…und dass unsere Erklärung höchst zutreffend ist, bestätigt die vorliegende Stelle, nämlich dass der Geist Gottes selbst nichts anderes ist als die Liebe gegenüber anderen.“
Fausto Sozzini, Kommentar zum ersten Johannesbrief, „Der Geist Gottes als Geist der Liebe (1. Joh. 4,13)“
Der Satz ist an seiner Stelle keine allgemeine Definition, sondern die Auslegung von 1. Johannes 4,13 („weil er uns von seinem Geist gegeben hat“). Sozzini schließt: Wenn die Bruderliebe das Kennzeichen dafür ist, dass Gott in uns bleibt, und wenn dieses Bleiben daran erkannt wird, dass er uns von seinem Geist gegeben hat, dann ist das Gegebene diese Liebe. Und er begründet die Wortwahl: Die Bezeichnung „Geist“ passt zu jener Eigenschaft, andere zu lieben, weil sie den, in dem sie ist, im höchsten Grade bewegt und seine Handlungen prägt. Übertragen auf unseren Vers heißt das: Die Ströme lebendigen Wassers, die aus dem Innern der Glaubenden fließen, sind Gottes eigene Art zu lieben, in Menschen wirksam geworden.
Was die Sozinianer nicht bestreiten
Es gehört zur Redlichkeit der Darstellung, die Grenzen der These zu benennen. Die Sozinianer bestreiten nicht, dass der Geist Gottes wirklich und wirksam ist, dass er den Glaubenden gegeben wird und dass ohne ihn kein christliches Leben besteht. Der Rakower Katechismus nennt die fortwährende Gabe des Geistes eine „göttliche Eingebung“, durch die die Gemüter mit reicherer Erkenntnis, festerer Hoffnung und besonderem Eifer erfüllt werden; und er hält daran fest, dass die äußere Verheißung des Evangeliums innerlich vom Geist besiegelt werden muss, damit sie in Anfechtungen trägt. Wer die sozinianische Pneumatologie für eine Leerstelle hält, hat diese Abschnitte nicht gelesen.
Ebenso wenig wird die personhafte Sprache der Schrift für falsch erklärt. Der Katechismus erkennt sie ausdrücklich an und erklärt sie mit einer Beobachtung, die er an anderen Beispielen belegt: In der Schrift wird Dingen häufig zugeschrieben, was Personen eigen ist — der Sünde, dass sie betrogen und getötet habe; dem Gesetz, dass es rede; der Schrift, dass sie voraussehe; der Liebe, dass sie langmütig sei und nichts Böses denke. Wer dem Geist deshalb Personsein zusprechen will, müsste es der Liebe von 1. Korinther 13 in gleicher Weise zusprechen.
„Da nun der Heilige Geist die Kraft Gottes ist, so geschieht es, dass dem Heiligen Geist zugeschrieben wird, was Gottes ist, und unter dem Namen des Heiligen Geistes häufig Gott selbst verstanden wird, insofern er sich durch seinen Geist betätigt.“
Rakower Katechismus, „Personhafte Redeweisen in der Schrift“
Dieser Satz ist der Grund, weshalb die sozinianische Lehre nicht in einen bloßen Kraftbegriff mündet. Wo der Geist wirkt, wirkt Gott — nicht ein Stellvertreter, nicht eine abgelöste Energie, sondern Gott selbst in der Weise seines Wirkens. Die Frage zwischen den Positionen ist deshalb nicht, ob der Geist göttlich ist, sondern ob er ein eigenes Gegenüber innerhalb Gottes ist. Johannes 7,39 gibt nach sozinianischer Überzeugung darauf eine Antwort, weil ein eigenes Gegenüber in Gott nicht „noch nicht“ sein könnte.
Und schließlich wird Pfingsten nicht zu einer Illustration herabgesetzt. Die Sozinianer haben die sichtbaren Gaben der apostolischen Zeit als wirkliche Wunder verstanden, die zur Bestätigung des Evangeliums gegeben wurden — die Geistgabe an die Jünger nennt der Katechismus sogar „das größte Wunder“. Bestritten wird allein, dass an Pfingsten eine Person herabkam. Was herabkam, war die Kraft, mit der der Erhöhte sein Amt ausübt; und dass sie erst da herabkam, hat Johannes 7,39 lange vorher gesagt.
Logische Argumente
Die folgenden Erwägungen sind vom Wortlaut über den Zusammenhang des Evangeliums bis zu den Folgen für die Lehre im Ganzen geordnet.
- Die Aussage ist eine Erklärung des Evangelisten, keine Figurenrede. Johannes tritt hier aus der Erzählung heraus, um ein Missverständnis auszuschließen. Was in einer solchen Glosse steht, ist die Auslegung, die der Verfasser selbst für die richtige hält — und nicht eine Äußerung, die sich als zeitbedingte Ansicht einer Person im Text einordnen ließe. Eine Auslegung, die diesen Satz relativieren muss, relativiert damit die Stelle, an der das Evangelium selbst erklärend eingreift.
- Der älteste Wortlaut verneint das Sein, nicht die Übergabe. Ou gar ēn pneuma steht ohne Partizip in den frühesten Zeugen. Die Lesart mit „gegeben“ ist sekundär und nach den Regeln der Textkritik als Erleichterung zu beurteilen. Wer aus ihr argumentiert, argumentiert aus einer Korrektur, die genau den Anstoß beseitigt, um den es geht.
- Die Ergänzung der Handschriften ist selbst ein Zeugnis. Dass Schreiber das Wort „gegeben“ einfügten, zeigt, dass der Satz als Aussage über das Sein des Geistes verstanden wurde und dass man ihn in dieser Bedeutung nicht tragen wollte. Der Einwand gegen die sozinianische Lesart ist also so alt, dass er sich in der Überlieferung niederschlägt — was die Lesart nicht widerlegt, sondern bestätigt, dass sie den ursprünglichen Sinn traf.
- Eine Kausalaussage bindet den Geist an ein geschichtliches Datum. Johannes sagt nicht bloß, dass zweierlei zeitlich zusammenfällt, sondern nennt einen Grund: weil Jesus noch nicht verherrlicht war. Was seinen Grund in einem Ereignis der Geschichte hat, ist von diesem Ereignis abhängig. Von einer Person, die Gott ist, lässt sich eine solche Abhängigkeit nicht aussagen, auch nicht im Modus der Anwesenheit.
- Der Verherrlichte ist der Handelnde, der Geist das Gehandelte. Petrus beschreibt den Vorgang in drei Schritten: erhöht, die Verheißung empfangen, ausgegossen (Apostelgeschichte 2,33). In dieser Kette ist der Geist durchweg Objekt. Eine Person der Gottheit könnte nicht Gegenstand einer Weitergabe zwischen zwei anderen Personen sein, ohne aufzuhören, in gleichem Rang mit ihnen zu stehen.
- „Empfangen“ ist die Sprache der Gabe. Was empfangen wird, geht aus einer Verfügung in eine andere über. Der Rakower Katechismus zieht daraus den begrifflichen Schluss: Was gegeben wird, steht in der Gewalt eines anderen. Wer diesen Schluss abweist, muss zeigen, dass lambanein hier etwas anderes bezeichnet — und das an einer Stelle, wo Johannes selbst das Wort erklärend einsetzt.
- Die Prädikate des Geistes bilden ein einheitliches Muster. Gegeben, ausgegossen, zugeteilt, weggenommen, gedämpft, als Erstlingsgabe besessen — die Aussagen der Schrift über den Geist gehören durchweg zum Wortfeld der Gabe und der Kraft. Ein einzelner schwieriger Satz ließe sich als Redeweise erklären; ein durchgehendes Muster nicht. Johannes 7,39 ist der schärfste Fall dieses Musters, nicht seine Ausnahme.
- Die Unterscheidung von Sein und Sendung ist eine Zusatzannahme. Sie steht nicht im Text und wird gebraucht, um ihn mit einer anderswoher gewonnenen Lehre zu vereinbaren. Das ist erlaubt, muss aber offen verbucht werden: Es handelt sich um eine Hilfsannahme, die den Satz nicht auslegt, sondern seine naheliegende Bedeutung ausschließt. Die sozinianische Lesart braucht keine solche Annahme.
- Hätte Johannes die Sendung gemeint, hätte er es schreiben können. Das Griechische bot dafür Wörter — und spätere Schreiber haben sie eingesetzt. Dass der ursprüngliche Text sie nicht hat, während der Verfasser das Wort „geben“ vom Geist an anderer Stelle sehr wohl verwendet (Johannes 3,34; 14,16), ist ein Argument aus der Wortwahl, und die Wortwahl ist die stärkste Auskunft über die Absicht eines Verfassers, die uns zugänglich ist.
- Die Lesart erklärt das ganze Kapitel, nicht nur einen Vers. Der Ruf am Laubhüttenfest, das Bild des ausgegossenen Wassers, die Zukunftsform „empfangen sollten“ und die Begründung aus der Verherrlichung bilden eine geschlossene Folge. Die sozinianische Auslegung muss keines dieser Glieder als uneigentliche Redeweise abtun — ein Vorzug, der unabhängig von dogmatischen Vorlieben zählt.
Biblische Querverweise
Apostelgeschichte 2,33 — erhöht, empfangen, ausgegossen
„Nun er durch die Rechte Gottes erhöht ist und empfangen hat die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater, hat er ausgegossen dies, das ihr sehet und höret.“ Petrus nennt am Pfingsttag genau die Ordnung, die Johannes 7,39 voraussetzt: Erst die Erhöhung, dann der Empfang, dann die Austeilung. Die Stelle ist der stärkste Beleg dafür, dass die Verherrlichung nicht bloß der Zeitpunkt, sondern der Grund der Geistausgießung ist — und sie zeigt, dass auch der Erhöhte den Geist empfängt, ihn also nicht von sich aus besitzt.
Johannes 3,34 — nicht nach dem Maß
„Denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maß.“ Der Satz setzt voraus, dass der Geist überhaupt in Maßen gegeben werden kann; nur so hat die Aussage, dass er es hier nicht wird, einen Sinn. Von einer göttlichen Person lässt sich weder ein Maß noch die Aufhebung eines Maßes aussagen. Dass die Stelle aus demselben Evangelium kommt, macht sie für die Auslegung von 7,39 besonders gewichtig.
Apostelgeschichte 2,17 — „ich will ausgießen von meinem Geist“
Das Zitat aus Joel, mit dem Petrus das Pfingstgeschehen deutet, redet vom Geist im Teilungsverhältnis: von meinem Geist will ich ausgießen. Der Sprechende ist Gott, das Ausgegossene ist sein Geist, die Empfänger sind „alles Fleisch“. Die Grammatik der Stelle kennt zwei Personen und eine Gabe, nicht drei Personen.
Lukas 1,35 — der Geist und die Kraft des Höchsten
„Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ Der Rakower Katechismus liest die beiden Glieder als zwei Ausdrücke für eine Sache und begründet das mit der Parallele bei Matthäus 1,20, wo allein der Geist genannt wird. Die Stelle ist deshalb für die Bestimmung des Geistes als Kraft Gottes eine Schlüsselstelle — und sie steht in derselben Logik wie Johannes 7,39, weil sie das Kommen des Geistes an ein Ereignis bindet.
Johannes 14,26 — den der Vater senden wird in meinem Namen
Die Verheißung des Trösters bestimmt den Geist durch zwei Genitive: Er wird vom Vater gesandt, und er wird im Namen Christi gesandt. Beides sind Abhängigkeitsverhältnisse, und beide passen zu der Ordnung, die 7,39 nennt. Wer die Paraklet-Sprüche für einen Beweis der Personhaftigkeit nimmt, muss erklären, warum in ihnen jede Aussage über den Geist eine Aussage über seine Sendung durch andere ist.
Johannes 16,13 — er wird nicht von sich selber reden
„Denn er wird nicht von sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden.“ Der Rakower Katechismus zählt diesen Satz unter seine Hauptargumente: Eine göttliche Person kann nicht anders als von sich selbst reden, weil sie kein Wissen von außen empfängt. Die Stelle ist damit ein Gegenstück zu 7,39 — dort ein zeitlicher, hier ein sachlicher Abhängigkeitsbeweis.
1. Korinther 2,11 — der Geist Gottes ist aus Gott
Paulus vergleicht den Geist Gottes mit dem Geist des Menschen, der im Menschen ist, und zieht daraus einen Erkenntnisschluss. Der Katechismus hält fest, dass dieser Vergleich nur trägt, wenn der Geist aus Gott ist — und dass umgekehrt nicht gesagt werden kann, Gott sei aus dem Geist. Genitiv und Herkunft stiften ein Verhältnis, das die Gleichrangigkeit ausschließt.
1. Korinther 12,11 — er teilt jedem zu, wie er will
Die Stelle wird traditionell als Beweis für die Personhaftigkeit angeführt, weil dem Geist ein Wollen zugeschrieben wird. Der Katechismus antwortet mit seiner Regel über die personhaften Redeweisen und mit der Beobachtung, dass derselbe Vers vom Geist als von etwas redet, das in Teile aufgeteilt wird. Ein Wille, der zugeteilt wird, ist Gottes Wille, insofern er durch seine Kraft wirkt.
1. Thessalonicher 5,19 — „den Geist dämpfet nicht“
Paulus warnt davor, den Geist auszulöschen — ein Bild vom Licht oder Feuer, das erlöschen kann. Der Katechismus führt die Stelle unmittelbar neben Johannes 7,39 auf, und die Verbindung ist einleuchtend: Was ausgelöscht werden kann, kann auch „noch nicht“ gewesen sein. Beide Sätze setzen einen Gegenstand voraus, dessen Vorhandensein Grade und Grenzen hat.
Johannes 20,22 — „Nehmet hin den Heiligen Geist!“
Der Auferstandene bläst die Jünger an und gibt ihnen den Geist mit einem Imperativ des Empfangens. Die Szene ist die erzählerische Erfüllung von 7,39: Nun, nachdem Jesus verherrlicht ist, kann der Geist gegeben werden. Und die Form der Übergabe — ein Anhauchen, das an 1. Mose 2,7 erinnert — gehört zum Bildfeld der mitgeteilten Lebenskraft, nicht zu dem der Personbegegnung (vgl. 1. Mose 2,7).
Einwände und sozinianische Antworten
1. „‚War noch nicht da‘ heißt: war noch nicht gegeben“
Johannes redet nicht von der Existenz des Geistes, sondern von seiner neuen, bleibenden Gegenwart in der Kirche. Der Satz ist eine elliptische Redeweise, wie sie im Griechischen häufig ist, und viele Handschriften ergänzen das Gemeinte ausdrücklich mit „gegeben“.
Die Antwort besteht aus drei Schritten. Erstens: Dass eine Ellipse sprachlich möglich ist, entscheidet nicht, dass sie hier vorliegt; das entscheidet der Text, und der älteste Text hat kein Partizip. Zweitens: Die Handschriften, die es ergänzen, sind sämtlich jünger als die, die es nicht haben, und die Textkritik urteilt in solchen Fällen nach der Regel, dass die schwierigere Lesart die ältere ist — Erleichterungen entstehen, Erschwerungen nicht. Drittens, und dies ist der eigentliche Punkt: Selbst wenn man „gegeben“ liest, bleibt die Aussage für die Trinitätslehre unbequem, denn dann sagt Johannes, eine göttliche Person sei gegeben worden, und zwar von einer anderen. Der Rakower Katechismus setzt seine Kritik genau hier an und nicht nur beim „war nicht“: Was gegeben wird, steht in der Gewalt eines anderen. Die Ergänzung mildert also den Wortlaut, nicht das Argument. Wer sie annimmt, gewinnt einen leichteren Satz und behält das schwerere Problem.
2. „Die Unterscheidung von Wesen und Sendung löst alles“
Die Theologie unterscheidet seit der Alten Kirche zwischen dem innergöttlichen Sein des Geistes und seiner Sendung in die Welt. Johannes redet von der Sendung; das Sein bleibt davon unberührt, wie auch der Sohn ewig ist und dennoch „gesandt“ wird.
Die Unterscheidung ist alt, sinnvoll und an vielen Stellen brauchbar — nur trägt sie hier nicht. Zunächst muss man sehen, was sie leistet: Sie erlaubt es, eine zeitliche Aussage über einen Gegenstand zu machen, ohne damit etwas über sein Sein zu behaupten. Genau das aber tut Johannes nicht: Er sagt nicht, der Geist sei noch nicht gesandt gewesen, sondern er sei noch nicht gewesen. Die Analogie zum Sohn hilft nicht weiter, denn vom Sohn wird nirgends gesagt, er sei „noch nicht“ gewesen; das Johannesevangelium sagt im Gegenteil, das Wort sei „im Anfang“ gewesen, und benutzt dabei dasselbe Verb, das es in 7,39 verneint. Wer beide Sätze desselben Verfassers nebeneinanderstellt, sieht, dass er das Verb bewusst führt. Hinzu kommt, dass die Unterscheidung eine Zusatzannahme ist, die aus einer anderen Quelle stammt als aus diesem Text — was zulässig ist, aber offen ausgewiesen werden muss. Eine Auslegung, die ohne solche Annahme auskommt und dabei jedes Glied des Satzes stehen lässt, hat den methodischen Vorzug.
3. „Der Geist wirkte längst vor Christus — also war er“
Der Geist schwebte über den Wassern (1. Mose 1,2), kam über die Richter und Propheten, wurde von David erbeten (Psalm 51,13) und ruhte auf Elischa (2. Könige 2,9). Er kann also nicht erst nach der Verherrlichung Jesu „gewesen“ sein — die Schrift selbst widerlegt eine wörtliche Lesart von Johannes 7,39.
Dieser Einwand ist der gewichtigste, und er wird von den Sozinianern nicht bestritten, sondern in ihre Lesart eingebaut. Denn genau die genannten Stellen führt der Rakower Katechismus selbst auf — Psalm 51,13, 4. Mose 11,17 und 25, 2. Könige 2,9 — und zwar als Belege dafür, dass der Geist zugeteilt, verdoppelt und weggenommen wird. Wenn der Geist die von Gott ausgehende und mitgeteilte Kraft ist, dann ist es kein Widerspruch, dass er zu verschiedenen Zeiten in verschiedenem Maß und zu verschiedenem Zweck gegeben wird; im Gegenteil, es ist zu erwarten. Johannes redet nicht von der Kraft Gottes überhaupt, sondern von der bestimmten Gabe, die er im vorangehenden Bild angekündigt hat: den Strömen lebendigen Wassers, die aus dem Innern der an Christus Glaubenden fließen. Diese bestimmte Gabe war noch nicht, weil der noch nicht eingesetzt war, durch dessen Hand sie gegeben wird. Der Einwand trifft also eine Lesart, die niemand vertritt — die nämlich, Johannes bestreite jedes Wirken Gottes vor Ostern. Für die Trinitätslehre bleibt die Schwierigkeit dagegen bestehen: Sie muss erklären, wie von einer Person, die immer war und immer wirkte, gesagt werden kann, sie sei noch nicht gewesen.
4. „Ein bloße Kraft kann nicht lehren, überzeugen und betrübt werden“
Die Schrift schreibt dem Geist Handlungen zu, die nur Personen zukommen: Er lehrt, erinnert, überzeugt die Welt, tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen, verteilt Gaben, wie er will, und kann betrübt werden. Eine unpersönliche Kraft tut nichts davon.
Der Rakower Katechismus antwortet mit einer Beobachtung über den biblischen Sprachgebrauch und belegt sie an Fällen, die niemand personhaft versteht: Der Sünde wird zugeschrieben, dass sie betrogen und getötet habe; dem Gesetz, dass es rede; der Schrift, dass sie voraussehe und vorherverkünde; der Liebe, dass sie langmütig und gütig sei, nicht neide, sich nicht aufblase, nichts Böses denke. Wer aus dem Zuschreiben personhafter Tätigkeiten auf Personsein schließt, muss diesen Schluss überall ziehen oder eine Regel angeben, warum er ihn nur beim Geist zieht. Eine solche Regel ist schwer zu finden, denn die Sprachform ist in allen Fällen dieselbe. Hinzu kommt der zweite Teil der Antwort, der wichtiger ist als der erste: Weil der Geist die Kraft Gottes ist, wird unter seinem Namen häufig Gott selbst verstanden, insofern er sich durch seinen Geist betätigt. Wenn der Geist lehrt, lehrt Gott; wenn er betrübt wird, wird Gott betrübt. Die Aussagen sind also nicht abzuschwächen — sie sind einem anderen Subjekt zuzuordnen, und dieses Subjekt ist nicht geringer, sondern größer als eine dritte Person.
5. „Die Auslegung stellt sich gegen die ganze Kirche“
Von Athanasius und Basilius über Augustinus bis zu den Reformatoren hat die Kirche Johannes 7,39 einmütig von der Sendung, nicht vom Sein des Geistes verstanden. Eine Deutung, die diesen Konsens verlässt, trägt die Beweislast und wird sie kaum tragen können.
Der Hinweis ist zutreffend, und die Sozinianer haben ihn nie geleugnet; sie haben ihn nur nicht als Argument über den Sinn eines Satzes anerkannt. Ihr methodischer Grundsatz ist im Rakower Katechismus knapp formuliert: Das zum Heil Notwendige ist gering an Zahl und so klar in der Schrift dargelegt, dass es von jedem gesunden Verstand erkannt werden kann; was nicht derart klar ist, darf nicht als notwendig gelten. Aus diesem Grundsatz folgt zweierlei. Erstens ist die Frage nach dem Konsens zu unterscheiden von der Frage nach dem Wortlaut — ein Konsens kann alt und dennoch aus einer Voraussetzung gewonnen sein, die im Text nicht steht. Zweitens verschiebt sich damit die Beweislast: Wer eine Lehre für heilsnotwendig hält, muss zeigen, dass sie klar in der Schrift steht, nicht dass sie lange geglaubt wurde. Hinzu kommt eine historische Beobachtung, die man auch ohne sozinianische Vorliebe machen kann: Die Auseinandersetzung um den Geist ist im vierten Jahrhundert entschieden worden, also nach den Auseinandersetzungen um den Sohn und mit den Begriffen, die dort gebildet worden waren. Johannes 7,39 wurde in dieser Debatte nicht als Zeugnis gehört, sondern als Einwand behandelt — und die Handschriften, die „gegeben“ ergänzen, zeigen, wie man ihn behandelte.
Dogmatische Konsequenzen
Verwandte Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Apostelgeschichte 2:17 — „ich will ausgießen von meinem Geist“: der Geist im Teilungsverhältnis.
- Johannes 14:26 — der Tröster, den der Vater im Namen Christi senden wird.
- Johannes 16:13 — „er wird nicht von sich selber reden“: der sachliche Abhängigkeitsbeweis.
- 1. Korinther 2:11 — der Geist Gottes ist aus Gott, nicht Gott aus dem Geist.
- 1. Korinther 12:11 — zugeteilte Gaben und der Einwand vom Wollen des Geistes.
- Lukas 1:35 — Heiliger Geist und Kraft des Höchsten als zwei Ausdrücke für eine Sache.
- Apostelgeschichte 5:3-4 — „den Heiligen Geist belügen“ und „Gott belügen“.
- 1. Mose 1:2 — der Geist über den Wassern: Kraft Gottes im Anfang.
- Psalm 104:30 — „du sendest aus deinen Geist, so werden sie geschaffen“.
- Jesaja 63:10-11 — der betrübte Geist und die personhafte Redeweise.
- Römer 8:11 — der Geist dessen, der Jesus auferweckt hat.
- Apostelgeschichte 2:36 — „zum Herrn und Christus gemacht“: die Einsetzung, an der der Geist hängt.
- Philipper 2:9-11 — darum hat ihn Gott erhöht: der Grund der Verherrlichung.
- Matthäus 28:19 — die Taufformel und was sie über den Geist aussagt.
- 1. Timotheus 2:5 — ein Gott und ein Mittler: die Zählung ohne den Geist.
Zusammenfassung
Johannes 7,39 ist die Stelle, an der der Evangelist selbst erklärt, wovon Jesus geredet hat — und was er erklärend sagt, ist für die Lehre vom Geist die genaueste Auskunft des Neuen Testaments. Der Geist ist das, was die Glaubenden empfangen sollten; er war noch nicht; und der Grund dafür liegt darin, dass Jesus noch nicht verherrlicht war. Drei Aussagen, von denen jede einzelne von der Gabe und keine von einem Geber redet. Der älteste Wortlaut verneint dabei nicht die Übergabe, sondern das Sein, und die späteren Handschriften, die „gegeben“ ergänzen, sind selbst ein Zeugnis dafür, wie unbequem man den Satz fand.
Der Rakower Katechismus hat diesen Vers deshalb in die Reihe der Stellen aufgenommen, deren Prädikate keiner Person zukommen, und ihn mit einem begrifflichen Argument verbunden: Was gegeben oder geschenkt wird, steht in der Gewalt eines anderen. Fausto Sozzini führt die Stelle dort an, wo er von der Verheißung des Geistes an die Glaubenden spricht, und beschreibt an anderer Stelle die Wende, die Johannes datiert — vor der Sendung des Geistes konnten die Jünger das Reich Christi nicht begreifen, nachher erkannten sie es. In seinem Johanneskommentar bestimmt er schließlich den Inhalt der Gabe: Der Geist Gottes ist die Liebe, die Gott mit den Seinen teilt. Damit ist die sozinianische Pneumatologie beisammen: Gottes eigene Kraft und Sinnesart, ausgeteilt durch den, den er erhöht hat.
Was bleibt, ist ein Geist, der weniger ist als eine Person und mehr als eine Metapher. Er ist nicht ein dritter, der neben Gott und Christus handelt, sondern Gott selbst, sofern er in Menschen wirkt — und darum ist es keine Herabsetzung, ihn Gabe zu nennen, sondern die genaue Wiedergabe dessen, was die Schrift von ihm sagt. Johannes hat die Sache in einem Halbsatz erledigt: Der Geist war noch nicht, denn Jesus war noch nicht verherrlicht. Wer diesen Halbsatz stehen lässt, hat die sozinianische Lehre vom Geist bereits vor sich.
