Kolosser 2,9 — „in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“: mitgeteilte Fülle, nicht Wesensgleichheit
„In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ gilt traditionell als stärkster Einzelbeleg für die Wesensgottheit Christi. Sozinianisch gelesen sagt der Satz gerade das Gegenteil: Eine Fülle, die in jemandem wohnt, ist ihm nicht wesenseigen, sondern eingegossen — und der unmittelbar folgende Vers (2,10: „und ihr seid in ihm erfüllt“) gibt genau diese Fülle nach Maß an die Gemeinde weiter. Das göttliche Wesen aber kann man nicht teilweise besitzen. Das Wort „leibhaftig“ (sômatikôs) steht zudem im Gegensatz zum „Schatten“ des Gesetzes (2,17) und meint „wirklich und fest“, nicht „in fleischlicher Gottesnatur“. Gemeint ist die ganze Fülle der göttlichen Weisheit, Vollmacht und Willenserkenntnis, die Gott in Christus als dem Haupt niedergelegt hat.
„Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und ihr seid in ihm erfüllt; er ist das Haupt aller Macht und Gewalt.“
Kolosser 2,9–10
Kontext
Kolosser 2 ist Pauli Abwehr einer „Philosophie und leeren Verführung“ (2,8), die die Gemeinde über Elementarmächte, Engelverehrung, Speisegebote und Festkalender wieder unter eine vorchristliche Religiosität zwingen wollte. Gegen diese setzt Paulus Christus als den, „in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind“ (2,3). Vers 9 steht also in einem polemischen, nicht in einem spekulativ-trinitarischen Zusammenhang: Es geht darum, dass man in Christus alles hat und nichts daneben braucht.
Der Satzbogen 2,8–10 ist eine Einheit: Warnung vor der Philosophie (V.8) — Begründung „denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (V.9) — Folgerung „und ihr seid in ihm erfüllt“ (V.10). Die Fülle, die in Christus wohnt, und die Fülle, mit der die Kolosser „erfüllt“ sind, ist sprachlich (plêrôma / peplêrômenoi) und sachlich dieselbe Größe. Wer V.9 vom unteilbaren göttlichen Wesen versteht, zerreißt diesen Bogen.
Die nächste Parallele steht im selben Brief: 1,19 „denn es gefiel (eudókêsen) Gott, dass in ihm alle Fülle wohne“. Das „es gefiel“ macht das Innewohnen zu einem freien Setzungsakt Gottes; etwas, das Gott einem anderen wohlgefällig verleiht, ist nicht dessen eigenes Wesen. Beide Stellen erklären sich gegenseitig.
Das „leibhaftig“ (sômatikôs) ist von 2,17 her zu lesen, wo das Gesetz mit seinen Festen und Speisen „ein Schatten des Zukünftigen“ heißt, „der Leib (sôma) aber ist Christi“. Schatten und Leib bilden ein Gegensatzpaar: im Gesetz war die göttliche Wahrheit schattenhaft, in Christus ist sie wirklich und fest präsent. „Leibhaftig“ meint also „in voller Wirklichkeit“, nicht „in einem göttlichen Fleischkörper“.
Sozinianische Kernthese
Sozinianisch ist Kol 2,9 ein Spitzensatz der Christozentrik, nicht der Wesenstrinität: In Christus ist die ganze göttliche Selbstmitteilung niedergelegt — alle Weisheit, alle Heilsvollmacht, die volle und feste Erkenntnis des göttlichen Willens. Wer ihn hat, hat Gott vollständig erschlossen und braucht keine „Philosophie“ daneben.
Der entscheidende Punkt ist das Verb: Die Fülle wohnt (katoikei) in ihm. Ein Wohnen setzt zwei voraus — den, der wohnt, und den, in dem gewohnt wird. Wo das göttliche Wesen schlechthin wäre, könnte man nicht sagen, es „wohne“ in einem; Gott wohnt nicht in Gott. Christus ist hier der Träger, der Tempel, in dem die Fülle Gottes Wohnung nimmt (vgl. Joh 14,10: „der Vater, der in mir wohnt“).
Dass es um eine mitteilbare Fülle geht, sagt der Text selbst: „und ihr seid in ihm erfüllt“ (2,10). Was Christus voll besitzt, empfangen die Gläubigen aus ihm nach ihrem Maß — ganz wie Johannes formuliert: „aus seiner Fülle haben wir alle empfangen“ (Joh 1,16), und wie Paulus den Ephesern wünscht, sie möchten „erfüllt werden bis zur ganzen Fülle Gottes“ (Eph 3,19). Das unteilbare Wesen Gottes lässt sich nicht so portionieren; eine mitgeteilte Fülle der Göttlichkeit sehr wohl.
„Gottheit“ (theótês) bezeichnet hier folglich nicht die Wesensnatur, sondern die volle Göttlichkeit im Sinne göttlicher Vollmacht, Weisheit und Willenskundgabe — eben jene, die nach 2,3 als „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ in Christus verborgen liegt und von ihm her auf die Gemeinde übergeht.
Eine Fülle, die in jemandem wohnt und aus ihm an andere weitergegeben wird (2,10), ist nicht dessen unteilbares Wesen, sondern Gottes Gabe an ihn. Kol 2,9 krönt Christus als das Haupt, in dem Gott seine ganze Heilsfülle niedergelegt hat — nicht als ein zweites göttliches Wesen.
Exegese: Schlüsselbegriffe und Wortfeld
Vier Schlüsselbegriffe entscheiden die Auslegung von Kol 2,9 sprachlich:
plêrôma — „Fülle“
Plêrôma ist bei Paulus durchgängig ein Mitteilungs- und Teilhabebegriff. Eph 3,19 („erfüllt werden bis zur ganzen Fülle Gottes“), Eph 4,13 („zum Maß der Fülle Christi“), Joh 1,16 („aus seiner Fülle haben wir alle empfangen“) — überall bezeichnet das Wort eine Fülle, die von einem her an andere strömt.
Eben darin liegt das Argument: Eine „Fülle“ impliziert, dass dieselbe Sache anderswo auch in geringerem Maß vorkommen kann — sonst wäre das Wort „voll“ sinnlos. Das göttliche Wesen aber kennt kein Mehr und Weniger; man besitzt es ganz oder gar nicht. Folglich ist mit der „Fülle der Gottheit“ nicht das Wesen gemeint, sondern eine abgestuft mitteilbare Göttlichkeit.
Der Rakower Katechismus zieht genau diese Linie: dieselbe Fülle, die in Christus als dem Haupt wohnt, werde „auf die Glieder nach eines jeden Maß und Fassungsvermögen übertragen“ (vgl. Kol 2,10; Eph 4,7).
theótês — „Gottheit“ / „Göttlichkeit“
Das griechische theótês (θεότης) kann sowohl die „Gottheit“ im Sinn des göttlichen Wesens als auch die „Göttlichkeit“ im Sinn göttlicher Eigenschaften und Vollmacht bezeichnen. Welche Bedeutung greift, entscheidet nicht die Vokabel, sondern der Zusammenhang.
Der Zusammenhang aber ist hier polemisch-praktisch: Paulus stellt Christus der „Philosophie“ und dem „Gesetz“ entgegen (2,8.16–17). Er spricht darum von jener Göttlichkeit, „die aus ihm selbst durch seine Lehre und seinen Geist auf uns übertragen wird“ (Rakower Katechismus) — also von der wahren himmlischen Weisheit und der festen Erkenntnis des göttlichen Willens, nicht von einer Wesensnatur.
Dass Paulus dieselbe Sache zwei Verse zuvor „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ (2,3) nennt, bestätigt diese Lesart: theótês meint die in Christus niedergelegte, vollständige Erschließung Gottes, nicht eine zweite göttliche Substanz.
sômatikôs — „leibhaftig“
Das Adverb sômatikôs wird traditionell als „in leiblicher Gestalt“ und damit als Beleg der Inkarnation des göttlichen Wesens gelesen. Doch Paulus selbst gibt den Schlüssel: In 2,17 nennt er das Gesetz einen „Schatten (skia)“, „der Leib (sôma) aber ist Christi“.
Schatten und Leib bilden also ein festes Gegensatzpaar: was im Gesetz nur schattenhaft vorgebildet war, ist in Christus wirklich und fest da. „Leibhaftig“ heißt demnach „wahrhaftig und substanzhaft“ im Gegensatz zum bloßen Schatten — nicht „in einem göttlichen Fleischkörper“. Die Pointe ist heilsgeschichtlich (Gesetz/Schatten gegen Christus/Wirklichkeit), nicht ontologisch.
katoikei — „wohnt“
Das Verb katoikei („wohnt“, Präsens, dauerhaftes Innewohnen) setzt eine Unterscheidung zwischen dem Wohnenden und dem Ort des Wohnens voraus. Gott wohnt nicht in Gott; ein Wesen wohnt nicht in sich selbst.
Dieselbe Wohn-Sprache gebraucht Johannes für das Verhältnis von Vater und Sohn: „der Vater, der in mir wohnt (menôn), der tut die Werke“ (Joh 14,10). Innewohnen ist Beziehung, nicht Identität. So ist Christus der Mensch, in dem die ganze Fülle Gottes Wohnung genommen hat — der Tempel, nicht die Gottheit selbst.
Vergleich der Auslegungen
Bezug auf Fausto Sozzini
Sozzini bestreitet nicht, dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit wohnt — er bestimmt, was das heißt. In seinen Antithesen gegen Franz David liest er Kol 2,9 funktional: dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit wohnte, zeige sich daran, dass seine Lehre als Gottes eigenes Wort zu nehmen ist.
… da er das ausdrückliche Abbild Gottes war und in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte, sodass er in seiner Lehre kein einziges Wort gesprochen hat, das nicht als von Gott selbst mit eigenem Munde gesprochen zu betrachten wäre.
Fausto Sozzini, ‚Über die Ehre Christi‘, Antithesen gegen Franz David, These 1
Sozzini deutet das Innewohnen der göttlichen Fülle also nicht auf eine zweite Wesensnatur, sondern auf die unbedingte Autorität der Lehre Christi: Weil Gottes ganze Fülle in ihm wohnt, ist jedes Wort seiner Verkündigung Gottes Wort. Das ist eine soteriologisch-offenbarungstheologische Aussage, keine ontologische.
Der Rakower Katechismus führt denselben Gedanken philologisch aus. Zu Kol 2,9 heißt es dort: „Auch wird durch jene Worte, dass die Fülle der Gottheit in ihm leibhaftig wohnt, jene göttliche Natur nicht bewiesen. Denn … er [spricht] von jener Gottheit oder Göttlichkeit Christi …, die aus ihm selbst durch seine Lehre und seinen Geist auf uns übertragen wird.“ Das Wort „Fülle“ selbst zeige an, dass von einer mitteilbaren, abstufbaren Göttlichkeit die Rede sei — was auf das göttliche Wesen nicht zutreffe.
Und entscheidend, ebenfalls aus dem Rakower Katechismus: „Dieselbe aber ist die Fülle Gottes und die Fülle der Gottheit, obgleich sie zuerst und bei weitem reichlicher in Christus als dem Haupt wohnt und durch ihn erst auf die Glieder nach eines jeden Maß und Fassungsvermögen übertragen wird.“ Damit ist Kol 2,10 („und ihr seid in ihm erfüllt“) als der vom Apostel selbst gelieferte Kommentar zu V.9 erkannt.
Buchübersicht zu den Schriften Sozzinis
Logische Argumente
Aus dem Wortlaut und dem Zusammenhang von Kol 2,9–10 ergeben sich folgende Argumente gegen die wesensgleiche Lesart:
- Argument vom unmittelbaren Folgevers. 2,10 sagt „und ihr seid in ihm erfüllt (peplêrômenoi)“. Dieselbe Fülle, die in Christus wohnt, geht auf die Gemeinde über. Das göttliche Wesen aber lässt sich nicht an die Kolosser übertragen. Also ist nicht das Wesen gemeint.
- Argument vom Begriff „Fülle“. Eine Fülle setzt voraus, dass dasselbe anderswo in geringerem Maß vorhanden sein kann. Das Wesen Gottes kennt kein Mehr oder Weniger. Folglich bezeichnet „Fülle der Gottheit“ eine mitteilbare Göttlichkeit, nicht die Wesensnatur.
- Argument vom Wohnen. Die Fülle wohnt in Christus (katoikei). Wohnen setzt eine Unterscheidung von Wohnendem und Wohnstatt voraus; Gott wohnt nicht in Gott. Christus ist der Träger, in dem Gott Wohnung nimmt — wie der Vater, „der in mir wohnt“ (Joh 14,10).
- Argument von „leibhaftig“. Sômatikôs steht im Gegensatz zum „Schatten“ des Gesetzes (2,17: skia gegen sôma). Es bedeutet „wirklich und fest“, nicht „in göttlichem Fleisch“. Der Gegensatz ist heilsgeschichtlich (Schatten/Wirklichkeit), nicht metaphysisch.
- Argument vom Kontext der Philosophie. 2,8 warnt vor „Philosophie und leerer Verführung“. Paulus rühmt Christus als Ort „aller Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ (2,3). Die in V.9 genannte „Gottheit“ ist eben diese in Christus vollständig erschlossene göttliche Weisheit.
- Argument von Kol 1,19. Die Parallele sagt: „es gefiel (eudókêsen) Gott, dass in ihm alle Fülle wohne“. Ein freier Setzungsakt Gottes („es gefiel“) verleiht das Innewohnen — was Gott einem anderen wohlgefällig gibt, ist nicht dessen eigenes Wesen.
- Argument von der Schriftparallele. Joh 1,16 („aus seiner Fülle haben wir alle empfangen“) und Eph 3,19 („erfüllt bis zur ganzen Fülle Gottes“) gebrauchen dieselbe Fülle-Sprache von einer geschenkten, geteilten göttlichen Fülle. Kol 2,9 ist nach derselben Regel zu lesen.
- Argument von der Lexik. Theótês ist mehrdeutig (Wesen oder Eigenschaft). Eine wesensgleiche Lesart muss erst aus dem Kontext begründet werden — und der Kontext (Philosophie, Gesetz, Haupt-Glieder-Mitteilung) trägt sie nicht, sondern widerlegt sie.
- Argument von der Funktion (Sozzini). Sozzini deutet das Innewohnen der ganzen Fülle darauf, dass kein Wort der Lehre Christi anders denn als Gottes eigenes Wort zu nehmen ist. Das ist eine Aussage über Christi Vollmacht und Offenbarungsrang, nicht über eine zweite Wesensnatur.
Biblische Querverweise
Folgende Stellen sind für das richtige Verständnis von Kol 2,9 essentiell:
Kolosser 2,10 — „und ihr seid in ihm erfüllt“
Der vom Apostel selbst gelieferte Kommentar zu V.9. Die Fülle, die in Christus wohnt, wird an die Gemeinde weitergegeben (peplêrômenoi). Eine Größe, die man an die Kolosser „nach ihrem Maß“ austeilen kann, ist nicht das unteilbare göttliche Wesen.
Kolosser 2,3 — „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“
Zwei Verse zuvor bestimmt Paulus, worin die „Gottheit“ besteht, die in Christus wohnt: in der vollständig in ihm verborgenen göttlichen Weisheit und Erkenntnis. Das ist die Erschließung Gottes, nicht eine zweite Substanz.
Kolosser 1,19 — „es gefiel Gott, dass in ihm alle Fülle wohne“
Die nächste Parallele. Das „es gefiel“ (eudókêsen) macht das Innewohnen zu einem freien Gnadenakt Gottes mit dem Ziel der Versöhnung (1,20). Was Gott wohlgefällig in einen anderen legt, ist Gabe und Auftrag, nicht Wesen.
Johannes 1,16 — „aus seiner Fülle haben wir alle empfangen“
Dieselbe Fülle-Sprache (plêrôma): aus Christi Fülle empfangen die Gläubigen „Gnade um Gnade“. Eine Fülle, aus der empfangen wird, ist mitteilbar — ein Schlüssel zur Lesart von Kol 2,9.
Epheser 3,19 — „erfüllt bis zur ganzen Fülle Gottes“
Paulus wünscht den Ephesern selbst, mit „der ganzen Fülle Gottes“ erfüllt zu werden. Damit ist klar, dass „Fülle Gottes“ bei Paulus etwas ist, das Menschen empfangen können — nicht das ihnen verschlossene Wesen Gottes.
Johannes 14,10 — „der Vater, der in mir wohnt“
Die Wohn-Sprache des Johannes zeigt: Innewohnen ist Beziehung, nicht Identität. Der Vater wohnt im Sohn und wirkt durch ihn; eben so wohnt die Fülle der Gottheit in Christus, ohne ihn zum Wesensgott zu machen.
Johannes 3,34 — „Gott gibt den Geist nicht nach Maß“
Von Christus gilt, dass ihm der Geist „nicht nach Maß“ gegeben ist — also in Fülle. Doch es ist ein Gegebenes: Christus empfängt die volle Ausstattung von Gott. Genau das meint die „ganze Fülle“ in Kol 2,9.
Einwände und sozinianische Antworten
Einwand 1: „Theótês bedeutet doch gerade das Wesen, nicht bloß eine Eigenschaft!“
Die Theologie unterscheidet theótês (Kol 2,9, Wesensgottheit) scharf von theiótês (Röm 1,20, bloße Göttlichkeit). Paulus wählt das stärkere Wort — also ist die Wesensgottheit Christi gemeint.
Die behauptete Trennschärfe der beiden Wörter ist sprachlich nicht gesichert; in der antiken Gräzität überlappen sich theótês und theiótês erheblich, und theótês kann ebenso die Göttlichkeit als Eigenschafts- und Vollmachtsbegriff bezeichnen.
Selbst wenn man theótês mit „Gottheit“ wiedergibt, entscheidet nicht die Vokabel, sondern der Satz: Diese Gottheit wohnt in Christus und wird nach 2,10 an die Gemeinde weitergegeben. Ein Wesen kann weder in seinem Träger „wohnen“ noch portionsweise übertragen werden.
Der Kontext (2,8.16–17) zielt auf Weisheit gegen Philosophie und Wirklichkeit gegen gesetzlichen Schatten, nicht auf Wesensmetaphysik. Die Wortwahl allein trägt die dogmatische Last nicht, die ihr aufgebürdet wird.
Der Rakower Katechismus hält darum fest, dass „jene göttliche Natur nicht bewiesen“ werde; das Wort „Fülle“ selbst zeige eine abstufbare, mitteilbare Göttlichkeit an, „was auf das göttliche Wesen nicht zutrifft“.
Einwand 2: „‚Leibhaftig‘ bedeutet doch die leibliche Menschwerdung der Gottheit.“
Sômatikôs heißt „körperlich“. Paulus sagt also, das göttliche Wesen sei in Christus körperlich, leiblich gegenwärtig geworden — die Inkarnation Gottes.
Paulus selbst liefert den Gegensatzbegriff im selben Kapitel: 2,17 nennt das Gesetz einen „Schatten (skia)“, „der Leib (sôma) aber ist Christi“. Sôma/Schatten ist das Begriffspaar wirklich/vorläufig.
Von daher heißt sômatikôs „in voller Wirklichkeit, substanzhaft, fest“ — im Gegensatz zur schattenhaften Vorabbildung im Gesetz. Es ist ein heilsgeschichtlicher, kein anatomischer Begriff.
Die Aussage lautet also: Was das Gesetz nur schattenhaft besaß, ist in Christus wirklich und fest niedergelegt — die volle, reale Präsenz der göttlichen Heilsfülle. Das ist gerade kein Beweis einer leiblichen Wesensgottheit.
Die traditionelle Lesart muss den Kontext 2,16–17 ausblenden, um sômatikôs auf Inkarnation zu deuten. Wer den Kontext stehen lässt, kommt zur Bedeutung „wirklich/fest“.
Einwand 3: „Warum dann die ganze Fülle, wenn es nur um Weisheit ginge?“
Wenn nur göttliche Vollmacht und Weisheit gemeint wären, müsste das „ganze“ (pan to plêrôma) überflüssig sein. Das „alles“ zeige, dass die ungeteilte Gottheit gemeint ist.
Das „ganze“ markiert die Vollständigkeit der Offenbarung in Christus als dem Haupt: in ihm fehlt nichts von der göttlichen Heilsfülle, sodass man neben ihm keine „Philosophie“ und keine Engelmächte braucht (2,8.18). Genau das ist Pauli Anliegen.
Die Fülle ist gerade deshalb „ganz“ in Christus, weil sie von ihm aus an die Glieder verteilt wird: Eph 4,7 „einem jeden ist die Gnade gegeben nach dem Maß der Gabe Christi“. Das Haupt hat die ganze, die Glieder ihr Maß.
„Ganze Fülle“ und Mitteilbarkeit schließen sich also nicht aus, sondern bedingen sich: Christus besitzt vollständig, was er den Seinen zuteilt. Der Rakower Katechismus formuliert eben dies: die Fülle wohne „bei weitem reichlicher in Christus als dem Haupt“ und werde durch ihn weitergegeben.
Ein unteilbares Wesen würde durch den Zusatz „ganz“ nichts gewinnen — man kann das Wesen Gottes nicht „teilweise“ haben. Das „ganz“ ergibt nur bei einer abstufbaren Fülle einen Sinn.
Einwand 4: „Kol 1,19 sagt dasselbe und beweist die Gottheit erst recht.“
„In ihm wollte alle Fülle wohnen“ (1,19) ist die Parallele zu 2,9 und zeigt, dass die ganze Gottheit dauerhaft in Christus wesenhaft präsent ist.
1,19 bestätigt die sozinianische Lesart, statt sie zu widerlegen. Der Vers sagt: „es gefiel (eudókêsen) Gott“, dass die Fülle in Christus wohne. Ein „Wohlgefallen“ ist ein freier Willensakt Gottes, der etwas setzt — kein Ausdruck natürlicher Wesensidentität.
Subjekt des Setzens ist Gott (der Vater); Christus ist der, in dem die Fülle zu wohnen bestimmt wird. Damit ist Christus Empfänger und Träger, nicht selbst das setzende göttliche Wesen.
Das Ziel des Innewohnens nennt 1,20 ausdrücklich: „und durch ihn alles zu versöhnen“. Die Fülle wohnt in Christus zu einem mittlerischen Heilszweck. Eine wesenhafte Gottheit bräuchte keinen solchen Einsetzungsgrund.
Beide Verse zusammen ergeben also: Gott legt frei und zweckgerichtet seine ganze Heilsfülle in den Menschen Christus — das Gegenteil einer angeborenen Wesensgottheit.
Einwand 5: „Dann ist Christus nur ein großer Lehrer.“
Wenn in Christus nur göttliche Weisheit und Vollmacht „wohnen“, ist er ein begnadeter Mensch unter anderen — das wird der erhabenen Sprache von Kol 2 nicht gerecht.
Die Folgerung ist falsch. Kol 2,10 nennt Christus im selben Atemzug „das Haupt aller Macht und Gewalt“: er steht über allen kosmischen Mächten, vor denen die Irrlehrer sich fürchteten. Das ist eine singuläre, alles überragende Stellung.
In ihm wohnt die ganze Fülle — nicht ein Teil wie bei Propheten und Heiligen. Christus ist der eine Mittler, in dem Gott sich vollständig und endgültig erschlossen hat; aus seiner Fülle leben alle anderen (Joh 1,16).
Die sozinianische Christologie ist darum nicht „niedrig“, sondern erhöhend: Gott hat diesen Menschen zum Haupt über alles eingesetzt, ihm seinen Namen, seine Vollmacht und seine ganze Heilsfülle gegeben (Phil 2,9; Mt 28,18).
Was zurückgewiesen wird, ist allein die metaphysische These der Wesensgleichheit — nicht die Höhe, Einzigkeit und Anbetungswürdigkeit Christi, die der Schrift gemäß auf seiner von Gott verliehenen Stellung beruht (vgl. Johannes 5,23).
Theologische Konsequenzen
Verbundene Verse
Folgende Stellen stützen, vertiefen oder kontrastieren die hier vorgetragene Auslegung:
- Kolosser 1:15-17 — Derselbe Brief: Christus als „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ — Repräsentation, nicht Wesensidentität.
- Johannes 5:23 — Geschenkte, nicht wesenseigene Ehre; dieselbe Logik der von Gott verliehenen Würde Christi.
- 1. Korinther 8:6 — Der eine Gott ist der Vater; der eine Herr Christus ist ihm zugeordnet, nicht wesensgleich.
- Hebräer 1:1-2 — „Abbild seines Wesens“: Abbild setzt ein Urbild voraus — Christus stellt Gott dar, ist nicht Gott selbst.
- Johannes 10:29 — Vater und Sohn „eins“ in Wirken und Schutz, nicht in der Wesensnatur.
Zusammenfassung
Kolosser 2,9 ist sprachlich und im Zusammenhang ein Spitzensatz der Christozentrik, nicht der Wesenstrinität. Die „Fülle der Gottheit“ wohnt in Christus (Beziehung, nicht Identität) und wird nach dem unmittelbar folgenden Vers 2,10 an die Gemeinde „erfüllend“ weitergegeben — ein Vorgang, der beim unteilbaren göttlichen Wesen unmöglich wäre. „Leibhaftig“ meint „wirklich und fest“ im Gegensatz zum gesetzlichen Schatten (2,17), nicht eine leibliche Wesensgottheit.
Die Parallele 1,19 („es gefiel Gott, dass in ihm alle Fülle wohne“) macht das Innewohnen zu einem freien, zweckgerichteten Setzungsakt Gottes — und die Schriftparallelen Joh 1,16 und Eph 3,19 zeigen die Fülle-Sprache durchgängig als Sprache geschenkter, geteilter göttlicher Fülle. „Gottheit“ (theótês) meint hier folglich die volle göttliche Weisheit, Vollmacht und Willenserkenntnis, die nach 2,3 als „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ in Christus verborgen liegt.
Sozzini und der Rakower Katechismus lesen den Vers darum funktional und offenbarungstheologisch: In Christus wohnt Gottes ganze Heilsfülle, sodass kein Wort seiner Lehre anders denn als Gottes eigenes Wort zu nehmen ist und alle Glieder aus seiner Fülle leben. Das ist eine hohe, Christus über alle Mächte erhebende Aussage — aber keine These der Wesensgleichheit, sondern das Bekenntnis zu dem einen Gott, der in dem von ihm erhöhten Menschen Christus seine ganze Fülle niedergelegt hat.
