Christliche Ethik

Johannes Crell hat zwei Ethiken geschrieben. Die eine arbeitet sich an Aristoteles ab. Die andere geht den umgekehrten Weg: Sie fragt nicht, wie sich die antike Tugendlehre biblisch berichtigen lässt, sondern welche Tugenden und Laster die Schrift selbst kennt, wie sie sie benennt und wie sie sie ordnet. Fünf Bücher, rund achtzig Kapitel — vom Begriff der Tugend bis zu den Pflichten von Eheleuten, Obrigkeiten, Reichen und Armen.

TL;DR

Die Ethica Christiana ist der Gegenentwurf zur protestantischen Schulethik des 17. Jahrhunderts. Die las Aristoteles und suchte biblische Belege dazu; Crell dreht das um. Er nimmt die Begriffe, mit denen das Neue Testament vom gelingenden Leben spricht — Heiligkeit, Glaube, Liebe, Furcht des Herrn —, untersucht, was sie eigentlich bezeichnen, und fragt erst dann, welche Ordnung sich daraus ergibt. Das Ergebnis ist die vollständigste Sittenlehre, die der Sozinianismus hervorgebracht hat — und an mehreren Stellen, etwa bei der Gewissensfreiheit und beim Amt der Diakonissen, steht darin 1630 etwas, das kein anderes Lehrbuch jener Zeit enthält.

1. Das Verfahren: erst die Wörter, dann die Sache

Crells Methode ist auf jeder Seite dieselbe und für den ungeübten Leser zunächst befremdlich. Bevor er sagt, was eine Tugend ist, untersucht er, in welchen Bedeutungen die Schrift das Wort Tugend (griechisch ἀρετή) gebraucht. Bevor er über den Eid urteilt, klärt er, was Schwören überhaupt heißt. Bevor er von der Erkenntnis handelt, zählt er die fünf Wörter auf, mit denen die Schrift sie bezeichnet — Erkenntnis, Weisheit, Einsicht, Klugheit, Empfindung — und prüft jedes einzeln.

Dahinter steht eine wiederkehrende Beobachtung: Die Schrift gebraucht dieselben Wörter bald weit, bald eng, bald eigentlich, bald bildlich. „Die Furcht Gottes hat ebenso viele Bedeutungen wie die Liebe“, heißt es lapidar am Anfang eines Kapitels. Wer diese Unterschiede überspringt, baut seine Ethik auf Homonyme. Die Fachsprache der Schule bleibt Crells Werkzeug — habitus, voluntarium, mediocritas stehen auf jeder zweiten Seite —, aber sie hat nicht mehr das letzte Wort.

Gleich der erste Satz des Werks zeigt, wie knapp er bestimmen kann, wenn die Vorarbeit getan ist:

Die christliche Tugend ist eine Beschaffenheit des Gemüts, die auf jene Vollkommenheit des Menschen zielt, welche in der Lehre Christi beschrieben ist.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von der christlichen Tugend im Allgemeinen

Zwei Dinge stecken darin. Erstens: Tugend ist ein Habitus, also nichts Augenblickliches und nichts Zugerechnetes, sondern eine erworbene, dauerhafte Beschaffenheit — sie kann eingeübt und sie kann verloren werden. Zweitens: Ihr Maß ist nicht die Natur und nicht die Vernunft allein, sondern „die Lehre Christi“. Damit ist die Weiche gestellt.

2. Warum diese Ethik anders ausfällt

Die Lehrentscheidungen des Sozinianismus sind für eine Ethik keine Nebensache — sie zwingen sie in eine andere Form:

  1. Ohne Genugtuungslehre kein bloßer Dankesgehorsam. Wer das Sühneopfer nicht als vollzogene Bezahlung versteht, kann den Gehorsam nicht als nachträgliche Dankbarkeit behandeln. Er muss ihm eigenes Gewicht geben — die Ethik wird heilsrelevant statt dekorativ.
  2. Mit freiem Willen keine unwiderstehliche Gnade. Tugend lässt sich dann nicht als Wirkung beschreiben, die am Menschen geschieht, sondern als etwas, das erworben, geübt und verfehlt wird. Daher hat das Werk ein eigenes Kapitel über die Grade der Frömmigkeit — es gibt bei Crell Anfänger und Fortgeschrittene.
  3. Ohne Erbsünde als vererbte Schuld bleibt der Übergang von den Lastern zur Tugend ein wirklicher Weg, den Crell eigens beschreibt — und kein bloßes Umschalten von Status.

Wer allerdings erwartet, das Buch werde die scharfen Forderungen der Bergpredigt als Programm ausrufen, wird überrascht sein. Crell verfährt nüchterner. Sein Kapitel über den Eid stellt das Schwören unter die Teile der göttlichen Ehre und fragt dann, unter welchen Bedingungen es recht geschieht; die Bergpredigt zitiert er dort nicht ein einziges Mal. Das ist kein Rückzug, sondern Methode: Er erhebt zuerst, was die Schrift über eine Sache sagt, und lässt die Folgerungen daraus entstehen, statt sie ihr voranzustellen.

3. Erstes Buch: Die Tugend und die Tugenden des Verstandes

Die Grundlegung. Nach dem Begriff der christlichen Tugend folgen die Tugenden des Verstandes, definiert als „eine Beschaffenheit des Gemüts, durch die wir dasjenige erkennen, beurteilen oder mit unserer Zustimmung gutheißen, was zur christlichen Religion und Frömmigkeit gehört“. Sie zerfallen in zwei Gattungen: Erkennen und Beurteilen (Erkenntnis, Klugheit) und Zustimmen (Glaube, Hoffnung).

Erkenntnis

Das Kapitel ist eine Wortfeldarbeit am neutestamentlichen Vokabular: fünf Wörter, ihr Gegenstand, die Weise, wie die Schrift ihn ausdrückt, die Eigenschaften dieser Erkenntnis — und dann zwei Einteilungen. Die erste unterscheidet genauere von weniger genauer Erkenntnis, die zweite wirksame von unwirksamer. Der Sache nach heißt das: Es gibt ein Wissen, das folgenlos bleibt, und Crell behandelt es als Fehlform, nicht als geringeren Grad. Am Ende steht das Gegenteil, die Unwissenheit, und daneben „die Weisheit dieser Welt“, die Jakobus „irdisch, seelisch und teuflisch“ nennt.

Klugheit und das Streben zu erkennen

Auf die Klugheit folgt ein Anhang, der eigentlich an anderer Stelle stünde — Crell schiebt ihn ein, „wegen ihrer sehr großen Verwandtschaft mit den Tugenden des Verstandes“. Es geht um eine Haltung, für die es im Griechischen nur ein Wort für das Gegenteil gibt: asynesia. Crell übersetzt es als „einen willentlichen Unverstand oder eine willentliche Torheit“ — nicht den Mangel an Wissen, sondern den Mangel an Bemühen, die Dinge recht zu betrachten. Die Tugend dazu nennt er „das Streben zu erkennen“:

Sie ist … eine solche Beschaffenheit des Gemüts, durch die es geschieht, dass du dasjenige erkennen und vorhersehen willst, was dem christlichen Menschen zu erkennen und vorherzusehen ziemt.Johannes Crell, Christliche Ethik — Vom Streben nach Weisheit und Klugheit

Für eine Bewegung, deren Leitwort „Prüfet alles“ war, ist dieser kleine Anhang programmatisch: Nicht zu wissen ist Unglück, nicht wissen zu wollen ist Schuld.

Glaube und Hoffnung

Beide werden zuerst nach ihren Bedeutungen sortiert. Vom fides scheidet Crell gleich zu Beginn zwei Bedeutungen aus, die anderswo hingehören: die Treue, „die eine sittliche Tugend ist“, und jene besondere Geistesgabe der ersten Zeit. Was bleibt, ist der Glaube als Zustimmung des Verstandes zu dem, was Gott offenbart hat — im weitesten Sinn auch zu dem, was man mit Augen sieht, enger dann zu dem, was man nicht sieht.

Und hier wird es interessant, denn bei dem, was man nicht sieht, „scheint etwas Willentliches hinzuzutreten, so dass dieser Glaube etwas Gemischtes ist und teils zum Verstand, teils zum Willen gehört“. Glaube ist bei Crell kein bloßes Fürwahrhalten und kein bloßer Entschluss, sondern beides zugleich. Es folgen der rechtfertigende Glaube, seine Eigenschaften, das Verhältnis zum Vertrauen und die Frage, warum die Schrift gerade dieses Wort wählt.

Die Hoffnung bestimmt er als „die Erwartung eines künftigen Gutes“, dem man hinzufügen könne: „eines von Gott oder Christus zu erlangenden“. Sie enthalte zweierlei — eine Gewissheit und ein Verlangen. Vom Vertrauen unterscheide sie sich darin, dass das Vertrauen sich auf die Person richtet, auf die es sich stützt, die Hoffnung aber auf die Sache.

4. Zweites Buch: Die Heiligkeit als Ganzes

Bevor Crell zu den einzelnen Tugenden geht, behandelt er ihren Inbegriff: die Heiligkeit oder Frömmigkeit (sanctitas, pietas). Er definiert sie dreifach, zur Auswahl gestellt: „der Inbegriff aller christlichen Tugenden, die zu den Sitten gehören; oder, wenn man lieber will: der Habitus, nach den Geboten Christi zu handeln; oder, wenn es beliebt: die Beobachtung der Gebote Gottes oder Christi.“

Der Wille, der Vorsatz und das Gewissen

Das einleitende Kapitel klärt Subjekt und Form der sittlichen Tugend: Sitz ist der Wille, Form der Habitus, und dazu gehört der Vorsatz des Handelns. Dann kommt der Abschnitt, der für das Verständnis des ganzen Werks entscheidend ist — das Gewissen. Crell nennt es das, was Gott „zur inneren und nächsten Norm und Richtschnur unserer Vorsätze und Handlungen und gleichsam zum Eintreiber und Richter unserer Pflicht bestellt hat“, und erläutert das mit einem Bild aus dem Marktrecht:

Die Sache verhält sich ebenso, als wenn die Obrigkeit öffentlich ein bestimmtes Maß der Dinge festsetzte, etwa eine Elle, eine Messrute oder ein Pfund, dem alle privaten Maße gleichförmig sein müssen; mit welchem öffentlichen Maß niemand irgendetwas von dem misst, was verkauft oder gekauft wird, sondern jeder misst die einzelnen Dinge mit seinem privaten, jenem angeglichenen Maß — und zwar richtig, wenn jenes private Maß dem öffentlichen durchaus gleichförmig ist, schlecht aber, wenn es das nicht ist.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von den Tugenden des Willens oder der Sitten

So hat Gott „sein Gesetz in der Lehre Christi allen öffentlich vorgelegt“; niemand aber kann sich dieser Norm unmittelbar bedienen, sondern nur durch das eigene Gewissen hindurch. Damit steht die Lehre Christi objektiv fest — und wird doch für jeden Einzelnen nur durch sein Gewissen zugänglich. Aus genau dieser Doppelheit folgt später Crells Position zur Gewissensfreiheit. Das Kapitel schließt mit „drei schwersten Fragen“ zum irrenden Gewissen und der paulinischen Regel über den Zweifel.

Das Fundament: die Rechtschaffenheit des Gemüts

Die Heiligkeit selbst behandelt Crell in drei Gliedern — Fundament, Übergang, Sache. Das Fundament ist „die Rechtschaffenheit des Gemüts“, und die sei „nichts anderes als die Liebe zum Ehrbaren, oder die freiwillige Neigung des Gemüts zum Bemühen um die Tugend“. Ihr Gegenteil: der Hass gegen die Tugend.

Hier stehen auch die heikelsten Fragen des Buchs, und Crell stellt sie selbst: Wie weit reicht die Freiheit des Willens? Wird die Tugend um ihrer selbst willen geliebt? Warum hat Gott der Tugend überhaupt einen Lohn beigefügt — und mindert die Hoffnung auf Lohn nicht den Wert des Handelns? Er weicht keiner aus. Dass die Tugend belohnt wird, macht sie nicht zum Geschäft; und dass sie um ihrer selbst willen liebenswert ist, macht den Lohn nicht überflüssig.

Der Übergang von den Lastern zur Tugend

Ein Kapitel, das es in keiner lutherischen oder reformierten Ethik so gibt — weil dort der Übergang ein Rechtsakt ist und keine Bewegung. Crell sammelt „an die dreißig und einige“ Redeweisen, mit denen die Schrift ihn beschreibt, und ordnet sie nach einfachen Wörtern und ganzen Wendungen, nach vollständigen und weniger vollständigen. An erster Stelle steht die Umkehr:

Was die einfachen Wörter betrifft, so begegnet an erster Stelle das Wort Buße oder vielmehr Umkehr, griechisch μετάνοια, das eigentlich die Veränderung des Gemüts zum Besseren bezeichnet, und zwar eine solche, die auch die Veränderung der Handlungen zum Besseren nach sich zieht. Denn μετανοεῖν heißt: nach der Tat klug werden.Johannes Crell, Christliche Ethik — Vom Übergang von den Lastern zur Tugend

Gute Werke

Die Definition ist weit und zugleich genau: gute Werke sind alle Handlungen, „die mit den Geboten Gottes und Christi übereinstimmen“ — und zwar nicht nur die ausdrücklich vorgeschriebenen, sondern auch die, „die durch Entsprechung oder eine andere rechtmäßige Folgerung aus ihnen abgeleitet werden“. Crell fügt sogar hinzu, dass eine Handlung auch dann gut sein kann, wenn der Handelnde an das Gebot gar nicht gedacht hat, weil es eine „ihrer Natur nach frühere Richtschnur der guten Werke gibt, von der die Gebote Gottes und Christi selbst abhängen“.

Es folgen die Einteilungen — innere und äußere Werke, die Dreiteilung, die Vierteilung nach Matthäus 22,37, Werke vor und nach dem Habitus, einzelne Handlungen und Gewohnheit — und dann wieder eine Wortfeldarbeit: die eigentlichen Wendungen der Schrift, die metonymischen, die metaphorischen, und ein eigener Abschnitt über die Nachahmung.

Die Grade der Frömmigkeit

Hier zieht Crell die Konsequenz aus dem freien Willen. Die Grade bemisst er nach Beständigkeit und Bereitwilligkeit. Und die Bestimmung der Beständigkeit ist bemerkenswert milde:

Denn die Heilige Schrift, zumal die des Neuen Bundes, und ebenso der gemeine Sprachgebrauch nennen nicht allein denjenigen heilig und fromm, der niemals in irgendetwas gefehlt hat, sondern auch denjenigen, der zumeist das leistet, was der Tugend und Frömmigkeit gemäß ist, mag er auch bisweilen aus Schwachheit oder aus Irrtum oder aus einer Unbedachtsamkeit straucheln.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von den Graden der Frömmigkeit

Die Bereitwilligkeit ist die zweite Achse: „dass einer bei seinen Handlungen Lust empfindet“ — sie entspringt daraus, dass das Fleisch so weit gebändigt ist, dass die Übung der Tugend keine große Schwierigkeit mehr macht. Daraus ergeben sich drei Grade der Heiligkeit und drei entgegengesetzte Grade der Gottlosigkeit, dazu weitere Unterscheidungen nach Hilfsmitteln und Gelegenheiten, nach einzelnen Tugenden, nach Zeit und Dauer — und schließlich die Unterscheidung einer intensiven von einer extensiven Vollkommenheit: in die Tiefe und in die Breite.

Eigenschaften der Frömmigkeit

Die erste ist die Sorgfalt, und ihr erster Teil ist „die Behutsamkeit oder Wachsamkeit, die alle Sicherheit ausschließt, das heißt einen gewissen geistlichen Schlaf“. Die zweite ist die Vollkommenheit, die dritte, dass die Heiligkeit ganz geistlich ist.

5. Drittes Buch: Die Pflichten gegen Gott

Die erste Hälfte der Frömmigkeit: alles, was eigentlich Gott betrifft. Crell unterscheidet weite und enge Teile der pietas — manche reichen so weit, dass sie die ganze Frömmigkeit umfassen, andere bezeichnen ein bestimmtes Stück. Und er notiert eine Verbindung, die er später mehrfach braucht: Ehre und Liebe gehören zusammen, denn „die Ehre fließt aus der Liebe und ohne sie in Wahrheit keine ist; jene hinwiederum ist kraftlos, wenn diese nicht nachfolgt“.

Vertrauen, Liebe, Furcht

Das Vertrauen auf Gott und Christus steht am Anfang. Crell behandelt es zwischen zwei Äußersten: der Versuchung Gottes auf der einen Seite und der Vermessenheit auf der anderen — und stellt dann ausdrücklich die Frage, „ob es schlimmer sei, Gott zu viel oder zu wenig zu vertrauen“.

Bei der Liebe zu Gott unterscheidet er drei Bedeutungen und fragt, was es heißt, Gott „von ganzem Herzen, ganzer Seele und allen Kräften“ zu lieben. Die Furcht Gottes teilt er in die knechtische und die kindliche; ihr Gegenteil im Mangel ist, Gott nicht zu fürchten, im Übermaß der Aberglaube. Beide Kapitel stützen sich durchgehend auf Stellenvergleich: Dass „fürchten“ in 5. Mose 10,20 „verehren“ heißt, zeigt Crell daran, dass Christus dieselben Worte bei Matthäus 4,10 mit „anbeten“ wiedergibt.

Die Ehre Gottes

Das Zentralkapitel des dritten Buchs — es umfasst nach Crell „beinahe die ganze pietas“. Er trennt innere und äußere Ehre und definiert beide getrennt: Die innere ist „die Ehrerbietung und Ehrfurcht gegen die Gottheit, entsprungen aus der Betrachtung ihrer Majestät und ihrer höchsten Wohltätigkeit gegen uns“; die äußere ist deren Zeichen. Und weil ein Zeichen wahr oder trügerisch sein kann, sei „die äußere Ehre bald wahr, bald geschminkt“.

… zumal wenn man darauf achtet, dass die äußere Ehre ohne die innere vor Gott nichts ist, die innere hingegen ohne die äußere oft aufs höchste willkommen ist.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von den Teilen und Arten der göttlichen Ehre

Drei Teile setzt er an: die Anbetung im strengen Sinn, den Dienst und die Verkündigung der Gottheit, dazu das Bekenntnis. Und er behandelt sehr genau, was als Anbetung „an sich“ und was nur „beiläufig“ gilt — einschließlich der Frage nach den Engeln im Alten Bund. Für eine antitrinitarische Gemeinde war dieser Abschnitt kein Nebenschauplatz: Wer bestimmt, wem Anbetung gebührt, entscheidet über die Christologie. Am Ende stehen die Laster: der Götzendienst im weiteren und im engeren Sinn und „was dem Götzendienst benachbart ist“.

Der Eid

Crell setzt ihn unter die Teile der göttlichen Ehre, „die vornehmlich durch die Rede vollbracht wird“, an die zweite Stelle, und definiert:

Schwören heißt aber eigentlich: etwas heilig und mit religiöser Scheu bekräftigen, und zwar vornehmlich so, dass die Gottheit — sei es offen, sei es stillschweigend — angerufen wird als Zeuge und Rächer der Wahrheit.Johannes Crell, Christliche Ethik — Vom Eid

Dann folgt, was nach dieser Bestimmung zu fragen ist: worin beim Eid die göttliche Ehre besteht, welches die beiden Äußersten sind, was gilt, wenn bei einem Namen geschworen wird, der nicht anzurufen ist, was bei unwürdiger oder ungewisser Sache, was von der Zweideutigkeit in Eiden zu halten ist, wie es steht mit dem Auferlegen des Eides an andere, mit dem Eid gemeinsam mit Mitschwörenden und mit der Beschwörung. Die Bergpredigt kommt nicht vor. Das ist die bemerkenswerteste Zurückhaltung des Buchs: Die Frage, an der sich die Polnischen Brüder jahrzehntelang zerrieben, behandelt Crell als Frage der rechten Gottesverehrung — und lässt die Folgerungen den Leser ziehen.

Lob, Abendmahl, Gebet

Unter das Lob Gottes fasst Crell „alle diejenigen Aussagen, durch die Gott etwas Ausgezeichnetes oder Vortreffliches zugeschrieben oder von ihm ausgesagt wird“. Dazu gehören die Danksagung, der Gesang beim Lob Gottes — und ein eigener Abschnitt über die Danksagung „auch für widrige Dinge“.

Dem Abendmahl widmet er eine eigene Behandlung, obwohl es unter die Danksagung fällt. Die Begründung ist theologisch aufschlussreich: Die im Herrenmahl gefeierte Wohltat sei die hervorragendste, weil sie „der allergrößte Beweis der göttlichen Liebe gegen uns ist“. Dabei unterscheidet Crell sorgfältig zwischen der Größe des Gutes und der Größe der Liebe: Vergebung und ewiges Leben seien ein größeres Gut als der Tod Christi — „so ist doch die Kraft der göttlichen Liebe größer“, denn Gott gab seinen Sohn und dieser sich selbst. Das Abendmahl steht hier also nicht als Gnadenmittel, sondern als „Ritus des Herrenmahls, der zur Feier des Todes Christi eingesetzt ist“.

Das Gebet schließlich bekommt eine eigene Rubrik, weil es sich der reinen Ehrerweisung nicht fügt: Es „sieht nicht allein auf die göttliche Ehre, sondern wird auch offenbar und unverhohlen auf irgendein Gut von uns bezogen, das wir auf diesem Wege zu erlangen wünschen“. Drei Hauptstücke arbeitet Crell ab: was und für wen zu erbitten ist; wie der Betende beschaffen sein muss; wie das Gebet selbst beschaffen sein muss.

6. Viertes Buch: Die Pflichten gegen den Nächsten

Das umfangreichste Buch. Es beginnt mit einer Begriffsklärung, die man heute nicht erwartet: Wer ist der Nächste? Crell folgt „dem gewöhnlichen Sprachgebrauch der Theologen“ und versteht darunter alle Menschen — hält aber fest, dass die Schrift selbst enger redet und den Nächsten „gewöhnlich den Fremden und Entfernten entgegenstellt, und zumal den Feinden, wie aus Matth. 5,43 erhellt“. Unter dem Evangelium heißen dann im besonderen diejenigen Nächste, „die mit uns derselben Religion teilhaftig sind“. Die Ausweitung ist also nicht erschlichen, sondern begründet.

Was wir schulden: Gerechtigkeit, Billigkeit, Treue

Crell teilt die Pflichten gegen andere nach einem klaren Kriterium: Entweder werden sie „nach menschlicher Weise geschuldet“ — dann teilen wir dem anderen sein Recht zu — oder sie gehen „aus einer gewissen Güte und Neigung der Empfindung“ hervor — dann leisten wir ihm das, „was unseres Rechtes ist“. Jenes gehört zur Gerechtigkeit, dieses zur Liebe.

Die Billigkeit (epieikeia) bestimmt er als „eine Tugend, welche die Strenge des Rechts mildert, oder … eine durch eine gewisse Güte gemäßigte Gerechtigkeit“, und nennt ihre zwei Aufgaben. Die erste: Wenn du etwas forderst, bedränge den anderen nicht allzu scharf, sondern fordere lieber weniger, als du nach strengem Recht fordern könntest. Die zweite gilt der Gegenrichtung — wenn du dich zwar mit einem Rechtsschein verteidigen könntest, aber gewichtige Gründe dagegen sprechen. Das Beispiel dazu ist konkret: jemand, der sich auf den Wortlaut eines Vertrages berufen könnte und doch „lieber dem Sinn des Gesetzes oder des Vertrages … folgen und so von seinem Vorteil abstehen will“.

Die Treue gehört zur Gerechtigkeit und erstreckt sich ausdrücklich auch auf stillschweigende Versprechen: wenn jemand „mit Miene oder Gebärde zeigt, dass er etwas tun werde“, oder wenn er ein Amt übernimmt, „kraft dessen er hernach dazu gedrängt wird, etwas zu tun, auch wenn er ausdrücklich niemals gesagt hat, dass er es tun werde“. Ihre Gegenteile behandelt Crell einzeln: Treulosigkeit, Betrug, Verrat.

Was aus der Liebe fließt

Hier beginnt das, wozu keine Schuld verpflichtet. Die Liebe nimmt Crell zunächst eng — als „jene Tugend, durch die wir dem Nächsten das zuteilen, was wir ihm nach dem gemeinen Recht nicht schulden“ — und unterscheidet dann zwei Verwendungen der Schrift:

Daher könnte man sagen, es werde bald nur die Quelle der Pflichten, bald zusammen mit der Quelle auch jene Bächlein, das heißt die aus ihr fließenden Pflichten, mit diesem Namen begriffen.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von der Liebe

Die Barmherzigkeit grenzt er scharf ab: Sie sei enger als die Liebe, denn sie „wird nur gegen diejenigen bewegt, die entweder elend sind oder es sein können; die Liebe hingegen kann auch gegen die Seligsten geübt werden“. Sie ist also „die Liebe gegen jene, die irgendwelchen Übeln unterworfen sind“ — ausdrücklich auch bei bloß drohendem Übel.

Die aus der Liebe fließenden Tugenden ordnet Crell danach, ob sie Übles verbieten oder Gutes gebieten. Übles zu tun verbieten Sanftmut und Langmut; Gutes zu leisten gebieten Freude, Freundlichkeit und Wohltätigkeit; beides zugleich betrifft der Friede.

Sanftmut und Langmut

Die Sanftmut ist „die Tugend, die sich mit der Mäßigung des Zorns beschäftigt“ — und sie mäßigt ihn dreifach: dass du nicht zürnst, wenn es nicht sein soll; nicht heftiger, als es sein soll; nicht länger, als es sein soll. Die Langmut ist „eine gewisse Vollkommenheit“ der Sanftmut: „was jene schlechthin leistet, das leistet diese auf lange Zeit.“

Die erste Pflicht entfaltet er mit Beispielen, die den Ton des Buches gut zeigen: nicht zu zürnen, wenn keine gerechte Ursache vorliegt — „zum Beispiel wenn dich jemand ermahnt und deine Taten mit Recht tadelt; ja sogar, wenn er es zu Unrecht tut, sofern der, welcher es tut, das Wahre nicht kennt und es aus Liebe zu dir tut“. Nicht dem zu zürnen, dem man nicht zürnen soll, „wie den Eltern oder anderen Wohltätern oder der Obrigkeit“. Und nicht zu einer Zeit oder an einem Ort, wo es sich am wenigsten ziemt, „zum Beispiel in der Gemeinde oder wenn heilige Dinge verhandelt werden“.

In diesem Kapitel steht auch die Stelle, an der Crell selbst zugibt, wo seine Ethik eine offene Naht hat:

Wiewohl wir jene Frage nicht durchweg erledigt haben, ob es erlaubt sei, auch ein Glied zu verstümmeln oder an Übeltätern die Todesstrafe zu vollziehen; sondern wir haben das hingestellt, was bisher in unseren Gemeinden angenommen ist, und auch jetzt beliebt es uns nicht, hier in die Tiefe zu gehen.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von der Sanftmut und der Langmut

Der Satz ist aufschlussreicher als manche Lehrentscheidung. Crell weiß, dass die Frage nicht entschieden ist; er nennt den Stand der Gemeinden und hält inne, statt eine Antwort zu erzwingen. Dieselbe Zurückhaltung prägt das ganze Buch — und sie ist der Grund, warum es kein Erbauungsbuch geworden ist.

Freude, Freundlichkeit, Wohltätigkeit, Friede

Vier Tugenden, die man in einer Ethik nicht unbedingt erwartet. Die Freude aus Galater 5,22 deutet Crell nach längerem Abwägen nicht als Mitfreude über fremdes Gutes, sondern als „eine solche Tugend, durch die einer anderen Christen Freude zu bereiten pflegt“ — also als die Fähigkeit, anderen die Gegenwart angenehm zu machen. Die Freundlichkeit (χρηστότης) bezeichne, auf den Gebrauch gesehen, „eher eine gewisse Annehmlichkeit und Anmut, die einer anderen darbietet“, als den bloßen Nutzen.

Die Wohltätigkeit (εὐποιΐα) sorgt „für den Vorteil der anderen“; Crell zeigt an Galater 5,22, dass sie dort unter dem Namen ἀγαθωσύνη erscheint, und behandelt im selben Kapitel die Dankbarkeit. Der Friede schließlich ist „eine gewisse Verbindung der Gemüter und des Lebens, durch die es dahin kommt, dass der eine dem anderen in keinem Stück beschwerlich ist“. Er ist zweifach — bürgerlich und christlich —, und die Unterscheidung hat eine praktische Pointe:

Darum sollen die Christen jenen, soviel an ihnen liegt, mit allen Menschen pflegen, diesen aber nur mit denen, die derselben christlichen Religion teilhaftig sind.Johannes Crell, Christliche Ethik — Vom Frieden, oder vom Eifer um die Eintracht

Zu den Extremen zählt Crell nicht nur die Zwietracht, sondern auch „die zu enge Gemeinschaft“ sowie Parteiungen und Verschwörungen — die Verkehrung des Friedens in Cliquenbildung.

7. Viertes Buch, zweiter Teil: Die Pflichten gegen uns selbst

Der dritte Teil der Heiligkeit. Crell ordnet ihn nach dem, worum sich die Tugend dreht: um geistliche oder um irdische Güter, und jeweils um die entsprechenden Übel. „Um die Güter dreht sich das Verlangen nach ihnen und die daraus entspringende Freude. Um die Übel drehen sich Furcht und Schmerz: die Furcht, wenn sie drohen, der Schmerz, wenn sie da sind.“

Die geistlichen Güter

Das Verlangen nach ihnen begründet Crell mit den Seligpreisungen — „die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten“ — und bezieht es vor allem auf „die uns verheißene und durch die gewissesten Zeugnisse bekräftigte selige Unsterblichkeit“. Die daraus fließende Freude behandelt er an Paulus: „allezeit fröhlich sein“ sei so zu verstehen, „wie es die Beschaffenheit dieses unseres Lebens zulässt“ — denn „es kann nicht anders sein, als dass irgendein Schmerz dazwischentritt und diese unsere Freude stört“. Eine Ethik, die Trauer zulässt, ohne sie zum Fehler zu erklären.

Die Furcht ist hier „jene Regung, die aus der Betrachtung der göttlichen Strafen entspringt … und die dich zum Eifer der Frömmigkeit anspornt“; der Schmerz jene Traurigkeit, „die aus der Betrachtung der von uns begangenen Sünden entspringt“. Und Crell macht eine nüchterne psychologische Beobachtung dazu: Die meisten Menschen betrübten sich „weniger über die Schändlichkeit ihrer Taten selbst als darüber, dass sie sich auf diese Weise den göttlichen Zorn zugezogen haben“.

Die irdischen Güter

Großmut und Gleichmut zeigen sich in beidem, in Gütern wie in Übeln, und verhalten sich zueinander wie Ursache und Wirkung: Der Großmut „kommt es zu, das Menschliche zu verachten und für nichts zu halten — jedoch mit rechter Vernunft und Urteil —, woraus folgt, dass du in beiderlei Geschick das Gleichmaß bewahrst und weder vom günstigen emporgetragen noch vom widrigen niedergeworfen wirst“.

Die Verachtung der irdischen Güter fasst Crell erstaunlich maßvoll: Zu verachten seien jene Güter „insoweit, als sie nicht dazu notwendig sind, dieses Leben bequem hinzubringen“. Und beim Leben selbst zieht er dieselbe Linie: Es zu lieben ist unvermeidlich und richtig; „das Leben aber dann bewahren zu wollen, wenn es dahinzugeben ist, heißt es allzu sehr lieben“.

Es folgen die Mäßigung, die in der Schrift meist die Nüchternheit meint; die Genügsamkeit (αὐτάρκεια), „durch die es geschieht, dass du dich bei denjenigen Dingen beruhigst, die dazu notwendig sind, dein Leben und das der Deinen für die gegenwärtige Zeit bequem hinzubringen“; und schließlich Tapferkeit, Geduld und Beständigkeit.

Bei der Genügsamkeit macht Crell eine Unterscheidung, die dem Vorwurf der Weltflucht den Boden entzieht: Die „gegenwärtige Zeit“ meine nicht den heutigen Tag, „ja nicht einmal einen Monat“, sondern den ganzen Zeitraum, für den man vernünftigerweise jetzt vorsorgen muss. Das Wort Jesu vom morgigen Tag verbietet die Sorge, nicht die Vorsorge.

Was uns und andere zugleich betrifft

Der vierte Teil der Heiligkeit. Die Bescheidenheit (ταπεινοφροσύνη) ist „eine Tugend, die die Begierde nach Ehre zügelt und in uns eine gemäßigte Empfindung von uns selbst oder von unserer Würde erzeugt“ — und Crell notiert eigens, dass die lateinische humilitas bei den römischen Schriftstellern als Laster galt. Das Neue Testament macht daraus eine Tugend; die Sprache der Heiden reicht dafür nicht.

Die Verschämtheit hütet sich davor, „dass an dir von anderen irgendetwas Unziemliches wahrgenommen werde“; die Gesetztheit bewahrt „eine gewisse geziemende Beständigkeit“ in äußeren Dingen und ist besonders denen nötig, „die die Sitten und das Leben anderer zu lenken haben“.

Lauterkeit und Wahrhaftigkeit bilden ein Paar: jene die Gattung, diese die Art; jene zeigt sich in allem, wodurch die Regungen des Gemüts ausgedrückt werden, diese eigentlich in den Reden. Und auch hier gilt die Lehre von der Mitte — Offenheit ist eine Tugend, kein Automatismus:

Indem wir sie aber eine Tugend nennen, zeigen wir eben damit an, dass die Lauterkeit eine gewisse mediocritas ist, das heißt, dass in dieser Sache eine gewisse Mäßigung und Klugheit anzuwenden ist, damit nicht ohne Unterschied alles Beliebige oder an jedem beliebigen Ort oder zu jeder beliebigen Zeit oder gegen jeden Beliebigen eröffnet werde, sondern denen, die es nötig haben, und wann und so viel es nötig ist.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von der Lauterkeit und der Wahrhaftigkeit

Ihr Gegenstück ist die Verschwiegenheit, die Tugend des Verbergens — deren bekannteres Extrem, die Geschwätzigkeit, Crell an 1. Timotheus 5,13 festmacht.

Werke, die über die Pflicht hinausgehen

Ein eigenes Kapitel, das zwischen den Adiaphora und dem zum Heil Notwendigen eine dritte Klasse eröffnet: Dinge, die „an sich sehr lobenswert und eines christlichen Menschen höchst würdig“ sind, ohne schlechthin notwendig zu sein. Crell begründet, warum es sie geben darf — Gott habe uns aus Billigkeit nicht „an so enge Gesetze“ binden wollen, sondern gewollt, „dass es einiges gebe, worin sich die Frömmigkeit der Menschen … frei betätige und immer wieder nach größerer Vollkommenheit strebe“.

Die scholastische Bezeichnung lehnt er dabei ausdrücklich ab: „Werke der Übergebühr“ sei ein Wort, „das sowohl ungeschickt als auch abergläubisch ist“, weil man meine, sie ließen sich anderen zurechnen. Aber, fügt er hinzu, „wenn die Irrtümer, die sich um diese Sache drehen, beseitigt sind, ist die Sache selbst keineswegs zu verwerfen“. Fünf Beispiele führt er an: die Übernahme eines Amtes in der Kirche; die unentgeltliche Verkündigung des Evangeliums nach dem Vorbild des Paulus; die Gütergemeinschaft der ersten Christen; die Ehelosigkeit; das Fasten.

Die Behandlung der Gütergemeinschaft zeigt seine Art zu lesen. Er hält fest, dass sie „aus einer gewissen Überfülle der Liebe der einen zu den anderen hervorging“, aber nicht geboten war — und begründet das mit dem Wort des Petrus an Ananias: Blieb es nicht, solange es blieb, dein? Wer daraus ein Gebot macht, liest gegen den Text; wer sie geringschätzt, auch.

Die gleichgültigen Dinge

Adiaphora sind für Crell „diejenige Dinge, die an sich weder ehrbar noch schändlich, weder anständig noch unanständig sind“ — an sich, denn durch Umstände und Gebrauch werden sie zu dem einen oder anderen: „So ist Essen und Trinken an sich gleichgültig, aber nicht auf jede beliebige Weise.“ Für den Zweifelsfall gibt er eine Faustregel, die den ganzen Ernst der sozinianischen Frömmigkeit enthält:

… so folgt, dass er, wenn er die Handlung nicht aufschieben kann — denn das ist zu tun, wenn die Sache es zulässt —, sich auf die Seite neigen soll, die sicherer ist. Sicherer aber ist, allgemein gesprochen, diejenige, die dem Fleisch mehr zuwider ist.Johannes Crell, Christliche Ethik — Vom Gebrauch der gleichgültigen oder mittleren Dinge

Die Pflicht der ganzen Kirche

Was nicht die Einzelnen, sondern die versammelte Gemeinde zu tun hat. Crell stellt klar, dass er unter Kirche „vornehmlich eine jede einzelne Kirche“ versteht, also die Ortsgemeinde: „die Gemeinde von Menschen, die öfter an demselben Ort um der Religion willen zusammenkommen“. Drei Gegenstände behandelt er: die Wahl zu den kirchlichen Ämtern, die Kirchenzucht und die gemeinsamen Aufwendungen samt den Almosen.

8. Fünftes Buch: Die besonderen Pflichten der Stände

Hier wird es konkret bis zur Unbequemlichkeit. Crell begründet zunächst, warum es dieses Buch überhaupt braucht: Zwar folge das Besondere aus dem Allgemeinen und könne „von einem klugen Menschen … daraus abgeleitet werden“ — aber eben nicht von jedem. Dann teilt er ein: die Christen als Glieder der Kirche und dieselben Christen „außerhalb der Kirche betrachtet“, wobei er eigens klarstellt: gemeint sind nicht die, die nicht dazugehören, sondern dieselben Menschen in ihren weltlichen Verhältnissen.

Die Ämter der Gemeinde

Crell unterscheidet Amtsträger und Private — letztere nennt die Schrift ἰδιῶται, „die vom Volk sind“. Unter den Amtsträgern trennt er die, welche leiten, von denen, die dienen. Und er stellt beiläufig eine Behauptung auf, die damals alles andere als selbstverständlich war:

Denn aus dem Brief an Titus, Kap. 1, steht hinlänglich offen fest, dass Presbyter und Bischof dasselbe sind, das heißt Ältester und Aufseher der Kirche.Johannes Crell, Christliche Ethik — Einteilung der Glieder der Kirche

Es folgen die Kapitel über die Ältesten (Wahl nach 1. Timotheus 3 und Titus 1, dann Amtsführung, Leitung, Gebet für die Gemeinde), über die Lehrer (mit zwei Ämtern, Lehren und Beten, und einer regelrechten Homiletik: was vorzutragen ist, wie man sich vorbereitet, wie man die verschiedenen Gattungen der Zuhörer behandelt), über die Diakone und über die Hörer, deren ganze Pflicht Crell „unter dem Namen der Ehre“ zusammenfasst: Liebe und Verehrung, Gehorsam, Unterhalt, Fürbitte und Beistand.

Die Diakonissen

Das Kapitel, das aus der Reihe fällt — und die stillste Überraschung des Buchs. Crell hält fest, dass es in der alten Kirche Frauen gab, „die den Heiligen oder den christlichen Menschen im Namen der Kirche in den Dingen dienten, die zu diesem Leben gehören“, und dass dieses Amt außer Gebrauch gekommen sei. Und dann:

Denn wenngleich dieser Stand heute in der Kirche aufgehört hat, so kann er doch wiederhergestellt werden, und es wäre zumal in den zahlreicheren Gemeinden dafür zu sorgen, dass es geschähe.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von den Diakonissen

Crell geht die Wahlbedingungen durch — Witwenstand, Alter von sechzig Jahren, unbescholtene Sitten — und tut dann etwas, das für seine Denkweise kennzeichnend ist: Er prüft, ob die Altersgrenze zwingend ist. Der Zweck der Bestimmung sei ein doppelter gewesen; wenn der Dienst aber „den Fremdlingen, Armen und Kranken“ gilt, dürften „viele Witwen, die sechzig Jahre zählen, wegen der Schwäche ihrer Kräfte für Dienste dieser Art untauglich erscheinen“. Also gehöre hier eine „gewisse Lockerung“ hin, „die der Klugheit der Kirche … überlassen ist“. Ein Amt für Frauen, wiederhergestellt und der Praxis angepasst — 1630 notiert, ohne jede Emphase.

Geschlecht, Alter, Lebensstand

Außerhalb der Gemeinde ordnet Crell nach drei Unterschieden: Geschlecht, Lebensalter und Lebensstand. Er tut das mit den Selbstverständlichkeiten seiner Zeit — dem männlichen Geschlecht komme „ein größerer Mut“ zu, den Frauen Maß in der Kleidung und das Schweigen in der Gemeinde. Bemerkenswert ist die Methode auch hier: Was den Männern zuerst nottue, sei „die Mäßigung des Zorns und die Sanftmut; denn in großen und zum Herrschen geeigneten Gemütern … pflegt der Affekt des Zorns leicht hervorzubrechen“. Wo andere Herrschaft begründen, verteilt Crell Pflichten.

Beim Lebensalter beschränkt er sich auf Ältere und Jüngere und beginnt mit einer Gleichheitsregel: Wer im Alter gleich ist, solle „unter sich wie Brüder und Schwestern handeln“ und einander „mit gleicher Ehrerbietung und gegenseitiger Liebe begegnen“. Den Älteren komme besondere Gesetztheit zu, weil sie ohne Ansehen nicht leiten können.

Bei den Ehelosen und Witwen gibt er zuerst die paulinische Regel — besser heiraten als brennen — und dann die Bedingung: Wer heiratet, tue es „im Herrn“, also nur mit Gläubigen. Die Begründung ist wieder ein Schluss vom Geringeren aufs Größere: Mit wem Umgang zu haben und Brot zu essen die Lehre Christi verbiete, mit dem dürfe man erst recht nicht „durch dasjenige Band verknüpft werden, größer und enger als welches im ganzen Leben kein anderes ist“.

Haus und Herrschaft

Die häusliche Gemeinschaft teilt Crell dreifach — Eheleute, Eltern und Kinder, Herren und Knechte —, die bürgerliche ist die zwischen Obrigkeit und Untertanen. Bei den Hausordnungen macht er eine Beobachtung, die seine Art zu lesen gut zeigt: Die Schrift beginne bei solchen Paaren gern mit den Untergeordneten — zuerst Frauen, Kinder und Knechte —, „weil es sich für den, der im Stand des Gehorchens ist, geziemt, dem anderen mit seiner Pflicht zuvorzukommen“. Er selbst dreht die Reihenfolge dann um, wo es der Sache dient.

Den Eltern schreibt er „eine ehrbare Erziehung“ vor, worunter er Ernährung und Unterweisung fasst; bei der Ernährung sei „sowohl die Üppigkeit zu meiden als auch die Ärmlichkeit, die bisweilen aufstrebende Anlagen niederdrückt und ihnen die Munterkeit nimmt, ehrbare Studien zu ergreifen“. Ein eigener Abschnitt fragt, „wieweit die Eltern in Sachen der Religion gehen dürfen“.

Die Pflicht der Herren fasst er „in einem einzigen Wort“ zusammen: Billigkeit — „jene Gerechtigkeit, die der Härte entgegengesetzt und mit einer gewissen Milde verbunden ist“. Sie müssen befehlen, was den Kräften, dem Alter und der Anlage eines jeden angemessen ist, und dürfen „nicht ein unerträgliches Joch auflegen“. Auch Leibeigenen gebühre Lohn „schon nach dem Recht der Billigkeit und der Menschlichkeit“. Und dann folgt der schärfste Satz des Buches über soziale Verhältnisse:

Denn es ist höchst unwürdig, denjenigen, dessen treue Arbeit du bei guter Gesundheit oder in blühendem Alter genossen hast, krank oder vom Alter aufgezehrt im Stich zu lassen und den Menschen an dieselbe Stelle zu setzen wie das Pferd, das, solange es zur Arbeit taugt, gepflegt, sobald es aber unbrauchbar geworden ist, vernachlässigt wird — wiewohl menschlichere Herren nicht einmal ein Pferd so behandeln.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von der Pflicht der Herren und der Knechte

Obrigkeit und Untertanen

Das Kapitel, an dem sich die Polnischen Brüder jahrzehntelang zerstritten hatten — und Crell geht es vollkommen unpolemisch an:

Die Pflicht der Obrigkeit ist es, für das öffentliche Wohl, das heißt für die Ruhe und den Wohlstand des Gemeinwesens zu sorgen, dergestalt dass die Menschen unter ihrer Herrschaft sowohl Gott fromm verehren als auch im Übrigen ehrbar leben können. … Dazu aber wird erfordert, dass sie die Guten schützen und mit Lob, Ehre und Belohnungen bedenken, dagegen die Bösen strafen und im Zaum halten.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von der Pflicht der Obrigkeit und der Untertanen

Die Obrigkeit ist also nicht verworfen, sondern in Dienst genommen — und sofort an ihren Zweck gebunden. Wo Paulus in Römer 13 das Schwert nennt, hält Crell mit einer feinen, aber entscheidenden Bemerkung dagegen: Der Apostel rede dort „nicht davon, was in der Tat wirklich geschieht, sondern davon, was die Pflicht der Obrigkeit durchaus fordert“. Römer 13 ist damit kein Freibrief für die bestehende Gewalt, sondern deren Maßstab.

Und dann folgt der Abschnitt, der dieses Kapitel aus seiner Zeit heraushebt. Zur Sorge für die Religion gehört bei Crell auch ihre Grenze:

Gleichwohl darf sie unterdessen keinem Menschen und keines Menschen Gewissen Gewalt antun und niemanden zu irgendeiner Religion — die frei angenommen werden muss — zwingen …, noch jemals verbieten, dass das Volk, wenigstens im Verborgenen, Gott nach der Meinung seines Gemüts verehre.Johannes Crell, Christliche Ethik — Von der Pflicht der Obrigkeit und der Untertanen

Er bleibt nicht beim Grundsatz, sondern rechnet vor, warum Duldung auch klug ist: Wo viele einer anderen Religion folgen, sei es besser, „ihnen öffentliche Orte zuzugestehen, an denen sie der Religion ihres Gemüts genugtun können“, als sie in heimliche Zusammenkünfte zu drängen — „zumal jenes Verbot der heiligen Versammlungen Unwillen zu erregen pflegt und die Bedrückten, auch wenn ihre Sache bisweilen die schlechtere ist, sich die Gunst der anderen erwerben“. Und er zieht daraus die Folgerung für den Fürsten: Statt zu zwingen, solle er „öffentliche Gespräche und Disputationen anstellen, um die Irrtümer zu überführen“, und dafür sorgen, dass Leute ausgebildet werden, „die die Wahrheit geschickt verteidigen“ können.

Hier, in einem Ethik-Lehrbuch und nicht in einer Streitschrift, steht das Argument, das Crell sieben Jahre nach seinem Tod unter dem Titel Vindiciae pro religionis libertate berühmt machen sollte — eingebettet in die nüchterne Pflichtenlehre eines Standes. Und selbst dort, wo Crell der Obrigkeit einen Auftrag gibt — gegen die Bilderverehrung vorzugehen —, endet der Satz mit der Klausel: „bei unverletzt bleibender Freiheit der Gewissen“.

Reiche und Arme

Das Schlusskapitel. Crell folgt 1. Timotheus 6,17 und nennt zuerst die Laster, die die Reichen zu meiden haben: den Hochmut — „denn der Reichtum pflegt den Menschen ganz besonders den Sinn zu blähen“ —, das Vertrauen auf den Reichtum, den Geiz samt der Unbarmherzigkeit, und die Üppigkeit. Der zweite Punkt wird eigens begründet: Mit dem Reichtum scheine „alles beschafft werden zu können“, und man glaube am Ende, „selbst das Leben ruhe auf ihm; welche Sache schon viele getäuscht hat“. Den Armen schreibt die Schrift eigene Pflichten vor, und auch die zählt Crell auf, ehe das Werk mit einem kurzen Beschluss endet.

9. Die Botschaft

Die Christliche Ethik behauptet nicht, das Christentum habe eine neue Moral gebracht, die man der antiken nur entgegenhalten müsste. Sie behauptet etwas Anspruchsvolleres: dass die Schrift eine eigene, vollständige und in sich geordnete Tugendlehre enthält — man muss sie nur erheben statt sie zu unterstellen. Genau das leistet das Buch, und es leistet es in der einzigen Form, die Crell gelten lässt: begrifflich sauber, Stelle für Stelle belegt, ohne rhetorische Abkürzung.

Daraus folgt der praktische Ernst, der die Polnischen Brüder von ihren Zeitgenossen trennte. Wenn die Bergpredigt geltendes Gesetz ist, wenn der Wille frei ist und wenn der Gehorsam eigenes Gewicht hat, dann ist Frömmigkeit nichts Innerliches, sondern eine Lebensform, die sich am Umgang mit Zorn, Geld, Macht und erlittenem Unrecht ablesen lässt. Das ist der Grund, warum das fünfte Buch nicht als Anhang wirkt, sondern als Zielpunkt: Eine Ethik, die nicht bis zum alternden Knecht und zum bedrängten Andersgläubigen hinunterreicht, hätte ihre eigene Voraussetzung verfehlt.

Als Crell schrieb, war Raków noch das Zentrum eines lebendigen Gemeinwesens mit Akademie und Druckerei. Fünf Jahre nach seinem Tod ließ der Sejm beides schließen, 1658 wurden die Sozinianer aus Polen verbannt. Man liest die Kapitel über Tapferkeit, Geduld und Beständigkeit anders, wenn man weiß, dass sie für ihre ersten Leser keine Übung geblieben sind — und den Abschnitt über die Gewissensfreiheit anders, wenn man weiß, dass er von Menschen geschrieben wurde, denen sie bald genommen wurde.

Kernaussage

Die Christliche Ethik ist der Unterbau, auf dem die bekannten sozinianischen Forderungen ruhen. Sie ruft sie nicht aus — sie erarbeitet die Begriffe, aus denen sie folgen. Wer wissen will, warum die Polnischen Brüder Gewaltverzicht, Feindesliebe, Gewissensfreiheit und Zurückhaltung gegenüber dem Schwert nicht als Schwärmerei, sondern als Pflichtenlehre verstanden, findet hier die Herleitung. Ihr Gegenstück, die Aristotelische Ethik, geht denselben Weg von der anderen Seite — der Unterschied zwischen beiden Büchern ist Crells eigentliches Argument.