Aristotelische Ethik

„Aristotelische Ethik, an der Richtschnur der Heiligen Schrift berichtigt“ — der Untertitel sagt das ganze Programm. Johannes Crell schreibt weder einen Kommentar zu Aristoteles noch eine eigene Ethik von Grund auf. Er nimmt das Gerüst der Nikomachischen Ethik und führt es Kapitel für Kapitel dorthin, wo es nach seiner Überzeugung hingehört: unter das Gebot Christi.

TL;DR

54 Kapitel in vier Teilen: Glückseligkeit, Tugend, Lust, Freundschaft — genau die Themen der Nikomachischen Ethik. Crell folgt Aristoteles, solange dessen Beobachtungen tragen, und widerspricht ihm dort, wo die Schrift anderes lehrt: mit Gründen, nicht mit Machtworten. Was am Ende fällt, ist nicht das aristotelische Gebäude, sondern drei Stücke daraus — der Stolz des Großgesinnten, die eigenmächtige Gewalt und die kriegerische Tapferkeit. Was bleibt, ist eine vollständige Tugendlehre, die dem Menschen etwas abverlangt, weil sie ihm etwas zutraut.

1. Was für ein Buch das ist

Die Ethica Aristotelica ist aus dem Unterricht an der Akademie von Raków erwachsen und trägt dessen Ordnungssinn: Definition, Einteilung, Gegenmeinung, Prüfung, Ergebnis — Kapitel für Kapitel dieselbe Bewegung. Gedruckt wurde sie erst 1681, fast fünfzig Jahre nach Crells Tod, in „Cosmopoli“ bei „Eugenius Philalethes“. Druckort und Drucker sind erfunden, wie es bei sozinianischen Büchern jener Jahre die Regel war.

Das Unternehmen ist riskanter, als es klingt. Wer die antike Tugendlehre nur verwirft, macht es sich leicht; wer sie nur übernimmt, ebenso. Crell tut weder das eine noch das andere. Er beginnt mit einer Bestimmung, die wie eine Formalie aussieht und doch schon alles enthält:

Die Ethik ist eine praktische Disziplin, die den Weg darlegt, auf dem der Mensch zur Glückseligkeit gelangt. Sie heißt aber Ethik oder Sittenlehre, weil sie die Sitten der Menschen darlegt, das heißt die Handlungen der Tugenden und der Laster.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Vorbemerkungen über Wesen und Studium der Ethik

Die vier Teile übernimmt er von Aristoteles und begründet ihre Reihenfolge: Glückseligkeit und Tugend sind „die leitenden oder ersten Teile“, Lust und Freundschaft „nachgeordnet und um der ersten willen hinzugefügt“. Die Ordnung des Vortrags ist die auflösende (ordo resolutivus): Sie schreitet vom Ziel zu den Mitteln, also von der Glückseligkeit rückwärts zu den Tugenden.

Über die erreichbare Genauigkeit macht er sich keine Illusionen. Die Lehrweise sei „weniger streng, und zwar wegen der Unbeständigkeit des Stoffes“, denn menschliche Handlungen „wechseln wegen der Verschiedenheit der Umstände in erstaunlichem Maß“. Wer von einer Ethik mathematische Schärfe fordert, hat die Sache nicht verstanden.

Wer dieses Buch lesen soll

Crell verlangt einen bestimmten Leser — und der Satz, mit dem er das begründet, ist die Schlüsselstelle des ganzen Werks. Der echte Hörer sei der, der „einige Erfahrung und Übung in menschlichen Handlungen besitzt“ und die ausschweifenden Begierden seiner Seele bereits einigermaßen geordnet hat. Andernfalls werde er das Vorgetragene entweder nicht erfassen oder es „ohne Frucht hören, weil Gewalt und Ansturm der Affekte ihm im Wege stehen“ — und dann:

… und wird das Ziel dieser Lehre nicht erreichen — das nicht Erkenntnis ist, sondern Handlung.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Vorbemerkungen über Wesen und Studium der Ethik

Ethik ist hier kein Stoff, sondern eine Schulung. Das erklärt auch, warum das Buch so viele Vorschriften enthält: Fast jedes Kapitel endet mit durchnummerierten Regeln für den Einzelfall.

2. Erster Teil: Von der Glückseligkeit

Sechs Kapitel, vier Fragen. Crell nennt sie selbst: ob es die Glückseligkeit gibt; was sie ist; wie sie beschaffen ist; woher sie stammt. Als Anhang folgt, was ihr entgegensteht.

Dass es sie gibt

Die erste Frage ist keine Spielerei: Gäbe es die Glückseligkeit nicht, „stritte man vergeblich über den Weg, sie zu erlangen, und diese Lehre wäre gänzlich unnütz“. Crell führt den Beweis über die Gleichsetzung von höchstem Gut und letztem Ziel — beides sei „der Sache nach dasselbe“ — und über eine Stufenordnung der Güter, die irgendwo enden muss. Das letzte Ziel ist dasjenige, „das nur um seiner selbst willen, niemals aber um eines anderen willen erstrebt wird“.

Was sie nicht ist

Dann räumt er auf. Die falschen Ansichten sortiert er nach ihrer Herkunft: Von der Menge stammen zwei — die Glückseligkeit liege in der Lust des Leibes oder im Reichtum; von den „feiner gebildeten und gelehrten Menschen“ kommen die anspruchsvolleren Irrtümer: die Ehre, der bloße Habitus der Tugend, die Betrachtung der Idee des Guten. Jede wird einzeln widerlegt. Gegen die Lust des Leibes etwa:

Dass die Lust des Leibes nicht das höchste Gut des Menschen ist, erhellt daraus, dass sie auch den Tieren und den verworfensten Menschen gemeinsam ist; ferner daraus, dass sie nur den schlechteren Teil des Menschen betrifft, nämlich den Leib, keineswegs aber die Seele oder den Geist, dessen Tätigkeiten sie sogar oft behindert.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Was die Glückseligkeit ist

Der Reichtum scheidet aus, weil er immer um eines anderen willen erstrebt wird und damit die Grundbedingung eines letzten Ziels verfehlt. Die Ehre scheidet aus, weil sie mehr in den Ehrenden liegt als im Geehrten. Bemerkenswert ist, dass auch der bloße Habitus der Tugend ausscheidet: Glückselig macht nicht der Besitz der Tugend, sondern ihre Betätigung.

Was sie ist

Vier ineinandergreifende Bestimmungen, alle aus der ersten abgeleitet: Die Glückseligkeit ist das höchste Gut des Menschen; sie ist das letzte Ziel des menschlichen Lebens; sie ist dasjenige, um dessentwillen alles Übrige erstrebt wird, sie selbst aber nur um ihrer selbst willen; und sie ist das vollkommenste Gut. Die eigentliche, aristotelische Definition lautet dann: eine Tätigkeit der mit Vernunft begabten Seele gemäß der vollkommensten Tugend, in einem vollkommenen Leben.

Jedes Stück dieser Definition wird eigens begründet — dass die Gattung die Tätigkeit ist und nicht der Habitus, dass der Träger die vernunftbegabte Seele ist, dass es um die vollkommenste Tugend geht, und dass ein „vollkommenes Leben“ dazugehört, also Dauer.

Wie sie beschaffen ist

Hier arbeitet Crell mit dem griechischen Begriff autarkeia. Glückselig ist jenes Gut, das mit sich selbst zufrieden ist und „für sich allein hinreicht, ein Leben wünschenswert zu machen“ — und dazu gehört die Beständigkeit, denn ein Gut, das wechselt, taugt nicht als letztes Ziel. Daraus folgt, dass zur Glückseligkeit auch die übrigen Güterarten hinzutreten: die erfreulichen, die zur Ehre gehörigen, die nützlichen.

Unter der Lust aber, welche die Glückseligkeit begleitet, verstehen wir vor allem die Ruhe des Gemüts und die Freude eines rechten Gewissens.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Wie die Glückseligkeit beschaffen ist

Es folgt eine sehr nüchterne Liste der Mittel: Güter der Seele (natürliche und erworbene), Güter des Leibes, äußere Güter — Freundschaft, Ehren, Reichtum. Crell fragt jeweils nach dem rechten Maß. Die Glückseligkeit braucht äußere Güter, aber „soweit es genug ist“; alles Weitere gehört nicht zur Sache.

Woher sie kommt

Zwei Ursachen. Die erste und entferntere ist Gott: „Wenn Gott der Urheber irgendeines Gutes ist — und das ist er gewiss —, so wird er weit mehr der Urheber der Glückseligkeit sein.“ Deren Betrachtung aber „gehört zu einer höheren Wissenschaft“, also in die Theologie. Die zweiten und näheren Ursachen sind die Tugend selbst und die Übung, durch die sie erworben wird. Ausdrücklich nicht: das Glück. Damit steht schon im ersten Teil fest, dass alles Weitere vom Menschen selbst abhängt.

Das Gegenteil

Der Glückseligkeit steht zweierlei entgegen: vollkommen das Elend, unvollkommen ein Mittelzustand dazwischen, den Crell mit den Farben zwischen Weiß und Schwarz vergleicht. Elend ist die Lage dessen, „der schändlich lebt, zumal lange Zeit hindurch“ — und beide Fälle sind schlimm:

Kennt er sein Elend, so wird er von grausameren Qualen des Gewissens zerfleischt, als würde er im Stier des Phalaris gefoltert. Empfindet er es nicht, so hat er die Vernunft abgelegt und ist zum Tier und zum Klotz herabgesunken.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von dem, was der Glückseligkeit entgegengesetzt ist

Dazu brauche es nicht viele Laster; „eines genügt, zumal ein vollendetes und schweres, wie Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Habsucht, Zügellosigkeit“.

3. Zweiter Teil: Die Grundlegung der Tugendlehre

33 Kapitel — das Herzstück. Die erste Hälfte klärt die Werkzeuge, mit denen später jede einzelne Tugend behandelt wird.

Drei Bedeutungen von „Tugend“

Wie immer beginnt Crell beim Wort. Tugend bedeute im weitesten Sinn die vortreffliche Beschaffenheit einer beliebigen Sache — „in diesem Sinn schreiben wir auch den Tieren und den unbeseelten Dingen eine Tugend zu“. Im engeren Sinn die menschliche Tugend, „die durch eigenes Bemühen erworben wird“. Im engsten die Sittentugend. Verhandelt wird die zweite. Die allgemeine Bestimmung lautet:

Diese menschliche Tugend lässt sich, allgemein betrachtet, so bestimmen: ein Habitus der mit Vernunft begabten Seele, der diese vollkommen macht und ihr Werk gut macht.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Bestimmung der menschlichen Tugend

Der Nebensatz „durch eigenes Bemühen erworben“ ist keine Floskel — an ihm hängt die ganze sozinianische Lehre vom freien Willen. Die Einteilung in Verstandes- und Sittentugend begründet Crell aus dem Träger: Die vernunftbegabte Seele hat teils aus sich selbst an der Vernunft teil (Verstand), teils nur beiläufig, sofern sie sich von der Vernunft lenken lässt (Strebevermögen).

Warum die Tugend ein Habitus ist

Ein eigenes Kapitel, das begründet, warum die Definition mit dem Wort Habitus arbeitet. Im Strebevermögen gebe es nur dreierlei — Vermögen, Affekt und Habitus; Tugend sei weder Vermögen noch Affekt; also bleibe der Habitus. Crell notiert dabei den Unterschied zwischen Schul- und Alltagsgebrauch: Die Philosophen nehmen Habitus eng, für eine „durch wiederholte Handlungen tief eingeprägte und zur höchsten Ausbildung geführte“ Beschaffenheit; der gewöhnliche Sprachgebrauch nennt auch bloße Anlagen und sogar die Gewohnheit so.

Woher Tugend kommt: Natur, Lehre, Übung

Drei Wirkursachen. Die Natur gibt zweierlei: die Aufnahmefähigkeit und eine hormé, „einen Antrieb und eine Neigung“. Diese Neigung sei zweifach — eine allgemeine, die allen Menschen zukommt und aus der Vernunft entspringt, und eine besondere bei außerordentlich begabten Naturen. Der Grund für die allgemeine ist anthropologisch bemerkenswert:

… dass ihm gleichsam eine gewisse Sehschärfe eingepflanzt ist, dass er das Sittlichgute vom Unsittlichen unterscheiden kann, zumal wenn einige Übung hinzukommt; und dass er jenes von Natur aus liebt und für erstrebenswert hält, mag es sonst auch mit Schmerz, Schande oder irgendeinem Schaden verbunden sein.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von den Wirkursachen der Tugend

Dazu kommen Lehre und Übung. Das Kapitel schließt mit elf allgemeinen Vorschriften der Tugend — die praktische Summe des Ganzen, bevor überhaupt eine Einzeltugend zur Sprache kommt.

Der Stoff: die Affekte

Der Gegenstand der Tugend sind vor allem die Affekte. Crell definiert: „Der Affekt ist eine Bewegung des Strebevermögens, die aus Lust oder Schmerz entsteht und darauf zielt, eine Sache entweder zu verfolgen oder zu fliehen.“ Acht Grundarten setzt er an — Liebe, Hass, Hoffnung, Furcht, Freude, Trauer, Dankbarkeit, Zorn —, alle zurückführbar auf Liebe und Hass; die übrigen seien Arten oder Grade davon.

Entscheidend ist die Stellungnahme gegen die Stoa. Wer die Tugend als Freiheit von den Affekten bestimme, sei „weiter gegangen, als recht war“: Nicht die Affekte selbst sind das Übel, sondern ihr Übermaß. Der Affekt ist bei Crell nicht der Feind der Tugend, sondern ihr Material. Die Tugend besteht nicht darin, keinen Zorn zu haben, sondern ihn richtig zu haben.

Die rechte Mitte

Die Form der Tugend liegt in zwei Stücken: in der rechten Mitte (mediocritas) und im Entschluss (proairesis). Die Mitte bestimmt Crell zunächst allgemein als das, „was zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig in der Mitte liegt“, und belegt den Satz mit Theognis („In allem ist das Mittlere das Beste“), Phokylides und Horaz — und dann mit einem Vernunftgrund aus den Künsten: Wenn schon die Künste bei ihren Werken die Mitte anstreben, „so wird auch die Tugend dasselbe anstreben und einhalten, und zwar weit mehr als die Künste, da die Tugend genauer und feiner ist als sie“.

Wichtig ist die Präzisierung: Gemeint ist nicht die rechnerische Mitte der Sache, sondern die auf uns bezogene. Was für den einen maßvoll ist, ist für den anderen zu viel. Und diese Mitte „hat eine gewisse Breite“ — sie ist kein Punkt, den man verfehlt oder trifft. Zu jeder Tugend gehören zwei Laster, das Übermaß und der Mangel, und Crell vergleicht jedes Mal, welches von beiden das schlimmere ist; sie streiten „nicht gleichermaßen“ mit der Tugend.

Freiwillig, willentlich, frei

Vier Kapitel arbeiten heraus, was dem Menschen überhaupt zurechenbar ist. Crell unterscheidet scharf: freiwillig handeln auch Tiere und kleine Kinder, denn dafür genügen Sinneswahrnehmung und Streben; willentlich handelt nur, wer die Vernunft gebraucht. Unfreiwillig ist, was gewaltsam oder aus Unkenntnis geschieht — wobei er die selbstverschuldete von der unverschuldeten Unkenntnis trennt. Besonders sorgfältig behandelt er die „gemischten Handlungen“, also das, was man tut, um ein größeres Übel zu vermeiden: Vier Fälle unterscheidet er, von denen einer Lob, einer Tadel und einer Nachsicht verdient.

Im Kapitel über den Willen fällt dann der Satz, auf dem die sozinianische Ethik ruht:

Vollständiger aber lässt sich die Natur des Willens erklären, wenn man sagt, er sei das Vermögen, das dem nachgeht, was die Vernunft als gut erfasst, und das zurückweist, was sie als schlecht erfasst; und das, wenn dem Guten etwas Schlechtes beigemischt ist, dieses frei entweder ergreift oder verwirft, ja auch zwischen zwei Gütern oder zwei Übeln frei die Auswahl trifft. Und diese Freiheit des Willens heißt Entscheidung.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Vom Willen und von der menschlichen freien Entscheidung

Es folgen die Beweisgründe dafür, „dass uns eine solche Kraft des Willens innewohnt“. Für eine Ethik, die dem Menschen wirklich etwas abverlangt, ist das die notwendige Voraussetzung — und für den Sozinianismus der Punkt, an dem er sich von Luther und Calvin trennt.

Beratschlagung und Entschluss

Zwei Kapitel über den Weg von der Überlegung zur Wahl. Beraten wird nicht über alles: Über das Ewige und Unveränderliche — Gott, die mathematischen Sätze, „dass zweimal zwei vier ist“ — gibt es keine Überlegung, sondern nur über das Veränderliche, und auch dort nur über das, was in unserer Macht steht. Der Entschluss selbst ist dann „eine Wahl vor anderem“, und Crell hält fest, dass er im Gegensatz zum bloß Freiwilligen nie plötzlich geschieht: „etwa wenn ich einem unerwartet ankommenden Freund plötzlich in die Arme stürze, oder wenn ich den, der mich unversehens schlägt, sogleich zurückschlage“.

4. Die sittlichen Tugenden im Einzelnen

Bevor Crell sie aufzählt, zieht er eine Grenze: Hier gehe es um Tugenden, „die ganz und gar menschlich sind und die sich nicht an sich und im eigentlichen Sinn auf Gott beziehen — wie es die Frömmigkeit oder die Religion tut“. Die gehören in die Theologie. Und dann fügt er sofort die Einschränkung hinzu, die das ganze Buch trägt: Auch die Vollkommenheit dieser menschlichen Tugenden sei erst aus der göttlichen Offenbarung bekannt geworden.

Die Einteilung erfolgt in drei Gattungen: Tugenden, die zuerst uns selbst betreffen; solche, die zuerst auf andere sehen; und solche, die in der Mitte stehen. Die erste Gattung ordnet er nach den Gütern, um die es geht — die Lüste des Leibes, die Ehren, der Reichtum.

Mäßigung

Die Tugend, die „sich mit den tierischen Lüsten des Geschmacks und des Tastsinns befasst, das heißt mit den Lüsten der Speise und des Trankes und mit den geschlechtlichen“. Der griechische Name sophrosyne heißt für Crell „die Klugheit bewahrend“, denn „nichts steht der Klugheit mehr entgegen als die Zügellosigkeit“. Sie zerfällt in Nüchternheit und Keuschheit, und beide werden mit sehr konkreten Vorschriften versehen: über Menge und Beschaffenheit der Speise, über Zeit und Ort, über das Verlangen und über den Schmerz, den das Fehlen bereitet.

Großgesinntheit und Bescheidenheit

Ein Tugendpaar, das sich „eher dem Grad als der Art nach“ unterscheidet: Die Großgesinntheit bewegt sich bei den großen und ungewöhnlichen Ehren, die Bescheidenheit bei den gewöhnlichen. Das Wort Großgesinntheit nimmt Crell erst weit — dann umfasst es auch Mäßigung und Tapferkeit und ist „gleichsam deren Vollendung und eine Art Erhabenheit“ —, dann eng, für die Tugend im Umgang mit großen äußeren Dingen.

Die Bescheidenheit definiert er als „die Tugend, die die Begierde nach Ehre im rechten Maß hält“, und trennt sie von der lateinischen humilitas, die bei den Römern die Kleinmütigkeit bezeichnete. Beide Tugenden heben einander nicht auf: Jeder muss sich selbst kennen — „die Würde ist zu betrachten, damit sich keiner an unwürdige Dinge wegwerfe oder aus Verzagtheit des Gemüts vor herrlichen Dingen zurückschrecke; die Geringheit und Unwürdigkeit aber, damit er sich nicht zu sehr erhebe“.

Tapferkeit und Geduld

Crell teilt die eine Tugend in zwei: Tapferkeit im engeren Sinn befasst sich mit den noch bevorstehenden Übeln, also mit Gefahren; Geduld mit den gegenwärtigen. „Jene lenkt die Furcht und die Zuversicht, diese die Traurigkeit.“ Die Verwandtschaft zur Großgesinntheit ist eng: Zur Tapferkeit gehört die Verachtung der menschlichen Dinge und des Lebens selbst.

Hier steht auch die Unterscheidung, an der später der Krieg hängt: die bürgerliche Tapferkeit, die Aristoteles beschreibt, und die christliche, die die Schrift beschreibt. Davon unten mehr.

Sanftmut und Milde

Eines der längsten und praktischsten Kapitel. Crell begründet zuerst, warum es auf die Tapferkeit folgen muss:

Auf die Tapferkeit folgt mit Recht die Sanftmut, die ihr gleichsam als Zügel dient. Denn wenn du den Zorn nicht nach der Vorschrift der Sanftmut mäßigst, wird die Tapferkeit in unbedachte Verwegenheit ausarten und die Gefahren nicht um des Sittlichguten willen auf sich nehmen, sondern um die Begierde nach Rache zu sättigen — was der wahren Tapferkeit fremd ist.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Sanftmut und der Milde

Der Zorn selbst wird definiert als „die Begierde, Schmerz zu vergelten, entsprungen aus der Meinung, Unrecht erlitten zu haben“. Unter diesen Namen fasst Crell auch den Hass, „der ein eingewurzelter Zorn ist“. Dann folgen die Vorschriften, gestaffelt nach Personen: gegenüber Höhergestellten, gegenüber Gleichgestellten, gegenüber Untergebenen — und für Herrschende eigens die Regeln der Milde, getrennt nach dem Erlass und der Verhängung von Strafen.

Gerechtigkeit, Recht und Billigkeit

Drei Kapitel und ein viertes mit Streitfragen. Die Gerechtigkeit bestimmt Crell zunächst juristisch nüchtern: die Tugend, „durch die wir das leisten, was einem anderen geschuldet wird“ — und geschuldet heiße das, wozu jemand so verpflichtet ist, „dass man, wenn er es nicht leistet, nach bürgerlichem Recht gegen ihn klagen kann“. Dann unterscheidet er allgemeine und besondere Gerechtigkeit, letztere wiederum in austeilende und vertragliche.

Das Kapitel über das Recht bringt die für einen Sozinianer bezeichnende Sorgfalt: Recht sei zweideutig — einmal exousia, die Erlaubnis, etwas zu tun, einmal die Verpflichtung, etwas zu leisten. Es folgen Naturrecht und gesetztes Recht, staatliches und häusliches Recht, und die Billigkeit als Korrektur des starren Buchstabens.

Die Streitfragen im vierten Kapitel zeigen den Schulmann in seinem Element: Kann jemandem, der einwilligt, Unrecht geschehen? Antwort: nein — „indem er selbst den Schaden von einem anderen erleiden will, lässt er von seinem Recht nach“. Erlangt auch der sein Recht, der eine gerechte Strafe erleidet? Antwort: Etwas Gerechtes zu erleiden und sein Recht zu erlangen sind zweierlei.

Wohltätigkeit, Freigebigkeit, Großzügigkeit

Der Umgang mit dem Eigenen. Die Wohltätigkeit ist „diejenige Tugend, die für den Vorteil und den Nutzen eines anderen sorgt, ohne dass das bürgerliche Recht sie dazu zwänge“; die Freigebigkeit ist ihre engere Form, die durch Schenken wohltut. Crell behandelt Erwerb, Aufbewahrung und Ausgabe des Geldes getrennt und stellt dann die klassischen Fragen: wem zu geben ist, was und wieviel, wie — und was auf eine Wohltat zu folgen hat. Daran schließt die Dankbarkeit mit ihrer „dreifachen Aufgabe“ und, als ihr Gegenteil, der Undank.

Die Großzügigkeit im Aufwand (magnificentia) betrifft die großen und seltenen Ausgaben. Sie sei „nicht Sache aller Menschen noch aller Zeiten“, sondern reicher und angesehener Männer. Wofür man großzügig sein soll, listet Crell konkret auf — und die Reihenfolge ist aufschlussreich: für den Unterhalt derer, die Theologie lehren oder lernen; um Bücher über göttliche Dinge im Druck zu verbreiten; um Reisen zur Förderung der Wahrheit zu unternehmen; um Versammlungshäuser zu errichten. Das ist das Programm einer Gemeinde, die von Akademie und Druckerei lebte.

Die geselligen Tugenden

Mit der Wahrhaftigkeit beginnt eine eigene Gruppe: die virtutes homileticae, „die sich im Zusammenleben und im vertrauten Umgang bewegen“. Wahrhaftigkeit ist „die Tugend, die die Übereinstimmung der Worte mit den Sachen klug einhält“; aus ihr leitet Crell die Treue ab:

Die Treue ist die Beständigkeit in Worten und Vereinbarungen, also die Wahrheit der Versprechen. … Sie ist das Fundament der Gerechtigkeit, die sich in den freiwilligen Verträgen zeigt. Denn Sache der Gerechtigkeit ist es, dem anderen sein Recht zuzuteilen und ihm zu bezahlen, was ihm geschuldet wird.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Wahrheit oder der Wahrhaftigkeit

Die Laster dieser Tugend zählt er in einer langen Reihe auf: Lust am Lügen, Treulosigkeit, böse Arglist, Meineid, Schmähsucht, Blasphemie, falsches Zeugnis, Anschwärzung, Zuträgerei, Verleumdung — und, auf der anderen Seite, „die übermäßige Aufrichtigkeit im Reden“ und die Anmaßung. Auch das Zuviel an Offenheit ist bei Crell ein Fehler.

Es folgen die Leutseligkeit — „die Tugend, die im bürgerlichen Umgang Reden und äußere Handlungen auf die ernsthafte Freude der anderen abstimmt“ — mit sehr genauen Vorschriften über Loben und Tadeln, und die Schicklichkeit mit der Würde: Miene, Bewegung, Haltung, Rede, Kleidung. Crells Beschreibung ist ein kleines Sittenbild: Die Miene solle die eines Menschen sein, „der Ernstes betreibt — doch so, dass sie nicht düster oder finster sei“; die Rede „ruhig, beständig, ein wenig langsamer, nicht überstürzt, nicht schrill, nicht streitsüchtig“.

Der Feinsinn — eine Tugend, die Crell fast streicht

Das ungewöhnlichste Kapitel. Aristoteles zählt den geistreichen Scherz (eutrapelia) zu den Tugenden; Crell zögert:

Am äußersten Rand der Tugenden hängt der Feinsinn, und er hängt kaum noch daran; denn mit der vollkommenen Tugend lässt er sich schwerlich vereinbaren.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Vom Feinsinn

Der Grund ist eine Schriftstelle: Paulus untersagt in Epheser 5,4 ausdrücklich auch die eutrapelia. Crell löst das nicht durch Wegdeuten, sondern durch Unterscheiden: Scherze, die „nur auf Lachen und Gelächter angelegt sind und den Hörenden keinerlei Nutzen bringen“, fallen unter das Verbot; solche, die etwas Ernstes würzen und nützen, bleiben erlaubt — denn „bisweilen kann einer im Scherz ermahnt werden, den mit strenger Miene zu ermahnen weniger fruchten würde“. Das Kapitel zeigt das Verfahren des ganzen Buchs im Kleinen.

Heroische Tugend und unvollkommene Tugend

Zwei Kapitel, die die Skala nach oben und nach unten verlängern. Die heroische Tugend ist „eine sittliche Tugend von solcher Vorzüglichkeit, dass, wer sie hat, die gewöhnliche Verfassung der menschlichen Natur zu überschreiten scheint“; man erkenne sie daran, dass einer das leistet, was unter den Tugendhandlungen das Schwerste ist. Ihr Gegenteil ist die Verwilderung — der Mensch, der unter die menschliche Verfassung hinabsinkt.

Am unteren Ende stehen die unvollkommenen Tugenden: Selbstbeherrschung und Standhaftigkeit, „gleichsam Stufen und Anlagen zu den vollkommenen“. Der Unterschied zum Mäßigen ist fein und wichtig: Der Mäßige hat die Lust nicht mehr gegen sich, der Selbstbeherrschte überwindet sie jedes Mal neu. Crell fragt sogar, „wie der Unbeherrschte gegen seine eigene Überzeugung fehlen kann“ — die alte sokratische Frage, ernst genommen.

5. Die Verstandestugenden

Sechs Kapitel. Die Verstandestugend bestimmt Crell als „ein Habitus des Geistes, durch den wir das Wahre erfassen“, und begründet die Erwähnung der Wahrheit damit, dass jede Tugend das Werk ihres Trägers gut machen muss — und das Werk des Verstandes ist das Erkennen.

Es sind fünf, unterschieden nach ihren Gegenständen: Kunst, Klugheit, Vernunfteinsicht, Wissenschaft und Weisheit. Mit den Prinzipien befasst sich die Vernunfteinsicht, mit den daraus abgeleiteten Schlusssätzen die Wissenschaft, mit beidem zusammen die Weisheit.

  • Kunst — „ein Habitus, der nach richtiger Überlegung etwas hervorbringt“. Crell unterscheidet die freien Künste (Logik, Rhetorik, Dichtkunst, Grammatik) von den mechanischen (Schneiderei, Schusterei, Zitherspiel, Fechtkunst).
  • Klugheit — „der Habitus, richtig zu beratschlagen“; sie sorgt für die Führung des ganzen Lebens, im Unterschied zur bereichsweisen Klugheit, die nur in bestimmten Dingen richtig rät. Zu ihrer Erlangung gehören Schärfe des Geistes, Unterweisung, Übung — und die sittliche Tugend.
  • Vernunfteinsicht — der Habitus, „durch den die Prinzipien der Wissenschaften erkannt werden“, also die Sätze, die sich nicht mehr beweisen lassen, „sonst liefe die Sache ins Unendliche“.
  • Wissenschaft — die sichere Erkenntnis der Schlusssätze, die durch ihre Ursachen bewiesen werden.
  • Weisheit — der Gipfel: „der Habitus, der gleichsam aus Vernunfteinsicht und Wissenschaft zusammengeschmolzen ist“.

Dass die Klugheit die sittliche Tugend voraussetzt, ist kein Nebensatz: Wer im Affekt steht, rät sich selbst schlecht. Die Verstandestugenden hängen bei Crell an den Sittentugenden — und umgekehrt, denn die Klugheit heißt bei ihm „das Auge der Tugenden“.

Betrachtung oder Handeln?

Das letzte Kapitel des zweiten Teils holt die offene Frage aus dem ersten ein. Es könne nicht mehrere schlechthin letzte Ziele geben, sagt Crell mit Aristoteles: „Die Natur macht nichts so, wie die Erzschmiede das delphische Messer machen“ — das zum Opfern und zum Kämpfen zugleich taugte —, „sondern eines für eines“. Dann beweist er mit fünf Gründen, dass die Betrachtung dem Handeln vorgeht.

Und dann verschiebt er das Ergebnis. Die Betrachtung, die in dieses Leben fällt, sei „überaus unvollkommen“; die vollkommene stehe aus und gehöre dem künftigen Leben an, in dem wir Gott schauen werden, wie er ist. Eben deshalb dürfen und müssen wir sie hier immer wieder verlassen und uns dem Handeln zuwenden. Der Vorrang bleibt bestehen — aber er wird vertagt. Für ein Buch, dessen erstes Kapitel sagt, das Ziel dieser Lehre sei nicht Erkenntnis, sondern Handlung, ist das die einzig mögliche Lösung.

6. Dritter Teil: Von der Lust

Drei Kapitel, und Crell begründet eigens, warum sie hierhergehören. Nicht nur, weil die Lust mit der Glückseligkeit eng verbunden und Gegenstand der Tugend ist, sondern weil sie „zusammen mit ihrem Gegenteil, dem Schmerz, die größte Kraft hat, die Sitten zu bilden und sie entweder zur Tugend oder zum Laster hin zu lenken“. Da jeder Handlung Lust oder Schmerz beigemischt sei und wir von Natur der Lust nachgehen, sei sie der stärkste Hebel der sittlichen Erziehung.

Die Definition ist aristotelisch: „Die Lust ist die Vollendung der Verrichtungen des erkennenden Vermögens.“ Es folgen sechs Einteilungen. Die erste unterscheidet die Lust schlechthin von der bloß beiläufigen:

Schlechthin und an sich Lust genannt wird das, was denen als Lust erscheint, die der Natur gemäß gut beschaffen sind. … Beiläufige Lüste sind die, welche denen als Lüste erscheinen, die an irgendeinem Gebrechen leiden, sei es der Seele oder des Leibes.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Einteilungen der Lust

Die zweite Einteilung trennt die Lüste des Geistes von denen der Sinne: „Jene hat der Mensch mit Gott und den seligen Geistern gemeinsam, diese mit den Tieren.“ Im dritten Kapitel werden die Streitfragen behandelt — ob jede Lust gut sei, ob sie beständig sein könne, und was der Zustand in der Mitte zwischen Lust und Schmerz ist. Von Lustfeindschaft ist nirgends etwas zu finden: Im weiten Sinn des Wortes ist jede Lust gut, im engen — dem des Sittlichguten — nicht jede.

7. Vierter Teil: Von der Freundschaft

Zwölf Kapitel — der Teil, den moderne Ethiken verloren haben und der bei Crell erstaunlich viel Raum bekommt.

Warum sie notwendig ist

Crell führt die Notwendigkeit durch alle Lebenslagen durch: im Privaten und im Öffentlichen, im Glück und im Unglück, in der frühen Kindheit, im Knabenalter, im Mannesalter, im Greisenalter. Im Glück brauche man Freunde aus zwei Gründen — weil die Wohltätigkeit an ihnen „am meisten und auf die ehrenvollste Weise geübt wird“, und weil „der Besitz keines Gutes ohne Gefährten erfreulich ist“. Er zitiert Cicero: Wir gebrauchten „weder Wasser noch Feuer an mehr Stellen als die Freundschaft“, und wer sie aus dem Leben nehme, „der scheine die Sonne aus der Welt zu nehmen“.

Was sie ist

Die Freundschaft ist ein wechselseitiges und offenkundiges Wohlwollen, durch das der eine dem anderen um dessen selbst willen Gutes wünscht.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Definition der Freundschaft

Jedes Wort dieser Definition wird geprüft: Nicht jedes Wohlwollen ist Freundschaft, denn manches ist nicht wechselseitig, manches dem anderen nicht bekannt, manches „ganz untätig, das heißt nicht verbunden mit dem Verlangen nach Umgang“.

Fünf Einteilungen

  • An sich und beiläufig — jene entspringt aus der Tugend, diese aus dem Nützlichen oder Angenehmen. Die Freundschaft an sich „trifft nur auf gute Männer zu“ und ist beständig; die beiläufige ist unbeständig, „weil auch die Güter selbst, auf die sie sich stützt, vergänglich sind“.
  • Einfach und gemischt — einfach, wenn beide dasselbe suchen; gemischt, wenn sie Verschiedenes suchen: „wie wenn der eine Gewinn sucht, der andere Lust. So besteht zwischen dem Fürsten und dem Soldaten eine Freundschaft des Nutzens: jener sucht Macht, dieser den Sold.“
  • Unter Gleichen und unter Ungleichen — die eine heißt Freundschaft der Gleichheit, die andere die des Vorrangs; zu letzterer gehören Vater und Sohn, Mann und Frau, Obrigkeit und Untertan, Lehrer und Schüler.
  • Bürgerlich und häuslich — hier schiebt Crell eine ganze Staatsformenlehre ein: drei rechte Formen (Königtum, Aristokratie, Timokratie) und drei verkehrte (Tyrannis, Oligarchie, Volksherrschaft), mit ihren Abbildern im Haus.
  • Im Habitus und im Gebrauch — die eine liegt „in den Herzen der Freunde verborgen“, die andere tut sich im Werk kund. Fehlt der Umgang, erlischt die Freundschaft allmählich: „daher heißt es im gemeinen Sprichwort, viele Freundschaften gingen am Schweigen zugrunde“.

Vorschriften und Streitfragen

Ein eigenes Kapitel handelt davon, wie Freundschaft zu schließen, zu bewahren und nötigenfalls aufzulösen ist. Die erste Regel lautet: „Reiche nicht jedem beliebigen die Hand, sondern erforsche gründlich die Sitten und die Treue dessen, mit dem du eine engere Freundschaft schließen willst.“ Woran man Treue erkennt, sagt Crell auch: „in Geheimnissen, in Geld und Ehren, am meisten jedoch im Unglück“. Dazu die Warnung Ciceros, die er zustimmend anführt — man solle beim Erwerb von Freundschaften solche Sorgfalt anwenden, „dass wir niemals anfangen, den zu lieben, den wir irgendwann einmal hassen könnten“.

Es folgen vierzehn Streitfragen. Eine davon lautet, ob dem Vater in jeder Sache zu gehorchen sei. Crells Antwort ist erfrischend nüchtern: Nein — „nur in dem, was ihm zukommt und wovon er Kenntnis hat“. Bei der Vergabe von Ämtern sei er nicht denen vorzuziehen, die sie besser führen können, „auch muss ein kranker Sohn dem Vater nicht mehr gehorchen als dem Arzt“. Zweierlei aber schulde man den Eltern in jedem Fall: die geziemende Ehre und den Lebensunterhalt.

Wohlwollen, Eintracht, Selbstliebe

Drei Kapitel über das, was der Freundschaft verwandt ist. Das Wohlwollen kann sich auf Unbekannte richten, „ja sogar auf Tote“ — Crell nennt das Beispiel des Lesers, der lieber Pompeius siegen sähe als Caesar, und des Zuschauers, der plötzlich einem Faustkämpfer den Sieg wünscht, ohne etwas für ihn zu tun.

Die Eintracht ist die bürgerliche Freundschaft: die Übereinstimmung der Bürger „in denjenigen Dingen, die den Nutzen des ganzen Gemeinwesens betreffen und in ihrer Macht stehen“. Sie sei fast nur unter den Guten möglich, denn die Schlechten „tun alles um ihres eigenen Vorteils willen und fluten wie der Euripos hin und her“. Wichtig: Eintracht ist nicht bloß Meinungsgleichheit — sie „zielt auf das Handeln und besteht nicht nur im Verstand, sondern weit mehr noch im Affekt und im Willen“.

Das letzte Kapitel behandelt die Selbstliebe. Crell prüft die vier Merkmale wahrer Freundschaft der Reihe nach — dass man dem Freund Wohlergehen wünscht; dass man ihm das Gute um seinetwillen wünscht; dass man mit ihm übereinstimmt und sich über dasselbe freut; dass man gern mit ihm umgeht — und zeigt, dass alle vier auch auf das Verhältnis zu sich selbst zutreffen, „es sei denn, er wäre im äußersten Grad schlecht“. Das Ergebnis dreht die übliche Erwartung um:

Denn da der Freund ein zweites Selbst ist, müssen wir gegen ihn so gesinnt sein wie gegen uns selbst. … Wie aber allein der gute Mann sich selbst wahrhaft Freund ist, so ist auch allein er anderen wahrhaft Freund.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Selbstliebe

Selbstliebe ist bei Crell nicht das Gegenteil der Nächstenliebe, sondern deren Maßstab — und zugleich ein Prüfstein: Wer mit sich selbst zerfallen ist, kann auch keinem anderen Freund sein.

8. Wo Crell Aristoteles widerspricht

An drei Stellen, und alle drei hängen zusammen. Bemerkenswert ist dabei nicht der Widerspruch, sondern wie viel stehen bleibt: Der Zorn bleibt ein Affekt, der die rechte Mitte zulässt und dessen Mangel Crell so gut tadelt wie sein Übermaß; die Einteilung der Tugenden bleibt; die Lehre vom Habitus bleibt; die Analyse der Freiwilligkeit bleibt; der Vorrang der Betrachtung bleibt. Gestrichen wird gezielt.

Der Stolz des Großgesinnten

Die Großgesinntheit behält Crell als Tugend und entfaltet sie in neun Vorschriften. Er streicht ihr aber, was Aristoteles ihr an Hochmut zugesteht:

Auch wenn dem Großgesinnten die höchsten Ehren zuteilwerden, verschmäht und verachtet er darum doch nicht die anderen gegenüber sich selbst — mag Aristoteles ihm das auch zuzugestehen scheinen —, sondern erweist jedem Einzelnen die ihm gebührende Ehre und erkennt und schätzt alles Gute, das er an ihnen sieht; und in allen verehrt er das Bild Gottes.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Großgesinntheit

Dasselbe kehrt bei der Bescheidenheit wieder: Der Bescheidene verachte niemanden im Vergleich zu sich, „so gering und niedrig jener sonst auch sei“, und verehre „in allen Menschen das Bild Gottes, das sie tragen“. Nicht einmal das offene Hassen, das Aristoteles dem Großgesinnten erlaubt, gesteht die christliche Frömmigkeit ihm zu. Damit ist der Punkt getroffen, an dem antike Ehrethik und christliche Ethik unvereinbar werden: Ehre bleibt ein Gut, aber sie darf nicht auf Kosten eines anderen bestehen.

Die eigenmächtige Gewalt

Im Kapitel über die Sanftmut zieht Crell die Linie, die für die Polnischen Brüder kennzeichnend ist. Wer von einem Mächtigeren Unrecht erleidet, solle ihm „niemals mit Gewalt widerstehen“, sondern sich mit Rechtsmitteln schützen, das Unrecht durch Bitten abwenden, ihm ausweichen — oder es geduldig ertragen. Unter Gleichgestellten ist der Rechtsweg dem Faustrecht vorzuziehen, und die Obrigkeit darf angerufen werden, aber mit einer Auflage: Es dürfe nicht aussehen, „als hättest du dich bereits gerächt“, und den Angezeigten dürfe kein schwereres Übel treffen als das, welches dir gedroht hat.

Eine Notwehr gibt es — eng begrenzt:

Wenn Ort oder Zeit es nicht erlauben, die Hilfe der Obrigkeit anzurufen, das geplante Unrecht aber unerträglich ist, so können wir zu seiner Abwehr auch solche Mittel gebrauchen, die etwas Gewaltsames oder Hartes enthalten … so, dass auf den, der das Unrecht tun will, weit weniger Übel zurückfalle, als aus seiner Tat auf uns zurückgefallen wäre, und dass er selbst indessen weder zur Besserung untauglich werde noch dazu, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu erwerben.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Sanftmut und der Milde

Das ist eine bemerkenswert genaue Grenze: Notwehr ja — aber sie darf weder Leben nehmen noch das, „was in gewisser Weise zur Erhaltung des Lebens gehört“. Wer darüber hinausgeht, „vergilt entweder Gleiches mit Gleichem oder etwas, das schwerer ist als das Unrecht, das er befürchtete“ — und ist damit bei der Rache angekommen, die Crell durchweg verbietet.

Die kriegerische Tapferkeit

Die Tapferkeit wandert vom Schlachtfeld zum Standhalten im Leiden. Crell unterscheidet die bürgerliche Tapferkeit, die Aristoteles beschreibt, von der christlichen, die die Schrift beschreibt — und der Unterschied liegt an einer einzigen Stelle: bei der Frage, welches die schönste Todesart sei. Für Aristoteles ist es der Tod in der Schlacht, denn ihn ehren Gemeinwesen und Könige am höchsten; nach Gottes Urteil ist es der Tod, „den man um der Gerechtigkeit willen auf sich nimmt“. Die bürgerliche Tapferkeit aber habe „den Namen einer Tugend von dem Zeitpunkt an verloren, seit dem die Unsterblichkeit allen Menschen gleichermaßen offenbart“ worden ist.

Die christliche Tapferkeit teilt er in drei Arten: die um der göttlichen Wahrheit willen auf sich genommene Gefahr, die um der Frömmigkeit willen, und die für andere — „zumal für die Brüder“. Die überlieferten Bedingungen des gerechten Krieges referiert er vollständig und nüchtern, in indirekter Rede: gerechter Grund, rechtmäßige Gewalt, rechtzeitige Ankündigung, kein Gift und keine Arglist, keine Grausamkeit gegen Besiegte, keine Gewalt gegen Unbewaffnete, Schonung der Unschuldigen. Und dann zieht er den Strich:

Aber selbst wenn dies alles in den Kriegen beachtet würde — was höchst selten oder vielmehr niemals geschieht —, so gibt es doch heute keinen hinreichend gerechten Grund, der irgendjemanden zum Blutvergießen, zumal so vieler Menschen, veranlassen dürfte … Kein Heil ist im Krieg. Daher haben sogar die Heiden gemeint, der ungerechteste Friede sei dem gerechtesten Krieg vorzuziehen.Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Tapferkeit und der Geduld

Dahinter steht kein Rigorismus, sondern ein Kalkül: Der Ausgang von Kriegen ist ungewiss, die Schäden übersteigen in aller Regel das, worum gekämpft wurde, und das Gebot der Feindesliebe bleibt in Kraft. Der Schlusssatz ist sein schärfster:

Ich wiederhole nicht die Gebote Gottes, die befehlen, die Feinde zu lieben. Eine scharfsinnige Liebe fürwahr, die den, welchen sie lieben soll, gänzlich zugrunde richtet!Johannes Crell, Aristotelische Ethik — Von der Tapferkeit und der Geduld

Und dahinter, als Grund für die Gelassenheit, steht die Bürgerschaft im himmlischen Vaterland: Was wir hier haben, sei „uns zum Gebrauch und nicht zu Eigentum gegeben“ — „so dass auch der Verlust leicht ist, wenn wir nur ein rechtes Gewissen bewahren, das uns niemand gegen unseren Willen entreißen kann“.

9. Die Botschaft des Buchs

Crells Antwort auf die Frage, was mit einer philosophischen Tradition geschieht, wenn man sie ernst nimmt und ihr zugleich widerspricht, lautet: weder Anpassung noch Abbruch, sondern geduldige Prüfung, Stück für Stück, mit offenen Gründen. Er verwirft Aristoteles nicht, weil dieser ein Heide war — das wäre das billige Argument, und Crell macht es nie. Er prüft die Sätze einzeln und lässt stehen, was standhält. Von 54 Kapiteln enden drei mit einem Widerspruch.

Dahinter steht die Überzeugung, die den Sozinianismus von den großen Konfessionen seiner Zeit trennt: dass die Bergpredigt ein verbindliches Gesetz ist und nicht ein unerreichbarer Rat für wenige; dass der Mensch wirklich wählen kann und deshalb wirklich verantwortlich ist; und dass eine Ethik, die dem Menschen nichts abverlangt, was er auch tun kann, keine Ethik wäre.

Und noch etwas fällt auf, wenn man das Buch als Ganzes liest: Es ist unpolemisch. Es nennt keine Gegner beim Namen, führt keine Konfessionsstreitigkeiten und beansprucht nirgends, eine sozinianische Sonderlehre vorzutragen. Es erklärt, unterscheidet, wägt ab — und kommt dabei an Stellen heraus, an denen im Europa des Jahres 1681 kaum jemand stehen wollte.

Kernaussage

Die Aristotelische Ethik ist der Beweis, dass die sozinianische Sache nicht nur aus Lehrsätzen bestand. Sie zeigt an einem vollständigen antiken System, was die Prüfung an der Schrift praktisch austrägt: Der Rahmen bleibt stehen, die Begriffe bleiben brauchbar — und es fällt genau das, was auf Stolz, Rache und Blutvergießen hinausläuft. Ihr Gegenstück, die Christliche Ethik, geht denselben Weg von der anderen Seite: nicht von Aristoteles her, sondern aus der Schrift.